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Cannabis gegen Nervenschmerzen?

Viele Diabetiker hoffen auf Hanf-Medikamente. Doch was können sie bewirken?

von Alexandra von Knobloch, 20.03.2019
Cannabis

Blütenrausch: Cannabis-Blüten kommen auch als Medikament zum Einsatz – etwa wenn bei Nervenschmerzen alle anderen Therapien versagt haben


Für viele Schmerzgeplagte schien es eine lang ersehnte Nachricht: Seit März 2017 können schwer erkrankte Menschen Cannabis unter bestimmten Bedingungen auf Kassenrezept erhalten. Etwa wenn sie an chronischen Nervenschmerzen leiden, denen mit anderen Therapien nicht beizukommen ist. Knapp zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zieht Dr. Michael Überall, Präsident der Deutschen Schmerzliga, Bilanz: "Wir sind sehr froh, dass es diese Behandlungsoption gibt", sagt er. "Sie erweitert das Spektrum für bestimmte Patienten."
Also Grund zur Freude? Man dürfe seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben, sagt Experte Überall. Denn nicht alle Patienten erfahren durch Hanf-Medikamente die erhoffte Linderung. Auch ist der Weg zur Wirkung oft lang und von Ausprobieren geprägt. "Zur Wirkung von Cannabis existieren viel zu wenig Studien", erklärt Apothekerin Barbara Maisch aus dem bayerischen Sulzbach-Rosenberg. "Die Cannabis-Medizin basiert fast nur auf Erfahrungswerten." Forscher wissen kaum, bei welchen Beschwerden welches Mittel in welcher Dosis hilft.
Zudem gibt es Hinweise, dass der Konsum von Cannabis bei Dia­betes problematisch sein könnte: In einer US-amerikanischen Studie hatten Menschen mit Typ-1-Dia­betes, die Cannabis konsumierten, ein höhe­res Risiko für schlechtere Blutzuckerwerte und dafür, eine Ketoazidose zu erleiden. Sowohl der Konsum als auch die medizinische Anwendung der Droge sind kaum erforscht.

Nervenschäden vermeiden

Für Neuro­pathien scheinen viele Faktoren verantwortlich. Besonders schlecht: dauer­haft erhöhte Blutzuckerwerte. Sie schädigen unter anderem Blutgefäße, die die Nerven versorgen. Gut eingestellte Zuckerwerte sind ein wichtiger Schutz

Aussichten bei Nervenschmerz

Immerhin scheint Cannabis als Medikament, etwa als Tropfen verabreicht, bei neuropathischen Schmerzen mit am aussichtsreichs­ten zu sein. Ursache solcher Schmer­zen sind oft zuckerbedingte Nervenschäden. Daran leiden in Deutschland Hunderttausende Menschen mit Diabetes. Den meisten von ihnen hilft eine Kombination aus verschiedenen Behandlungs­ansätzen: eine multimodale Therapie mit Medikamenten, physikalischen Behandlungen und psychologischen Verfahren.
"Lassen sich die Schmerzen auch damit nicht ausreichend lindern, kommt eine Cannabis-Therapie infrage", sagt Überall. Wer es versuchen möchte, muss zunächst einen Arzt finden, der diese Behandlung anbietet. "In Bayern zum Beispiel waren das im Jahr 2017 nur acht Prozent", berichtet Apothekerin Maisch. Dabei sind die Ärzte des südlichen Bundeslandes einer Auswertung der Techniker Krankenkasse zufolge medizinischem Cannabis gegenüber offen eingestellt.
Im Antrag auf Kostenübernahme an die Kasse muss der Arzt die Sinnhaftigkeit dieses Therapie­versuchs belegen: Es gilt, die Schwere der Krankheit und die Einschränkungen im Alltag nachzuweisen. Außerdem müssen alle Standard-Therapien versagt haben. Und: Es muss die Aussicht begründet werden, dass Cannabis hilft. Das sind hohe Hürden. Nach Angaben der Bundesregierung haben die Krankenkassen etwa die Hälfte der Anträge im Jahr 2017 abgelehnt. Die Cannabis-Therapie bleibt eine Option für wenige, schwer leidende Menschen.

Letztes Mittel der Wahl

Erst jüngst hat die Schmerzliga bei 800 Schmerzkranken, darunter 62,5 Prozent mit neuropathischen Beschwerden, eine Behandlung überprüft. Die Forscher untersuchten ein Mundspray, das die Hanf-Wirkstoffe Dronabinol und Cannabidiol zu gleichen Anteilen enthält. "Rund 80 Prozent der Patienten erlebten eine Schmerzlinderung", berichtet Überall. "Auch Angst und Depressionen ließen nach." Doch es gab auch Patienten, die nicht auf das Mittel ansprachen.

14 verschiedene Blüten

Als letzte Option — weil dies mit weitem Abstand die teuerste Variante ist — können Ärzte auch Cannabis-Blüten samt einem Verdampfer verschreiben. Die Auswahl ist eine Wissenschaft für sich. Aktuell sind 14 Blütensorten mit sehr unterschiedlichen Wirkstoffgehalten zugelassen. "Viele Ärzte besprechen die Rezepte mit uns Apothekern", berichtet Barbara Maisch.
Im Zweifel gilt auch hier: ausprobieren, wem welche Rezeptur in welcher Dosierung hilft. Genaue Erfolgsquoten kennt keiner. Trotzdem möchten Experten auf die Hanf-Therapie nicht mehr verzichten: "Wir haben bei uns Patien­ten", berichtet Maisch, "die die Dosen von starken Schmerzmitteln wie Morphium durch die Cannabis-Therapie deutlich reduzieren konnten."


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