Diagnose per Smartphone: Was taugen Medizin-Apps?

Bluthochdruck, Hautkrebs, Neuropathie? Medizin-Apps können heute schon Diagnosen stellen. Wie zuverlässig solche Programme sind und worauf Nutzer achten sollten

von Dr. Sabine Haaß, 10.09.2018
Smartphone Apps als Diagnosehelfer

Viele der rund 40.000 Medizin-Apps dienen zur Diagnose von Krankheiten oder als Therapiehelfer


Der kleine Fleck auf der Haut: nur hässlich oder ein Problem? Eigentlich stünde jetzt ein Arztbesuch an. Zeitaufwendig, lästig. Wie praktisch klingt es da, dass sich für wenig Geld eine App kaufen lässt. App herunterladen, Handy auf den Fleck halten, schon folgt die Diagnose. Andere Apps sollen angeblich sogar schon Herzrhythmusstörungen und Nervenschäden an den Beinen feststellen können.

"Apps" (von englisch "application", zu Deutsch "Anwendung") sind Programme, die man sich von verschiedenen Anbietern im Internet ("App Stores") auf ein Smartphone oder Tab­let herunterladen kann. Mit Apps im Handumdrehen zur Diagnose: Ist das die Zukunft, bloße Spielerei oder eher gefährlich?

Unter den vielen Millionen verfügbarer Apps stehen mehrere 100.000 im Bereich Gesundheit zur Auswahl. Sie sollen helfen, die Fitness zu verbessern, erinnern an den nächsten Arzttermin, geben Koch-, Impf- oder Entspannungstipps. Etwa 40.000 dieser

Gesundheitsprogramme, so Dr. Urs-Vito Albrecht vom Institut für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover, fallen laut Herstellerangaben in die Kategorie "Medizin-App". Viele davon dienen zur Diagnose und/oder Therapie von Krankheiten. Dazu gehören auch Apps, die Menschen mit Diabetes den Alltag erleichtern, indem sie die Blutzuckerwerte in einem Tagebuch verwalten, Mess­ergebnisse auswerten oder die Insulindosis für die nächste Mahlzeit berechnen.

Welche Apps sind sinnvoll?

Bei der Behandlung einer chronischen Krankheit wie Diabetes können solche Apps eine wichtige Rolle spielen. Vo­rausgesetzt, sie sind wirklich zuverlässig. Das gilt umso mehr, wenn ein Programm Symptome erkennen und eine erste Diagnose stellen soll. Welche Apps dafür sinnvoll und sicher sind, ist für den Laien allerdings oft schwer durchschaubar. Ein CE-Kennzeichen, wie es zum Beispiel Blutzucker-Messgeräte tragen, bedeutet nur, dass ein Produkt bestimmten EU-weiten Anforderungen genügt, sagt aber nichts über die Qualität einer Medizin-App aus. "Die Inhalte von Apps werden dafür in der Regel nicht überprüft", erklärt Experte Albrecht, Leiter einer aktuellen deutschen Studie zu Gesundheits-Apps. "Umgekehrt kann eine App auch ohne CE-Kennzeichen von hoher Qualität sein."

Nutzen ist wenig untersucht

Ob Medizin-Apps tatsächlich ­etwas für die Gesundheit und die medizinische Versorgung bringen, haben bisher nur wenige Studien untersucht. "Auf dem Markt herrscht große Dynamik", sagt Professor Gerd Hasenfuß, Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen und bei der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zuständig für Medizin-Apps. "Dauernd erscheinen neue Apps, andere verschwinden vom Markt oder werden so stark überarbeitet, dass sie mit der Vorversion nicht mehr viel zu tun haben." Bis Studienergebnisse vorliegen, sind die untersuchten Apps oft schon veraltet. "Die Mehrzahl der Studien läuft zudem im Ausland", ergänzt Urs-Vito Albrecht. "Was dabei herauskommt, lässt sich nicht einfach auf unser Gesundheitssystem übertragen."

Laien sollten den Programmen also mit Skepsis begegnen. Nicht immer weist eine App klar darauf hin, ob sie sich überhaupt an Otto Normalverbraucher richtet oder eher für den Arzt gedacht ist. Viele Apps setzen die Kamera des Smartphones ein. Eine von Hautärzten entwickelte und unterstützte niederländische App etwa kann anhand eines Fotos relativ zuverlässig feststellen, ob bei einem Hautfleck der Verdacht auf Krebs besteht. Einer Herzrhythmusstörung mithilfe der Handykamera auf die Spur zu kommen klappt dagegen nur bedingt. Dazu misst die Kamera den Farbwechsel, den das im Finger pulsierende Blut erzeugt. "Ob sich damit eine Rhythmusstörung erkennen lässt, hängt vom Kameramodul des Smartphones ab", sagt Urs-Vito Albrecht, "und auch davon, ob man den Finger richtig auflegt."

Eine gute Medizin-App sollte solche Bedienungsfehler durch verständliche Anleitungen weitgehend ausschließen, die Plausibilität von Eingaben prüfen und Nutzer bei unwahrscheinlichen Messwerten warnen. Und sie sollte ihre Zielgruppe klar benennen.

Diagnose bleibt Arztsache

Aber auch die Nutzer selbst müssen sorgfältig vorgehen. "Wenn Sie ein technisches Gerät in Betrieb nehmen, lesen Sie die Gebrauchsanweisung", sagt Albrecht. "Genauso sollten Sie sich mit der Funktionsweise und den Möglichkeiten einer App vertraut machen." Und wenn Sie etwas nicht verstehen oder sich nicht sicher sind, ob die App das Richtige für Sie ist? "Fragen Sie Ihren Arzt", sagt Kardiologe Hasenfuß. "Am besten, bevor Sie die App zum ersten Mal anwenden." Auch wenn eine qualitativ hochwertige App dazu beitragen kann, eine Krankheit zu entdecken: Die Dia­gnose sollte Sache des Arztes sein.

Denkbar ist der Einsatz von Medizin-Apps künftig vor allem in der Kontrolle bestehender Erkrankungen. So lassen sich etwa bei Diabetes Zuckerwerte und andere Daten an den Arzt übermitteln und telefonisch besprechen. Wer auf dem Land und weit weg von der Praxis wohnt, erspart sich dadurch den einen oder anderen Arztbesuch. Ähnliches könnte eine App für Menschen mit Herzschwäche leisten, die Experte Hasenfuß gerade mit seinen Mitarbeitern testet: Sie erfasst Puls, tägliche Schrittzahl, Gewicht und Befinden und alarmiert bei kritischen Werten den Arzt. Er entscheidet dann über das weitere Vorgehen.

Medizin-Apps auf dem Prüfstand

Derzeit bezahlen Krankenkassen nur einzelne Programme. Damit sie die Kosten künftig regelmäßig übernehmen, muss eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein: So brauchen Apps eine positive Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Ärzte müssen die Betreuung von Patienten per App abrechnen können. Und die Sicherheit der gespeicherten Daten muss gewährleistet sein.

Bis es so weit ist, wollen die DGIM und ihre Fachgesellschaften Laien eine Orientierungshilfe geben: Medizin-Apps sollen systematisch geprüft werden und ein Qualitätssiegel bekommen. Ein ähnliches Zertifikat verleiht die Deutsche Diabetes Gesellschaft seit 2017 für Diabetes-Apps.

 


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