Patientenverfügung: "Möglichst konkret"

Wie muss eine Patientenverfügung aussehen, damit geschieht, was Sie sich wünschen? Das ­erklärt Intensivmediziner Professor Stefan Kluge

von Sabine Lotz, 15.01.2018

Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf


Ein Mensch mit schwerem Schlaganfall und ohne Bewusstsein wird in die Klinik gebracht. Sie wissen nicht, ob er es schaffen wird. Was tun Sie?

Zunächst alles, was nötig ist, um dem Patienten zu helfen und ihn am Leben zu erhalten.

Und wenn der Betreffende eine Patientenverfügung bei sich hat, der zufolge er keine lebenserhaltenden Maßnahmen haben möchte?

Das ist eine so weitreichende Entscheidung, dass die Wirksamkeit der Verfügung geprüft werden muss. Handelt es sich um einen Notfall, wird zunächst alles zur Lebensrettung getan – das ist ärztliche Pflicht. Danach versuchen wir in Ruhe, den Patientenwillen zu ermitteln.

Unser Experte:

Professor Dr. Stefan ­Kluge, Präsidiumsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), ist ­­Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Was, wenn der Patient keine Verfügung hat: Kann dann ein Gespräch mit den Angehörigen die Patientenverfügung ersetzen?

Nein. Wenn der Patient nicht ansprechbar ist, brauchen wir eine Stellvertreter-Entscheidung durch einen Betreuer oder Bevollmächtigten. Ein Bevollmächtigter muss die schriftlich erteilte Vorsorgevollmacht im Original vorweisen. Gibt es keine Vorsorgevollmacht, bestellt das Amtsgericht auf unseren Antrag hin einen Betreuer. In der Regel schlagen wir einen Angehörigen vor.

Kommt es vor, dass Angehörige Sie bitten, nichts mehr zu unternehmen und die Geräte abzuschalten?

Das gibt es, aber ein so weitreichender Schritt muss unbedingt schriftlich abgesichert sein, etwa durch eine absolut eindeutige Formulierung in der Patientenverfügung.

Wenn der Betroffene in der Patientenverfügung keine lebenserhaltenden Maßnahmen wünscht: Was bedeutet das konkret für die Behandlung?

Dann verzichten wir auf Wiederbelebungsmaßnahmen wie eine Herzmassage – aber nur bei einer eindeutigen Patientenverfügung. Ein "Ich will keine Schläuche" genügt keinem Arzt. Wenn, dann muss im Dokument explizit stehen, dass bei einem schweren Schlaganfall mit absehbarer Pflegebedürftigkeit auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichtet werden soll. Und zwar möglichst konkret, etwa "keine künstliche Beatmung und keine künstliche Ernährung über Sonde oder Infusion".

Vorbereitung für den Notfall: So legen Sie Ihren Willen schriftlich dar

Zwei Dokumente sind wichtig für den Fall, dass Sie nicht mehr selbst entscheiden können:

  • Mit einer Patientenverfügung bestimmen Sie, was in verschiedenen medizinischen Situationen mit Ihnen geschehen soll und was nicht. Lassen Sie sich bei den konkreten Formulierungen am besten von Ihrem Hausarzt helfen. Wer wegen einer chronischen Krankheit beim Facharzt in Behandlung ist, fragt ihn. Es gibt Vordrucke, die sich durch Ihre konkreten Wünsche ergänzen lassen. Die Patientenverfügung muss datiert und unterschrieben sein. Und Ihre Angehörigen müssen wissen, wo sie liegt.
  • Mit einer Vorsorgevollmacht benennen Sie eine oder mehrere Vertrauenspersonen, die für Sie entscheiden, wenn Sie selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. Das kann medizinische Themen betreffen oder private Finanzgeschäfte. Die Vollmacht muss den Namen, die Adresse des Bevollmächtigten und von Ihnen, dem Vollmachtgeber, enthalten. Sie muss datiert und von Ihnen unterschrieben sein. Bei Angelegenheiten, die das Grundbuch oder Handelsregister betreffen, muss ein Notar sie beglaubigen.

Geeignete ­Vordrucke für Patientenver­fügungen und Vor­sorgevollmachten gibt es etwa bei den Ärztekammern, Verbraucherzentralen und Justizministerien der Länder, beim Bundesjustizministerium (www.bmj.de) sowie bei örtlichen Hospiz- und Palliativvereinen.

Wie konkret sollte eine Patientenverfügung sein?

Laut Bundesgerichtshof muss eine Patientenverfügung konkret auf einzelne medizinische Behandlungen bzw. bestimmte Krankheiten eingehen – was viele Patientenverfügungen leider nicht tun. Wir Ärzte wünschen uns beispielsweise, dass langjährige Diabetiker mit Nierenschwäche in ihre Patientenverfügung schreiben, ob sie mit einer Dialysebehandlung oder mit einer Nierentransplantation einverstanden sind oder nicht. Und bei Patienten mit schweren chronischen Lungenleiden oder einer fortschreitenden neurologischen Erkrankung wie ALS, die in absehbarer Zeit nicht mehr selbstständig atmen können werden, sollte festgehalten sein, ob sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden wollen oder nicht. 

Welche Themen sollte eine Patientenverfügung noch regeln?

Sehr wichtig sind noch die Punkte künstliche Ernährung und Wiederbelebung. Und auch die Frage einer möglichen Organspende sollte geklärt sein. Wir erleben es immer wieder, dass wir nach dem Tod eines Patienten weder aus der Patientenverfügung noch von den Angehörigen eine Information über die Einstellung des Verstorbenen zur Organspende bekommen und diese deshalb nicht möglich ist.

Was geschieht, wenn Angehörige möchten, dass der Arzt alles tut, um den Patienten nicht sterben zu lassen, auch wenn in dessen Patientenverfügung etwas anderes steht?

Die Patientenverfügung ist juristisch bindend. Wir Ärzte müssen uns so weit wie möglich daran orientieren.Letztlich zählt, was der Patient sich mutmaßlich wirklich wünscht. Wir hatten einmal einen jungen Menschen mit einer gut behandelbaren Erkrankung, der vorübergehend beatmet werden musste. Er hatte verfügt, er wolle nicht beatmet werden. Im Gespräch mit den Angehörigen kam heraus, dass er dies nur für den Fall einer lebenslangen Pflegebedürftigkeit wollte. Also haben wir ihn beatmet. Und das war auch gut so. Mein Appell: Beraten Sie sich zu einer Patientenverfügung mit Ihrem Hausarzt, und legen Sie konkret fest, welche Behandlungen Sie ganz persönlich in welchen Situationen wünschen oder ausschließen möchten.

Kommen solche Fälle wie mit dem jungen Mann häufiger vor?

Nein. Meist gibt es in puncto Patientenverfügung keine großen Probleme. Der Regelfall auf der Intensivstation sieht so aus: Wir bekommen einen schwerstkranken Patienten, der nicht ansprechbar ist. Die Angehörigen treffen ein und zeigen uns, wenn sie dies haben, eine Vorsorgevollmacht sowie gegebenenfalls eine Patientenverfügung. Dann beraten sich Ärzte und Angehörige und entscheiden gemeinsam, wie sie den Patientenwillen erfüllen.

Wenn aber die Patientenverfügung zu pauschal formuliert ist oder es gar keine gibt?

Dann sind das Gespräch mit den Angehörigen und die gemeinsame Entscheidung erst recht wichtig.


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