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Unterzucker: Was im Notfall hilft

Wie kommt es zu einem Zuckertief? Wie macht es sich bemerkbar? Und welche Auswirkungen hat die Hypoglykämie? Experten erklären, wie Betroffene vorbeugen und im Ernstfall reagieren können

von Daniela Pichleritsch, 06.09.2016
Kreislaufzusammenbruch durch Unterzucker

Unterzucker beim Sport: Körperliche Aktivität kann ein Zuckertief auslösen


Wissen Sie, wie viele Unterzuckerungen Sie in den vergangenen Monaten hatten? Wenn Sie Insulin spritzen, wahrscheinlich mehr als gedacht. Diesen Schluss legt zumindest eine aktuelle Studie nahe. Dabei sollten rund 27.000 mit Insulin behandelte Diabetiker aus 24 Ländern die Zahl ihrer Zuckertiefs schätzen. Typ-1-Diabetiker kamen auf rund 50, Typ-2-Diabetiker auf rund 16 Unterzuckerungen jährlich. Ein Blick in die Blutzucker-Tagebücher verriet jedoch, dass es in Wirklichkeit viel mehr waren – rund 70 beim Typ 1 und 20 beim Typ 2.

Häufige Hypos stressen den Körper

Das ist noch kein Grund, alarmiert zu reagieren. Denn die meisten Unterzuckerungen (Hypoglykämien, kurz Hypos) verlaufen glimpflich und lassen sich mit Saft, Traubenzucker oder Ähnlichem schnell beheben. Andererseits bedeuten häufige Unterzuckerungen Stress für den Körper – ganz besonders für ein vorgeschädigtes Herz. Dazu kommt, dass Unterzuckerungen nachwirken. Vor Kurzem befragten britische Forscher mehr als tausend Menschen mit Diabetes, wie es ihnen nach einer Unterzuckerung geht. Die Mehrheit berichtete, dass sie sich auch noch Stunden danach müde und erschöpft fühlten – besonders nach nächtlichen Zuckertiefs.

Am Steuer eines Fahrzeugs können sogar schon leichte Unterzuckerungen gefährlich sein. Denn Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen lassen nach. Und auf der Straße entscheiden Sekundenbruchteile darüber, ob es kracht oder nicht.

Typ-1-Diabetiker unterzuckern häufiger

Am meisten mit Unterzuckerungen zu kämpfen haben Menschen mit Typ-1-Diabetes. Sie produzieren kein oder kaum noch Insulin und müssen ihre Insulinversorgung komplett selbst steuern. Die Insulindosis perfekt auf körperliche Aktivität und Essen abzustimmen ist schwierig. Wählt man sie zu hoch, sinkt der Blutzucker durch den Insulinüberschuss zu tief.

Auch Typ-2-Diabetiker, die Insulin spritzen, können unterzuckern. Selbst wer nur blutzuckersenkende Tabletten einnimmt, ist davor nicht gefeit. Die häufig verordneten Sulfonylharnstoffe (Wirkstoffe: z. B. Glibenclamid, Glimepirid) können zu schweren und lang anhaltenden Hypos führen, etwa wenn man ein Essen auslässt oder versehentlich die doppelte Tablettendosis einnimmt.

Welche Warnsignale eine Unterzuckerung ankündigen

Im Allgemeinen spricht man von einer Unterzuckerung, wenn der Blutzucker unter 50 bis 60 mg/dl (2,8 bis 3,3 mmol/l) sinkt. "Die Warnsignale, mit denen sich eine Unterzuckerung ankündigt, können aber schon bei höheren Werten auftreten. Etwa wenn der Zucker sehr schnell sinkt oder man hohe Werte gewöhnt ist", sagt Diabetologin Dr. Young Hee Lee-Barkey, leitende Oberärztin am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen. Oft macht sich die Krise zuerst durch Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen bemerkbar. Auch Heißhunger gehört zu den typischen Hypo-Symptomen. Bei einer Unterzuckerung wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt (siehe Kasten). Das kann sich etwa durch Seh-, Sprach- oder Konzentrationsstörungen bemerkbar machen. Auch die Stimmung kann sich ändern. Manche Menschen werden bei einer Unterzuckerung aggressiv, andere eher albern.

Unterzucker: Gefahr für Herz und Gehirn?

Bei einer schweren Unterzuckerung leidet das Gehirn an Zuckermangel. Häufige schwere Unterzuckerungen erhöhen daher möglicherweise das Risiko, im Alter an einer Demenz zu erkranken. Bewiesen ist das aber nicht. Die Stresshormone, die der Körper bei einer Unterzuckerung ausschüttet, erhöhen Puls und Blutdruck. Das kann im Einzelfall für ein krankes Herz problematisch sein. "Um sich vor Unterzuckerungen zu schützen, kann es daher bei Herzproblemen und im höheren Alter sinnvoll sein, die Blutzuckerwerte etwas höher zu halten", sagt die Diabetologin Dr. Young Hee Lee-Barkey.

Durch häufige Unterzuckerungen oder bei einem langjährigen Diabetes können die Warnsymptome schwächer werden oder sogar ganz ausbleiben. Wer Probleme hat, Unterzuckerungen zu erkennen, kann seine Wahrnehmung in speziellen Schulungen trainieren. Hilfreich sind auch einfache Tests, wie etwa die ausgestreckte Hand vor den Körper zu halten: Zittern die Finger, kann das auf eine Unterzuckerung hindeuten. Weitere Möglichkeit: ein paar Zeilen aus der Zeitung laut vorlesen. Gerät man ins Stocken, könnte das ebenfalls ein Hinweis auf eine Hypo sein. "Wichtig ist, die Tests erst einmal bei normalen Blutzuckerwerten auszuprobieren, um einen Vergleich zu haben", rät Diplompsychologe Klaus-Martin Rölver vom Diabeteszentrum Quakenbrück.

Bei Zuckertiefs schnell reagieren

Das Stresshormon Adrenalin löst Symptome wie Zittern oder Herzklopfen aus. Adrenalin soll, zusammen mit anderen Hormonen, etwa Glukagon, den Blutzucker wieder anheben. Diese Gegenregulation reicht bei zu viel Insulin im Blut nicht aus. "Deswegen sollte man bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung oder vorbeugend bei einem Wert unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) etwas zu sich nehmen, das den Blutzucker rasch erhöht", sagt Lee-Barkey. Ideale Hypo-Helfer sind etwa Traubenzuckerplättchen, Säfte, Gummibärchen, gesüßte Getränke oder Flüssigzucker. Diesen gibt es in kleinen Tuben oder Beuteln in der Apotheke. Fetthaltige Süßigkeiten wie Schokolade oder Pralinen eignen sich weniger, da Fett das Essen länger im Magen hält und so die Zuckeraufnahme ins Blut verzögert. Auch wenn einem der Heißhunger etwas anderes signalisiert: Oft reichen ein bis zwei BE/KE, um den Blutzucker in den sicheren Bereich zu heben. Das sind zwei bis vier Plättchen Traubenzucker oder ein halbes bis ein Glas Obstsaft. Nach 15 Minuten sollte man prüfen, ob der Wert gestiegen ist. Liegt er nicht über 70 mg/dl (3,9 mmol/l): noch ein bis zwei schnelle BE/KE einnehmen.

Sport: Mehr Zucker nötig

Wer beim Sport unterzuckert, sollte zusätzlich noch etwas essen, das den Blutzucker langsam erhöht, etwa ein Butterbrot oder einen Müsliriegel. Das beugt einem weiteren Zuckertief vor.

Körperliche Aktivität gehört übrigens zu den häufigsten Hypo-Ursachen, da die Muskeln dabei mehr Zucker "verheizen" (siehe Kasten unten). Daher sollte man vorher in Absprache mit dem Arzt seine Insulin- oder Tablettendosis senken. Und lieber einmal zu viel als zu wenig den Blutzucker kontrollieren. Nur so lässt sich unterscheiden, ob etwa Herzklopfen und weiche Knie von der Anstrengung oder von einer Unterzuckerung kommen.

Zucker zu tief: Woran liegt es?

  • Mahlzeit ausgelassen, Kohlenhydratgehalt zu hoch eingeschätzt, fettreiches Essen (Fett verlangsamt die Kohlenhydrataufnahme)
  • Körperliche Aktivität, ohne vorher die Insulin- oder Tablettendosis zu senken bzw. Kohlenhydrate zu essen
  • Erhöhten Blutzuckerwert zu schnell korrigiert, zu hohe Insulin- oder Tablettendosis
  • Beschleunigte Insulinwirkung (Injektion in den Muskel oder Hitze: steigert die Hautdurchblutung)
  • Zu viel Alkohol getrunken (Alkohol bremst die Zuckerbildung in der Leber)

Vor allem nach intensivem oder länger andauerndem Sport ziehen die Muskeln noch Stunden später Zucker aus dem Blut. Um nicht mitten in der Nacht zu unterzuckern, kann es sinnvoll sein, den Blutzucker vor dem Schlafengehen etwas höher zu halten als sonst, zum Beispiel um die 150 mg/dl (8,3 mmol/l). "Liegt der Wert unter 120 mg/dl (6,7 mmol/l), kann ein kleiner Snack mit ein bis zwei langsamen BE/KE sinnvoll sein, etwa ein Joghurt", sagt der Münchner Diabetologe Dr. Helmut Pillin. In jedem Fall sollte man das Vorgehen mit dem Arzt besprechen.

Alkoholkonsum kann Zuckertief nach sich ziehen

Das gilt auch, wenn man abends Alkohol getrunken hat. In der Nacht sorgt die Leber dafür, dass dem Körper die Energie nicht ausgeht. Dafür produziert und speichert sie Zucker und gibt ihn bei Bedarf ins Blut ab. Diese Aufgabe kann sie nicht erfüllen, solange sie den Alkohol abbaut. Ein feuchtfröhlicher Abend kann also eine Hypo nach sich ziehen.

Fühlt man sich am nächsten Morgen "verkatert", liegt das nicht unbedingt nur am Alkohol, sondern vielleicht an einer Unterzuckerung im Schlaf. "Wer den Verdacht hat, dass er nachts unterzuckert, sollte gelegentlich zwischen zwei und drei Uhr früh den Blutzucker messen", sagt Helmut Pillin. In dieser Zeit reagiere der Körper am empfindlichsten auf Insulin, daher sei das Unterzucker-Risiko am größten. Auf jeden Fall gehören schnelle Kohlenhydrate griffbereit neben das Bett. Schlaftrunken und unterzuckert in die Küche zu stolpern, könnte mit einem Sturz enden. Wer nicht rasch Kohlenhydrate auftreibt, riskiert, dass der Zucker weiter sinkt, bis er schlimmstenfalls bewusstlos wird. Derart schwere Unterzuckerungen haben vor allem Diabetiker, bei denen das körpereigene Warnsystem nicht mehr so gut funktioniert. Sie spüren die Unterzuckerung nicht mehr rechtzeitig. Und die hormonelle Gegenregulation, die dabei hilft, den Blutzucker wieder anzuheben, springt nicht richtig an.

Erste Hilfe bei schweren Hypos

Ärzte sprechen von einer schweren Unterzuckerung, wenn sich ein Betroffener nicht mehr selbst helfen kann und etwa bewusstlos wird. Typ-1-Diabetikern, die zu schweren Unterzuckerungen neigen, kann der Arzt ein Glukagon-Set verschreiben. Diese Notfall-Spritze können, idealerweise nach vorheriger Einweisung, auch Laien anwenden – etwa Partner oder Arbeitskollegen. Glukagon bringt die Leber dazu, Zucker ins Blut abzugeben. Dadurch steigt der Blutzucker rasch und der Bewusstlose erwacht. Gleich anschließend sollte man Kohlenhydrate zu sich nehmen, um nicht wieder zu unterzuckern. Vorsicht: Nach ausgiebigem Sport oder Alkoholgenuss wirkt die Glukagon-Spritze nicht.

In jedem Fall sollte bei einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit der Notarzt geholt werden (Notruf 112). Dieser kann den Blutzuckerspiegel mit einer Glukose-Injektion rasch wieder normalisieren. Aber auch wenn Sie immer wieder nur leichte Unterzuckerungen haben: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber. Gemeinsam finden Sie sicher eine Möglichkeit, wie sich Ihr Risiko senken lässt.


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