Adipositas-OP: Nachsorge wichtig

Abnehmen durch eine bariatrische Operation – das kann ­tatsächlich das Gewicht drastisch senken. Doch für langfristigen Erfolg braucht es eine gute Nachsorge

von Andrea Grill, Dr. Sabine Haaß, 26.01.2018
Sprechstunde

Nach einem bariatrischen Eingriff benötigen Patienten ärztliche Begleitung


Wenn Professor Thomas Hüttl seinen Patienten erklärt, was sie im Leben "danach" erwartet, beschreibt er eine Banane. Mehr bleibt nach einer Schlauchmagen-Operation von dem Verdauungsorgan nicht übrig. "In diese Banane passen höchstens 100 Milliliter Nahrung", so der Ärztliche Direktor des Adipositas Zentrums München an der Chirurgischen Klinik in Bogenhausen. Ein normaler Magen fasst 20-mal so viel. Der Vergleich macht klar: Der Alltag wird sich nach dem Eingriff deutlich ändern.

Pro Jahr operiert das Ärzteteam der Münchner Fachklinik mehr als 300 Patienten. Alle leiden unter extremem Übergewicht, von dem sie trotz jahrelanger Bemühungen nicht wegkommen. In vielen Fällen gesellen sich Begleit­erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Leiden dazu.

Adipositas-OP: Beeindruckende Erfolge

Für diese Menschen ist eine bariatrische Operation (griechisch "baros" bedeutet "schwergewichtig") meist die einzige Chance, drastisch an Gewicht zu verlieren und das neue Gewicht auch zu halten. In Deutschland lassen sich etwa 10.000 krankhaft Übergewichtige pro Jahr operieren. Weltweit gibt es mittlerweile Daten Zehntausender Patienten über Zeiträume von mehr als zehn Jahren.

"Die Erfolge sind beeindruckend", sagt Experte Hüttl. "Die Patienten gewinnen an Gesundheit, ­Lebensqualität­ und Lebenszeit." Je nach Operationsmethode (siehe Grafiken) können sie meist die Hälfte bis zwei Drittel ihres überschüssigen Gewichts abspecken. Das sind für einen 1,80 Meter großen Mann, der vorher 180 Kilo gewogen hat, im Mittel etwa 60 Kilogramm.

Adipositas-Operationen

Schlauchmagen und Magen-Bypass sind die beiden am häufigsten angewandten Verfahren der bariatrischen Chirurgie

Schlauchmagen (Schematische Darstellung)

Schlauchmagen

Schlauchmagen: Der Magen wird zu einem Schlauch ­verkleinert, der größere Teil entfernt. Der Rest­magen fasst nur wenig Nahrung, Operierte sind schnell satt

Magen-Bypass (Schematische Darstellung)

Magen-Bypass

Magen-Bypass: Die Ärzte koppeln auch ein Stück Dünndarm ab. Mini-Magen und verkürzter Darm können nur wenig Nahrung verwerten und verdauen

Diabetiker profitieren doppelt

Studien belegen auch: Bariatrische Operationen verlängern das Leben. Entschließt sich heute eine stark übergewichtige 45-jährige Frau mit Typ-2-Diabetes dazu, so erhöht sie ihre Lebenserwartung statistisch gesehen um sieben Jahre.

Diabetiker profitieren besonders von der Chirurgie. Das zeigt eine große Studie aus Schweden. Bei fast drei Vierteln war der Diabetes zwei Jahre nach der Operation komplett verschwunden. Nach 15 Jahren hatte immerhin noch ein knappes Drittel normale Blutzuckerwerte, während sich bei der Hälfte der vorübergehend "Geheilten" wieder ein Diabetes entwickelte. "Diese Menschen haben trotzdem viel gewonnen", erklärt Hüttl. "Mit jedem Jahr, in dem die Blutzuckerwerte normal oder nur leicht erhöht sind, sinkt das Risiko für Folgekrankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall." Auch die Lebensqualität bessere sich für operierte Diabetiker oft sehr, weil sie mit weniger Medikamenten und Insulin auskämen.

40 muss der BMI eines fettleibigen Menschen mindestens betragen, damit die Kasse eine Operation bezahlt. Zudem muss man wenigstens sechs Monate unter ärztlicher ­Betreuung versucht haben, abzunehmen

35 ist die BMI-Vorgabe für eine OP bei einem fettleibigen Menschen mit Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes

Vorbereitung auf die Operation

Für die Operation selbst müssen die Patienten nur wenige Tage ins Krankenhaus. Die Chirurgen arbeiten minimalinvasiv (mit kleinen Schnitten), dabei entstehen keine großen Wunden. Doch bis es so weit ist, müssen Ärzte und Patienten mit viel Bürokratie kämpfen. Denn die Kassen zahlen nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Eine intensive Aufklärung vor der OP hält Hüttl für sehr wichtig: "Wir bereiten unsere Patienten in mehreren Terminen darauf vor, was sie in den Wochen nach dem Tag X erwartet und wie ihr Leben mit verkleinertem Magen aussehen wird." Das Klinikteam vermittelt früh den Kontakt zu Adipositas-Selbsthilfe­gruppen. "Neuzugänge" treffen dort auf Menschen, die schon operiert sind und Alltagsfragen beantworten. Schließlich geht es auch darum, eine geeignete Klinik zu finden. Gute Zentren sind auf Adipositas­chirurgie spezialisiert, ihre Ärzte­teams durch viele Operationen qualifiziert.

Und was passiert nach dem Eingriff? Fest steht: Das Leben ändert sich gewaltig. Umso wichtiger ist eine gute Nachsorge. Besonders in den ersten Monaten, wenn nichts mehr ist wie vorher und der Stoffwechsel sich extrem verändert, brauchen Operierte Beratung und Hilfe durch Chirurgen, Diätassistenten, Dia­betologen und manchmal auch Psychologen.

Die Psyche im Blick behalten

"Für die meisten Adipositas-Operierten geht es psychisch aufwärts, wenn die Kilos schwinden", sagt Professorin Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Viele haben als Fettleibige unter Depressionen oder Angststörungen gelitten und gewinnen in ihrem neuen Körper neuen Lebensmut."

Bei einigen kämen jedoch die alten Leiden zurück, wenn nach ungefähr einem Jahr die Phase des rapiden Gewichtsverlusts vorüber sei, sagt de Zwaan. Manchmal, so die Medizinerin, bekommen Betroffene auch ganz neue Probleme aufgrund der OP. Weil sie zum Beispiel nur noch sehr wenig essen können. Oder weil sie von einer Esssucht ins andere Ex­trem wechseln – und viel zu schnell und zu stark abnehmen.

Eingriff mit Folgekosten

Und noch ein Problem spricht die Expertin an: Wegen der starken Gewichtsabnahme bilden sich Hautlappen an Bauch, Brust, Oberarmen und Oberschenkeln, die den Körper sehr entstellen können. Die Kassen übernehmen die Kosten für die Hautstraffung häufig nicht. "Darüber müssen die Patienten vorab aufgeklärt werden, denn das ist für manche eine riesige Belastung", fordert Martina de Zwaan. Eine Bauchdecken-Plastik etwa kann mit mehreren Tausend Euro zu Buche schlagen, so Chirurg Thomas Hüttl.

Hüttl ist sich solcher Probleme bewusst und informiert seine Patienten vor der OP. Zweifel hat er trotzdem nicht. "Ich habe in vielen Berufsjahren nur eine Handvoll Patienten erlebt, die ihren Entschluss später bereut haben", sagt er. "Für vier von fünf war es die beste Entscheidung ihres Lebens."


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