Essstörungen: Die Seele isst mit

Sie schlingen, stopfen – oder hungern. Für manche Menschen wird Essen zum beherrschenden Thema. Wann die Grenze zur Krankheit überschritten ist und was dann hilft

von Dr. Sabine Haaß, 27.08.2015

Der Eisbecher und ich: Auf den Essanfall folgt oft die Reue


Jeder kennt diese Momente: Der Bus ist vor der Nase weggefahren, der Chef hatte mal wieder schlechte Laune, der Partner hat eine Verabredung platzen lassen. Man ist enttäuscht, verärgert und tröstet sich erst mal mit einer Packung Kekse oder einer Tüte Gummibärchen. Hauptsache, viel Fett oder viel Zucker. Oder viel von beidem. Das hilft gegen den Frust.

Gelegentliches Frust-Essen ist normal

Eine verständliche Reaktion – und auch nicht weiter schlimm, solange man sich nur manchmal dazu hinreißen lässt. Anders sieht es aus, wenn man Ärger oder Kummer regelmäßig mit Süßigkeiten begegnet. Dieses "Frust-Essen" ist sehr verbreitet und einer der vielen Gründe, warum Übergewicht so häufig ist. Psychologen sprechen allerdings lieber von "emotionalem Essen". Emotionales Essen gilt zwar nicht als krankhafte Essstörung, wie etwa Magersucht (Anorexie) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Magersüchtige, meist Mädchen oder junge Frauen, empfinden sich als zu dick. Sie essen zu wenig und treiben oft übermäßig viel Sport. Selbst wenn sie stark abgemagert sind, haben sie noch Angst zuzunehmen. Viele werden infolge der Unterernährung lebensbedrohlich krank.

Auch Frauen mit Bulimie leben in der Furcht, zu dick zu werden. Äußerlich sieht man ihnen nicht an, dass sie unter immer wiederkehrenden Essattacken leiden, bei denen sie die Kontrolle über sich verlieren und große Mengen in sich hineinschlingen. Um trotzdem schlank zu bleiben, greifen sie zu drastischen Gegenmaßnahmen: Sie erbrechen das Gegessene wieder, nehmen Abführmittel ein oder setzen sich auf strenge Diät – bis zum nächs­­ten Essanfall. Ein Verhalten, das übrigens ebenso für viele Magersüchtige typisch ist: Die Grenzen zwischen beiden Erkrankungen sind in dieser Hinsicht fließend. Zu einer dritten Gruppe gehören Menschen, die ihre Ess­­anfälle nicht durch Erbrechen, Hungern oder Sport wettzumachen versuchen. Die Folgen sind häufig extreme Gewichtsschwankungen oder Übergewicht. Dieses "Binge Eating" (vom englischen "binge" für "Gelage" und "eating" für "Essen") kommt bei Frauen und Männern vor.

Magersucht, Bulimie und Binge Eating sind ernste Krankheiten, die eine spezielle Behandlung erfordern. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu drei von hundert Menschen betroffen sind.

Viele Menschen haben ein gestörtes Essverhalten

Diese Krankheiten sind jedoch nur die Spitze eines Eisbergs. Denn eine weit größere Zahl von Menschen hat zwar keine "krankhafte Essstörung", aber doch ein "gestörtes Essverhalten". Dazu zählen neben den "Frust-Essern" noch viele andere, deren Umgang mit der Ernährung von einem normalen, gesunden Essverhalten abweicht. Die einen lassen feste Mahlzeiten aus und futtern stattdessen den ganzen Tag vor sich hin. Andere setzen sich zwar mit der Familie oder den Kollegen an den Tisch, essen dann aber nur wenig und naschen lieber zwischendurch. Wieder andere fühlen sich tagsüber so gestresst, dass sie aufs Essen verzichten. Abends überfällt sie dann der Heißhunger, und sie räumen den Kühlschrank leer. "Übergewicht und Fettleibigkeit sind häufig auf ein solches gestörtes Essverhalten zurückzuführen", sagt Professor Matthias Blüher, der am Universitätsklinikum Leipzig die Ambulanz für Patienten mit Adipositas (Fettleibigkeit) leitet.

Zwar gibt es keine Beweise dafür, dass ein gestörtes Essverhalten bei Menschen mit Diabetes häufiger ist als bei Stoffwechselgesunden. Neben möglichen Gewichtsproble­men kommt bei Diabeti­kern aber auch noch die Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel hinzu, zum Beispiel wenn die Werte durch unregelmäßiges Zwischendurchessen stark schwanken oder nach einer abendlichen Fressattacke in die Höhe schießen.

Psyche wirkt sich auf die Ernährungsgewohnheiten aus

Doch welche Gründe stecken dahinter, wenn die Essgewohnheiten eine ungesunde Form annehmen? "Die Persönlichkeit ist ebenso daran beteiligt wie die Umwelt", sagt Professor Ulrich Cuntz, Chefarzt des Fachzentrums für Psychosomatik an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. "Prägend können zum Beispiel Kindheitserfahrungen sein, aber auch familiäre oder berufliche Belas­tungen haben einen Einfluss." Wer etwa von Kind auf daran gewöhnt ist, mit Essen belohnt oder getröstet zu werden, wird sich im Erwachsenenalter schwertun, dieses "Mus­ter" abzulegen. Ein Dauerstreit mit dem Partner, eine Trennung, ein Todesfall in der Familie können wie auch hoher Leis­tungsdruck oder mangelnde Anerkennung am Arbeitsplatz ein gestörtes Essverhalten begünstigen.

Eine Rolle spielt sicher auch, dass Essen in unserer Überflussgesellschaft jederzeit und billig verfügbar ist – eine ständige Verlockung, der man einfach schlecht widerstehen kann. Viele Menschen essen zudem aus Zeitmangel nebenbei und vertilgen große Portionen am Schreibtisch, beim Fernsehen oder vor dem Computer, ohne darüber nachzudenken. "Welche Mengen da zusammenkommen, fällt ihnen oft gar nicht auf", erklärt Dr. Andrea Benecke, Psychologin mit Spezialgebiet Diabetes an der Poliklinischen Instituts­­ambulanz der Universität Mainz.

Ess-Attacken am Abend

Dabei läuft das Gewicht allmählich aus dem Ruder – und der Diabetes auch. So ging es Brigitte Kehl (Name geändert). Als Kind, erinnert sich die 54-Jährige, aß sie "wie ein Spatz". Die Eltern ermahnten sie ständig, ihren Teller leer zu essen. Und sie gehorchte. "Im Lauf der Zeit hat sich das verselbstständigt", sagt Brigitte Kehl. Sie aß regelmäßig über Hunger und Völlegefühl hinaus. In Gesellschaft zügelte sie ihren Appetit, doch wenn sie allein zu Hause saß und ihr langweilig war, kamen die Ess­attacken. "An die zehn Mal bin ich abends zum Kühlschrank gegangen, habe ihn auf- und wieder zugemacht. Und irgendwann dann doch zugegriffen."

Bis auf 140 Kilo stieg ihr Gewicht, 2005 erkrankte sie an Typ-2-Diabetes und musste schließlich Insulin spritzen. Wegen des Übergewichts und ihrer hohen Zuckerwerte empfahl ihr der Dia­betologe 2010 eine Verhaltenstherapie an der Uni Mainz, wo Andrea Benecke und ihre Kollegen am "Psychodiabetologischen Schwerpunkt" der Institutsambulanz Diabetiker mit Ess­problemen behandeln. "Erst durch die gezielten Fragen der Psychologin dort ist mir aufgegangen, dass mit meinem Essverhalten einiges nicht stimmte", erzählt Brigitte Kehl.

Eine Psychotherapie kann helfen

Seitdem hat sie es geschafft, ihr Gewicht zu stabilisieren und den ­Blutzucker in den grünen Bereich zu senken – nachdem sie vorher aus Angst vor Unterzucke­rungen immer ihre Insulindosis ­reduziert hatte. "Ich spritzte mir im Beisein der ­Psychologin so lange Insulin, bis ich zum ersten Mal Unterzucker-Anzeichen spürte", sagt Kehl. "Wider Erwarten fiel ich nicht gleich um, sondern hatte genügend Zeit, zu reagieren und meinen Apfelsaft zu trinken. Nach einer halben Stunde war ich wieder fit. Und die Angst war weg." Für Brigitte Kehl ein Riesenschritt. Sie bereut nur eins: "Hätte ich mir doch zehn Jahre früher Hilfe geholt!"

Frühzeitig Hilfe holen: Das empfiehlt Andrea Benecke allen Menschen, denen ihr Essverhalten Probleme bereitet, sei es, weil sie unter ihrem Gewicht leiden oder weil der Diabetes immer öfter entgleist. "Mein erster Tipp ist oft eine medizinische Reha in einer Dia­betesklinik", sagt sie. "Gespräche mit Psychologen sind Teil der Behandlung dort." Raten die Experten, die Psychotherapie nach der Reha ambulant fortzusetzen, sollte man sich einen niedergelassenen Psychotherapeu­ten mit Kassenzulassung suchen. Idealerweise einen, der Erfahrung mit Dia­betes und/oder Essproblemen hat (Adressen siehe unten). Fünf Probesitzungen bezahlt die Krankenkasse. Entscheidet man sich dann für den Therapeuten, stellt dieser bei der Kasse einen Therapieantrag. Nach dessen Genehmigung übernimmt die Kasse die Kosten für die gesamte Therapie.

Wichtig: Probleme lösen statt essen

In der Therapie versuchen Patient und Psychologe zu ergründen, was hinter dem gestörten Essverhalten steckt. Zum Beispiel, wie bei Brigitte Kehl, die elterliche Erziehung und ihr Hang zum Essen aus Langeweile. Wer versteht, warum er sich ein ungesundes Essverhalten angewöhnt hat, tut sich leichter, davon wegzukommen. Etwa indem er lernt, Ärger mit dem Partner nicht durch Essen zu betäuben, sondern den zugrunde liegenden Konflikt im Gespräch zu lösen. Oder etwas zu unternehmen, selbst wenn es nur ein Spaziergang ist. Oder eine Freundin anzurufen. "Das hört sich banal an, ist in Zeiten von SMS und E-Mail aber gar nicht mehr so selbstverständlich", sagt Diabetes-Psychologin Benecke.

Wer sein Essverhalten bessert, nimmt oft wieder ab

Daneben helfen Entspannungsmethoden zur Stressbewältigung ebenso wie ein Achtsamkeitstraining, bei dem man auch übt, Essen ganz bewusst zu genießen anstatt nebenbei in sich hineinzustopfen. Entsprechende Kurse werden beispielsweise von Krankenkassen und Volkshochschulen angeboten.

Die psychotherapeutische Behandlung umfasst meist mindestens 25 bis 45 Sitzungen. "In einer Verhaltenstherapie geht es zwar auch um Ursachenforschung", sagt Benecke. "Ziel ist aber vor allem, dass man zusammen mit dem Therapeuten neue Verhaltensweisen überlegt und trainiert, die man dann im Alltag anwenden kann, um zum Beispiel einen Essanfall zu verhindern." Wenn es gelingt, das Essverhalten zu ändern, steigen auch die Chancen, Übergewicht abzubauen. "Der veränderte Umgang mit dem Essen erleichtert das Abnehmen", weiß Adipositas-Spezialist Matthias Blüher.

Leicht ist es sicher nicht, sich überhaupt einzugestehen, dass man Probleme mit dem Essen hat, geschweige denn, sich auf eine Psychotherapie einzulassen. Und bis man Erfolge sieht, kann auch einige Zeit vergehen. Aber die Therapie hilft, den Weg aus der Ess-Falle zu finden.

Hilfreiche Adressen zur Therapeutensuche:

Informationen und Beratung zu Essstörungen:


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes