Neuropathie: Hilfe gegen den Schmerz

Welche Therapien bei diabetischen Nervenschäden Linderung verschaffen können und wie Experten die verschiedenen Verfahren bewerten
von Tina Haase, Dr. Sabine Haaß, Daniela Pichleritsch, 18.10.2017

Vor allem die Füße gilt es bei Nervenschäden zu schützen

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Milliarden Nervenzellen arbeiten ununterbrochen in unserem Körper. Sie übermitteln, was wir riechen, schmecken, fühlen und wenn uns etwas wehtut. Doch was, wenn die Nerven ihren Job plötzlich nicht mehr richtig machen – und selbst Schmerzen auslösen?

Jeder dritte Diabetiker hat damit zu tun und entwickelt im Lauf der Jahre eine Neuropathie – Nervenschäden, die sich als Gefühlsstörun­gen, Missempfindungen oder starke Schmerzen äußern. Wie sich das anfühlt, erlebt jeder anders: Manchen kribbeln die Füße, andere haben das Gefühl, als stünden sie mit ihren Füßen im Feuer. Wieder andere quälen Stiche in der Wade. Menschen, die unter Nervenschmer­zen leiden, treibt das oft in die Verzweiflung. Häufig irren sie jahrelang von Arzt zu Arzt auf der Suche nach einer wirksamen Therapie.

Gesunder Lebensstil schützt die Nerven

Warum Diabetes die Nerven angreift, ist nicht geklärt. Zahlreiche Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen, besonders aber dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte. Denn sie schädigen unter anderem die Blutgefäße, die die Nerven versorgen.

Damit sich die Beschwerden wieder bessern, können Betroffene einiges tun: Ob Typ 1 oder Typ 2 – wichtig sind gut eingestellte Blutzuckerwerte. Eine Neuropathie kann auch ein Grund dafür sein, auf eine Insulinpumpentherapie zu wechseln. Außerdem wirken sich Bewegung und eine gesunde Ernährung positiv auf Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerte und damit auch auf die Nerven aus. Wahre Nervengifte hingegen sind Nikotin und Alkohol.

Viele Therapiemöglichkeiten bei Nervenschäden

Geplagte sollten sich rasch an den Hausarzt, den Diabetologen oder einen Neurologen wenden. Gehen die Beschwerden trotz Be­handlung nicht deutlich zurück, kann es sinnvoll sein, einen Schmerztherapeuten aufzusuchen. Zudem können Psychotherapeuten helfen, besser mit dem Schmerz zu leben.

Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, Nervenschmerzen zu lindern. Allerdings lassen sie sich meist nicht vollständig abstellen. Abgestimmt auf die individuelle Situation des Patienten, kombiniert der Arzt oft verschiedene Therapien. Zudem arbeiten Forscher daran, Medikamente zu entwickeln, die die Schmerzen noch besser lindern.

Für diesen Beitrag haben uns drei Experten beraten: Dr. Oliver Emrich,  Leiter des regionalen Schmerzzentrums DGS Ludwigshafen, Dr. Dietrich Tews, niedergelassener Diabetologe in Gelnhausen, und Professor Dan Ziegler, stellv. Direktor am Institut für Klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf.

Diese Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Neurpopathie:

1. Medikamente und Therapien beim Arzt

Eine Möglichkeit, der Schmerzen Herr zu werden.

Präparate mit Paracetamol

Sie können bei leichten Beschwerden helfen. Die Einnahme sollte man unbedingt mit dem Arzt besprechen, auch wegen möglicher Nebenwirkungen. Andere Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure und Diclofenac nutzen bei Nervenschmerzen in der Regel nichts.

Was bringt es? Das Mittel wirkt nur kurzfristig und bei leichten Schmerzen.

Wer zahlt es? Paracetamol muss man selbst zahlen. 20 Tabletten bekommt man ab ca. fünf Euro.

 

Antidepressiva, Antiepileptika und Opioide

Bei stärkeren Beschwerden helfen Präparate, die sonst zur Behandlung von Depressionen oder Epilepsie eingesetzt werden. Antidepressiva unterdrücken die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Antiepileptika dämpfen die Erregbarkeit von Nervenzellen. Bessern sich die Nervenschmerzen nicht, kann der Arzt Opioide verordnen. Sie beeinflussen das Schmerzempfinden im Gehirn. Wie gut die Präparate wirken und wie Patienten sie vertragen, ist sehr unterschiedlich. Manchmal müssen zwei Wirkstoffe kom­biniert werden.

Was bringt es? Sind die richtigen Medikamente gefunden, lassen die Beschwerden bei den meisten Betroffenen spürbar nach. Eine schmerzlindernde Wirkung tritt in der Regel aber erst nach zwei bis vier Wochen ein. Und komplett weg sind die Schmerzen meist nicht.

Wer zahlt es? Die Medikamente sind verschreibungspflichtig. Die Krankenkasse zahlt sie.

 

Chili-Pflaster mit Capsaicin

Capsaicin, das Chili-Schoten ihre Schärfe verleiht, kann bei Nervenschmerzen helfen, die nicht weit ausstrahlen. Neurologen und Schmerztherapeuten bieten die Therapie an. Sie schneiden das Pflaster zu und kleben es für eine halbe Stunde auf den schmerzenden Bereich. Das Capsaicin überreizt die Nervenenden in der Haut, bis diese kein Schmerzsignal mehr weiterleiten. Hilfreich, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken, starke Nebenwirkungen haben oder etwa wegen einer Nierenschwäche nicht infrage kommen. Auch für Patienten, die keine Tabletten nehmen möchten, ist es eine Option. Das Pflaster kann vorübergehend auf der Haut brennen.

Was bringt es? Ein Versuch reicht, um zu wissen, ob der Patient darauf anspricht. Das ist bei jedem zweiten der Fall. Die schmerzlindernde Wirkung hält bis zu drei Monate an.

Wer zahlt es? Das Pflaster gibt es auf Rezept. Krankenkassen zahlen es, wenn der Arzt die Verordnung begründet.

 

Mittel mit Alpha-Liponsäure

Sie können Schmerzen und Missempfinden lindern. Sie sollen den Stoffwechsel von Nervenzellen verbessern.

Was bringt es? Bei manchen Patienten werden die Schmerzen gelindert.

Wer zahlt es? Die Kassen zahlen nicht. Zehn Alpha-Liponsäure-Infusionen kosten etwa 200 Euro, Kapseln oder Tabletten mindestens 15 Euro pro Monat. Meist empfehlen die Ärzte, mit der Infusion zu starten und die Behandlung dann mit Kapseln oder Tabletten fortzusetzen.

 

Präparate mit Benfotiamin

Benfotiamin ist eine Vorstufe des Vitamins B1. Entsprechende Medikamente beeinflussen möglicherweise auch den Stoffwechsel der Nerven günstig.

Was bringt es? Bei manchen Patienten nehmen die Beschwerden ab.

Wer zahlt es? Die Kassen zahlen nicht. In der Apotheke gibt es Tabletten oder Kapseln: 90 Stück ab ca. 65 Euro.

 

Elektrische Rückenmarkstimulation

Sie kann helfen, wenn alle anderen Methoden versagen. Der Arzt führt im Bereich der Wirbelsäule eine Sonde ein, die schwache elektrische Impulse zum Rückenmark sendet und so das Schmerzempfinden verringert. Schmerzzentren oder neurochirurgische Abteilungen von Kliniken bieten die Methode an.

Was bringt es? Zwei aktuelle Studien belegen eine deutliche Schmerzlinderung bei diabetes­bedingten Nervenschmerzen.

Wer zahlt es? Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten.

 

W&B/Dr. Ulrike Möhle

2. Behandlungen mit Strom

Diese können Sie zu Hause anwenden, sollten aber zuvor den Arzt fragen.

Stromimpulse

TENS – transkutane elektrische Nervenstimulation – ist eine sanfte Reizstromtherapie. Bei der Methode klebt man sich Elektroden auf die Haut, die einen schwachen Strom erzeugen. Dieser löst ein Kribbeln aus, das den Schmerzreiz überlagert. Diabetologe Tews rät seinen Patienten, die TENS jeden Tag eine halbe bis eine Stunde anzuwenden: "Am besten am späten Nachmittag oder frühen Abend, um die nächtlichen Beschwerden zu verringern."

Was bringt es? Bei einem Teil der Patienten verringern sich die Schmerzen.

Wer zahlt es? Die Geräte für die Nervenstimulation gibt es auf Rezept.

 

Hochtontherapie

Diese Form der Elektrotherapie arbeitet mit elektrischen Schwingungen in sehr hohen Frequenzen, daher auch Hochtontherapie genannt. An den Beinen werden Elektroden befestigt, welche die Schwingungen auf die Zellen übertragen und dadurch deren Stoffwechsel anregen sollen. "Manchen Patienten hilft dieses Verfahren besser als die TENS", sagt Schmerztherapeut Emrich. Für einen anhaltenden Effekt sei eine Anwendung zwei- bis dreimal wöchentlich eine halbe Stunde notwendig.

Was bringt es? Viele Patienten spüren eine Linderung. Belege für anhaltende Effekte fehlen.

Wer zahlt es? Die Kassen übernehmen die Kosten nicht. Einige Ärzte und Physiotherapeuten bieten die Therapie für Selbstzahler an (30 bis 60 Euro pro Sitzung). Patienten können das Gerät direkt über den Hersteller mieten oder kaufen.

 


W&B/Dr. Ulrike Möhle

3. Nadeln und Bäder

Diese Möglichkeiten können Sie zusätzlich ausprobieren. Einen Versuch ist es wert!

Akupunktur

Ärzte setzen sie manchmal ergänzend zur medikamentösen Therapie ein. Allerdings gibt es nur wenige Studien, die den Effekt der Nadelbehandlung bei Nervenschmerzen belegen. "Ein Versuch kann sich aber lohnen", so die Erfahrung von Schmerztherapeut Emrich, der Akupunktur in seiner Praxis anbietet.

Was bringt es? Manche Patienten berichten von einer deutlichen Schmerzlinderung, bei anderen tritt keine Besserung ein. "Ob Akupunktur hilft, lässt sich frühestens nach fünf, manchmal auch erst nach zehn Sitzungen beurteilen", sagt Emrich.

Wer zahlt es? Die Kassen zahlen in der Regel nicht. Eine halbstündige Behandlung kostet etwa 30 Euro.

 

Medizinische Bäder

"Manche Neuropathie-Patienten profitieren von Wasseranwendungen", sagt Oliver Emrich. Angeboten werden sie etwa im Rahmen von stationärer Rehabilitation, von Kneipp-Vereinen oder Physiotherapiepraxen.

Was bringt es? Die Wasseranwendungen verstärken die Durchblutung der Haut und lockern die Muskulatur, was Schmerzgeplagten häufig guttut.

Wer zahlt es? Oft übernehmen Krankenkassen die Kosten.

 


Neuropathie-Behandlung: Was bringt die Zukunft?

Weil zahlreiche Menschen unter diabetesbedingten Nervenschmerzen leiden, wird viel über neue Therapiemöglichkeiten geforscht.

So fanden französische Wissenschaftler kürzlich heraus, dass die Injektion von Botulinumtoxin A unter die Haut neuropathische Schmerzen lindert. Das Bakterien­gift wird heute schon zur Muskel­entspannung eingesetzt, etwa bei einer überaktiven Blase – oder um Falten zu glätten. Als erfolgreich hat sich in einer US-Studie ein Anti­körper gegen einen Botenstoff erwiesen, der Schmerzreize ins Gehirn weiterleitet. Vor der Zulassung sind weitere Studien notwendig.

Zwei Wirkstoffe wurden bisher nur an Mäusen erprobt, haben aber gute Aussichten für die Anwendung bei Menschen. Die Substanz "OB-1" bessert die bei diabetischer Neuropathie häufig schmerzhafte Empfindlichkeit bei Berührungen. "OB-1 soll in den nächsten Jahren noch optimiert und bei Erfolg dann an Menschen getestet werden", sagt Forscherin Dr. Christiane Wetzel vom Max-Del­brück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin.

Wissenschaftler um Professor Dietmar Fischer an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Düsseldorf arbeiten mit dem Wirkstoff Parthenolide, der aus der Heilpflanze Mutterkraut gewonnen wird. Er lässt geschädigte Nervenfasern bei Mäusen schneller nachwachsen und sollte dadurch die Entstehung von chronischen Schmerzen verhindern. "Als Nächstes wollen wir prüfen, ob Parthenolide auch bei Mäusen mit diabetischer Neuropathie wirksam ist", sagt Neurowissenschaftler Fischer. "Erst dann können wir die Wirkung an Menschen untersuchen." Als Medikamente gegen diabetesbedingte Nervenschmerzen werden OB-1 und Parthenolide wohl nicht vor 2030 zugelassen sein.

W&B/Dr. Ulrike Möhle

4. Psychotherapeuten

Ein Schmerzbewältigungstraining kann Menschen helfen, die das Gefühl haben, der Pein hilflos ausgeliefert zu sein. Sie schlafen schlecht, ziehen sich zurück – oftmals werden die Schmerzen dann noch schlimmer. Das Training besteht meist aus mehreren Gruppensitzungen. Dabei lernen die Teilnehmer, dass sie die Schmerzen kontrollieren können. Etwa durch Entspannungsmethoden wie progressive Muskelentspannung, angenehme innere Bilder oder Ablenkung. Angeboten wird das Training von Psycho- und Schmerztherapeuten. Adressen finden Sie etwa auf der Website www.schmerz­liga.de.

Was bringt es? Der Schmerz verschwindet durch eine Psychotherapie nicht. Patienten lernen aber, besser damit umzugehen.

Wer zahlt es? Im Rahmen einer Psychotherapie wird das Training von den Kassen bezahlt.



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