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So läuft eine Inselzelltransplantation ab

Die Inselzelltransplantation kann Menschen mit Typ-1-Diabetes helfen, die ihre Zuckerwerte nicht in den Griff bekommen. Wie sie funktioniert und warum nur wenige damit behandelt werden

von Andrea Grill, Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 17.06.2016
Leber

Blick ins Innere: Leber (oben) und Bauchspeicheldrüse (unten)


Der Tag, als sie die Infusion bekam, war für Erika R. der Start in ein neues Leben. Jahrelang hatte sich die Typ-1-Diabetikerin mit stärksten Zuckerschwankungen herumgeplagt. Immer wieder passierte es, dass sie bewusstlos wurde – weil ihr Zuckerspiegel in den Keller rauschte, ohne dass sie es rechtzeitig bemerkte. "Seit sechs Jahren ist das endlich vorbei", schwärmt die 55-Jährige. Sie ist eine von bislang zehn Patienten in Deutschland, die eine Inselzelltransplantation bekamen. Seitdem bildet Erika R.'s Körper wieder selbst Insulin. Nicht so viel, dass sie komplett auf Spritzen verzichten könnte. Aber genug, um ihren Stoffwechsel enorm zu verbessern.

PD Dr. med. Barbara Ludwig

Inselzelltransplantation führt Außenseiterdasein

Inselzellen sind die Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren. Bei Typ-1-Diabetes hat eine Fehlsteuerung des Immunsystems diese Zellen zerstört. Daher müssen Betroffene täglich mehrfach ihren Blutzucker messen und Insulin spritzen. "Was in den meisten Fällen auch gut funktioniert", sagt Diabetologin Dr. Barbara Ludwig vom Klinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden. Doch eben nicht immer. Denn einige wenige Menschen mit Typ-1-Diabetes haben trotz aller Anstrengungen größte Schwierigkeiten, ihren Zucker in den Griff zu bekommen.

Stark erhöhte Werte wechseln sich mit teils lebensgefährlichen Unterzuckerungen ab, Folgeschäden des Diabetes lassen sich kaum aufhalten. In solchen Fällen kann die Inselzelltransplantation ein Ausweg sein. Oder besser gesagt: könnte. Denn noch führt diese Therapieform, zumindest in Deutschland, ein Außenseiterdasein. Weltweit wurden in den vergangenen Jahren mehr als 1200 Menschen mit Typ-1-Diabetes auf diese Weise behandelt. In Deutschland waren es nur eine Handvoll. Hauptgründe sind der Mangel an Organspendern – und das deutsche Transplantationsgesetz. Denn nur wenn eine Bauchspeicheldrüse nicht als Ganzes verpflanzt werden kann, dürfen ihr Zellen für die Behandlung eines Typ-1-Diabetikers entnommen werden.

Das Wichtigste im Überblick

  • Worum es geht: Insulinproduzierende Zellen von Organspendern transplantieren
  • Wer profitiert: Vor allem Menschen mit Typ-1-Diabetes, die ihre Zuckerwerte nicht in den Griff bekommen
  • Der aktuelle Stand: Mangel an Spenderorganen und gesetzliche Vorgaben erschweren die Transplantation in Deutschland
  • Die Vision: Insulinproduzierende Zellen von Tieren verwenden, die vom Körper nicht abgestoßen werden

Die Transplantation des gesamten Organs ist ein aufwendiger Eingriff, der nur für Typ-1-Diabetiker infrage kommt, die wegen eines fortgeschrittenen Nierenschadens auch eine Nierentransplantation benötigen. Die Inselzelltransplantation dagegen ist vergleichsweise einfach: Die Zellen werden per Infusion über ein Blutgefäß in die Leber geschwemmt, wo sie sich ansiedeln und ihre Arbeit aufnehmen. Dazu ist nur eine kurze Narkose nötig. Allerdings müssen die Inselzell-Empfänger anschließend lebenslang sogenannte Immunsuppressiva einnehmen, die die Abstoßung der Zellen verhindern. "Das bedeutet auch ein gewisses Risiko", sagt Barbara Ludwig. Etwa weil diese Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen können und auch die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krebsformen steigen kann.

 

Neue Hoffnung: "Insulin aus der Dose"

Die Wissenschaftler arbeiten daher intensiv an neuen Wegen, die diese Probleme – sowohl den Mangel an Spenderorganen als auch die Notwendigkeit, Immunsuppressiva einzunehmen – umgehen. Eine Methode, auf die die Dresdner Forscher derzeit große Hoffnung setzen, ist eine kleine runde Dose. Sie enthält insulinproduzierende Inselzellen aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und soll Patienten künftig einfach unter die Haut gepflanzt werden.

"Durch die ‚Verpackung‘ in der Dose lässt sich verhindern, dass das Immunsystem die Schweinezellen erkennt und bekämpft", sagt Barbara Ludwig. "Gleichzeitig ist die Dose so konstruiert, dass das von den Zellen produzierte Insulin problemlos herausgelangen kann." In ersten Studien erwies sich das Konzept "Insulin aus der Dose" bereits als wirksam – die Blutzuckerwerte von Versuchstieren normalisierten sich. Demnächst soll die Methode an einer größeren Gruppe von Menschen mit Typ-1-Diabetes erprobt werden. Und wer weiß: Mit etwas Glück starten in ein paar Jahren vielleicht noch viel mehr Menschen, so wie Erika R., in ein neues Leben.


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