Fuß-Amputation: "Pflicht zur zweiten Meinung"

Fast über Nacht kann es zu Amputationen kommen. Warum gründliche Fußpflege und die jährliche Vorsorgeuntersuchung so wichtig sind, erklärt Experte Ralf Lobmann

von Alexandra von Knobloch, 19.03.2018

Professor Dr. Ralf Lobmann ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Diabetischer Fuß" der DDG


Wie schnell kann man als Diabetes­patient einen Fuß oder ein Bein verlieren?

Im schlimmsten Fall stößt sich jemand etwa am Freitag einen Zeh an der Türkante, und am Montag ist sein Fuß nicht mehr zu retten. Das kommt vor, wenn der Patient die Wunde nicht bemerkt, weil seine Nerven nach langjährigem, schlecht eingestelltem Diabetes so geschädigt sind, dass er nichts spürt. Wenn auch noch die Durchblutung gestört ist, kann der Körper Keime schlechter abwehren, und die Wunde heilt nicht so gut. Um das zu verhindern, muss man die Verletzung sofort erkennen, sie desinfizieren, um eine Infektion zu verhindern, und den Fuß umgehend vom Arzt behandeln lassen.

Viele Diabeteskranke bemerken kleine Wunden nicht, weil ihr Schmerz­­empfinden an den Füßen gestört ist. Worauf müssen sie achten, um das Risiko gering zu halten?

Für Patienten mit einer Nervenschädigung oder einer Durchblutungsstörung gilt: Sie müssen ihre Füße täglich inspizieren und bei der kleinsten Wunde sofort zum Arzt. Um zu wissen, wie es um Nerven und Durchblutung bestellt ist, sollte jeder Diabeteskranke die jährliche Untersuchung von Füßen und Nerven als Pflichttermin ernst nehmen. Bestehen erste Probleme, sollte man mindestens jedes halbe Jahr zur Kontrolle.

Was kann man sonst noch tun?

Wichtig ist, nach der Diabe­tes­diagnose schnell an einer Schulung teilzunehmen. Dort erfährt man, worauf es bei der Fußpflege ankommt, welche Schuhe man braucht oder auch, warum schon ein Sonnenbrand oder eine Wärmflasche gefährlich werden kann.

Professor Dr. Ralf Lobmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie des Klinikums Stuttgart, ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft (AG) "Diabetischer Fuß" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Mitglied des Vorstandes der DDG

Reicht es, mit einer Wunde zum Hausarzt zu gehen?

Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner. Oberflächliche Verletzungen kann er gut versorgen. Bessert sich der Zustand nach drei bis vier Wochen nicht, sollte man sich in eine spezialisierte Fußambulanz überweisen lassen. Tritt eine Infektion auf oder hat der Patient Durchblutungsstörungen, sollte er lieber sofort in eine spezialisierte Klinik. 

Die Arbeitsgemeinschaft "Diabetischer Fuß" meint, dass sich viele Amputationen verhindern ließen. Was müsste sich dazu ändern?

Mehrere Maßnahmen wären nötig. So sind noch nicht alle Landstriche gleichermaßen gut mit Fußambulanzen ausgestattet. Diese sind aber sehr hilfreich zur Vorbeugung von ernsten Problemen und im Notfall: In einer Fußambulanz arbeiten alle Experten, die nötig sind, um einen diabetischen Fuß zu versorgen, zusammen: Diabetologen, Gefäßspezialisten, Infektionsexperten, Chirurgen, Wundassistenten. Darum sind in solchen Häusern die Amputationsraten deutlich niedriger als im Bundesdurchschnitt. Hilfreich wäre ein standardisiertes Zuweisungsverfahren wie in Holland. Dort dauert es fünf Wochen, bis ein Patient mit einer schlecht heilenden Wunde zum Spezialisten kommt. Bei uns bis zu zwölf.

Sich dann noch eine zweite Meinung einholen: Wie soll das gehen?

Jeder Patient hat das Recht auf eine zweite Meinung. Aber unser Gesundheitssystem bietet unzureichende Strukturen, um dieses Recht zu nutzen, wenn es schnell gehen muss wie beim diabetischen Fuß.

Was wäre die bessere Lösung?

Wir fordern eine Zweitmeinungspflicht für jeden Fall, bei dem eine Amputation oberhalb des Knöchels ansteht. Mithilfe der Telemedizin wäre so eine Beurteilung sehr schnell machbar. Es muss zudem sichergestellt werden, dass einem Krankenhaus kein finanzieller Nachteil entsteht, wenn es die oft langwierige Behandlung eines Patienten übernimmt, bei dem ungewiss ist, ob sich der Fuß retten lässt. Patienten bleiben bis zu 37 Tage im Krankenhaus, ehe eine Wunde ambulant weiterbehandelt werden kann. Das kostet viel Geld.

Nicht jeder Fuß lässt sich retten ...

Es kommt vor, dass eine Glied­maße trotz aller Bemühungen doch amputiert werden muss. Auch hier wäre in jedem Fall ein System mit verbindlicher Zweitmeinung allein aus psychologischen Gründen wichtig. Patienten brächte es die Gewissheit, dass alles versucht wurde, um ihren Fuß zu retten. Sollten sie ihn dann trotzdem verlieren, verkraften sie das besser.

Die Notrufnummer für Ihre Füße: 01 80-3 12 34 06 (9 Cent pro Minute aus dem Festnetz, mobil maximal 42 Cent pro Minute)

Das Notfalltelefon steht unter der Schirmherrschaft der AG Fuß

Patienten, bei denen es akut um eine Amputation geht, erhalten unter dieser Nummer Rat. Die Frage wird an ein Notfallteam geleitet, das möglichst unmittelbar Kontakt aufnimmt und auch dem behandelnden Arzt Unterstützung anbietet.

Patienten mit anderen ernsten Wunden werden an ein Fußbehandlungszentrum der AG Fuß verwiesen. Eine Übersicht der zertifizierten Einrichtungen findet sich im Internet unter: http://www.ag-fuss-ddg.de/einrichtungen.html


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