Mit Chili-Pflastern gegen Nervenschmerzen

Hoffnung für Menschen mit chronischen Nervenschmerzen: Pflaster mit einem Wirkstoff aus Cayennepfeffer könnten das Leiden lindern

von Andrea Grill, 30.06.2016
Nervenschmerzen

Behandlung mit Capsaicin-Pflaster: Das betroffene Areal wird davor markiert


Die Schmerzen wollen einfach nicht aufhören. Tag und Nacht brennen die Füße, sticht es in den Waden. "Nicht mal meine Geburtstagsfeier gestern konnte ich genießen", sagt Yasar S. Der 54-Jährige leidet unter chronischen Nervenschmerzen, eine Folge seines Dia­betes. Kein Mittel hat ihm bisher geholfen. Jetzt hofft er im Münchner Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin auf eine neue Therapie: Ein Pflaster, das den aus Chili­-Schoten stammenden Wirkstoff Capsaicin enthält, soll ihm Linderung verschaffen.

Bei der Behandlung anderer Formen von Nervenschmerzen, die etwa nach einem Unfall oder nach einer Gürtel­­rose auftreten, hat sich das Chili-Pflaster bereits seit einigen Jahren bewährt. Für Menschen mit Diabetes wurde es erst kürzlich zugelassen.

Dauernde, quälende Nervenschmerzen sind eine häufige Folge der Zuckerkrankheit. Der Neurologe Professor Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin, kennt das Leid der Betroffenen. Etwa jeder zweite Patient mit langjährigem Diabetes habe Schäden an den Nerven, sagt er. Die einen spüren davon nichts, andere leiden unter Missempfindungen wie Ameisenlaufen, Kribbeln oder Kältegefühl – und eben auch unter oft quälenden Schmerzen. In der Regel sind dabei vor allem die Beine und Füße betroffen.

Medikamente helfen nicht immer

Zur Therapie der Schmerzen gibt es zwar eine Reihe von Medikamenten. Vielen Schmerzpatienten helfen sie gut – aber nicht allen. Mitunter verursachen die Medikamente auch Nebenwirkungen, oder sie dürfen, etwa wegen einer fortgeschrittenen Nierenschwäche oder wegen Wechselwirkungen mit anderen Arzneien, nicht eingenommen werden. In solchen Fällen könnte das Capsaicin-Pflaster eine neue Option sein, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen. 

Capsaicin-Pflaster gibt es nur beim Facharzt

Etwa jeder zweite Patient, so Schmerzspezialist Tölle, spreche auf das Capsaicin-Pflaster gut an. Betroffene können es jedoch nicht einfach in der Apotheke kaufen und sich damit selbst behandeln – die Anwendung ist Fachärzten vorbehalten. Der Arzt grenzt zunächst das Gebiet ein, in dem sich die Schmerzen bemerkbar machen. Dann wird das Pflaster exakt passend zugeschnitten, aufgeklebt – und nach etwa einer halben Stunde wieder entfernt.

In dieser Zeit entfaltet die hoch dosierte Chili-Schärfe ihre Wirkung. Das Capsaicin dringt in die Haut ein und "befeuert" die Schmerznerven, bis diese buchstäblich in Deckung gehen. Spricht die Behandlung an, so Tölle, haben die Betroffenen danach bis zu drei Monate Ruhe. Auch Missempfindungen wie Ameisenlaufen können sich Tölles Erfahrung zufolge nach Anwendung des Capsaicin-Pflasters häufig bessern.

Weniger Missempfindungen

Ein besonderer Vorteil der Therapie: Das Pflaster wirkt gezielt am Ort der Schmerzen und verursacht, außer einer vorüber­gehenden Hautrötung, in der Regel keine Nebenwirkungen. Nachteile hat die Chili-Therapie allerdings auch: Sie kommt zum Beispiel nur dann infrage, wenn die Schmerzen nicht über zu große Haut­flächen ausstrahlen. Und: Die Behandlung ist relativ kostspielig. Ein Pflaster kostet etwa 300 Euro, die allerdings nur alle drei Monate anfallen.

Die Anwendung sollte im Krankheitsverlauf nicht zu spät erfolgen, dann hilft sie offenbar noch besser. Yasar S. jedenfalls schöpft nun endlich wieder Hoffnung, seine Schmerzen doch noch in den Griff zu bekommen

Was Nervenschmerzen lindert – eine Übersicht


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