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Ketoazidose: Stoffwechsel außer Kontrolle

Insulinmangel kann den Stoffwechsel aus dem Lot bringen und eine Ketoazidose auslösen. Vor allem Typ-1-Diabetiker sind gefährdet. So reagieren Sie rechtzeitig und richtig

von Andrea Grill, aktualisiert am 08.11.2016
Urintest

Eine Ketoazidose lässt sich mit Hilfe von Teststreifen nachweisen


Schlafen, einfach nur schlafen. Dieser Wunsch war stärker als jede Vernunft, erin­nert sich Andreas T., als er im Klinikbett liegend mit seinem Arzt spricht. Ein Virusinfekt hatte den Typ-1-Diabetiker einige Tage zuvor erwischt. Mit hohem Fieber und Halsschmerzen fing frühmorgens alles an. Er konnte kaum etwas essen und spritzte deshalb nur die Hälfte der üblichen Insulinmenge.

Blutzuckerkontrollen? Klar, die wären wichtig gewesen, aber dazu war er einfach zu müde. Als seine Lebensgefährtin abends nach Hause kam, fand sie Andreas T. schwer atmend und kaum ansprechbar im Bett – und rief sofort den Notarzt. Es folgte eine Fahrt mit Blaulicht ins Krankenhaus: Bei dem 41-Jährigen hatte sich eine Ketoazidose entwickelt, eine Stoffwechselentgleisung, die unbehandelt lebensbedrohlich sein kann.

Ketoazidose: Vor allem Typ-1-Diabetiker gefährdet

Vor allem Typ-1-Diabetiker sind von einer Ketoazidose bedroht, denn sie ist in der Regel Folge eines ausgeprägten Insulinmangels. Typ-1-Diabetiker müssen Insulin regelmäßig spritzen, weil ihr Körper das Hormon nicht produzieren kann. Das Vergessen der Injektion, aber auch ein Defekt an Pumpe oder Pen kann rasch zu einem Mangel führen. Besonders hoch ist das Risiko bei fieberhaften Infekten: "Bei einer Körpertemperatur von über 39 °C steigt der Insulinbedarf deutlich, oft um bis zu 50 Prozent", sagt die Diabetologin Dr. Jolanda Schottenfeld-Naor aus Düsseldorf. "Das ist vielen Dia­betikern nicht bewusst. Im Gegenteil glauben viele, weniger Insulin zu brauchen, wenn sie keinen Appetit haben."

Mancher Kranke fühlt sich zudem einfach zu elend, um seinen Blutzucker ständig zu kontrollieren – sodass ihm das gefährliche Steigen seiner Werte gar nicht bewusst ist. Ohne Insulin gelangt jedoch keine Glukose (Traubenzucker) in die Zellen – und der Stoffwechsel schaltet auf Notversorgung um. Zum einen produziert die Leber mehr Glukose, ohne damit jedoch viel auszurichten. Im Gegenteil: Ohne Insulin häuft sich immer mehr Glukose im Blut an. Gleichzeitig werden Fettdepots zur Energie­gewinnung genutzt. Dabei entstehen als Abbauprodukte sogenannte Keton­körper. Normalerweise zirkulieren nur wenige dieser sauren Moleküle im Blut, aber jetzt überschwemmen sie den Körper regelrecht.

Der Körper versucht, Glukose und Ketonkörper mit dem Urin auszuscheiden. Dabei gehen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren. Fatale Folge: Der Körper trocknet aus. Ohne Eingreifen kann der Stoffwechsel kollabieren, bis hin zu Koma und Kreislaufversagen.

Bei Fieber Insulindosis erhöhen

So weit muss es jedoch nicht kommen. Wer erkennt, dass sich eine Ketoazidose entwickelt, kann die Entgleisung auffangen. Bei Fieber sollten Diabetiker vor allem die Dosis des kurz wirksamen Insulins schrittweise erhöhen, rät Schottenfeld-Naor. Auch wenn Kopf und Glieder schmerzen und es schwerfällt: Blutzuckerkontrollen sind jetzt besonders wichtig, mindestens alle drei Stunden.

Sinkt der Blutzucker trotz Insulingabe nicht unter 250 mg/dl (13,8 mmol/l), ist ein Ketontest angesagt. Der Nachweis im Urin ist unkompliziert: Keton-Teststreifen eintauchen und das Ergebnis ablesen. Je nach Azetonkonzentration verfärbt sich das Testfeld von Grau (0) zu Violett (++) bis Dunkelviolett (+++). Was dann zu tun ist, legt ein vom Arzt erstellter Korrekturplan fest. Wer noch keinen hat, sollte beim nächsten Arztbesuch danach fragen.

Wichtig bei Ketoazidose: Viel Flüssigkeit

Ab einem doppelt positiven Testergebnis gilt: viel trinken, mindestens einen hal­ben Liter pro Stunde (idealerweise Mineralwasser). Und vor allem: zusätzliches Insulin spritzen, und zwar bis zu 20 Prozent der gesamten Tagesmenge als kurz wirksames Normal- oder Analoginsulin. Danach wird alle zwei Stunden gemessen und korrigiert, bis sich der Stoffwechsel normalisiert hat. Körperliche Anstrengung ist so lange tabu.

"Holen Sie einen Arzt, wenn der Ketontest auch nach der dritten Korrektur noch positiv ausfällt, sich Ihr Allgemeinbefinden verschlechtert, Ihnen übel wird oder Sie erbrechen müssen", rät Schottenfeld-Naor. Wer diese Warnzeichen für eine Ketoazidose nach dem Motto "das wird schon wieder!" ignoriert, der riskiert, dass er am Ende nicht zu Hause, sondern nur noch im Krankenhaus gesund werden kann.

So entsteht eine Ketoazidose

Ketoazidose

Insulinmangel:

Bei Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin. Wird kein (oder zu wenig) Insulin gespritzt, gelangt Glukose nicht in die Zellen. Diesen fehlt Energie, während der Blutzucker steigt.

Ketoazidose

Energiemangel:

Um den Energiemangel zu überwinden, produziert die Leber Glukose und gibt sie ins Blut ab. Ohne Insulin gelangt die Glukose nicht in die Zellen, der Blutzucker steigt weiter.

Ketoazidose

Übersäuerung:

Jetzt versucht der Körper, durch den Abbau von Fett Energie zu gewinnen. Dabei entstehen saure Ketonkörper und gelangen ins Blut.

Ketoazidose

Ausscheidung:

Ein Teil der Ketonkörper und der überschüssigen Glukose wird von den Nieren in den Harn gefiltert.

Ketoazidose

Flüssigkeitsmangel:

Infolge der vermehrten Ausscheidung von Glukose und Ketonkörpern gehen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren. Es drohen Austrocknung, Koma, Kreislaufversagen.

Ketoazidose: Symptome erkennen

Ohne Behandlung kann sich eine Ketoazidose bereits innerhalb weniger Stunden entwickeln.

Warnzeichen einer Ketoazidose sind:

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • häufiges Wasserlassen
  • Durst
  • Azetongeruch aus dem Mund (fruchtig-stechend wie überreifes Obst)

Holen Sie ärztliche Hilfe bei:

  • Apathie/Schläfrigkeit
  • starken Bauchschmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • reduzierter Urinmenge

Eine lebensbedrohliche Situation kann entstehen, wenn die Ketoazidose unbehandelt bleibt. Symptome sind:

  • angestrengte, vertiefte Atmung
  • Austrocknung von Haut und Schleimhäuten
  • Bewusstseinsstörungen, Bewusstlosigkeit

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