Übergewicht als Kunstobjekt

Fettleibige Menschen leiden häufig unter Vorurteilen. Die Kampagne „Schwere(s)los“ will ein künstlerisches Zeichen gegen diese Stigmatisierung setzen. Interview mit Fotografin Jana Hesse

von Dr. Antje Kunstmann, 14.02.2018
Übergewicht als Kunstobjekt

"Spagat": Das Bild entstammt der Ausstellung "Schwere(s)los". Jana Hesse hat es fotografiert


Kann Fettleibigkeit schön sein? Ja, sie kann. Und es wird höchste Zeit, dass wir den Blick darauf richten. Eine bundesweite Kampagne von DAK-Gesundheit und Johnson & Johnson Medical will auf Adipositas als Krankheit aufmerksam machen und Vorurteile aus dem Weg räumen. Im Mittelpunkt steht die Ausstellung "Schwere(s)los", die derzeit durch Deutschland zieht (Termine siehe unten). Studierende des Institute of Design in Hamburg, Berlin und Düsseldorf haben die Fotos gemacht, die adipöse Menschen zeigen.

Jana Hesse ist eine der Design-Studenten, die im Wettbewerb um die besten Bilder der Ausstellung ausgezeichnet wurden. Im Interview erklärt sie, wie sich durch die Fotos ihr Blick auf das Thema Adipositas verändert hat.

Die Ausstellung will die Sichtweise auf Adipositas verändern. Hat sich auch Ihre durch das Fotoprojekt verändert?

Jana Hesse: Ja, total. Ich wusste bis dahin zum Beispiel nicht, dass Adipositas eine Krankheit ist. Wenn ich früher Menschen mit Übergewicht gesehen habe, taten sie mir leid. Oder noch schlimmer: Ich hatte Vorurteile.

Welche?

Die üblichen: Die sind selbst schuld, machen keinen Sport, essen Ungesundes.

Übergewicht als Kunstobjekt

Die Fotoausstellung ist aus einem Wettbewerb entstanden. Warum haben Sie daran teilgenommen?

Das Thema wurde uns an der Universität vorgeschlagen, und ich fand es sofort interessant – eben weil ich so wenig darüber wusste. Ich habe dann viel darüber gelesen und mit Übergewichtigen geredet. Das hat dazu geführt, dass ich unbedingt mitmachen wollte. Was Adipositas für Menschen bedeutet, ist so wichtig, dass man darüber sprechen muss.

Wie ist aus dieser Recherche die Idee für Ihre Fotoserie "Der Kuss" entstanden?

Zuerst hatte ich das Thema Essen im Kopf. Aber das schien mir zu oberflächlich. Dann dachte ich an Sport, als Kontrast zu dem Vorurteil, dass Dicke unbeweglich sind. Das Erste, was mein Model Dörte Kuhn gemacht hat, als sie zum Fototermin erschien, war ein Spagat. Ich war sprachlos, denn ich bin zwar schlank, aber überhaupt nicht gelenkig. Den Spagat habe ich fotografiert, aber ich wollte noch tiefer gehen.

Übergewicht als Kunstobjekt

Deshalb also die intime Situation …

Ja. Im Moment des Kusses fällt einfach alles andere weg und wird unwichtig. Dörte ist übergewichtig, ihr Partner sehr schlank und sportlich, aber in ihrer Beziehung spielt das keine Rolle. Jeder liebt den anderen, wie er ist. Ich habe deswegen auch so fotografiert, dass nur die Gesichter der beiden scharf sind. Die Körper dagegen fließen fast schon ineinander. Es geht nicht um das äußere Erscheinungsbild, sondern um Liebe und Vertrauen. Um einen Moment der Schwerelosigkeit.

Hatten Sie Bedenken, ob Ihr Model sich in dieser Pose fotografieren lassen würde?

Oh ja, ich war total unsicher und habe lange überlegt, wie ich ihr sage, dass sie sich bitte ausziehen soll. Aber da habe ich mir unnötig Gedanken gemacht: Dörte hat sofort zugestimmt. Sie ist eine selbstbewusste Frau und hatte keine Probleme damit. Dass es nicht nur Vorurteile gibt gegenüber Übergewichtigen, sondern auch Berührungsängste, die genauso fehl am Platz sind, habe ich schon früher erlebt.

Übergewicht als Kunstobjekt

Wann zum Beispiel?

Ich habe als Stewardess gearbeitet. Im Flugzeug dürfen Personen, die wegen ihres Gewichts einen Verlängerungsgurt brauchen, aus Sicherheitsgründen nicht am Notausgang sitzen. Zweimal kam es vor, dass ich deshalb Passagiere bitten musste, sich umzusetzen. Ich habe herumgedruckst, mich entschuldigt, statt einfach zu sagen, worum es geht. Dabei hatten die Personen selbst mit der Frage gar kein Problem. Jedes Mal war die Antwort: "Okay. Wo soll ich mich hinsetzen?"

Wie sehen Sie jetzt nach dem Projekt Menschen mit Adipositas?

Für die Menschen ist ihr Übergewicht Normalität, und sie wollen natürlich auch normal behandelt werden. Ich stecke sie nicht mehr in Schubladen. Es gibt so viele unterschiedliche Aspekte des Themas. Das beweisen auch die vielen Fotomotive der Ausstellung – jedes zeigt eine andere Sichtweise auf Adipositas.

Ausstellungstermine 2018

  • 12. bis 23.2.: ­Moers, St. Josef Krankenhaus
  • 26.2. bis 9.3.: ­Münster, Herz-Jesu-Krankenhaus ­Münster-Hiltrup
  • 12. bis 16.3.: ­Mönchengladbach, Krankenhaus Neuwerk "Maria von den ­­Aposteln"
  • 19. bis 23.3.: Norderstedt, Johnson & Johnson Medical
  • 14. bis 17.4.: Mannheim, Kongress Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin
  • 23.4. bis 4.5.: Worms, Klinik für Allgemeinchirurgie, Klinikum Worms

Weitere Termine: www.aktion-schwereslos.de


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