{{suggest}}


Adipositas-OP: Diabetes mit Skalpell heilen?

Operationen gegen Übergewicht können auch die Blutzuckerwerte bei einem Typ-2-Diabetes bessern. Doch die Eingriffe bergen Risiken

von Günter Löffelmann, 29.01.2015
Operation

Adipositas-Chirurgie: Typ-2-Diabetes kann sogar zeitweilig verschwinden


Der Begriff Adipositas-Chirurgie fasst mehrere Formen von Eingriffen zusammen, die entweder das Fassungsvermögen des Verdauungstrakts verkleinern, die Aufnahme von Nährstoffen einschränken oder beide Ansätze vereinen. Für fettleibige Menschen, bei denen herkömmliche Maßnahmen nicht greifen, kann die Adipositas-Chirurgie daher eine Möglichkeit sein, ihr extremes Übergewicht zu reduzieren.

Adipositas-OP kann Zuckerwerte verbessern

Seit einiger Zeit zeichnet sich ab, dass die Adipositas-Chirurgie nicht nur das Gewicht sinken lassen kann, sondern auch den Blutzuckerstoffwechsel verbessert oder sogar normalisiert* – und zwar schon vor einer Gewichtsreduktion. Was diese schnelle Blutzuckersenkung bewirkt, ist bislang nicht geklärt. Im Verdauungstrakt werden jedoch zahlreiche Botenstoffe gebildet, von denen viele den Kohlenhydratstoffwechsel und die Appetitregulation beeinflussen. Möglicherweise verändert sich deren Produktion und Freisetzung nach einer Operation. Ein Beispiel dafür ist das Inkretinhormon GLP-1, das die Insulinfreisetzung aus der Bauchspeicheldrüse erhöht.

In Studien erreichten kurz nach den Eingriffen zwischen 40 bis über 90 Prozent der adipösen Menschen mit Typ-2-Diabetes auch ohne Medikamente normale Blutzuckerspiegel. In einer großen Vergleichsstudie traf dies nach 15 Jahren immerhin noch auf 30 Prozent der operierten Patienten zu, während es bei nichtoperierten lediglich gut sechs Prozent waren. Mit anderen Worten: Der Effekt auf die Blutzuckereinstellung ist keineswegs bei allen Patienten dauerhaft. Operierte Patienten entwickelten in Studien seltener diabetische Folgekomplikationen, beispielsweise an den Augen, an den Nieren und am Herz-Kreislaufsystem. In weiteren Untersuchungen zeigte sich, dass sich nach Adipositas-Operationen der Fettstoffwechsel und der Blutdruck bessern und die Schmerzbelastung an den Gelenken sinken kann, eine Schlafapnoe verschwindet häufig.

Einige wichtige Verfahren im Überblick:

Magenband (Schematische Darstellung)

1. Das Magenband

Etwas unterhalb des Mageneingangs wird ein verstellbares Silikonband um den Magen geschlungen, sodass eine tischtennisballgroße Tasche übrigbleibt. Patienten sind sehr rasch satt, der Verdauungstrakt bleibt vollständig erhalten.

Schlauchmagen (Schematische Darstellung)

2. Der Schlauchmagen

Ein Großteil des Magens wird für immer entfernt, darunter auch jener Teil, der das appetitanregende Hormon Ghrelin produziert. Die Wirkungen sind ähnlich wie beim Magenband, durch den Ghrelinmangel verspüren die Patienten zudem weniger Hunger.

Magen-Bypass (Schematische Darstellung)

3. Der Magen-Bypass (Roux-en-Y-Bypass)

Ein stark verkleinerter Magenrest wird direkt mit dem mittleren Dünndarmabschnitt verbunden, der obere Dünndarmabschnitt wird umgangen ("Bypass"). Das Verfahren kombiniert ein geringes Fassungsvermögen mit einer reduzierten Nährstoffaufnahme.

Duoswitch (Schematische Darstellung)

4. Die biliopankreatische Diversion

Der Magen wird verkleinert. Ein Teil des Dünndarms wird mit dem Magen verbunden, der andere nimmt die Verdauungssäfte aus Galle und Bauchspeicheldrüse auf und wird an den unteren Dünndarmabschnitt angeschlossen. Die Aufnahme von Nährstoffen ist dadurch sehr stark eingeschränkt.

Die Verfahren haben alle ihre Vor- und Nachteile. So ist das Magenband technisch vergleichsweise einfach durchzuführen, allerdings ist der Effekt auf das Körpergewicht nicht so ausgeprägt. Umgekehrt lassen die Schlauchmagen-Operation, der Magen-Bypass und die biliopankreatische Diversion die Pfunde stärker purzeln, aber sie sind technisch aufwändiger und haben spezifische Nebenwirkungen. Was die beste Lösung ist, hängt daher vom Einzelfall ab.

Die Eingriffe sind nicht ohne Risiko

Für viele adipöse Menschen mit Typ-2-Diabetes scheinen diese Operationsmethoden verlockend. Allerdings bleiben immer noch Fragen zu den Adipositas-OPs unbeantwortet. So können Ärzte beispielsweise noch nicht vorhersagen, wer dauerhaften Nutzen von einer Operation hat – denn teilweise nehmen Operierte nach einiger Zeit wieder zu und auch die Zuckerwerte verschlechtern sich wieder.

Zudem sind die Eingriffe teils sehr aufwändig und sie bergen Risiken. Dazu zählen einerseits die üblichen Narkose- und Operationsrisiken wie Wundheilungsstörungen, Infektionen oder die Bildung von Blutgerinnseln in den Beinvenen oder der Lunge. Zum anderen kann es auch im weiteren Verlauf zu Beeinträchtigungen kommen. Typisch sind beispielsweise Übelkeit, Erbrechen und Verdauungsstörungen, insbesondere Patienten mit Magen-Bypass und biliopankreatischer Diversion entwickeln unter Umständen Ernährungsdefizite, die durch Ergänzungsmittel ausgeglichen werden müssen.

Nie ohne umfassende Betreuung und Beratung

Darüber hinaus kann bei ihnen das so genannte Dumping-Syndrom auftreten. Dabei wird der Mageninhalt ohne ausreichende Vorverdauung schlagartig in den verkürzten Dünndarm entleert. Im ungünstigsten Fall treten dann Kreislaufstörungen bis hin zum Kollaps auf. Weiter sollten Patienten wissen, dass es unter Umständen nicht bei einer Operation bleibt. Durch die starke Gewichtsabnahme entstehen oft Hautschürzen. Wer sich einer bariatrischen Operation unterziehen möchte, muss daher umfassend vorbereitet und anschließend langfristig weiterbetreut und beraten werden.

Für wen kommt eine solche Operation überhaupt infrage?

Erste Bedingung für eine Operation ist ein Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 40 beziehungsweise zwischen 35 und 40, wenn gleichzeitig ein Diabetes, Bluthochdruck oder andere Adipositas-bedingte Erkrankungen vorliegen. Als weitere Bedingung müssen Patienten vor einer Operation erfolglos versucht haben, ihr Gewicht auf konventionelle Weise zu senken. Das heißt beispielsweise, dass sie unter ärztlicher Aufsicht Diäten durchgeführt und Sportprogramme absolviert haben. 

Und schließlich ist da noch die Frage, wer die Kosten der Therapie übernimmt. Die Gesetzlichen Krankenkassen tun dies derzeit nur nach einer Einzelfallprüfung. Grundlage dafür ist ein Antrag, in dem die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs sowie vorherige erfolglose Versuche der Gewichtsreduktion dokumentiert sind. Darüber hinaus müssen Patienten glaubhaft versichern, dass sie ihre Ernährungsgewohnheiten und ihre sportlichen Aktivitäten nach der Operation anpassen werden. Angesichts dieser Hürden wird die Adipositas-Chirurgie für stark übergewichtige Diabetespatienten daher vorerst eine seltene Behandlungsform bleiben.

Prof. Dr. Thomas Hüttl

Beratender Experte:

Professor Dr. Thomas Hüttl ist Chefarzt an der Chirurgischen Klinik München-Bogenhausen sowie Mitglied der interdisziplinären Leitlinienkommission "Adipositaschirurgie" und der Expertengruppe "Metabolische Chirurgie".

 

 

* www.diabetes-ratgeber.net ist nicht verantwortlich und übernimmt keine Haftung für die Inhalte externer Internetseiten


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes