{{suggest}}


Diabetes seit Jahrzehnten

Wie ist das, wenn man schon ewig „Zucker“ hat? Was ändert sich, was bleibt in Erinnerung? Zwei Diabetes-Profis erzählen. Plus: Meilensteine der Diabetesbehandlung

von Andrea Grill, 22.05.2019
Lebensfreude Radfahrer

Mit Energie und Lebensfreude dem Diabetes trotzen


Helmut H., 83 Jahre, seit 30 Jahren Typ-2-Diabetes:

Auch wenn es schon mehr als 30 Jahre her ist — an meine Diabetes-Diagnose kann ich mich noch gut erinnern. Ich war zur Früherkennung bei meiner Hausärztin, da sagte die: "Ihr Glukosewert ist dreimal so hoch wie bei einem Gesunden, Sie haben Zucker." Ich fiel aus allen Wolken! Mir hat ja nichts gefehlt, ich war berufstätig und fühlte mich rundum gesund. Damals hatte ich keine Ahnung von der Erkrankung. Ich schluckte brav die Metformin-Tabletten, die mir die Ärztin verschrieb, und damit ging es eine ganze Weile gut.

Durch eine Nachbarin kam ich auch schon recht früh an ein Blutzuckermessgerät, ein Erbstück ihres verstorbenen Vaters. Das Ding war dreimal so groß und schwer wie die handlichen Geräte von heute. Vor etwa 15 Jahren bin ich dann auf ein moderneres Modell umgestiegen. Während der zehn Jahre, in denen mein Diabetes mit Tabletten behandelt wurde, habe ich vermutlich die gesamte Palette an Arzneimitteln geschluckt, die es gab. Immer wenn ein Präparat nicht mehr gut wirkte, passte der Diabetologe, bei dem ich inzwischen in Behandlung war, die Dosierung oder Kombination der Medikamente an. Irgendwann meinte er aber, es ginge so nicht mehr — mein Einstieg in die Insulintherapie.

Ich fand das überhaupt nicht schlimm. Weil ich ja wusste, Insulin ist ein körpereigener Stoff, den eine gesunde Bauchspeicheldrüse selbst produziert. Ich bekam ein Langzeitunsulin verordnet, das ich abends spritzte, und ein schnell wirkendes zu den Mahlzeiten. Die Dosierungen stehen auf meinem Therapieplan.

Den passt der Arzt beim vierteljährlichen Diabetes-Check bei Bedarf an. Da wird alles geprüft, was es zu prüfen gibt — von den Nerven bis zu den Nieren. Und bis auf Probleme mit den Zähnen hat der Diabetes bei mir zum Glück bis heute keine schlimmeren Folgen hinterlassen.

Ärgerlicherweise ist mein Blutzucker-Langzeitwert derzeit nicht allzu gut. Bei 8,5 Prozent liegt er. Das war mit 7,1 schon mal besser. Dabei spritze ich an manchen Tagen bis zu 100 Einheiten! Andere brauchen weniger als zehn Einheiten. Meine Bauchspeicheldrüse ist inzwischen offenbar in den Dauerstreik getreten. Dabei befolge ich die Therapie, halte mein Normalgewicht, bewege mich viel. Bis heute erledige ich zum Beispiel fast alle Fahrten mit dem Rad und bin in einer Gymnastikgruppe.

Was die Ernährung angeht, kann ich mich zu Hause auf meine Frau verlassen. Bei uns gibt es dem Diabetes zuliebe viel Gemüse und Salat. Ich achte auf solche Dinge, weil mir bewusst ist, welche Folgen der Zucker haben kann. Ich glaube, ich bin ganz gut informiert über die Krankheit, besuche mit meiner Selbsthilfegruppe in München regelmäßig Fachvorträge. Da lerne ich immer noch Neues dazu. So kam ich auch zu dem Zucker-Sensor, den ich seit einem Jahr nutze. Den finde ich großartig! Er zeigt mir, wie empfindlich der Körper reagiert und was den Blutzucker beeinflusst. Manchmal will ich es aber auch gar nicht wissen. Zum Beispiel wenn ich mir ab und zu einen Kaiserschmarrn gönne, meine Leibspeise. Lebensfreude muss trotz Diabetes sein!

Zucker messen und Insulin spritzen: Meilensteine der Diabetesbehandlung

Philipp T., 63 Jahre, seit 52 Jahren Typ-1-Diabetes:

Hat der Junge eine Hirngrippe? Oder etwas im Darm? Vielleicht hilft ja eine Wurmkur! Lange waren die Ärzte ratlos. Als meine Zuckerkrankheit in einer Kinderklinik endlich erkannt wurde, wog ich mit meinen elf Jahren nur noch 25 Kilo und hatte einen Blutzucker von 650 mg/dl (36,1 mmol/l — Anmerk. der Red.). Die rettende Diagnose kam in letzter Minute. Bevor ich entlassen wurde, versicherte mir der Arzt, dass ich mit strenger Diabetes-Therapie 60 Jahre alt werden könne. Das hat mich damals überhaupt nicht beängstigt. Ich dachte mir: Alles, was jetzt noch kommt, ist geschenkte Lebenszeit!

Aus heutiger Sicht frage ich mich manchmal: Wie konnten Typ-1-Diabetiker mit der primitiven Therapie von damals überhaupt überleben? Einmal täglich spritzte ich Insulin. Über Wochen gab es die immer gleiche Dosis, ohne den Blutzuckerwert überprüfen zu können. Das machte einmal pro Monat der Arzt, und wenn der Wert zu hoch war, wurde ich geschimpft und verängstigt wieder nach Hause geschickt. Ein strenger Essensplan regelte, was zu welcher Uhrzeit auf den Teller kam. Elf Broteinheiten und nur bestimmte Lebensmittel waren erlaubt. Satt wurde ich als Heranwachsender davon natürlich nicht.

Die Insulinspritzen der Anfangszeit waren Ungetüme aus Glas und Metall, die man mehrfach verwendete und die meine Mutter regelmäßig auskochen musste. Dazu gehörten imposante, dicke Nadeln — furchteinflößend! Nach einigen Monaten brachte uns eine in England lebende Bekannte von dort Einwegspritzen mit dünnen Nadeln mit. In Österreich, wo ich aufgewachsen bin, waren die damals noch unbekannt. Fast drei Jahrzehnte lang blieben diese Spritzen meine ständigen Begleiter, bis ich mit 40 Jahren meinen ersten Insulinpen bekam.

Ähnlich vorsintflutlich wie die Insulintherapie war in meiner Jugend auch die Zuckermessung. Zu Hause konnten wir lange Zeit nur den Zuckergehalt im Urin messen, mit Reagenzglas und einer speziellen Tablette. Irgendwann verrieten erste Blutzuckermessgeräte anhand langsam sich verfärbender Teststreifen den ungefähren Zuckerwert. Wer heute gewohnt ist, exakte Werte in Sekundenschnelle abzulesen, kann sich das wohl kaum vorstellen.

Und die moderne Glukosemessung mit permanent messenden Sensoren ist gegenüber den Anfängen ein riesiger Fortschritt! Ich nutze so ein System seit einigen Monaten. Jetzt kann ich innerhalb von Sekunden den Wert scannen und bei Bedarf entsprechend reagieren. So gelingt es mir, Unterzuckerungen rechtzeitig aufzufangen. Zuletzt hatte ich nämlich das Problem, zu tiefe Werte nicht mehr zu spüren.

An der kritischsten Situation in meinem Erwachsenenleben war allerdings keine Unterzuckerung, sondern eine Heilerin in Taiwan schuld, wo ich mich jedes Jahr mehrere Monate beruflich aufhielt. Ein Bekannter hatte mir erzählt, dass man dort Diabetes mit chinesischer Medizin heilen könne. Ich war 30, naiv und hoffnungsvoll genug, das zu glauben. Die Medizinfrau setzte das Insulin ab, verordnete mir eine Ananas- und Papayadiät und diverse Wundermittelchen. Fünf Tage später lag ich im Koma. Ärzte in einer Klinik retteten mir das Leben.

Diese Erfahrung hat dazu beigetragen, dass ich heute dem Motto "Genieße den Moment" folge. Mir ist bewusst, dass meine Zuckerwerte vermutlich die längste Zeit alles andere als ideal waren. Trotzdem habe ich die Prognose des Klinikarztes von damals schon um drei Jahre übertroffen und fühle mich immer noch fit und gesund. Zum "Berufs"-Diabetiker, der sich dank moderner Technik ständig optimiert, möchte ich nie werden. Ich lebe mit Dia­betes, vor allem aber lebe ich!"