Arztmuffel? Das hilft!

Vielen Menschen fällt es schwer, sich um ­Untersuchungs- und Vorsorgetermine zu kümmern oder vereinbarte Termine ­beim Arzt einzuhalten. Was dahinter steckt – und wie es besser klappt

von Dr. Sabine Haaß, 08.01.2018
Patient betritt Arztpraxis

Gutgelaunt zum Praxisbesuch: Die Wirklichkeit sieht oft anders aus


Gern und freiwillig zum Arzt geht wohl kaum einer. Den Arztbesuch hinausschieben oder gleich absagen, die Mischung aus Angst und schlechtem Gewissen dabei: Einer Online-Umfrage im Auftrag der Orlando-­­Health-Kliniken in Florida zufolge ist dies ein häufiges Phänomen. Mehr als 2000 Menschen befragten die Forscher. Von den beteiligten 1000 Männern gab nur die Hälfte an, regelmäßig Termine mit dem Arzt zu vereinbaren. Bei den Gründen waren sich alle einig: keine Zeit, Angst vor unangenehmen Untersuchungen und Diagnosen, Scheu davor, sich ausziehen und etwa auf die Waage steigen oder peinliche Fragen des Arztes beantworten zu müssen.

Unbefriedigende Arzttermine

Kommt Ihnen bekannt vor? Willkommen im Club. Dass solche Aussagen genauso gut von Patienten in Deutschland stammen könnten, findet die Berliner Psychologin Silke Haase. Und sie hat Verständnis dafür. "Viele lässt der Arztbesuch unbefriedigt zurück", sagt sie. "Sie warten vielleicht lange auf einen Termin, sitzen dann ewig im Wartezimmer und sind nach wenigen Minuten beim Arzt wieder draußen. Kein Wunder, dass sie den nächsten Termin aufschieben."

Alles nachvollziehbar, einerseits. Andererseits wissen wir alle: Besuche beim Arzt helfen, Krankheiten zu entdecken, zu heilen oder gar zu verhindern. Für Menschen mit Dia­betes sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen sogar besonders wichtig. Doch wie können sie ihre Scheu oder Angst davor verlieren?

Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit

Jeder von uns hat persönliche Gründe, warum er nicht gern zum Arzt geht. Manchmal stecken tief sitzende schlechte Erfahrungen in der Kindheit dahinter. "Wer etwa den Arzt nur als den Mann mit der Impfspritze oder dem Bohrer erlebt, der ihm Schmerzen zufügt, tut sich später schwer, den Arztbesuch nicht mit negativen Gefühlen zu verbinden", sagt Thomas Kühlein, Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Erlangen und selbst praktizierender Hausarzt.

Hier hilft es, Ängste oder Scham ganz klar beim Arzt anzusprechen. "Die meisten Mediziner nehmen sich für solche Patienten extra Zeit", sagt Psychologin Haase. Manchmal stecken aber auch Antipathien hinter der Arzt-Scheu. "Wenn Sie mit Ihrem Arzt nicht warm werden, sollten Sie sich einen neuen suchen. Einen, mit dem Sie auf Augenhöhe reden können und der Entscheidungen mit Ihnen gemeinsam trifft", sagt Kühlein. In jedem Fall ist es sinnvoll, sich vorab ausführlich über eine Untersuchung oder Therapie zu informieren – wie sie abläuft, was der Arzt tut, ob Risiken damit verbunden sind und welche Maßnahmen anstehen, wenn "etwas gefunden wird". Wissen baut Ängste ab. Und macht manchmal auch deutlich, dass eine harmlose Augen­untersuchung zwar Zeit kostet, aber womöglich das Augenlicht rettet.

DMP: Vergessen schwer gemacht

Für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes Typ 1 und Typ 2 bieten die Krankenkassen sogenannte Disease-Management-Program­­me (DMP) an. Solche Programme sollen jedem Teilnehmer eine maßgeschneiderte Behandlung ermöglichen und etwa Diabetespatienten vor Folgeschäden schützen.

Bei eingeschriebenen Patienten achten Arzt und Kasse darauf, dass sie nicht nur alle drei Monate zu den Diabetes-Kontroll­­terminen erscheinen, sondern auch einmal im Jahr Augen und Füße untersuchen lassen. Verbummeln oder "Vergessen" werden dank der regelmäßigen Erinnerungen dann schon schwieriger. Typ-1-Diabetiker sind bei ihrem Diabetologen ins DMP eingeschrieben, Typ-2-Diabetiker können sich in der Regel bei ihrem Hausarzt aufnehmen lassen.

Diese Untersuchungen bietet das DMP für Diabetiker

1. Typ-1-Diabetes

  • Messung von HbA1c und Blutdruck einmal im Vierteljahr
  • Teilnahme an Schulungen
  • Test auf Eiweiß im Urin und Kon­trolle der Nierenfunktion einmal im Jahr (nach fünf Jahren Diabetesdauer)
  • Untersuchung der Netzhaut mindestens alle zwei Jahre (nach fünf Jahren Diabetesdauer)
  • Inspektion der Füße mindestens einmal im Jahr

2. Typ-2-Diabetes

  • Messung von HbA1c und Blutdruck einmal im Vierteljahr
  • Teilnahme an Schulungen
  • Test auf Eiweiß im Urin nach ­Bedarf, z. B. einmal im Jahr
  • Kontrolle der Nieren­funktion ­einmal im Jahr
  • Untersuchung der Netzhaut mindestens alle zwei Jahre
  • Inspektion der Füße mindestens einmal im Jahr

Bei Diabetes auf die Zähne achten

Nicht ins DMP eingeschlossen, aber gerade für Menschen mit Dia­betes besonders wichtig ist der Zahnarztbesuch. Bei einer Umfrage des Instituts der Deutschen Zahnärzte im Jahr 2011 bekannten jedoch fast 60 Prozent der Teilnehmer, Angst vor dem Zahnarzt zu haben.
Mindestens einmal jährlich sollte jeder Diabetiker eine professionelle Zahnreinigung vornehmen lassen. Dabei prüft der Arzt Zahnfleisch und Zähne auch auf eine Parodontitis.

Diese Entzündung des Zahnhalteappa­rates gefährdet nicht nur die Zähne, sie lässt auch die Blutzuckerwerte steigen. Weil ihr Immunsystem nicht ganz so fit ist wie das eines Gesunden, sind Diabetiker anfälliger für solche Entzündungen. Gründe genug, einen Termin zu vereinbaren. Aber was, wenn die Angst zu groß ist?

Behandlungen lassen sich jederzeit abbrechen

Ein Trost vorweg: Heute gibt es sehr gute Möglichkeiten der Betäubung vor einem Eingriff. Am besten offenbaren Sie Ihre Ängste und sprechen alle Details in Ruhe mit Ihrem Zahnarzt ab. Sie können etwa gemeinsam festlegen, dass er auf ein Zeichen hin die Behandlung jederzeit unterbricht. Patienten mit sehr großer Angst können sich zum Beispiel unter Narkose oder Lachgas-Inhalation behandeln lassen.

Krebsfrüherkennung: Was steht wann an?

1. Für Frauen

  • Gebärmutterhals: ab 20 einmal jährlich Schleimhaut-Abstrich
  • Brust: ab 30 einmal jährlich ­Abtasten der Brust; ab 50 bis 69 alle zwei Jahre Mammografie
  • Haut: ab 35 alle zwei Jahre ­Ganzkörper-Untersuchung
  • Darm: ab 50 einmal jährlich, ab 55 alle zwei Jahre Test auf Blut im Stuhl; ab 55 und nochmals nach zehn Jahren Dickdarmspiegelung

2. Für Männer

  • Haut: ab 35 alle zwei Jahre ­Ganzkörper-Untersuchung
  • Prostata: ab 45 einmal jährlich Abtasten durch den Enddarm
  • Darm: ab 50 einmal jährlich, ab 55 alle zwei Jahre Test auf Blut im Stuhl; ab 55 und ­nochmals nach zehn Jahren Dickdarmspiegelung

Apropos Angst: Sie ist häufig der Grund, warum Menschen nicht zur Krebsfrüherkennung gehen. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts nehmen nur 67 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer regelmäßig die auf Kosten der Kassen angebotenen Untersuchungen wahr. "Viele fürchten sich vor dem Ergebnis", sagt Psychologin Haase.

Dem Arzt ist nichts peinlich

Dabei lassen sich die meisten Krebsformen heute sehr gut behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Bei der Dickdarmspiegelung für Männer und Frauen ab 55 Jahre handelt es sich sogar um echte Vorsorge: Findet der Arzt dabei einen Darmpolypen, kann er diesen gleich entfernen, bevor er sich zur bösartigen Geschwulst entwickelt. Übergewichtigen mit und ohne Dia­betes ist die Spiegelung besonders zu empfehlen: Sie haben ein erhöhtes Darmkrebsrisiko.

Wenn Sie die Untersuchung aus Scham scheuen, hilft vielleicht der Gedanke, dass sie für den Arzt Routine und keineswegs peinlich ist. Angst vor dem Eingriff? Viele Patienten entscheiden sich für eine Spritze, die sie in den Dämmerschlaf versetzt.

Wer die Darmspiegelung trotzdem ablehnt, sollte wenigstens seinen Stuhl auf verborgenes Blut untersuchen lassen. Seit April 2017 gibt es einen neuen, zuverlässigeren Test dafür.

Hilfe in seelischer Not

Gerade bei chronisch kranken Menschen leidet häufig die Seele mit. Ständig schlechte Blutzuckerwerte bei Diabetes, Schmerzen, die einfach nicht verschwinden: Das zehrt an den Nerven und kann Angst und Depressionen noch verstärken. Hier ist möglicherweise eine psychotherapeutische Behandlung, die in der Regel von der Krankenkasse bezahlt wird, eine große Unterstützung. Wer in seelischer Not ist, kann sich auch an eine psychologische Beratungsstelle (Gesundheits- oder Landratsamt, Kirchen) oder eine Selbsthilfegruppe wenden.

Ein letzter, wichtiger Tipp von Silke Haase gegen die Angst vor Arzt- oder Therapeutenbesuchen: "Bitten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin oder einen guten Freund, Sie zum Arzt zu begleiten. Das kann sehr helfen."


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