Diabetes und Schwerbehinderung

Unter welchen Voraussetzungen bekommen Menschen mit Diabetes einen Schwerbehindertenausweis? Lesen Sie alles Wissenswerte über das Verfahren sowie Vor- und Nachteile des Ausweises
von Bettina Dobe, Stephan Soutschek, aktualisiert am 25.01.2017

Diabetes: Für eine Schwerbehinderung müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein

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Einen Schwerbehindertenausweis gibt es nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Grundsätzlich gilt: Es ist unerheblich, ob der Betroffene an Typ-1- oder Typ-2-Diabetes leidet. Der Therapieaufwand und die durch die Krankheit entstehende Beeinträchtigung sind maßgeblich für die Schwerbehinderung. Der Antragsteller muss auf der Skala von 0 bis 100 einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 aufweisen. Nach den einschlägigen Vorschriften erfordert dies "mindestens vier Insulininjektionen pro Tag, ein selbstständiges Anpassen der Insulindosis sowie gravierende und erhebliche Einschnitte in der Lebensführung".

Schwerbehindertenausweis: Hohe Hürden

Doch was sind diese erheblichen Einschnitte in der Lebensführung? Das Landessozialgericht Sachsen-Anhalt urteilte im August 2014, dass es etwa nicht ausreiche, wenn jemand im Beruf einen Extraraum zum Blutzuckermessen benötige oder beim Sport sowie bei den Mahlzeiten einen erhöhten planerischen Aufwand betreiben müsse. Schließlich seien solche Umstände der Krankheit "immanent". Vielmehr müssten die Einschränkungen infolge des Diabetes so bedeutsam sein wie unter anderen Bedingungen, bei denen eine Schwerbehinderung vorliegt – etwa bei Verlust eines Unterschenkels oder bei einer Sprachstörung.

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Wann diese Kriterien bei Diabetes erfüllt sind, lässt sich nicht verbindlich sagen. Ein Antrag auf Schwerbehinderung kann aber beispielsweise Aussichten auf Erfolg haben, wenn der Betreffende immer wieder unter schweren Unterzuckerungen leidet, welche die Ausführung seines Berufs erschweren oder sogar verhindern. Oder wenn er nicht mehr am Vereinsleben teilnehmen kann und daher in seinen persönlichen Beziehungen eingeschränkt ist.

Rechtsanwalt Oliver Ebert

W&B/Privat

Insgesamt muss das Amt im Einzelfall beurteilen, wie sehr die Zuckerkrankheit in das Leben des Antragstellers eingreift. "Ein Diabetespatient mit gut eingestellten Zuckerwerten wird in der Regel keinen Schwerbehindertenausweis erhalten", sagt Oliver Ebert, Rechtsanwalt aus Stuttgart und Vorsitzender des Ausschusses "Soziales" der Deutschen Diabetes Gesellschaft. "Zumindest nicht allein wegen des Diabetes." Die Chancen stehen dagegen besser, wenn bereits Folgeerkrankungen vorliegen.

"Ist-Zustand" entscheidet

Beim Antrag kommt es auf den Ist-Zustand an. Das Gesetz legt fest, dass die Bewertung über die Schwerbehinderung an dem tatsächlich bestehenden Zustand des behinderten Menschen zu erfolgen hat, ohne dass die Ursache der dauerhaften Gesundheitsstörung berücksichtigt wird. Ein absichtliches Fehlverhalten ist aber auf keinen Fall eine Lösung, um an einen Schwerbehindertenausweis zu kommen. Über einen langen Zeitraum kann es durch Therapiefehler – ob willentlich oder versehentlich – zu schweren körperlichen Schäden kommen.

Vor- und Nachteile des Schwerbehindertenausweises

Ein Schwerbehindertenausweis besitzt viele Vorzüge: Der besondere Kündigungsschutz kann für den Antrag sprechen, genauso wie der Anspruch auf eine Arbeitswoche Zusatzurlaub und eine vorgezogene Altersrente. "Auch bei der Verbeamtung spielt das eine große Rolle", sagt Ebert. Zudem gibt es Steuerfreibeträge bei der Einkommenssteuer, auch für Eltern, deren Kind Diabetes hat.

Aber es gibt auch Nachteile. "Ein Schwerbehindertenausweis kann im Versicherungsbereich ein Problem werden", sagt Ebert. Beim Antrag auf bestimmte Versicherungen muss der Betroffene bei entsprechender Nachfrage wahrheitsgemäß mitteilen, wenn einmal eine (Schwer-)Behinderung festgestellt oder beantragt wurde. Auch bei Bewerbungen kann der Ausweis Nachteil zum Problem werden. Viele Firmen scheuen sich wegen des besonderesn Kündigungsschutzes, Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen.

Jüngere Menschen und solche, die keinen Beamtenstatus haben, sollten den Gang zum Amt also gut abwägen. Für Rentner und Beamte auf Lebenszeit bringt ein Schwerbehindertenausweis hingegen oft mehr Vor- als Nachteile. Ob es überhaupt sinnvoll ist, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, liegt im Ermessen des Einzelnen.

Antrag: Der Weg zum Schwerbehindertenausweis

Wer sich für einen Antrag entschieden hat, stellt diesen beim zuständigen Versorgungsamt. Dort können Interessierte sich auch vorab unverbindlich erkundigen, wie es um die Erfolgsaussichten ihres Antrags bestellt ist. Alternativ können sie sich dazu von einem Anwalt beraten lassen.

Für das Amt muss der Antragsteller genau dokumentieren, wann er misst, spritzt und welche Tätigkeiten er wegen seiner Zuckererkrankung nicht ausführen kann. Das kann der Aufwand für die Planung des Tagesablaufs, der Hobbys oder auch Kochen und Einkaufen sein. "Ein Diabetiker sollte mindestens über drei Monate hinweg ein Tagebuch über Blutzuckerspiegel und Insulindosen führen", sagt Ebert. Dieses sollte er den Attesten und Befunden beilegen. "Je genauer die Angaben sind, desto besser."

Manche Versorgungsämter verlangen aber auch die Werte der vergangenen sechs Monate. Dies muss der Antragsteller vorher individuell erfragen. Auch alle sonstigen Krankheiten sollten zusammen mit den Adressen der jeweils behandelnden Ärzte gut dokumentiert werden – auch wenn sie gar nichts mit dem Diabetes zu tun haben.

Das Versorgungsamt prüft anschließend den Antrag. Es legt dann den Grad der Behinderung (GdB) fest. Ab einem GdB von 50 gilt der Antragssteller als schwerbehindert. Mit dem Bescheid können Diabetiker dann beim zuständigen Amt ihren Schwerbehindertenausweis beantragen. Wird der Antrag abgelehnt, kann der Erkrankte innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen.


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