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Tinnitus richtig behandeln

Zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Ohrensausen. Doch Tinnitus ist kein Schicksal. Mit der richtigen Therapie bekommen Sie die Ohrgeräusche in den Griff

von Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 29.03.2017

Wer gern auf Rock-Konzerte geht, kennt das Phänomen: riesige Lautsprecherboxen, stundenlanger Lärm bis zur Schmerzgrenze. Und vor dem Einschlafen ein Pfeifen im Ohr. Am nächs­ten Morgen ist es weg und vergessen.

Millionen Menschen pfeift und brummt es im Ohr

Doch was, wenn ein solches Geräusch zum dauernden Begleiter wird und die Lebensqualität stark beeinträchtigt? "Um die zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind von chronischem Tinnitus betroffen", sagt Professor Hans-Georg Kempf, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Helios Universitätsklinikum Wuppertal. "Die meisten gewöhnen sich daran, aber etwa 100.000 leiden erheblich darunter."

Ob hohe Pfeiftöne, Rauschen, Zischen, Rattern oder Brummen, auf einem Ohr, auf beiden oder irgendwo im Kopf: Die ständige Geräuschplage kann den Schlaf und die Konzentration rauben, manchmal auch zu Ängsten oder Depressionen führen. So weit muss es jedoch nicht kommen: Tinnitus lässt sich zwar nicht heilen, aber es gibt Hilfen. "Bei etwa 20 Prozent unserer Patienten verschwindet er im Lauf der Zeit", sagt Dr. Petra Brüggemann, Leitende Psychologin am Tinnituszentrum der Berliner Charité. "Die meisten anderen lernen, ihn zu akzeptieren und mit ihm zu leben."

Welche Ursachen hat Tinnitus?

Meist liegt dem Tinnitus ein Schaden im Ohr zugrunde. Schuld daran kann eine Entzündung sein oder starker Lärm: ein "Knalltrauma" durch eine Silvester­rakete oder einen Schuss, überlaute Musik, berufsbedingter Dauerlärm, etwa im Straßenbau. Oft verschlechtert sich da­durch das Hörvermögen. Ebenso kann Altersschwerhörigkeit einen Tinnitus nach sich ziehen. Häufig findet sich jedoch keine Ursache.

Da Nervenbahnen, die für Empfindung zuständig sind, im Gehirn in enger Nachbarschaft zum Hörnerv verlaufen, können verspannte Nacken- oder Kiefermuskeln Ohrgeräusche verschlimmern. Als Verstärker gilt zudem Stress, weil er zu Muskelverspannungen führen kann. "Belastend wirken neben einem anstrengenden Job oder einer schwierigen Familiensituation auch Erkrankungen wie Dia­betes oder Bluthochdruck", erklärt Psychologin Brüggemann. Wird der Tinnitus lauter, steigt der Stress – ein Teufelskreis.

Wie entstehen die Geräusche im Ohr?

Im Innenohr wandeln Haarzellen den Schall in elektrische Signale um, die der Hörnerv ins Gehirn leitet. Sind diese Zellen, etwa durch Lärm, geschädigt, leiten sie nicht mehr alle Signale weiter. Den entstandenen Hörverlust versucht das Gehirn durch ­Überaktivität der beteilig­ten Nervenzellen auszugleichen – und erzeugt so ­Phantomgeräusche im Kopf.

An welchen Arzt soll man sich bei Tinnitus wenden?

Ohrgeräusche, die nicht nach ein bis zwei Tagen abebben, sollte man beim Hals-­Nasen-Ohren-Arzt untersuchen lassen. Er kann feststellen, ob eine Hörminderung besteht oder Erkrankungen, etwa Kiefer-, Zahnprobleme oder Bluthochdruck, die Geräusche intensivieren. Bleiben die Ohrgeräusche trotz einer Behandlung, können Tinnituszentren an Universitätskliniken oder Tinnitus-Reha-Kliniken helfen.

Behandlung: Welche Therapien gibt es bei Tinnitus?

In vielen Fällen klingt Tinnitus nach einigen Wochen von selbst ab. Zu Beginn lässt er sich häufig durch ­eine Behandlung mit Kortison bessern. Halten die Ohrgeräusche länger als drei Monate an (chronischer Tinnitus), hat oft eine Kombination verschiedener Therapien Erfolg. Am Anfang steht die Aufklärung. "Zu wissen, dass Ohrgeräusche zwar läs­tig, aber nicht gefährlich sind, erleichtert ungemein", sagt Brüggemann. Gegen Stress werden Techniken wie autogenes Training, Qigong oder progressive Muskelentspannung eingesetzt, gegen Verspannungen Massagen und Wärme.

Bei einer Hörminderung sorgt ein ­Hörgerät dafür, dass man sein Umfeld wieder besser wahrnimmt und der "Phantomlärm" in den Hintergrund tritt. Ähnlich wirken auch Achtsamkeitsstrategien. Man übt, sich auf Umgebungs­­geräusche zu konzentrieren und den Tinnitus weniger zu beachten.

Psychotherapie gegen Tinnitus

Manchen Menschen helfen Tinnitus-Noiser, die ein leises Rauschen von sich geben, oder Aufnahmen von angenehmen Naturgeräuschen. In einer kogni­tiven Verhaltenstherapie lernen Betroffene, ­ihre Ohrgeräusche neu zu bewerten: nicht als etwas Störendes, sondern als Stress­anzeiger, der vor zu viel Belas­tung warnt. So gewinnt der Tinnitus sogar einen nützlichen Aspekt.

Bei Depressionen hilft eine Psychotherapie, schwierige Lebenssituationen besser zu bewältigen – was sich auch auf den Tinnitus günstig auswirken kann.

Nützliche Informationen, auch zu Selbsthilfegruppen und Klinik­adressen, bekommen Betroffene bei der Tinnitus-Liga: tinnitus-liga.de


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