Typ-2-Diabetes: So klappt es mit Insulin

Menschen mit Typ-2-Diabetes fällt der Wechsel von Tabletten auf Insulin oft schwer. Antworten auf die wichtigsten Fragen
von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 29.09.2017

Der Pen – ständiger Begleiter der Insulintherapie

W&B/Henning Ross

Manche Typ-2-Diabetiker brauchen es gleich nach der Diagnose, andere erst Jahre später: Insulin. Von den sechs Millionen Typ-2-Diabetikern in Deutschland wer­den mehr als 1,5 Millionen mit dem blutzuckersenkenden Hormon behandelt. Doch es muss gespritzt werden: Das ist einer der Gründe, wes­wegen viele Menschen zögern, eine Insulintherapie zu beginnen.

Die meisten Diabetologen empfehlen, mit der Insulintherapie frühzeitig zu beginnen – weil sich die Blutzuckerwerte damit rasch bessern und das Risiko für Folgeerkrankungen sinkt. Und auch die Betroffenen sind im Nachhinein oft froh, den Schritt von Tabletten auf Insulin gewagt zu haben. Die Diabetologin Dr. Silvia Zschau aus München, der Diabetologe Dr. Ralf Kolassa aus Bergheim und die Diabetesberaterin Wiebke Kurzawa aus Wolfratshausen beantworten die wichtigsten Fragen zur Insulintherapie.

1. Ab wann brauche ich Insulin?

Sie brauchen als Typ-2-Diabetiker Insulin, sobald sich Ihre Blutzuckerwerte trotz eines gesunden Lebensstils und Diabetes-Tabletten nicht ausreichend senken lassen. "Nicht ausreichend" bedeutet: Der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c liegt über dem Ziel­bereich. Dieser wird stets individuell vereinbart und liegt meist zwischen 6,5 und 7,5 Prozent (bzw. 47,5 und 58,5 mmol/mol).

Meist machen Ärzte die Entscheidung für die Insulintherapie aber nicht nur am HbA1c-Wert fest, sondern auch an den Blutzuckerwerten, die die Patienten zumindest stichprobenhaft überprüfen, etwa nach einer Mahlzeit oder morgens vor dem Frühstück.

2. Wie oft muss ich spritzen?

Das richtet sich danach, wann die Werte zu hoch sind. Die meisten Typ-2-Diabetiker haben zunächst nur erhöhte Nüchternwerte, sagt Ralf Kolassa. Sie nehmen weiter ihre blutzuckersenkenden Tabletten ein und spritzen einmal am Tag, meist abends, ein lang wirkendes Insulin. Es verhindert, dass der Blutzucker nachts zu stark steigt. Bei anderen klettern die Werte nach dem Essen zu hoch. Das lässt sich vermeiden, indem man zu den Mahlzeiten jeweils ein kurz wirkendes Insulin spritzt. Manchmal ist eine Kombination beider Insulintherapieformen nötig.

3. Warum ist Insulin überhaupt so wichtig für mich?

Eine gute Blutzuckereinstellung lohnt sich vor allem langfristig. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass gute Zuckerwerte das Risiko für Diabetes-Folgekrankheiten senken. Herzinfarkte, Schlaganfälle, Augen- oder Nierenprobleme treten dann deutlich seltener auf. Außerdem: "Normalisieren sich durch die Insulintherapie die Zuckerwerte, fühlen sich viele Menschen innerhalb kurzer Zeit wieder fitter", sagt die Diabetologin Dr. Silvia Zschau. Der Grund: Die Körperzellen werden wieder besser mit Zucker versorgt, den sie zur Energiegewinnung brauchen.

4. Ich habe Angst vorm Spritzen! Was soll ich tun?

"Zu Beginn einer Insulintherapie geht das vielen so", sagt die Diabetesberaterin Wiebke Kurzawa. Gegen diese Angst helfe vor allem, das Spritzen einfach auszuprobieren. "Viele sind überrascht, wie kurz und dünn die Nadel ist und dass sie den Einstich kaum spüren – sogar weniger als den Piks beim Blutzuckermessen." Am Bauch, wo Insulin gespritzt wird, sind viel weniger Nerven als an den empfindlichen Fingerspitzen, wo der Bluts­tropfen für die Zuckermessung gewonnen wird. "Viele ‚Anfänger‘ befürchten zudem, mit dem Spritzen nicht zurechtzukommen", sagt Kurzawa. Doch auch diese Sorge sei meist unbegründet. Die Handhabung der Insulinpens ist einfach: Nadel aufsetzen, Dosis einstellen, Insulin injizieren, fertig.

5. Macht Insulin dick?

Zu Beginn der Therapie nehmen viele ein paar Kilo zu. Das hat verschiedene Ursachen. Wenn das Insulin die Zuckerwerte senkt, scheidet der Körper weniger Zucker mit dem Urin aus – diese Kalorien bleiben dann im Körper. Dagegen hilft: sich mehr bewegen und weniger Kalorien aufnehmen.

Ein weiterer Grund für Extrakilos: Heiß­hunger im Unterzucker. Manche nehmen dann mehr Kohlenhydrate zu sich als nötig. Doch auch der Umgang mit Zuckertiefs lässt sich lernen. Viele legen mit der Insulintherapie an Gewicht zu, weil sie irrtümlich glauben, dann mehr essen und die Kohlenhydrate einfach mit Insulin "weg­spritzen" zu können.

6. Brauche ich eine Schulung?

In einer Schulung lernen Sie vieles, was Ihnen die neue Therapie leichter macht: etwa Unterzuckerungen zu vermeiden und was beim Essen wichtig ist. "Sie bietet die Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen, die Erfahrung mit der Therapie haben", sagt Diabetesberaterin Kurzawa. Anspruch auf eine Schulung hat, wer in ein Chronikerprogramm der Krankenkasse (DMP) eingeschrieben ist.

7. Muss ich jetzt täglich den Blutzucker messen?

Wie oft Sie messen sollten, hängt von der Therapieform ab: Wer nur einmal täglich ein lang wirkendes Insulin spritzt, bei dem genügen meist gelegentliche Kontrollen. Diabetiker, die eine Mischung aus kurz und lang wirkendem Insulin spritzen und stabile Werte haben, kommen in der Regel mit gelegentlichen "Tagesprofilen" aus. Dabei wird der Zucker nach den Hauptmahlzeiten und vor dem Schlafengehen kontrolliert. Wer mehrfach täglich spritzt und die Dosis selbst anpasst, muss seinen Blutzucker häufiger kontrollieren.

Wichtig: Messen Sie immer, wenn Sie sich ans Steuer setzen, bei Verdacht auf eine Unterzuckerung oder bei einem erhöhten Risiko für ein Zuckertief: etwa beim Sport oder wenn Sie Alkohol getrunken haben. Wie Sie den Zucker rasch wieder anheben, lesen Sie in der Spalte rechts.

8. Einmal Insulin, immer Insulin?

"Manche Typ-2-Diabetiker brauchen das Insulin tatsächlich nur vorübergehend", sagt Dr. Zschau. "Eine Insulintherapie kann die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produzieren, entlasten." Diese "Erholungskur" kann aber nur funktionieren, wenn der Diabetes noch nicht lange besteht und wenn Sie Ihren Insulinbedarf durch vermehrte körperliche Aktivität und Abbau von Übergewicht deutlich senken. Mit der Zeit lässt die Insulinproduktion in der Regel wieder nach – und Sie müssen die Insulintherapie eventuell erneut aufnehmen.

9. Wie oft soll ich zum Arzt?

Einmal im Quartal genügt meist, so Ralf Kolassa. Das gilt auch, wenn Sie in das Chronikerprogramm Ihrer Krankenkasse (DMP) eingeschrieben sind. Ihr Arzt bestimmt den Blutzucker-Langzeitwert HbA1c, schaut sich die Werte der vergangenen Monate an (Diabetes-Tagebuch mitnehmen) und bespricht mit Ihnen, ob Sie an Ihrer Therapie etwas ändern sollen.

10. Brauche ich jetzt überhaupt noch meine Diabetestabletten?

Viele Typ-2-Diabetiker kombinieren vor allem in der Anfangszeit Tabletten und Insulin. Manche Tabletten erhöhen aber das Risiko für eine Unterzuckerung und dürfen deshalb nicht gemeinsam mit Insulin verabreicht werden. Die Kombination Insulin mit Metformintabletten kann dagegen sinnvoll sein, weil sie dann möglicherweise mit einer geringeren Insulindosis auskommen. "Außerdem zeigt die Erfahrung: Mit Metformin nimmt man nicht so leicht zu", sagt Ralf Kolassa.


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