Stirbt die Diabetologie?

Die Anzahl an Diabetes-Patienten steigt, aber Anlaufstellen gibt es für sie immer weniger. Warum die Versorgung von Diabetikern in einer Krise steckt – und wie sie bewältigt werden könnte
von Tina Haase , 06.10.2016

Patientengespräch: Diabetes-Versorgungsnetzwerke müssten stärker ausgebaut werden

Your Photo Today/A1Pix

Die Situation ist paradox: Es gibt immer mehr Diabetiker in Deutschland. Gleichzeitig sollen an vielen Krankenhäusern Abteilungen für Diabetologie schließen – etwa an den Hamburger Asklepios-Kliniken. An vielen städtischen Kliniken wird gerade kräftig darum gerungen.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) warnt: Schließen diabetologische Abteilungen – meist aus wirtschaftlichen Gründen –, verlieren Patienten eine wichtige Anlaufstelle, und Ärzte können hier nicht mehr aus- und weitergebildet werden. Das gilt nicht nur für angehende Diabetologen in Kliniken und Schwerpunktzentren, sondern auch für hausärztlich tätige Internisten, die viele Diabetes-Patienten betreuen. "Wir steuern auf einen Versorgungsengpass zu", warnt Professor Rüdiger Landgraf, Kurator der Deutschen Diabetes-Stiftung in München.

Es gibt mehrere Gründe, warum es der Diabetologie in Kliniken hierzulande schlecht geht. Gerade in diesem Fach hat sich in den vergangenen Jahren das Prinzip "ambulant vor stationär" durchgesetzt. Rund 90 Prozent der Diabetiker werden von Hausärzten versorgt, die übrigen in Diabetes-Schwerpunktpraxen. Die Einweisung in die Klinik erfolgt in der Regel erst dann, wenn die Stoffwechselprobleme sich ambulant nicht in den Griff bekommen lassen. Oder wenn der Diabetes zu Folgekrankheiten geführt hat, etwa einem Nierenversagen. Oft wird ein Diabetes überhaupt erst dann erkannt, wenn plötzlich Komplikationen auftreten, die eine Klinikeinweisung erforderlich machen.

"Wird der Diabetes unzureichend behandelt, ist das fatal"

"Eine Klinikwelt ohne Diabetesexpertise ist überhaupt nicht denkbar", sagt Professor Diethelm Tschöpe, der das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen leitet. Von den jährlich 18,5 Millionen Patienten in Deutschland, die stationär behandelt werden, hat rund ein Drittel die Nebendiagnose Diabetes. Darunter zum Beispiel viele Herzinfarkt-Patienten.

"Bei einem Diabetiker mit Herzinfarkt muss man natürlich auch den Diabetes optimal behandeln", erklärt Tschöpe, der Vorsitzender der Stiftung "Der herzkranke Diabetiker" ist. Und da seien Diabetologen die richtigen Ansprechpartner. Sind keine da, versorgen Herzspezialisten die Zuckerkrankheit mit. "Wird der Diabetes unzureichend behandelt oder gar übersehen, ist das fatal. Die Blutzuckerwerte entgleisen, es kommt häufiger zu Komplikationen", sagt Tschöpe. Operationswunden heilen schlechter, Organe wie die Niere können Schaden nehmen.

Kliniken verdienen zu wenig

Aber warum sind die Abteilungen für Diabetes eigentlich so in Bedrängnis? "Weil mit diabetologischen Leistungen einfach zu wenig verdient wird", sagt Rüdiger Landgraf. "Eine Herzkatheter-Operation spült wesentlich mehr Geld in die Krankenhauskasse als die komplexe und zeitaufwendige Behandlung eines Diabetikers mit Nervenschäden und Nierenschwäche." Das habe mit dem komplizierten Abrechnungssystem in Kliniken zu tun. Besonders, wenn Menschen wegen eines anderen Leidens kommen, aber auch der Diabetes versorgt werde, sei das schwer abzubilden und abzurechnen. "Das muss sich ändern", fordert Tschöpe.

Etliche der über 4100 von der DDG ausgebildeten Spezialisten – von denen etwa zwei Drittel in Kliniken arbeiten, der Rest in Praxen – gehen in den nächsten zehn Jahren in Rente. Das zu kompensieren wird schwer. Nicht nur weil Ausbildungsstellen wegfallen. "Sondern auch weil die Medizinstudenten es nicht mehr attraktiv finden, Diabetologe zu werden", sagt Dr. Nikolaus Scheper, Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Diabetologen. "Wir müssen mehr Medizinstudenten dazu motivieren, in die Diabetologie zu gehen!" Der Verdienst in der Praxis sei vergleichbar mit anderen Fachärzten, die Zukunftsaussichten – angesichts der wachsenden Diabetiker-Zahlen – durchaus gut. Scheper, der eine Schwerpunktpraxis im nordrhein-westfälischen Marl betreibt, hat stets eine volle Praxis.

Ärzte sollen sich vernetzen

Zu dem niedergelassenen Diabetologen kommen die Patienten etwa dann, wenn diabetesbedingte Fußprobleme auftreten. Oder wenn sich ihre Blutzuckerwerte partout nicht bessern wollen. Sind die Probleme im Griff, übernimmt wieder der Hausarzt. In Fällen, die auch der Spezialist nicht ambulant betreuen kann, weist er seinen Patienten in eine Klinik ein. Solche "Versorgungs-Netzwerke", in denen Hausärzte, Spezialisten und Kliniken in engem Kontakt zusammenarbeiten, müssten stärker gefördert und ausgebaut werden, fordern Diethelm Tschöpe und Rüdiger Landgraf.  Bislang würden zum Beispiel viele Patienten erst spät an einen Diabetologen überwiesen. Kämen sie früher, ließen sich viele Komplikationen vermeiden – etwa Amputationen infolge diabetesbedingter Fußwunden.

Die Gedanken der Experten spiegeln sich in einem Konzept wider, das die Pro Versorgung, eine Initiative des Deutschen Hausärzteverbandes, mit den Bundesverbänden der Diabetologen in Praxis und Klinik erstellt hat. In der "Versorgungslandschaft Diabetes" ist die Zusammenarbeit definiert: bei welchen Problemen der Patient bei welchem Arzt behandelt wird. So kann Diabetikern eine umfassende Betreuung unter Koordination des Hausarztes angeboten werden. "Bis jetzt haben sich die Krankenkassen noch nicht auf das Konzept eingelassen", sagt Nicole Richter vom Vorstand Pro Versorgung, die das Projekt betreut. Sicherlich, weil es auch hier ums Geld geht. Experte Rüdiger Landgraf jedenfalls setzt darauf, dass es angesichts der stark steigenden Diabetiker-Zahl zu einem Umdenken in der Politik kommt. Denn: Nur dann hat die Diabetologie Zukunft.

Bei welchem Problem zu welchem Arzt?

  • Der Hausarzt übernimmt die Basisbetreuung für Typ-2-Diabetiker. "Niemand kennt seine Patienten besser", sagt Dr. med. Til Uebel, Sprecher der AG Diabetes bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. "Der Hausarzt kennt das Umfeld, weiß, welche Erkrankungen seine Patienten haben, und stimmt die Medikamente aufeinander ab."
  • Wenn Probleme auftreten, etwa Blutzuckerwerte nicht in den Griff zu bekommen sind oder Komplikationen auftreten, überweisen Hausärzte ihre Patienten in eine diabetologische Schwerpunktpraxis oder Klinik. Diabetologen sind auch Ansprechpartner für Menschen mit Typ-1-Diabetes, der eine intensive Insulintherapie erfordert, oder für Schwangere mit Diabetes.
  • Kinder sind am besten an einem Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche aufgehoben. Neben dem stationären Bereich gibt es meist auch eine Ambulanz. In Letzterer sollten sich die kleinen Diabetiker regelmäßig untersuchen lassen.
    In Diabeteszentren für Kinder arbeiten meist Kinderärzte, die eine Zusatzausbildung zum Diabetologen absolviert haben.
  • In die Klinik geht es vor allem dann, wenn Probleme nicht ambulant behandelt werden können. Diabetes-Abteilungen kümmern sich etwa um Patienten mit häufigen und schweren Blutzuckerentgleisungen. Für Kliniken, die für die Behandlung von Patienten mit der Nebendiagnose Diabetes besonders geeignet sind, vergibt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) Zertifikate.


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