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Nationale Diabetes-Strategie: Was bedeuten die neuen Regeln im Kampf gegen Diabetes?

Lange haben die Koalitionäre verhandelt, am 3. Juli 2020 wurde sie im Bundestag verabschiedet: die erste nationale Diabetes-Strategie. Die darin beschlossenen Maßnahmen sollen dabei helfen, die Diabetes-Pandemie einzudämmen. Doch Mediziner und Fachgesellschaften üben Kritik: vor allem, weil verbindliche Regelungen für die Lebensmittelindustrie fehlen

von Katja Töpfer, 08.07.2020

Die Zahlen sprechen für sich. Bei Diabetes Typ 2 handelt es sich um eine Pandemie. Schon heute leben weltweit schätzungsweise 425 Millionen Menschen mit der Erkrankung. Für das Jahr 2045 erwarten Experten einen Anstieg auf 736 Millionen Diabetes-Patienten. Jeder neunte Mensch weltweit leidet dann an Diabetes. Allein für Deutschland prognostizieren das Robert-Koch-Institut und das Deutsche Diabetes-Zentrum in den kommenden 20 Jahren einen Anstieg um 75 Prozent auf bis zu zwölf Millionen Diabetes-Patienten. Dieser Anstieg betrifft in erster Linie Diabetes Typ 2.

Diabetes verursacht nicht nur persönliches Leid, sondern setzt auch das Gesundheitssystem massiv unter Druck. Schon heute entfallen rund zehn Prozent des Budgets der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland auf die Behandlung von Diabetes und damit verbundener Folgeschäden. Die World Health Organization (WHO) warnt seit Jahren davor, dass ein weiterer ungebremster Anstieg der Erkrankungszahlen Volkswirtschaften, Sozial- und Gesundheitssysteme extrem unter Druck setzen würde, und fordert Regierungen weltweit zum Handeln auf.

Angesichts der drohenden Szenarien waren die Erwartungen hoch, die Patienten-Organisationen und medizinische Fachgesellschaften an die erste nationale Diabetes-Strategie gestellt hatten. Vergangene Woche wurde das Maßnahmen-Paket nun im Bundestag verabschiedet.

Maßnahmen reichen nicht aus

Doch die beschlossenen Maßnahmen reichen bei Weitem nicht aus, um die massive Ausbreitung von Diabetes-Typ-2 eindämmen zu können, lautet das nahezu einstimmige Urteil von Patienten-Organisationen und Fachgesellschaften. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) spricht von einer "Strategie light". Insbesondere der Bereich Ernährung komme in dem Papier zu kurz, kritisiert DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer und fordert: "Die Lebensmittelindustrie muss mehr in die Verantwortung genommen werden, denn ihre Produkte tragen ganz wesentlich zu gesundem oder ungesundem Essverhalten bei."

Übergewicht ist der größte beeinflussbare Risikofaktor für die Entstehung von Diabetes Typ 2. Jeder, der schon einmal versucht hat abzunehmen, weiß, wie schwer es ist, die Kilos wieder loszuwerden, und wie oft man an diesem Vorhaben scheitert. Verhindern, dass Übergewicht entsteht, ist daher eines der wichtigsten Ziele in der Prävention von Diabetes. Krankenkassen und medizinische Fachgesellschaften hatten aus diesem Grund im Rahmen der nationalen Diabetes-Strategie verbindliche Reduktionsziele für Zucker in Softdrinks gefordert. Kinder und Jugendliche trinken besonders viel von den zuckrigen, dickmachenden Limonaden. Schon heute sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts rund 15 Prozent der Kinder in Deutschland übergewichtig. Kein Wunder: Untersuchungen zeigen, dass die Kinder hierzulande fast doppelt so viel Zucker zu sich nehmen wie Ernährungsexperten für unbedenklich halten.

Freiwillige Vereinbarungen zur Zuckerreduktion

In der nun vorliegenden nationalen Diabetes-Strategie ist jedoch nur von einer branchenbezogenen freiwilligen Zuckerreduktion von 15 Prozent bis Ende 2025 die Rede. "Dieses Ziel ist viel zu gering und damit quasi wirkungslos, um neue Diabetesfälle zu verhindern", sagt Barbara Bitzer.

Die Verhandlungen über eine nationale Diabetes-Strategie liefen über mehrere Jahre, zwischendurch stand eine Einigung immer wieder auf der Kippe. Insbesondere Politiker aus dem Landwirtschaftsressort hatten Maßnahmen zu verbindlichen Reduktionszielen von Zucker in industriellen Lebensmitteln blockiert. "Die vorliegende nationale Diabetes-Strategie ist ein Kompromiss und enthält gute Ansätze für eine bessere Versorgung von Diabetes-Patienten ", verteidigt Dietrich Monstadt, langjähriges Mitglied des Gesundheitsausschusses im Bundestag das nun vorliegende Papier. So sieht der Entwurf beispielsweise einen Ausbau von telemedizinischen Angeboten und eine verstärkte Förderung der Diabetes-Forschung vor.

Die Kritik in Sachen Zuckerreduktion kann Monstadt jedoch nachvollziehen. "Wir werden genau hinschauen, ob die freiwilligen Vereinbarungen zur Zuckerreduktion von der Industrie umgesetzt werden. Falls das nicht funktioniert, müssen wir nachbessern."

Deutsches Gesundheitssystem nicht aufs Spiel setzen

Diese Passivität gegenüber den Interessen der Lebensmittelindustrie kann sich ein Land wie Deutschland aufgrund der Tragweite des Problems nicht leisten, warnen Gesundheitsökonomen. In der alternden Gesellschaft nehmen auch andere Volkskrankheiten wie Demenz oder Krebs rasant zu, und deren Behandlung ist ebenfalls teuer. In der Krebstherapie gibt es heute beispielsweise zunehmend innovative und maßgeschneiderte Therapien, die jedoch sehr kostspielig sind. Wir haben in Deutschland heute ein weltweit hervorragendes Gesundheitssystem, in dem Menschen, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, wirksame und innovative Therapien durch die gesetzlichen Krankenkassen erhalten. Diese Errungenschaft sollten wir nicht aufs Spiel setzen.

Prof. Dr. Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, sieht in der vorliegenden Diabetes-Strategie daher nur einen ersten Aufschlag. "Nun müssen den Willensbekundungen Taten folgen", so ihr Appell an die Politik. Andere Länder, etwa Großbritannien und Frankreich, haben Zuckerreduktionsziele durch steuerliche Eingriffe bereits erfolgreich etabliert. Die positiven Effekte dieser Regelungen sind hinreichend belegt.

Das ist die gute Nachricht: Im Gegensatz zur Corona-Pandemie, gegen die wir bisher weitgehend machtlos sind, haben wir bei Diabetes Typ 2 einen Schlüssel zur Eindämmung der Krankheit in der Hand. Eine verbindliche Reduktion von Zucker in Softdrinks und anderen Lebensmitteln (wie z.B. Müslis, Cerealien, Fruchtjoghurts etc.) ist eine der wichtigsten Maßnahmen.


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