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Mit Diabetes auf Klassenfahrt

Der erste mehrtägige Schulausflug steht bevor – und das Kind mit Typ-1-Diabetes fährt mit. Wichtige Tipps für dieses Abenteuer

von Andrea Grill, 22.07.2019
Klassenfahrt

Für Kinder mit Typ-1-Diabetes im Grundschulalter sind die Eltern die Diabetes-Manager. Und die tun sich manchmal schwer loszulassen. Vor allem wenn es darum geht, ein Kind für mehrere Tage auf Klassenfahrt zu schicken. Wir haben einen Vater, einen Kinderdiabetologen, eine Grundschullehrerin und eine Diabetes-Betreuerin nach ihren Ratschlägen gefragt: Wie bereiten sich alle Beteiligten auf die Klassenfahrt vor, und wo finden Eltern Hilfe, wenn sie Betreuung für ihr Kind brauchen?

Die Familie:

Marko M. aus Bielefeld hat sich durch den Behördendschungel gearbeitet und für seine Söhne eine Betreuung organisiert

"Für unsere Zwillingssöhne Kyle und Ewan (12 Jahre) ging's im letzten Grundschuljahr auf Klassenfahrt nach Wangerooge. Beide haben Typ-1-Diabetes. Schon Monate vorher habe ich Anträge auf Betreuung gestellt. Das Sozialamt bewilligte einen Integrationshelfer als Begleitung. Der dürfe aber in medizinischen Dingen nicht tätig werden, so die Auskunft. Die Kasse genehmigte dafür einen Pflegedienst. Der auf der Insel ansässige Dienst hatte aber keine Erfahrung mit Typ-1-Diabetes und lehnte ab. Ich bin dann zum Glück auf das Projekt von Kathrin Bahr gestoßen. So fanden wir eine kompetente Begleitung für die beiden.

Mein Rat an alle Eltern: Kümmert euch schon einige Monate vorab um die Organisation, rechnet damit, dass nicht alles glatt läuft, und sprecht frühzeitig mit den Lehrkräften. Für die Kinder finde ich stationäre Schulungen ideal, die es in vielen Diabetesambulanzen gibt. Das ist eine Art Praxistraining für den Diabetes unter Gleichaltrigen. Unsere Söhne fanden das toll und haben dabei viel gelernt."

Familie

Der Diabetologe:

Dr. Christof Klinkert organisiert in seiner Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Herford Diabetes-Schulungen für Lehrkräfte.

"Wenn Eltern möchten, dass ihr Kind mit Diabetes an Schulausflügen teilnimmt, bleibt in vielen Fällen alles an ihnen hängen. Das finde ich schade.

Ich habe durchaus Verständnis für Lehrer, die ja vielfältige Aufgaben und oft große Klassen zu betreuen haben. Und nach vielen positiven Erfahrungen möchte ich den Lehrern Mut machen: Mit guter Vorbereitung, einer Diabetes-Schulung für die Lehrer und einem engen Austausch mit den Eltern klappt es meist bestens! Die Schulung ist wichtig, wenn ein Kind mit Diabetes neu in die Klasse kommt. Steht dann die erste Klassenfahrt an, kann im Vorfeld eine weitere Schulung sinnvoll sein, die auf die Besonderheiten in einer solchen Situation eingeht. Mit den Eltern und dem Kind bespreche ich vorab, wie wir die Therapie anpassen. In der Regel ist ja wegen der vielen Aktivitäten der Insulinbedarf niedriger als im Alltag.

Übrigens finde ich es sinnvoll, wenn Eltern ihre Kinder mit Diabetes schon früh an Selbstständigkeit gewöhnen, sie etwa bei Freunden übernachten oder auf Tagesfreizeiten mitfahren lassen. Das ist auch eine gute Vorbereitung für eine mehrtägige Fahrt. Danach kommen die Kinder meist richtig selbstbewusst nach Hause."

Die Betreuerin:

Kathrin Bahr aus Berlin organisiert die Betreuung für Kinder mit Typ-1-Diabetes auf Schulausflügen

Expertin Kathrin Bahr

"Als es damals in der vierten Klasse meiner Grundschule auf Klassenfahrt ging, musste ich zu Hause bleiben. Niemand wollte die Verantwortung für meinen Diabetes übernehmen. Diese Erfahrung war der Anlass für mein heutiges Engagement: Ich vermittle fachlich kompetente Begleitpersonen für Kinder mit Typ-1-Diabetes, wenn Lehrkräfte das Kind nicht unbegleitet mitnehmen möchten.

Damit wir alles rechtzeitig organisieren können, sollten Eltern mich mindestens drei Monate vor der Fahrt kontaktieren. Ich sage ihnen, welche Unterlagen sie benötigen und wo sie Anträge auf Kostenübernahme einreichen müssen. Während alles Bürokratische geregelt wird, suche ich eine Begleitperson. Familie und Betreuer lernen sich zunächst telefonisch kennen — die Chemie muss stimmen. Die Eltern informieren die Lehrkräfte über die Betreuung und kümmern sich auch um eine Übernachtungsmöglichkeit vor Ort. Die Begleiter reisen dann einen Tag vor Abfahrt an. Bei einem persönlichen Treffen mit Kind und Eltern wird alles Wichtige besprochen.

Ich selbst habe schon oft Kinder begleitet, und in aller Regel läuft es prima! Ich bin dabei, ‚klebe‘ aber nicht an den Kindern. Ans Messen erinnern, Zuckerwerte und Insulindosis kurz besprechen, eventuell nachts noch mal ein Check — mehr braucht's meist nicht. Die Kinder finden das super. Sie können sich Rat holen und sind gleichzeitig frei."

Junge

Die Lehrerin:

Valerie Daheim-Jung aus Pfalzfeld würde jederzeit wieder ein Kind mit Diabetes betreuen:

"Als unsere Abfahrt bevorstand, waren wir natürlich alle aufgeregt: die Mama, der Schüler und auch ich selbst. Es war das erste Mal, dass ich ein Kind mit Diabetes auf Klassenfahrt betreute. Hinterher waren wir stolz, dass alles so toll geklappt hat.

Ohne gute Vorbereitung geht es nicht. Die Lehrkraft braucht eine Schulung, und das Kind sollte einigermaßen selbstständig und zuverlässig sein. Aber am wichtigsten finde ich eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern. Die müssen wollen, dass ihr Kind das macht! Und man muss vorher miteinander reden und Regeln vereinbaren. Ich habe zum Beispiel jeden Tag vor dem Schlafengehen den letzten Messwert mit der Mama besprochen. Dann konnten alle beruhigt ins Bett gehen. Für mich war der Diabetes keine größere Herausforderung als andere chronische Erkrankungen von Grundschülern wie Epilepsie, Asthma oder Allergien."

Betreuung für die Klassenfahrt gesucht?

Ansprechpartnerin: Kathrin Bahr, Deutsche Diabetes-Hilfe — Menschen mit Diabetes (DDH-M) e. V.

Telefon: 0 30/20 16 77 45

Internet: www.menschen-mit-diabetes.de (Arbeit des Verbandes/Unsere Projekte)


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