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Was macht der Diabetes mit dem Gedächtnis?

Zu hohe und zu tiefe Blutzuckerwerte können auch unserem Gehirn zusetzen. Was Forscher bisher herausgefunden haben

von Daniela Pichleritsch, 16.07.2020

Das Gehirn vor einer wichtigen Prüfung mit Traubenzucker zu dopen — bei Dia­betes ist das keine gute Idee. Und auch allen anderen nützt der Zuckerschub nicht unbedingt. Eine Studie der Berliner Charité zeigte: Ein leicht erhöhter Blutzucker kann bei Menschen ohne Dia­betes das Gedächtnis beeinträchtigen. Teilnehmer mit höheren Werten konnten sich etwa weniger Wörter merken. Auch auf zu tiefe Zuckerspiegel reagiert das Gehirn empfindlich. Akut wirkt sich Unterzucker sogar deutlich dramatischer aus. Wer nicht gegensteuert, kann das Bewusstsein verlieren.

Zum Glück erholt sich unser Denkvermögen, sobald sich die Zuckerwerte normalisiert haben. Doch wie viele Hochs und Tiefs verkraftet das Gehirn auf Dauer? Bekannt ist, dass Menschen mit Diabetes häufiger an einer Demenz erkranken. Ein Grund: Erhöhte Zuckerspiegel fördern Gefäßverkalkungen. Das tun auch Bluthochdruck und schlechte Blutfettwerte. Durch Gefäßschäden steigt die Gefahr für einen Schlaganfall. "Zudem kann es zu vielen Mini-Durchblutungsstörungen im Gehirn kommen, die allmählich die Gehirnleistung verschlechtern", sagt Professor Dr. Frank Erbguth, Ärztlicher Leiter der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg Süd.

Infografik Gehirn

Wie gefährlich sind Zuckertiefs?

Leichte Unterzuckerungen, die sich vor allem bei Typ-1-Diabetes kaum vermeiden lassen, scheinen dem Gehirn nicht zu schaden. "Wie gut es schwere Unterzuckerungen verkraftet, hängt auch vom Lebensalter ab", vermutet Professor Dr. Martin Heni, Diabetologe und Hirnforscher an der Universitätsklinik Tübingen. Schwer bedeutet, dass man sich nicht selbst aus dem Tief helfen kann. In einer Studie mit mehr als 1000 Typ-1-Diabetikern, von denen manche schon als Jugendliche teilnahmen, fand sich zwar kein Zusammenhang zwischen schweren Unterzuckerungen und Gehirnleistung — auch nicht bei denen, die im Studienzeitraum von 18 Jahren mehr als fünf schwere Tiefs hatten. Ausschließen lässt sich eine Schädigung aber nicht.

Studien mit älteren Typ-2-Diabetikern deuten darauf hin, dass schwere Unterzuckerungen langfristig die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen und das Demenz­risiko erhöhen. "Umgekehrt könnte es auch sein, dass Menschen, die bereits beeinträchtigt sind, eher zu schweren Unterzuckerungen neigen — etwa weil sie nicht richtig auf Zuckertiefs reagieren", sagt Erbguth.

Dement durch Insulinresistenz?

"Die bei Typ-2-Diabetes typische Insulinresistenz kann auch im Gehirn auftreten", sagt der Tübinger Diabetologe und Hirnforscher Professor Dr. Hans-Ulrich Häring. Bei einer Insulinresistenz reagieren die Zellen nicht ausreichend auf das Hormon. Passiert das im Gehirn, scheinen Lernvermögen und Gedächtnis beeinträchtigt zu werden. Der Körper steuert gegen, indem er mehr Insulin produziert. Das kann zu weiteren Problemen führen: Insulin ist ein Eiweiß und wird im Gehirn so abgebaut wie Eiweiße, die für die Entstehung der Alzheimer-Demenz mitverantwortlich gemacht werden. Hohe Insulinspiegel im Gehirn stören möglicherweise den Abbau dieser Eiweiße.

Zukunftsvisionen der Forscher

Einen weiteren Risikofaktor für Demenz haben die Forscher im Blick: ungünstige Ernährung. "Sie führt zu Insulinresistenz im Körper und im Gehirn und befeuert womöglich auch die Demenz", sagt Heni. Dazu kommt, dass Insulinresistenz im Gehirn unser Sättigungsgefühl beeinflusst: "Ist die Insulinwirkung abgeschwächt, essen wir mehr", sagt Häring. Weil eine Insulinresistenz im Gehirn weitreichende negative Folgen haben kann, suchen die Tübinger Forscher nach Möglichkeiten, sie zu behandeln. Eine ihrer Überlegungen: Wirken Diabetesmedikamente, die die Insulinwirkung im Körper verbessern, auch im Gehirn? Könnten sie dann vielleicht auch einer Demenz vorbeugen?

Viele Fragen sind nicht geklärt. Aber es gibt heute schon Möglichkeiten, den geistigen Abbau zu bremsen. Die wichtigsten finden Sie im Kasten unten.

Demenz vorbeugen: So schützen Sie Ihr Gehirn

Gut essen: Unser Gehirn mag eine ausgewogene Ernährung mit vielen gesunden Fetten (z.  B. Rapsöl, fetter Fisch), Obst und viel Gemüse. Essen Sie möglichst wenig Zucker, Fertig- und Weißmehlprodukte.

Werte optimieren: Klären Sie beim Arzt, wie sich Ihre Therapie verbessern lässt. Bei Typ 2 etwa durch ein Medikament ohne Unterzuckerrisiko. Viele Typ-1-Diabetiker nutzen Systeme zur ständigen Zuckermessung. Diese warnen bei drohenden Entgleisungen. So lässt sich gegensteuern. Auch wichtig: auf gute Blutdruckwerte achten, Medikamente zuverlässig einnehmen.

Sich viel bewegen: Bereits leichte körperliche Aktivität, etwa regelmäßiges Walken, kann Studien zufolge die Leistung des Gehirns verbessern.

Gesellig bleiben: Anregende Treffen mit Familie und Freunden stimulieren auch das Gehirn.


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