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Happy Fabibetes!

Ganze sechs Kilo verliert Konstantin innerhalb weniger Wochen. Er hat unbändigen Durst, Heißhunger, dann wieder keinen Appetit. Mitten im Sommerurlaub bricht das Diabetesmonster los. Genau ein Jahr ist es her, dass das Familienleben der Fabians von den Füßen auf den Kopf gestellt wurde. Ein Rückblick

von Isabelle Fabian, 28.08.2020
Junge mit Diabetes im Krankenhaus

Vor einem Jahr: Nach dem Blutzuckertest wurde Konstantin sofort ins Krankenhaus überwiesen


Geburtstage, Kennenlerntage, Hochzeitstage – Jubiläen zu zelebrieren, das ist uns wichtig. Im vergangenen Sommer ist noch ein weiteres bedeutendes Datum hinzugekommen: der Tag, an dem unser Mittlerer, Konstantin (damals 9), die Diagnose Diabetes Typ 1 erhielt. Eigentlich gibt es keinen Grund, das zu feiern, unser Schatz ist seitdem chronisch krank. Aber gerade weil dieses Ereignis unser Familienuniversum völlig verändert hat, wir schwierige Zeiten gemeistert und das Diabetesmonster so weit "gezähmt" haben, dass es nicht mehr unseren Alltag bestimmt, ist dieser Anlass erinnerungswürdig.

Vor einem Jahr: Konstantin hatte schon immer gern gegessen, manchmal auch maßlos. Irgendwann hatte er trotz Leistungsschwimmen ein paar Pfunde zu viel. Bis die Speckröllchen im Sommerurlaub 2019 plötzlich verschwanden, ohne Dazutun. Das hätte mich rückblickend betrachtet alarmieren müssen, stattdessen freute ich mich. Den Verdacht, dass meinem Kind etwas fehlen könnte, hatte ich nicht. Diabetes Typ 1? Der Gedanke kam mir nicht einmal. Eher hatte ich mich immer gesorgt, Konstantin könnte Typ-2-Diabetes bekommen wegen seines leichten Übergewichts und wegen seiner Lust auf Süßigkeiten. Im Nachhinein: wie dumm von mir.

Unsere Ferien in den Alpen waren erlebnisreich, wie immer bei uns fünf Fabies. Genießen konnte ich sie nicht. Konstantin strapazierte die Nerven der restlichen Familienmitglieder, und ich war permanent damit beschäftigt, Frieden zu stiften. Konstantin wollte zum Frühstück im Hotel nichts essen, kaum waren wir unterwegs, hatte er üble Laune, weil Hunger. Oder er moserte beim Wandern und Klettern. Wir vermuteten, er habe einfach keinen Bock. Er trank viel, unsere Wasserflaschen waren ständig leer. Das sorgte für Unmut. Ebenso die häufigen Toilettengänge nachts, wodurch sich Konstantins großer Bruder gestört fühlte. Irgendwann schaffte es unser Sohn nicht mehr: Das Bett war morgens nass und mein Mann sauer. Abends beschränkten wir die Getränke. Rückblickend sind sämtliche Verhaltensweisen unseres Kindes erklärbar: Das Diabetesmonster schlich sich zu diesem Zeitpunkt schon längst an.

Nach den Tagen in den Bergen besuchten wir die Großeltern in Stuttgart. Mein Schwiegerpapa meinte zu Beginn: "Ihr solltet Konstantin auf Zucker untersuchen lassen. Er trinkt so viel." Er hatte den richtigen Riecher. Doch mein Mann und ich taten das ab, weil wir den Blutzucker bei Verwandten nicht allzu lange zuvor mal spaßeshalber getestet hatten. Der Wert war völlig in Ordnung gewesen. Dass sich das schnell ändern kann und dass dieser kleine Pikser nur eine Momentaufnahme war, ahnten wir nicht.

Dann baute Konstantin zusehends ab, hatte Bauchschmerzen und brach während eines Ausflugs mit den Großeltern fast zusammen. Das war der Moment, als es bei mir Klick machte! Ich googelte nach Diabetessymptomen und brach in Panik aus. Betete aber gleichzeitig dafür, es möge ein Irrtum sein. Weil unsere Jüngste mit einer Sommergrippe flachlag, schickte ich Konstantin und seinen Papa in eine Apotheke zum Blutzuckermessen. Das Ergebnis: nicht mehr messbar, weil viel zu hoch. Die Apothekerin schickte uns zum Kinderarzt. Nachdem die Praxis dicht war, sagte mein Mutterinstinkt mir: Urlaubsabbruch. Noch am gleichen Abend fuhren wir nach Hause nach Dresden, um am nächsten Tag zum Arzt zu gehen.

Als wir nachts daheim ankamen, richtete ich Konstantin ein Lager in unserem Schlafzimmer, ich hatte Angst, ihn allein zu lassen. Ich schreckte öfter hoch und lauschte, ob er noch atmete. Warum wir nicht gleich ins Krankenhaus gefahren sind, kann ich rückblickend nicht sagen. Vielleicht, weil wir irgendwie doch noch gehofft hatten, dass es nicht so schlimm sei und dass sich alles aufklären würde.

Am nächsten Morgen fuhr mein Mann mit Konstantin zum Kinderarzt. Sein Nüchternblutzucker lag bei mehr als 20 mmol/l (360 mg/dl). Er wurde sofort in die Klinik überwiesen. Ich war sprachlos, als mir mein Mann am Telefon mitteilte, unser Kind hätte Diabetes und eine schwere Ketoazidose.

Junge beim Essen im Krankenhaus

Und dann kam das schlechte Gewissen: Wir als Eltern waren für seinen Zustand verantwortlich. Dass unser Sohn überhaupt noch auf eigenen Beinen stehen konnte, völlig überschwemmt von und vergiftet durch Ketonkörper, grenzte für die Oberärztin an ein Wunder. Meine Oma pflegt immer zu sagen: "Man braucht ein paar Pfunde mehr, für schlechte Zeiten." Sein kleines Polster hat Konstantin vermutlich das Leben gerettet.

Die ersten Tage quälte ich mich mit Vorwürfen: Wie konnte ich so blind sein, so unwissend? Was hätte alles passieren können? Konstantin hingegen steckte seinen neuen Begleiter, das Diabetesmonster, ganz cool weg. Und so steckte ich meine Vorwürfe auch weg, in eine Schublade. Es gab viel zu lernen, zu organisieren, neu zu sortieren. Keine Zeit, zu verzweifeln und sich vom Selbstmitleid zerfressen zu lassen.

Ein Jahr ist es nun her, dass Konstantin in die Klinik kam und das erste Mal Insulin erhielt, weil seine Bauchspeicheldrüse den Geist aufgegeben hatte. Es geht ihm heute gut. Auch wenn er manchmal die Nase voll hat und sehr wohl weiß, dass er sein ganzes Leben lang "krank" sein wird. Ein Jahr nach der Diagnose feiern wir, dass Konstantin lebt, dass er keine bleibenden Schäden von dieser massiven Stoffwechselentgleisung davontragen wird und dass wir als Familie so stark sind. Und ja, manchmal wünschte ich noch, ich hätte früher reagiert. Dennoch. Happy Fabibetes!


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