Kind mit Typ 1: Balanceakt in die Selbstständigkeit

Bei Typ-1-Diabetes müssen Kinder Schritt für Schritt lernen, sich selbst um ihre Krankheit zu kümmern. Doch der richtige Moment zum Loslassen ist für Eltern nicht so leicht zu finden

von Tina Haase, 22.06.2017
Insulinmessung

Kinder lernen nach und nach, sich selbst um ihren Diabetes zu kümmern


Vier Tage vor der Einschulung sagte die Integrationshelferin ab. Sie könne Finnja, die Typ-1-Diabetes hat, nun leider doch nicht betreuen. "Ich schaffe das schon alleine", sagte Finnja. "Wir versuchen es", sagte die Lehrerin. "Hoffentlich geht das alles gut", sagte Finnjas Mutter Nadine N., alleinerziehend und berufstätig. Von nun an hatte die Lehrerin Traubenzucker in der Tasche und schaute Finnja beim Blutzuckermessen und Bedienen der Pumpe über die Schulter. Und war beeindruckt, wie die damals Sechsjährige aus Lennestadt in Nordrhein-Westfalen ihren Diabetes behandelte.

Die Kinder geben das Tempo vor

Wann entlassen Eltern ihre Kinder mit Typ-1-Diabetes in die Selbstständigkeit? Und wie viel können sie ihnen zutrauen? Sollen sie die Diabetestherapie möglichst bald an ihre Kinder abgeben oder sie lieber häufig kontrollieren? "Die Lösung liegt irgendwo in der Mitte", sagt Diplom-Psychologe Béla Bartus, der die Psychodiabetologie an der Filderklinik bei Stuttgart leitet. "Während bei den ganz Kleinen die Eltern fast alles machen, übernehmen Jugendliche bestenfalls fast alles alleine, Mutter und Vater behalten aber einen Blick darauf."

Das Wichtigste in Kürze

 

  • Wie lange und wie viel Hilfe ein Kind mit Diabetes Typ 1 braucht, kann individuell ganz verschieden sein
  • Kinder und Jugendliche, die bis ins Erwachsenenalter von ­ihren Eltern begleitet und unterstützt werden, managen ihre Erkrankung später besser

Ein Zwei- oder Dreijähriger kann zum Beispiel den Finger aussuchen, in den gepikst wird. Um den Rest der Therapie kümmern sich die Eltern. Mit vier oder fünf Jahren können manche Kinder schon mal allein Blutzucker messen oder die Pumpe bedienen. Und einige wissen schon genau, wie viele Kohlenhydrate in der Pizza stecken. Wie schnell Kinder dabei ihren Diabetes selbst managen, ist Typ­sache: "Kinder sollen dabei das Tempo vorgeben", rät Psychologe Béla Bartus.

Kliniken bieten Kurse für Kinder an

Lernen, selbstständig mit dem Diabetes umzugehen: Dafür gibt es in Deutschland einige Hilfsangebote. Spezialisierte Kliniken, etwa das Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover, bieten Kurse für Schulanfänger an. In "Fit für die Schule" lernen Vor- und Grundschüler die Anzeichen einer Unterzuckerung kennen. Sie basteln Notfallboxen mit Traubenzucker für das Klassenzimmer und üben, Pen, Pumpe und Messgerät zu bedienen.

Zudem verinnerlichen sie eine wichtige Regel: nur im Beisein von Mama, Papa oder Lehrer die Pumpe bedienen oder spritzen. "Es ist erstaunlich, wie selbstbewusst die meisten in der ersten Klasse mit ­ihrem Diabetes umgehen", erzählt Diabetesberaterin Kerstin Remus, die den Kurs mitentwickelt hat. "Der Großteil der Kinder kann unserer Erfahrung nach alleine in die Schule gehen."

Das bestätigt auch Dr. Dörte Hilgard. Sie leitet die Kinderdiabetologie am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke in Nordrhein-Westfalen. Schüler, die noch mit anderen Krankheiten oder Problemen zu kämpfen haben, benötigen vielleicht einen Integrations­helfer, der vom Sozialamt bezahlt wird. Das sollten Eltern und Diabetes­team gemeinsam entscheiden.

An Erfahrungen wachsen

Grundschüler, egal wie fit sie sind, brauchen Erwachsene, die sie ans Blutzuckermessen erinnern und ihnen bei der Dosierung des Insulins helfen. Sind die Lehrer dazu nicht bereit, müssen Eltern auf einen Integrationshelfer ausweichen oder auf einen Pflegedienst, den die Krankenkasse bezahlt.

Schritt für Schritt werden Kinder dann immer selbstständiger – und sie wachsen an Erfahrungen. "Alleine zum Kindergeburtstag ist ein Erfolgserlebnis", sagt Bartus. Später sind es Klassenfahrten, die den Nachwuchs stärken. Finnja, jetzt zehn und Gymnasiastin, managt ihren Diabetes weitgehend selbst. Den Katheter zu setzen und die Pumpe zu bedienen schafft sie allein. Ab und zu, wenn Finnja die Nase voll vom Diabetes hat, hilft die Mutter mit. "Das ist normal", sagt Bartus. "Viele Kinder haben Phasen, in denen sie nicht viel mit dem Diabetes zu tun haben wollen. Da müssen die Eltern einspringen und motivieren."

Pubertät: Herausforderung bei Diabetes

Kinderdiabetologin Dörte Hilgard weiß: In der Pubertät haben Jugendliche oft keine Lust, sich um ihren Diabetes zu kümmern. "Jetzt ist es für die Eltern ganz wichtig, ‚online‘ zu bleiben", sagt die Ärztin. Und damit meint sie die Verbindung zum Kind: also zum Beispiel täglich abends zusammen die Werte überprüfen, dafür sorgen, dass für den nächsten Tag alles vorbereitet ist. Hilgard nennt das "die tägliche Zuckerstunde". Sie muss nicht automatisch mit 18 Jahren enden. Studien zeigen: Junge Menschen, die von ihren Eltern länger liebevoll begleitet werden, managen als Erwachsene ihren Blutzucker besser.


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