Hilfe bei "Restless Legs"

Quälende Reize in den Beinen können höchst unangenehm sein. Dabei gibt es für Patienten mit einem Restless-Legs-Syndrom wirksame Hilfen

von Andrea Grill, 10.07.2018
Restless Legs

Bett-Flucht: Wer unter rastlosen Beinen leidet, muss sich fast zwangsläufig bewegen


Wehe, wenn sie müde werden. Die Qual in den Beinen macht sich dann erst recht bemerkbar. Es zieht und zerrt an Nerven, Muskeln und Knochen. Für die Geplagten gibt es nur einen Ausweg, um die Pein zu stoppen: aufstehen und sich bewegen!

Nachtruhe? Undenkbar!

"Stellen Sie sich vor, Sie erleben so etwas nicht nur einmal pro Nacht, sondern über Stunden hinweg. Und das geht wochen- und monatelang." Die Professorin Juliane Winkelmann findet für die Leiden ihrer Patienten drastische Worte: "Das ist Folter!" Im Münchner Klinikum rechts der Isar leitet die Fachärztin für Neurologie eine Spezialambulanz für Patienten mit Restless-Legs-Syndrom (RLS). Das Nervenleiden ist sehr verbreitet. Bis zu fünf Prozent der Erwachsenen erkranken da­ran, mit dem Alter steigt das Risiko.

Alle Betroffenen klagen über ähnliche Beschwerden: Sobald sie zur Ruhe kommen, stellen sich unangenehme Gefühle in ihren Beinen ein — also im Sitzen und Liegen, abends und nachts. Dann kommt der Drang, sich zu bewegen. Denn nur Gehen oder Massieren der Muskulatur lindert die Missempfindungen. Anfangs treten solche Episoden nur alle paar Wochen auf, doch die Intervalle werden mit der Zeit immer kürzer und stören irgendwann den Schlaf massiv.

In schlimmen Fällen kommen Betroffene die ganze Nacht nicht zur Ruhe. Die Folgen: Schlafmangel und Rückzug aus dem sozialen Leben. Wer nur unter Qualen sitzen kann, meidet Kinos, Theater oder Restaurants. "Die meisten RLS-Patienten finden zunächst Wege, sich selbst zu helfen", erzählt Winkelmann. "Sie kneten oder bürsten ihre Beine, nehmen kalte Wasserbäder, wandern im Schlafzimmer auf und ab."

Restless Legs

Schlaflos zum Arzt

Lindert die Selbstbehandlung die Beschwerden nicht ausreichend, können Medikamente sehr gut helfen. Dr. Dietrich Sturm von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum rät deshalb, verdächtige Symptome von einem Facharzt für Neurologie abklären zu lassen. Denn anders als man aufgrund der Symptome vermuten könnte, ist das Leiden keine Erkrankung der Beine, sondern der Nerven. Mediziner wissen heute, dass Gene bei der Entstehung eine große Rolle spielen. Aber auch Umweltfaktoren, über die man bisher wenig weiß, scheinen darüber mitzubestimmen, ob die Erkrankung ausbricht.

Diabetes erhöht das Risiko

Eine fortgeschrittene Nierenschwäche, Eisenmangel und auch Diabetes sind bekannte Risikofaktoren für RLS. Je mehr Begleiterkrankungen jemand hat, desto größer ist sein Risiko. Auch deshalb sind ältere Menschen stärker gefährdet als jüngere.

Die Diagnose kann der Arzt oft schon stellen, wenn ihm ein Patient die typischen Beschwerden schildert. Anhand einer Blutprobe kann er beurteilen, ob das Syndrom im Zusammenhang mit einer Stoffwechselerkrankung, einem Eisen- oder Vitaminmangel steht. "Bei Menschen mit Diabetes sind eventuell weitere Untersuchungen nötig", erklärt Dietrich Sturm. So findet der Arzt heraus, ob ein Patient ein RLS, dia­betische Nervenschäden oder beides zugleich hat. Eine diabetesbedingte Nervenerkrankung kann sich nämlich ebenfalls durch Missempfindungen und Schmerzen in den Beinen bemerkbar machen. Sie wird aber anders behandelt.

Arzneien, die der Arzt gegen das Restless-Legs-Syndrom verschreibt, lindern die Pein im Bein, indem sie in den Stoffwechsel der Nerven eingreifen. "Der Arzt muss für jeden Patienten individuell das optimale Mittel und die richtige Dosierung finden und im Laufe der Zeit manchmal auch anpassen", sagt Neurologin Winkelmann. Um den Erfolg der Behandlung zu unterstützen, sollte der Diabetes möglichst gut eingestellt sein. Auch moderate Bewegung, der Verzicht auf Koffein und eine angenehme Schlafumgebung helfen.

Spricht ein Patient auf RLS-Medikamente nicht an und ist tagsüber immer müde, sollte abgeklärt werden, ob er unter einer Schlafapnoe leidet. Bei dieser Erkrankung kommt es zu Atemaussetzern, die den Schlaf stören.

Winkelmann warnt RLS-Patienten davor, an Wunderwirkungen alternativer Therapien zu glauben. Methoden wie die Ohr-Akupunktur seien wissenschaftlich nicht untersucht und müssten aus eigener Tasche bezahlt werden. Gut beraten sind Betroffene laut Winkelmann dagegen, wenn sie sich an die Deutsche Restless Legs Vereinigung wenden (www.restless-legs.org, Telefon: 0 89 / 55 02 88 80). Für Interessierte gibt es dort Infomaterial, Veranstaltungen und Adressen von Selbsthilfegruppen und Fachärzten.


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