Insulin auch für Fett und Eiweiß berechnen?

Auch fett- und eiweißhaltiges Essen können den Blutzuckerspiegel ansteigen lassen. Diabetespatienten müssen dann unter Umständen mehr Insulin spritzen

von Daniela Pichleritsch , aktualisiert am 18.01.2017
Insulin zum Steak

Insulin fürs Steak? Manchmal kann das sinnvoll sein


Pizza am Abend bedeutete für Christian S. Kummer am Morgen. "Wenn der Pizzabote da war, wusste ich: Mein Blutzucker wird über Nacht massiv steigen, oft über 300 mg/dl (16,7 mmol/l)", sagt der Typ-1-Diabetiker. Erklären konnte er sich die Zuckerhochs nicht. "Ich habe die Insulindosis immer sorgfältig berechnet", sagt S. Wobei er natürlich nur die Kohlenhydrate berücksichtig­te, so wie er es gelernt hatte.

Blutzuckeranstieg nach fettigem Essen

Deshalb war er auch erst mal skeptisch, als sein Diabetologe, dem er sein Problem schilderte, ihm vorschlug, er solle bei der Insulindosis auch den Käse und die Salami auf der Pizza berücksichtigen. Denn Fett und Eiweiß können sich, wenn auch mit einiger Verzögerung und bei jedem Menschen unterschiedlich, ebenfalls auf den Blutzucker auswirken.

"Das ist der Grund, warum manche Typ-1-Diabetiker einige Stunden nach einer Mahlzeit mit viel Fett und Eiweiß – typisch etwa für eine Pizza oder ein Steak – rätselhafte Blutzucker­anstiege bekommen, obwohl sie sich bei der Insulindosis nicht verrechnet haben", sagt Diabetesberaterin Gisela Hogenaar-Klumpp aus Freudenstadt. Typ-2-Diabetiker kennen dieses Problem eher nicht. Das hängt damit zusammen, dass sie meist noch genug Insulin produzieren, um die verspäteten langsamen Zuckeranstiege durch Fett und Eiweiß aufzufangen.

Fett-Protein-Einheit: Insulin für Fett und Eiweiß berechnen

Seit einigen Jahren gibt es zur Lösung dieses Problems die Fett-Protein-Einheit (FPE). Sie soll helfen, den Blutzucker zu verbessern, indem auch für Fett und Eiweiß Insulin gespritzt wird. Eine FPE entspricht hundert Kilokalorien aus Fett und Eiweiß. Bei Lebensmitteln, die nur Fett und Eiweiß enthalten, zum Beispiel einem Steak, lassen sich die FPE einfach berechnen. Dazu teilt man einfach deren Kaloriengehalt durch hundert. Enthält das Essen auch Kohlenhydrate, muss deren Kaloriengehalt vom Gesamtkaloriengehalt abgezogen werden.

So können Sie den FPE-Gehalt berechnen:    

1. Kaloriengehalt der Kohlenhydrate (KH) berechnen. Weil ein Gramm Kohlenhydrate ca. 4 Kilokalorien (kcal) enthält, wird der Kohlenhydratgehalt mit 4 malgenommen.
2. Kaloriengehalt der Kohlenhydrate vom Gesamtkaloriengehalt abziehen. Das ergibt die kcal aus Fett und Eiweiß.
3. Die kcal aus Fett und Eiweiß durch 100  teilen (eine FPE entspricht 100 kcal aus Fett und Eiweiß). Das ergibt den FPE-Gehalt.

Rechenbeispiel 1: Pizza Salami (350 g), insgesamt 921 kcal, 92 g Kohlenhydrate:

92 g x 4 kcal = 368 kcal
921 kcal – 368 kcal = 553 kcal
553 kcal : 100 = 5,5 FPE

 

Rechenbeispiel 2: Döner (300 g), insgesamt 635 kcal, 53 g Kohlenhydrate

53 g x 4 kcal = 212 kcal
635 kcal – 212 kcal = 423 kcal
423 kcal : 100 = 4,2 FPE

 

Rechenbeispiel 3: Schwarzwälder Kirschtorte (140 g), insgesamt 350 kcal, 40 g Kohlenhydrate

40 g x 4 kcal = 160 kcal
350 kcal – 160 kcal = 190 kcal
190 kcal : 100 = 1,9 FPE

Weil Fett und Eiweiß den Blutzucker verzögert steigen lassen, kann die nötige Insulinmenge nicht zusammen mit dem Insulin für die Kohlenhydrate gespritzt werden. Am einfachsten haben es Diabetiker mit Insulinpumpe. Sie können einen "verzögerten Bolus" programmieren. Das ist eine Insulindosis, die über einen längeren Zeitraum abgegeben wird. Wie lange, hängt von der Menge der Fett-Protein-Einheiten ab. Denn je mehr FPE die Mahlzeit enthält, umso länger wirken sie sich auf den Blutzucker aus.

Diabetesberaterin Hogenaar-Klumpp rät, den verlängerten Bolus bei einer FPE für drei Stunden zu programmieren, bei zwei FPE für vier Stunden, bei drei FPE für fünf und ab vier FPE für sechs bis acht Stunden.

Vorsicht vor einer Unterzuckerung

Weniger leicht haben es Diabetiker, die mit dem Pen spritzen. Hier muss man sich langsam an die Lösung herantasten – zum Beispiel, indem man etwa drei Stunden nach einer fett- und eiweißreichen Mahlzeit eine kleine Dosis Insulin nachspritzt. Allerdings muss man seinen Blutzucker dabei sorgfältig im Auge behalten, da natürlich das Risiko für eine Unterzuckerung steigen kann. Aus diesem Grund rät Hogenaar-Klumpp auch, für eine FPE zunächst nur die Hälfte der Insulinmenge zu veranschlagen, die man für eine Brot- bzw. Kohlenhydrateinheit (BE/KE) spritzt.

Christian S. hat inzwischen herausgefunden, dass er für eine FPE genauso viel Insulin braucht wie für eine BE. Wenn er heute eine Pizza isst, ruft er das Insulin für die Kohlenhydrate wie gehabt an seiner Pumpe ab. Für den Fett- und Eiweißbelag programmiert er einen verlängerten Bolus. Weil ihm das ständige Kopfrechnen auf Dauer lästig wurde, hat er eigens eine App für sein Smartphone programmiert, die ihm diese Arbeit abnimmt.

FPE berechnen kein Muss

Der zusätzliche Rechenaufwand ist ein Grund, weshalb Diabetesberaterin Hogenaar-Klumpp längst nicht jedem Typ-1-Diabetiker zur FPE rät. Schon gar nicht jenen, die erst seit Kurzem Diabetes haben. "Das Rechnen mit Kohlenhydraten ist am Anfang Herausforderung genug", sagt sie. Ihrer Erfahrung nach kommen viele Dia­betiker auch ohne zusätzliche FPE-Rechnerei ganz gut zurecht.

"Wer zum Beispiel regelmäßig einen Döner mit viel Fleisch isst, weiß mit der Zeit ohnehin, dass er dafür etwas mehr Insulin braucht, als nach dem Kohlenhydratgehalt zu erwarten wäre", sagt Hogenaar-Klumpp. Einen FPE-Versuch schlägt Hogenaar-Klumpp insbesondere Patienten vor, deren Blutzucker zum Beispiel nach fleischlastigen Grill­abenden oder einer üppig mit Käse belegten Pizza regelmäßig stark ansteigt. "Viele trauen sich zuerst nicht, ihre Insulindosis zu erhöhen – und sind dann überrascht, wie gut es plötzlich mit den Blutzuckerwerten klappt", sagt Hogenaar-Klumpp.

Auf eine ausgewogene Ernährung achten

Kinder mit Typ-1-Diabetes scheinen von der FPE besonders zu profitieren. "Bei Kindern kann manchmal schon eine einzige Scheibe Wurst oder Käse den Blutzucker steigen lassen", weiß Professorin Olga Kordonouri, Chefärztin am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Auch der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger hält das Rechnen mit FPE für sinnvoll – allerdings nur, wenn eine Mahlzeit fast ausschließlich aus Fett und Eiweiß besteht. "Wer sich ausgewogen ernährt, kommt meist ohne FPE zurecht", sagt Kröger.

Er empfiehlt die FPE in erster Linie Typ-1-Diabetikern, die ungewöhnlich viel Eiweiß essen. Zum Beispiel während einer Diät, bei der ganze Mahlzeiten durch eiweißreiche Shakes ersetzt werden. "Deckt man das Eiweiß nicht mit Insulin ab, kann der Blutzucker später stark steigen", so Krögers Erfahrung. Allerdings rät auch er, das Insulin für Fett und Eiweiß vorsichtig zu dosieren, um keine Unterzucker-Überraschung zu riskieren.

Vorgehen unbedingt mit Diabetologen klären

Diabetologin Dr. Silvia Zschau aus München empfiehlt die FPE vor allem bei eiweißreichen Abendessen. Bei Mahlzeiten ohne Kohlenhydrate rät sie, den Blutzucker zu kontrollieren und einen erhöhten Wert gegebenenfalls mit Insulin zu korrigieren. Bei fett- und kohlenhydrat­reichen Gerichten wie Pizza oder Pasta hat sich bei manchen ihrer Patienten mit Insulinpumpe eine weitere Strategie bewährt: Sie geben einen Teil des Insulins für die Kohlenhydrate verzögert ab. Denn Fett verlangsamt den Blutzucker­anstieg durch Kohlenhydrate.

Wie man die Insulindosis bei fett- und eiweißreichen Mahlzeiten am besten anpasst, wird auch im Internet von Typ-1-Dia­betikern kontrovers diskutiert. Klar ist: Eine Strategie, die bei allen gut funktioniert, gibt es nicht. In jedem Fall sollte man nicht auf eigene Faust anfangen, auch Fett und Eiweiß mit Insulin abzudecken, sondern zuvor mit seinem Diabetologen sprechen. Christian S. jedenfalls ist froh, dass er dem Rat seines Arztes gefolgt ist. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach fast 30 Jahren Diabetes noch so viel dazulernen könnte", sagt er. 


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