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Der Feind in meinem Brot

Getreide ist unser Grundnahrungsmittel Nr.1. Doch längst nicht jedem bekommt es. Und öfter als gedacht macht es sogar krank

von Dr. Andreas Baum, 09.01.2019
Brot

Viele Menschen haben Probleme bei der Verdauung von glutenhaltigem Getreide


Glutenfrei boomt. Die Zahl der Menschen, die das Ge­treide-Eiweiß ihrer Gesundheit zuliebe aus der Ernährung verbannen, steigt seit Jahren. Dabei können Ärzte nur selten einen medizini­schen Grund dafür ausmachen, etwa eine Zöliakie, bei der der Kontakt mit Gluten eine schwere Dünndarmentzündung auslösen kann. Dennoch sind viele Menschen überzeugt: Glutenfrei tut gut! Etwa weil Schmerzen nachlassen, Ekzeme abklingen, Beschwerden verschwinden. Alles nur eingebildet, wie viele Ärzte vermuten? Ein Placebo-Effekt?

Der Internist, Gastroenterologe und Biochemiker Professor Dr. Dr. Detlef Schuppan, der unter anderem 1997 die grundlegenden Vorgänge aufgedeckt hat, die zur Zöliakie führen, wartet nun mit überraschen­den Forschungsergebnissen auf. Demnach kann glutenhaltiges Getreide tatsächlich krank machen, was aber nicht am Gluten liegt. Die Zusammenhänge erklärt er im Interview.

Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan

Herr Professor Schuppan, in Deutschland sagen rund neun Prozent der Menschen, sie hätten ein Problem mit Gluten. Von Ärzten wird das, vorsichtig gesagt, meist als Einbildung abgetan. Wer hat recht?

Wenn man es genau betrachtet: beide!

Beide?

Tatsächlich hat nur rund ein Prozent der Menschen eine echte Glutenunverträglichkeit, eine Zöliakie. Doch auch vielen anderen bereiten glutenhaltige Getreide und Getreideprodukte Probleme — oft sogar, ohne dass sie es wissen und ohne dass es etwas mit dem Gluten zu tun hat. Das ist bislang allerdings auch unter Fachleuten kaum bekannt.

Wenn es nicht das Gluten ist, was ist es dann?

Das haben wir in jahrelanger Arbeit in unserem Labor in Boston untersucht und schließlich entdeckt, dass eine andere Gruppe von Getreide-Eiweißen dahintersteckt: die Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI). Diese sind nach derzeitigem Wissensstand ausschließlich in glutenhaltigen Getreiden enthalten, also in Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel, Emmer, Einkorn und Grünkern.

Und diese "ATI-Eiweiße" können uns krank machen?

Sie sind vermutlich eine Art Verstärker für Krankheiten, an denen das Immunsystem beteiligt ist — wie Rheuma, Multiple Sklerose, Neurodermitis, chronisch-entzündliche Darm­erkrankungen —, aber auch für Typ-2-Diabetes, Fettleber­hepatitis und Leberfibrose.

Womit hängt das zusammen?

Das konnten wir ebenfalls klären. Im Darm befinden sich Immunzellen, die ­­einen ganz bestimmten Rezeptor tragen — eine Andockstelle, an die sich Eiweiße binden können, wenn sie vom Rezeptor erkannt werden. ATI binden sich an diesen Rezeptor und wecken die Immunzellen dadurch gewissermaßen auf.

Und dann?

Die von den ATI aktivierten Zellen wandern aus der Darmwand über den Blutstrom in die Lymphknoten. Dort treffen sie auf andere Immunzellen, sogenannte T-Zellen, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Autoimmun­erkrankungen beteiligt sind. Durch den Kontakt erhöhen sie gewissermaßen deren Aggressionspotenzial. Reisen die T-Zellen weiter zu ihrem Zielorgan, bei Rheumapatienten etwa die Gelenke, verstärken sie die Krankheitserscheinungen.

Wie ATI-Eiweiße Krankheiten beeinflussen können

Konnten Sie denn bestätigen, dass eine gluten- und damit ATI-freie Ernährung Erkrankungen wie Rheuma, Multiple Sklerose oder Darmentzündungen wie Morbus Crohn verbessert?

In unseren Ambulanzen in den USA und Deutschland haben wir etliche Beispiele von Patienten gesammelt, deren Symptome sich damit deutlich besserten. Besonders eindrucksvoll waren und sind für mich Fälle von Patienten mit schweren chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder rheumatischen Erkrankungen, die sich mit der gluten- und damit ATI-freien Diät teils so dramatisch gebessert haben, dass mitunter auch auf nebenwirkungsträchtige Medikamente oder Operationen verzichtet werden konnte.

Das sind aber eben nur Einzelfälle…  

Deshalb haben wir Studien mit größeren Patientengruppen begonnen, die entweder die ATI-haltige oder eine ATI-freie Ernährung erhalten. Damit wollen wir nachweisen, wie sich eine ATI-freie Ernährung im Vergleich zu einer ATI-haltigen Ernährung bei bestimmten Krankheiten auswirkt.

In Ihrem Buch sagen Sie, ATI könnten auch Typ-2-Diabetes fördern. Wie das?

Das Fettgewebe, vor allem im Bauch, befindet sich ständig in einem leichten Entzündungszustand. Es schüttet Botenstoffe aus, die unter anderem die Insulinwirkung beeinträchtigen. ATI heizen diese Entzündung an. Wie auch für die anderen Erkrankungen haben wir dazu Untersuchungen mit Mäusen gemacht. Diese wurden mit einer der menschlichen Kost vergleichbaren Konzentration von ATI oder ATI-frei ernährt. Unter ATI-Kost entzündete sich das Fettgewebe stärker, der Stoffwechsel wurde diabetisch. Außerdem nahmen die Mäuse zehn Prozent mehr Gewicht zu als ATI-frei ernährte Artgenossen.

Dann macht uns beim Burger womöglich nicht nur die Frikadelle dick, sondern auch das Brötchen?

ATI-haltige Getreideprodukte könnten einen wichtigen Anteil an der Übergewichts-Epidemie haben, die wir weltweit erleben — auch in Asien, wo man inzwischen sehr viel Weizen verzehrt.

Raten Sie Patienten mit chronischen Krankheiten, auf ATI zu verzichten?

Zuerst müssen wir die Ergebnisse der Studien abwarten. Wer aber einen Selbstversuch mit einer ATI-freien Kost machen will, kann das natürlich tun.

Wie würde man dabei vorgehen?

Indem man auf glutenhaltige Produkte verzichtet, denn nur diese enthalten ATI. Also glutenfreie Backwaren und Nudeln verwenden und Fertigprodukte meiden, auf deren Zutatenliste Gluten oder Weizen steht. Nach zwei bis vier Wochen kann man entscheiden, ob man weitermacht.

Zöliakie und Typ-1-Diabetes

Typ-1-Diabetiker erkranken häufiger als andere Menschen an Zöliakie. Bei Zöliakie reagiert der Dünndarm auf das Getreide-Eiweiß Gluten mit einer schweren Entzündung. ­Nährstoffe werden nicht mehr ausreichend aufgenommen. Es kann zu Mangel­erscheinungen bis hin zur Blutarmut und, bei Kindern, zu Wachstums­verzögerungen kommen. Oft, aber nicht immer, treten auch Magen-Darm-Beschwerden auf.

Unter glutenfreier Ernährung verschwinden die Symptome. Das Forscherteam um Detlef Schuppan untersucht derzeit einen neuen Wirkstoff, der Gluten für die Betroffenen besser verträglich machen könnte.


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