Leben nach der Amputation

Vor sieben Jahren wurde Manfred H. der rechte Vorfuß amputiert. Hier erzählt er, wie er sein Leben nach der Operation umgekrempelt hat

von Tina Haase, 12.11.2018
Diabetiker

Manfred H. macht alle zwei Tage einen ausgedehnten Spaziergang durch den Schlosspark


Ende der 80er-Jahre: "Sie haben Diabetes Typ 2", sagte mein Arzt. Da war ich Mitte 30. "Das bisschen Zucker", dachte ich. Der Arzt verschrieb anfangs keine Tabletten. Kann wohl nicht so schlimm sein, glaubte ich und lebte weiter wie bisher. Als Malermeister hatte ich lange Arbeitstage: morgens um 3:30 Uhr aufstehen. Von meinem Wohnort Wächtersbach ins Büro nach Mainz fahren. Eineinhalb Stunden Fahrt. Besprechungen, meine Baustellen begutachten und zurück. Meist war ich zwischen 17:30 und 18 Uhr zu Hause. Den ganzen Tag nichts Anständiges gegessen, aß ich abends umso fürstlicher. Meine Frau kocht super. Danach setzte ich mich auf die Couch. Ich nahm mehr und mehr an Gewicht zu.

2003 meldete sich der fast vergessene Diabetes zurück. Der vierte Zeh am linken Fuß wurde schwarz. "Diabetisches Fußsyndrom", sagte der Arzt. "Ihr hoher Blutzuckerspiegel hat über die Jahre Ihre Nerven und Blutgefäße geschädigt." Der Zeh war nicht mehr zu retten. Aber auch mit vier Zehen am Fuß lässt sich laufen. Männerballett im Karnevalverein ging allerdings nicht mehr. Ein Einschnitt. Der Doktor verschrieb Insulin, das ich mehrmals am Tag spritzte. Die  Werte besserten sich. Meinen Lebensstil änderte ich nicht. "Kannst ja essen, was du willst. Das Insulin macht es wett", redete ich mir ein.

Diabetiker

2011 bekam ich die Quittung: Ich lief mir eine Blase am rechten Fuß, spürte sie nicht. Die Nerven waren schon kaputt. Die Wunde infizierte sich. Ich kam in das Krankenhaus, das mit meiner Diabetes-Schwerpunktpraxis zusammenarbeitet. Zunächst schnitten die Chirurgen nur den Entzündungsherd heraus.
Das reichte nicht. Die Infektion breitete sich bis zum Knochen aus. Verschiedene Ärzte waren sich einig: Nur eine Amputation hilft. Sonst ist vielleicht auch das Fußgelenk in Gefahr. Ich willigte ein, der Vorfuß wurde amputiert: Zehen ab, ein Stück vom Fuß weg.

Ich lag drei Wochen in der Klinik. Düstere Gedanken kamen auf: Ich hatte Angst, dass doch der ganze Fuß oder gar das ganze Bein ab muss. Was, wenn ich nicht mehr richtig laufen, Auto fahren, arbeiten können würde? Ich war doch erst 54. Beim Karneval zumindest hinter den Kulissen helfen? Wohl Vergangenheit. Zum Glück war meine Frau immer für mich da.

Es dauerte ein Jahr, bis ich wieder im Leben stand, Auto fahren und arbeiten konnte. Ein paar Wochen nach der OP musste ich liegen, durfte den Fuß nicht belasten. Allerdings begann gleich die Physiotherapie, damit die Muskeln in den Beinen erhalten blieben. Als die Wunde nach ein paar Monaten verheilt war, ließ ich bei einem orthopädischen Schuhmacher Schuhe anfertigen. Alle zwei Jahre zahlt das die Krankenkasse, bis auf einen Eigenanteil von 80 Euro. Der Schuh für die amputierte Seite ist vorne ausgepolstert. Die Schuhe gehen bis über die Sprunggelenke. Das gibt mehr Halt. Anfangs war das Laufen ungewohnt, doch Tag für Tag ging es besser. Und allmählich schlitterte ich zurück ins alte Leben: viel Arbeit, viel Essen, wenig Bewegung.

Vor zwei Jahren bekam ich Luftprobleme beim Treppensteigen. "Arterienverkalkung" diagnostizierte der Kardiologe. Es folgte ein Eingriff am Herzen. Ich bekam zwei Stents. Endlich begriff ich, dass ich mein Leben ändern musste, sonst würden schlimme Folgen drohen. Damals wog ich 132 Kilo, 40 mehr, als ich sollte.

Amputation

2017 krempelten vier Wochen Reha mein Leben um. Ich ging jeden Tag spazieren. Die Ernährungsberaterin setzte mich auf Diät. Was mit mir in diesen Wochen geschah, war unglaublich. Schon nach ein paar Tagen bekam ich Unterzuckerungen. Die Insulinmenge, die ich spritzte, war zu viel für das neue Leben. Die Ärzte reduzierten die Dosis.

Und heute? Ich wiege jetzt 95 Kilo. Jeden Morgen steige ich auf die Waage — und wehe, da ist ein Kilo zu viel drauf! Morgens gibt es ein Brötchen, mittags ein kalorienarmes und trotzdem leckeres Mittagessen und abends ein Knäckebrot und Obst. Alle zwei Tage gehe ich eine große Runde im Schloss­­park, oder ich radle zu Hause auf dem Ergometer. Und der Karnevalverein? Dem bin ich treu geblieben. Ich rücke Stühle und so.

Auf meine Füße passe ich auf, laufe keinen Schritt barfuß, damit keine neue Wunde entsteht. Ich gehe jeden Monat in die Fußambulanz und zur Fußpflege. Mein Blutzucker-Langzeit­wert ist inzwischen fast wie bei ­einem Gesunden. Mein Diabetologe ist begeistert. Ich brauche kein Insulin mehr, nehme dafür zwei Diabetesmittel. Am liebsten würde ich noch fünf Kilo abnehmen. 90 Kilo — das wäre was. Auch meinen Füßen zuliebe.

Amputation: Zweite Meinung einholen

Bei etwa 50.000 Diabetikern kommt es laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) jedes Jahr zu einer Amputation. "Viele ließen sich verhindern", sagt Professor Dr. Ralf Lobmann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß (AG Fuß) der DDG. Etwa wenn eine Durchblutungsstörung vorliegt und sie durch Aufdehnen des Gefäßes oder eine Bypass-OP behandelt werden kann. Ralf Lobmann fordert eine Zweitmeinungspflicht bei Amputationen oberhalb des Sprunggelenks.
Betroffene erhalten Rat über das Notfalltelefon der AG Fuß unter der Nummer 0180/3 12 34 06 (9 Cent pro Minute aus dem Festnetz, mobil maximal 42 Cent pro Minute).

Interview: "Wir lassen keinen hilflos nach Hause"

Herr Professor Greitemann, manchmal lässt sich eine größere Amputation nicht vermeiden. Wie verläuft die Rehabilitation nach dem Eingriff?

In den ersten Wochen nach einer Amputation sollen die Patienten vor allem wieder Kraft sammeln. Wir behandeln die Schmerzen. Die Betroffenen bekommen Physiotherapie und psychologische Unterstützung, und wir kümmern uns um den Stumpf, damit er abschwillt und die Wunde gut verheilt. Wenn das erreicht ist, passen wir eine erste, vorläufige Prothese an. Mit ihr lernen die Patienten wieder zu laufen. Erst später erhalten sie eine optisch schöne Prothese.

Prof. Dr. med. Bernhard Greitemann

Wie sieht das Gehtraining mit Prothese aus?

Ein Physiotherapeut übt mit den Patienten. Anfangs im Barren, weil man da nicht hinfällt. Dann mit Gehstütze oder Rollator, danach an der Treppe. Selbst das Hinfallen muss man trainieren. Die Prothese wird in Teamarbeit von Physiotherapeut, Orthopäde und Orthopädietechniker optimal auf den Patienten eingestellt.

Irgendwann geht es nach Hause. Was dann?

Unsere Mitarbeiter überlegen mit dem Patienten, ob er in seiner Wohnung mit der Behinderung zurechtkommt. Manchmal muss die Badewanne raus und eine ebenerdige Dusche rein. Bei Rollstuhlfahrern müssen eventuell die Türen verbreitert werden.

Und wer zahlt das?

Betroffene erhalten Zuschüsse von der Krankenkasse. Unsere Mitarbeiter beraten auch, was die Beantragung von Pflegegrad und Schwerbehindertenausweis und das Arbeitsleben angeht. Wir lassen keinen hilflos nach Hause.


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