Waldbaden: Warum Bäume der Gesundheit gut tun

Wer in den Wald hineingeht, kommt fitter und gesünder wieder heraus. Sogar das Diabetesrisiko sinkt. Kein Wunder, dass Moos und Bäume auch Forscher interessieren

von Andrea Grill, 23.11.2018
Wald

Erwärmt die Sonne den Nadelwald, atmen wir die wohltuenden ätherischen Öle der Bäume ein


Goethe hat uns vor 200 Jahren schon vorgemacht, wo und wie man sich gut erholen kann: "Ich ging im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn." So lautet die erste Strophe eines Gedichtes. Der Waldspaziergang, den der Dichter treffend in Reime goss, ist bis heute bei Menschen in Stadt und Land populär.

Sobald wir "eintauchen" in einen Wald, ist vieles anders: das Licht, die Geräusche und Gerüche, der Boden. Wir empfinden das Waldklima als erholsam und entspannend. Und auch die Wissenschaft interessiert sich für die positiven Wirkungen von Wäldern und Bäumen auf die Gesundheit.

Erste Daten stammen aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals beobachtete ein Forscherteam in einem amerikanischen Krankenhaus etwas Ungewöhnliches: Patienten, die aus ihrem Zimmerfenster auf einen Baum blickten, erholten sich von einer Operation schneller als solche, die nur eine Hausmauer sahen. Ähnlich Verblüffendes berichteten US-Forscher 2015 im Wissenschaftsmagazin Nature. Sie fanden heraus: Je mehr Bäume in einer Wohngegend wachsen, umso niedriger ist das Risiko der Anwohner für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes.

 

Pilz

Japaner gehen "baden"

Besonders in Japan und Südkorea hat die grüne Wissenschaft eine lange Tradition. 1982 erfand das japanische Landwirtschaftsministerium für den gesunden Aufenthalt im Wald sogar einen eigenen Namen: "Shinrin-yoku", übersetzbar mit "Waldbaden". Millionen fließen in Südostasien seither in Forschungsprojekte, Erholungswälder und die Ausbildung von Ärzten zu Waldmedizinern.

Ideale Anti-Stress-Umgebung

Eine, die sich hierzulande bestens auskennt mit der Waldforschung, ist Professorin Dr. Karin Kraft. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der medizinischen Fakultät der Universität Rostock befasst sich schon lange mit der Heilwirkung von Wäldern. "Waldbaden senkt nachweislich den Blutdruck und verbessert die Immunabwehr", sagt sie. Auch stresslindernde Wirkungen konnten Forscher messen. Niedrigerer Blutdruck, Immunstärkung, weniger Stresshormone im Blut: Das alles hilft auch bei der Diabetestherapie. Im Gegensatz zu Medikamenten hat das Spazieren­gehen aber keine unerwünschten Nebenwirkungen und kostet nichts.

Moos

Medizin liegt in der Luft

Waldmedizin atmet automatisch ein, wer sich inmitten der Bäume bewegt. Feucht und schadstoffarm ist die Luft dort. Regen reichert sie zusätzlich an. "Er wirbelt verschiedene Mikropartikel vom Boden auf, die wir dann mit der Atemluft aufnehmen", weiß Karin Kraft. Mediziner vermuten in dem Mix gesundheitsfördernde Stoffe. Auch während heißer Wetterperioden entsteht speziell in Nadelwäldern ein gesundes Klima. Das können wir sogar riechen. Fichte, Kiefer & Co. geben in der Hitze ätherische Öle in die Luft ab, sogenannte Phytonzide. Sie lindern zum Beispiel chronische Atemwegsbeschwerden, weil sie in der Lunge Feuchtigkeit binden, also quasi wie ein Luftbefeuchter wirken.

Wie oft und wie lange sollte jemand "waldbaden", um gesundheitlich zu profitieren? Ein Forscherteam um die Wiener Umweltmedizinerin Professorin Dr. Daniela Haluza hat dazu wissenschaftliche Literatur aus 20 Jahren ausgewertet. Schon nach Aufenthalten von weniger als 15 Minuten sind positive Wirkungen nachweisbar, so das Ergebnis.

Tannenzapfen

Nicht hasten, auch mal rasten

Expertin Kraft empfiehlt, mehrmals pro Woche im Wald spazieren zu gehen. Bewegung sei immer gut und könne bei Typ-2-Diabetes helfen, Medikamente zu sparen. Zugleich trainiere der Gang auf un­ebenem Boden das Gleichgewicht besser als das Gehen auf Asphalt. "Und weil wir in Bewegung verstärkt atmen, gelangt die gesunde Waldluft dabei auch in tiefe Lungenbereiche", fügt sie noch an. Um zu profitieren, brauche sich aber niemand zu verausgaben. "Optimal ist ein Wechsel zwischen Ruhe und Bewegung", sagt Gesundheitsexpertin Kraft. Es spricht also nichts dagegen, sich zwischendurch auf einer Sitzbank niederzulassen und das "Waldbad" einfach nur zu genießen.


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