Wie gesund ist Kaffee wirklich?

Lange war Kaffee als Genussgift verpönt. Heute soll er vor Krankheiten wie Diabetes oder Krebs schützen. Was an solchen Aussagen dran ist

von Andrea Grill, aktualisiert am 07.12.2015

Keine Pause ohne Kaffee: Im Schnitt trinkt jeder Deutsche 162 Liter pro Jahr


Er hatte es nicht immer leicht, der Kaffee. Am Anfang stand ihm die Moral im Wege. Im 18. Jahrhundert, als Kaffeehäuser in deutschen Städten gerade in Mode kamen, galt es für ehrbare junge Frauen als unschicklich, sich dort zu treffen. "Wenn du mir nicht den Coffee lässt, so sollst du auf kein Hochzeitfest!", droht der Vater in Johann Sebastian Bachs "Kaffeekantate" seiner noch ledigen Tochter.

Den beispiellosen Siegeszug des Heißgetränkes konnten diese moralischen Bedenken freilich nicht aufhalten. Um die Jahrtausendwende wurde in Deutschland nur Wasser häufiger konsumiert als Kaffee. Dafür waren es jetzt statt der Väter die Ärzte, die den Zeigefinger hoben: Kaffeegenuss erhöhe den Blutdruck und den Puls, entwässere den Körper, könne den Magen reizen – also Finger weg davon, so der einhellige Tenor.

Kaffee als Medizin

Und heute? Verfolgt man die Schlagzeilen auf den Wissenschaftsseiten, muss man glauben, dass Kaffee eine Art Universal-Medizin geworden ist: Ob Krebs, Parkinson, Alzheimer oder Impotenz – mit jeder Tasse Kaffee scheint das Risiko für alle möglichen Krankheiten und Beschwerden zu sinken. Sogar dem Typ-2-Diabetes soll der Bohnenaufguss Paroli bieten.

Immer neue Studien kommen zu dem Schluss: Je mehr Kaffee man trinkt, desto geringer ist das Risiko, zuckerkrank zu werden. Forscher der renommierten Harvard-Universität berichteten 2014 gar, dass Kaffeetrinker, die täglich mindestens sechs Tassen konsumieren, im Vergleich zu Kaffee-Abstinenzlern um rund ein Drittel seltener an Typ-2-Diabetes erkranken – gleichgültig, ob koffeinierter oder entkoffeinierter Kaffee, Mann oder Frau, Europäer, Asiate oder US-Amerikaner.

Antidiabetische Pflanzenstoffe in der Bohne

Folgt man diesen Berichten, kann man eigentlich nur eines: sofort zum Kaffeeautomaten eilen. Zumal auch Erkenntnisse aus Forschungslabors die These vom  "antidiabetischen Kaffee-Effekt" zu stützen scheinen. Denn im Kaffee ist eine Reihe verschiedener Pflanzenstoffe enthalten, die womöglich Einfluss auf den Zuckerstoffwechsel haben. Dazu zählt zum Beispiel die Chlorogensäure.

Kaffee-Kunde

In Tierexperimenten konnte gezeigt werden, dass Chlorogensäure den Übertritt von Traubenzucker aus dem Darm ins Blut verzögern kann. Trigonellin wiederum, ein pflanzliches Alkaloid, soll den Blutzuckerspiegel senken, während Quinide, ebenfalls Bestandteil der Kaffeebohne, offenbar die Insulinempfindlichkeit verbessern können. Zumindest bei Ratten. Ob all diese Substanzen jedoch im menschlichen Stoffwechsel irgendeine Wirkung auf den Blutzucker entfalten oder gar vor Diabetes schützen können, ist bislang völlig unklar.

Werden Studien falsch gedeutet?

Doch auch was die Studien betrifft, die Zusammenhänge zwischen Kaffeegenuss und diversen Krankheiten herstellen, gibt es skeptische Stimmen. Ein "großer Haken", so Professor Peter Nawroth, Dia­betologe und Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Heidelberg, sei nämlich, dass es sehr schwer sei, Zusammenhänge zwischen Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten wissenschaftlich zu beweisen.

"Die Erkenntnisse, über die in den Medien so häufig berichtet wird, stammen in der Regel aus sogenannten Beobachtungsstudien", sagt Nawroth. Diese können zum Beispiel zwar zeigen, dass Kaffeetrinker statistisch seltener Diabetes haben. Was diese Studien aber nicht können: nachweisen, dass das tatsächlich am Kaffee selbst liegt – und nicht an ganz anderen Umständen. Etwa daran, dass Kaffee-Abstinenzler vielleicht nur deshalb auf das Getränk verzichten, weil ihnen wegen gesundheitlicher Probleme vom Arzt dazu geraten wurde. Dann wäre es nicht verwunderlich, dass Kaffeetrinker unterm Strich "gesünder" dastehen. "Die Ergebnisse von Beobachtungsstudien klingen zwar oft sehr spannend", sagt Nawroth, "sie werden aber gerne in einer bestimmten Richtung überinterpretiert."

Dennoch neugierig geworden, versuchte Nawroth gemeinsam mit Kollegen anderer Universitäten für mehr Klarheit zu sorgen. Die Forscher teilten Menschen mit erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes und bereits an Dia­betes Erkrankte in zwei Gruppen auf. Die einen tranken mehrere Wochen lang regelmäßig und reichlich Kaffee, die anderen verzichteten auf das Getränk. "Die Kaffeetrinker hatten zwar etwas bessere Zuckerwerte, doch der Unterschied war unbedeutend", fasst Peter Nawroth das Ergebnis zusammen. "Das beweist zwar nicht das Gegenteil, macht es aber unwahrscheinlich, dass Kaffee das Diabetesrisiko direkt beeinflusst."

Ja zu Kaffee: Wer's mag

Unterm Strich: Es gibt keinen Grund, in Kaffee mehr zu sehen als ein Genussmittel. Keinesfalls, so Experte Nawroth, solle man anfangen, im Übermaß Kaffee zu trinken, weil man sich davon positive Effekte verspricht. Was nämlich sicher sei: Allzu reichlich genossen, kann Kaffee nervös und zittrig machen oder die Konzentration beeinträchtigen.

Wer aber Kaffee mag, der sollte ihn unbesorgt genießen, Diabetes hin oder her. "Für mich als Arzt sind nicht nur medizinische Aspekte wichtig", sagt Peter Nawroth, "sondern auch, dass meine Patienten trotz chronischer Erkrankung mit ihrem Leben zufrieden sind!"


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes