Gerald Pichowetz: Theater trotz Diabetes

Der Schauspieler und Theaterleiter Gerald Pichowetz besitzt die Lebenslust eines echten Wieners. Daran kann auch sein Diabetes nichts ändern

von Sabine Lotz, 20.04.2016

"Bei Kirschen kann ich nicht anders", sagt Gerald Pichowetz, "die muss ich einfach essen! Die sind so gut!" Mit den Marillen und Pfirsichen geht es ihm nicht anders. Wenn sie reif sind, hat der 51-Jährige seine "sündigen Wochen", wie er sagt. Dann ist ihm sein Diabetes ziemlich egal. Zwar führt er trotzdem Buch über den Blutzucker und schluckt brav seine Tabletten – aber gleichzeitig wird geschlemmt, bis die Obstbäume im Garten kaum noch etwas hergeben.

Dass er Typ-2-Diabetes hat, weiß der Wiener Theatermann seit 14 Jahren. Ein Routine-Blutbild beim Hausarzt beförderte ihn damals von jetzt auf gleich in ein Krankenhaus. "Ich hatte 450 Blutzucker und einen HbA1c-Wert von zwölf." Sonderlich schockiert hat ihn die Dia­gnose damals aber nicht: "Ich hab ja nichts gespürt. Vielleicht ein bisserl mehr Durst als sonst, aber das war’s. Das ist ja das Tückische an diesem Leiden, man nimmt es nicht wahr. Als der Arzt sagte, ‚Sie haben Zucker‘, dachte ich nur: ‚Aha, was immer das bedeuten mag.‘ Ich wusste ja nichts darüber."

Zum Diabetes-Experten geworden

Das ist heute völlig anders. Wie viele Menschen mit Diabetes hat sich Gerald Pichowetz zum Experten seiner Krankheit entwickelt. Und kennt jede Falle, die sie ihm stellt. Das größte Problem für ihn: "Diabetes ist mit einem Beruf beim Theater eigentlich gar nicht vereinbar. Bei beidem braucht man hundertprozentige Disziplin, doch das schafft kein Mensch. Wer auf der Bühne total diszipliniert ist – und anders geht das ja gar nicht –, bei dem setzt es halt beim Diabetes aus."

Pichowetz ist ein Vollblut-Theatermann. Schon mit 17, während der Abiturprüfungen, besuchte er die Schauspielschule. Von dort ging es dann mehr oder weniger direkt zum Fernsehen. Einer seiner größten TV-Erfolge: die Rolle des Franzi in der Serie "Kaisermühlenblues".

Mit Anfang 20 gründete er mit der "Bühne 21" sein ers­tes, kleines Theater, das er 20 Jahre später einem größeren Haus einverleibte: dem Gloria-Theater, das in drei Sälen mit 570 Sitzen neben Volksstücken und Kabarett auch Singspiele, Varieté und Kindertheater darbietet. "Wir sind so ein bisserl das Wiener Ohnsorgtheater. Selbst mein größter Feind kann mir nicht vorwerfen, Kunst zu machen." Trotzdem stehen auch Stücke wie Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick" auf dem Programm. 

Wiener mit Leib und Seele

Zu finden ist das Gloria-Theater mitten in Floridsdorf, dem 21. Wiener Gemeindebezirk. Dort, wo er geboren und aufgewachsen ist, wo seine Mutter nur ein paar Meter neben dem Theater ein Kosmetikstudio betreibt, fühlt sich Gerald Pichowetz beruflich und privat zu Hause: "Ich bin mit Leib und Seele Floridsdorfer und Wiener. Und stolz darauf!"

Ist er nicht unterwegs, etwa mit Lesungen jüdischer Autoren in Berlin, als Bariton bei der Wiener Volksoper oder beim Synchronsprechen im Studio, gestaltet sich der Alltag des Theaterleiters folgendermaßen: Am Vormittag Bürokram, Telefonate, Korrespondenz mit Ämtern und Behörden. Danach bis 18 Uhr Proben für die verschiedenen Stücke des aktuellen Programms, anschließend Umbau, und um 20 Uhr Vorstellung. Vor halb, dreiviertel zwölf ist Gerald Pichowetz nie zu Hause. Dann noch schnell Mails checken und ab ins Bett.

Bei so einem Tagesablauf den Diabetes im Griff zu behalten ist gar nicht so einfach. Zumal beim Theater sowieso unorthodoxe Essgewohnheiten herrschen. Gerald Pichowetz: "Jeden Tag bringt irgendeiner was von zu Hause mit. Und oft gibt’s noch essbare Requisiten. Das ist das Furchtbare am Theater!"

"Diabetes-ade-Programm"

Hat Gerald Pichowetz frei, isst er ab 16 Uhr gar nichts mehr. Das gehört zu dem Diabetes-ade-Programm, das er anwendet. Diese Methode geht davon aus, dass die blutzuckersteigernde Wirkung von Lebensmitteln von Mensch zu Mensch verschieden ist. Dass also nicht für alle Zuckerkranken dieselben Lebensmittel ungünstig bzw. erlaubt sind. Herauszu­finden, was auf die eigene Positiv- bzw. Negativliste gehört, ist anfangs etwas mühsam, da man die verschiedenen Nahrungsmittel nach dem Motto "trial and error" erst essen und nach der Blutzuckermessung in "Darf ich" und "Darf ich nicht" sortieren muss.

Weitere Voraussetzungen: Man verzichtet konsequent auf Zucker und Weizenmehl und bewegt sich jeden Tag eine halbe bis dreiviertel Stunde. "Wenn man sich daran hält, funktioniert es", sagt Pichowetz. Heute wiegt er 45 Kilo weniger als im Januar vor einem Jahr, sein HbA1c liegt bei ungefähr sechs. Er braucht keine Tabletten mehr und kann wieder lang entbehrte Köstlichkeiten genießen. Zum Beispiel dunkle Trauben mit Käse. Helle Trauben sind verboten, die treiben seinen Zucker hoch. Ebenso wie Bananen, wenn sie gelb und reif sind.

"Diese Bussi-Bussi-Gesellschaft ist nicht meine Welt"

Die Disziplin, die diese Lebensweise erfordert, verlangt Gerald Pichowetz viel ab, und er ist froh, dass ihm seine Vorlieben und Abneigungen dabei entgegenkommen. Zum Beispiel mag er keinen Kaffee, wehalb ihm auch der Kuchen nicht abgeht. Und freie Abende verbringt er lieber daheim als auf irgendwelchen Partys. "Die Termine, wo ich hingeh, die selektier ich sehr! Diese Bussi-Bussi-Gesellschaft ist nicht meine Welt. Was soll ich denn mit den meisten reden?"

Mit noch mehr Disziplin würde er den Dia­betes ganz besiegen, davon ist der Theatermann überzeugt. "Aber dazu müsste ich Sport treiben. Und ich mag keinen Sport, zumindest keinen, bei dem ich aus dem Sessel aufstehen muss. Meine Frau ist ja auch ein Couch-Potato, wir sind uns da völlig einig. Nur ihr sieht man es nicht an, mir schon, das ist eine Schweinerei."

Vorfreude auf die Kirsch-Ernte

Seine Frau, das ist die Schauspielerin Angelika Zoidl, mit der er im Gloria-Theater regelmäßig auf der Bühne steht. Seine beiden Söhne, 27 und 22, stammen aus der ersten Ehe, die 2000, im Jahr, als er die Diabetes-Diagnose bekam, geschieden wurde. Ein Zusammenhang? "Wer weiß?", sagt Gerald Pichowetz. "Psychosomatisch hängt ja vieles miteinander zusammen."

Hat er Träume, Wünsche? Durchaus: ­"Irgendwann mal ein Jahr lang durch Amerika reisen. Und natürlich: die Kirschen im nächsten Sommer!" 


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