Was Stevia kann, und was nicht

Stevia bietet eine praktisch kalorienfreie Alternative zu Zucker. Auch für Diabetiker ist der Süßstoff geeignet. Aber ist er empfehlenswert?
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 30.07.2015

Stevia-Pflanze: Der Extrakt ihrer Blätter ist bis zu 300 mal süßer als Zucker

Panthermedia/Hans Joachim Schneider

Die schnöde Formel "E960" erscheint kaum geeignet, die Herzen von Naschkatzen höher schlagen zu lassen. Doch dahinter verbirgt sich der Süßstoff Stevia, der seit Ende 2011 in der Europäischen Union als Lebensmittelzusatzstoff "E960" zugelassen ist. Wie andere Süßstoffe enthält Stevia keine Kalorien, verspricht also süßen Genuss, ohne sich um enger werdende Hosen Gedanken machen zu müssen. Zu Recht?

Stevia – ein natürlicher Süßstoff?

Stevia gilt im Gegensatz zu anderen Süßstoffen als "natürliches Produkt". Es wird aus den Blättern der Steviapflanze (Stevia rebaudianda, auch "Honigkraut" oder "Süßkraut") gewonnen, die in Südamerika heimisch ist. Mehrere Stoffe sind für den süßen Geschmack verantwortlich. Zu nennen sind unter den sogenannten Steviolglykosiden vor allem Steviosid sowie Rebaudiosid A. Stevia ist bis zu 300 mal süßer als Zucker.

Seine Beliebtheit verdankt Stevia nicht zuletzt seinem Image als natürlicher, pflanzlicher Süßstoff, im Gegensatz zu künstlichen Süßungsmitteln wie Aspartam. Doch der Realität hält diese Einschätzung nur bedingt stand. Denn um die süßen Steviolglykoside aus den Blättern zu gewinnen, wenden die Hersteller auch chemische Verfahren an.

Eigenschaften von Stevia: Bitterer Nachgeschmack und hitzefest

Mit Stevia gesüßte Lebensmittel sind oftmals gewöhnungsbedürftig. Viele hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack im Mund. Ob man die Süße von Stevia mag, ist vor allem eine Frage des persönlichen Geschmacks. Zudem kann der Süßstoff je nach Verarbeitung verschieden schmecken.

Einen Vorteil gegenüber einigen anderen Süßstoffen bietet Stevia in der Küche. Es ist hitzestabil und eignet sich daher zum Kochen und Backen. Allerdings sollte man sich vorher überlegen, wann man Zucker in einem Rezept wirklich durch Stevia ersetzen kann. Größere Mengen Zucker – zum Beispiel in einem Kuchenteig – lassen sich nicht durch Stevia austauschen, da man mengenmäßig viel weniger Stevia als Zucker bräuchte und dies Volumen und Konsistenz des Kuchenteiges verändern würde.

Kann Stevia beim Abnehmen helfen?

Stevia hat wie andere Süßstoffe praktisch keine Kalorien. Insofern bildet es für Typ-2-Diabetiker und andere ernährungsbewusste Menschen durchaus eine sinnvolle Alternative, um ohne Zucker zu süßen und Kalorien einzusparen.

Trotzdem werden Süßstoffe in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert und haben den Ruf heimlicher Dickmacher. Sie sollen angeblich bewirken, dass der Körper mehr Insulin ausschüttet, und damit Hungergefühle auslösen. Professor Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung gibt allerdings Entwarnung: "Es gibt keinen Hinweis, dass Stevia die Insulinausschüttung anregt." Auch andere Süßstoffe kurbeln die Insulinproduktion Studien zufolge nicht wesentlich an.

Dennoch fanden einige Studien eine Verbindung zwischen Süßstoffen und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes. Doch könnte diese Verbindung auch anders gelagert sein: Adipositas- und Diabetes-Experte Joost vermutet, dass der Zusammenhang sich genau umgekehrt verhält: Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt und deshalb ein höheres Diabetesrisiko hat, greift auch eher zu Süßstoffen.

Auch Steviaprodukte können Zucker enthalten

Einen Freifahrtschein für Steviaprodukte gibt es dennoch nicht. Die Stiftung Warentest kam bei einer Probe zu dem Ergebnis, dass bei manchen Stevia-Produkten nicht einmal zehn Prozent der Süße von Steviolglykosiden stammt. Verbraucher sollten Inhaltsstoffe und Nährwertangaben beim Kauf also aufmerksam prüfen.

Ein Allheilmittel gegen Gewichtsprobleme sind Süßstoffe ohnehin nicht. Wer abnehmen möchte, muss weniger Kalorien aufnehmen, als er verbraucht. Dazu muss man sich insgesamt gesünder ernähren und mehr bewegen. Süßstoffe können allenfalls einen kleinen Teil dazu beitragen. "Der Austausch von Zucker allein löst das Problem nicht", sagt auch Joost.

Wie viel Stevia ist unbedenklich?

Wie für andere Süßstoffe gibt es auch für Stevia sogenannte ADI-Werte (ADI steht für acceptable daily intake). Die Werte geben die Grenzen an, innerhalb derer der tägliche Verzehr als unbedenklich gilt. Für Stevia empfiehlt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), pro Tag nicht mehr als vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zu sich zu nehmen.

Das bedeutet: Ein erwachsener Mann mit 80 Kilogramm Körpergewicht, dürfte jeden Tag 320 Milligramm Steviol-Äquivalente aus Lebensmitteln aufnehmen. "Diese Menge dürfte bei gewöhnlichem Verzehr derzeit niemand erreichen", erklärt Joost. Nicht ausschließen will er, dass dieser Grenzwert in Zukunft überschritten wird, falls die Lebensmittelindustrie zunehmend mehr Produkte mit Stevia versetzt. Der ADI-Wert bedeutet aber nicht, dass Stevia in höheren Mengen zwangsläufig schädlich ist. Bis zu diesem Wert gilt nur als gesichert, dass der Süßstoff unbedenklich ist.

Fazit: Keine eindeutigen Vorteile

"Stevia ist eine weitere Alternative für Diabetiker", erklärt Joost. "Im Vergleich zu anderen Süßstoffen hat es aber keine eindeutigen, überzeugenden Vorteile." Zu welchem Süßungsmittel man greift, ist letzten Endes vor allem eine Frage des persönlichen Geschmacks. Gewichtsprobleme lösen Süßstoffe wie Stevia & Co. alleine aber nicht. Damit die Kilos purzeln, muss der Mensch schon aktiv seinen Teil dazu beitragen.


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