Medizin für die Armen

Dr. Carina Vetye-Maler betreut chronisch Kranke in den Slums von Buenos Aires – für den Verein "Apotheker ohne Grenzen"

von Dr. Sabine Haaß, 26.02.2018
Camp

Apothekerin Dr. Carina Vetye-Maler (rechts) berät Familien in den Slums


José wiegt zu viel. Er hat nicht nur Typ-2-Diabetes, sondern auch Bluthochdruck. Deshalb kommt seine Frau Mónica jede Woche ins Gesundheitszentrum der Villa Zagala, eines Armenviertels in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, um Tabletten und Insulin für ihn abzuholen. Zahlreiche Tabletten, die er anfangs beim Einnehmen häufig durcheinanderbrachte. Denn José kann nicht lesen und Mónica auch nicht. Sein Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) lag bei 9,8 – viel zu hoch. Bis Apothekerin Dr. Carina Vetye-Maler auf die Idee kam, Mónica einen für sieben Tage vorgefüllten Tablettendosierer mitzugeben. Damit können die beiden umgehen. Josés HbA1c-Wert bleibt seither stabil um die 6,8.

Zwölf Quadratmeter Apotheke

José gehört zu den vielen Patienten, um die sich Carina Vetye-Maler täglich kümmert. Im Gesundheitszentrum betreibt sie auf zwölf Quadratmetern und mit sechs ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen eine Apotheke, aus der sie die Bewohner des umliegenden Slumviertels mit Medikamenten versorgt. "In unserem Einzugsgebiet wohnen etwa 25.000, vielleicht auch 30.000 Menschen", sagt Vetye-Maler. "So genau weiß das keiner." Zum Vergleich: In Deutschland ist die Apothekendichte achtmal so hoch.

Gefährlicher Arbeitsplatz

Hausärzte gibt es nicht. Daher ist das städtische Gesundheitszen­trum im Viertel die erste Anlaufstelle für Kranke. Mehrere Ärzte, zwei Krankenschwestern und eine Hebamme arbeiten dort für wenig Geld und meist nur halbtags. "Niemand geht gern in solche Gegenden", sagt Vetye-Maler. "Es gibt bewaffnete Drogendealer, die Polizei traut sich nicht in das Viertel. Die Slums sind in den letzten Jahren so stark gewachsen, dass die Stadtverwaltung das Geld für die medizinische Versorgung nicht mehr aufbringen kann." Apothekerin Vetye-Maler und ihr Team füllen hier zwei Lücken: Sie stellen Medikamente zur Verfügung, und sie erklären den Patienten, wie sie die Mittel richtig einnehmen. Den Ärzten fehlt die Zeit dazu.

Das argentinische Gesundheitssystem bezahlt nur ein Drittel der nötigen Medikamente, die restlichen zwei Drittel finanziert der Verein "Apotheker ohne Grenzen Deutschland", für den Vetye-Maler seit 15 Jahren im Einsatz ist. Das Geld stammt aus Mitgliedsbeiträgen, aber vor allem aus privaten Spenden. Dafür beschafft die Apothekerin Tabletten im Großeinkauf bei einheimischen Herstellern.

In ihrem Diabetes-Programm, das seit 2008 am Gesundheitszentrum läuft, werden etwa 130 Diabetiker, fast ausschließlich mit Typ 2, betreut. Dafür braucht Vetye-Maler rund 300.000 Tabletten im Jahr. "Viele müssen bis zu acht Tabletten täglich einnehmen. Nicht nur gegen Diabetes, sondern auch gegen Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen", sagt sie. Die Diabetesrate unter den Slumbewohnern schätzt sie auf etwa zehn Prozent – mindestens 2000 Menschen, für deren Versorgung dem Gesundheitszentrum aber weder Personal noch Mittel zur Verfügung stehen.

Apotheker ohne Grenzen Deutschland e. V.

Der gemeinnützige Verein hat gut 1600 Mitglieder und engagiert sich mit seinen Experten für ­kurzfristige Hilfe im Katastrophenfall, aber auch für langfristige Projekte wie die Slum-Apotheke in Buenos Aires.

Spendenkonto: DE88 3006 0601 0005 0775 91 (Deutsche Apotheker- und Ärztebank)

Weitere Informationen: www.apotheker-ohne-grenzen.de

Cola oft billiger als Wasser

Das Problem der Armen: Sie essen zu süß und zu fett, es mangelt am nötigen Wissen über gesunde Ernährung, Cola ist oft billiger als Wasser und nimmt den Kindern zudem den Hunger. Und sie bewegen sich zu wenig, denn Schießereien und Drogenkriminalität machen jeden Gang durchs Viertel zum Sicherheitsrisiko. Sehr viele Menschen sind fettleibig, bereits bei Kleinkindern sind die Zähne durch Karies stark geschädigt, Zwölfjährigen fehlen oft schon alle Backenzähne. Carina Vetye-Maler geht regelmäßig in Schulen, um Kindern das Zähneputzen zu zeigen und ihnen klarzumachen, was Cola und Süßigkeiten anrichten. Und sie versucht Mütter und Großmütter zu überzeugen, den Kindern Wasser statt Softdrinks zum Trinken zu geben.

Medikamente nur mit Ausweis

Schwerpunkt von Vetye-Malers Arbeit bleibt aber die medizinische Versorgung. Medikamente erhält allerdings nur, wer im Gesundheitszentrum registriert ist, regelmäßig zu Untersuchungen erscheint und ein Rezept sowie einen speziellen Ausweis vom Arzt vorzeigt. Dabei führt Vetye-Maler mithilfe einer Datenbank Buch darüber, welche Arzneien an wen ausgegeben werden. Zweimal im Jahr wird bei den Diabetespatienten der HbA1c kontrolliert, außerdem bei jedem Arztbesuch Blutzucker, Blutdruck und Gewicht. Eigene Blutzuckermessgeräte sind auch für insulinpflichtige Diabetiker nur sehr schwer zu bekommen. "Eine gute Blutzuckereinstellung lässt sich so natürlich nicht erreichen", bedauert Vetye-Maler. "Aber wir können wenigstens die schlimmsten Folgeschäden vermeiden helfen."

Wichtig ist der Apothekerin, die Menschen zu überzeugen, dass sie ihre Tabletten regelmäßig einnehmen müssen, damit diese nützen. Dafür spricht sie immer wieder mit den Patienten, die sich ihren Bedarf abholen, besucht sie zu Hause, um zu sehen, wie sie leben. "Ich will ihnen vermitteln, dass wir uns für sie interessieren, dass wir über lange Zeit für sie da sind", sagt sie. Im Viertel schätzt man Vetye-Maler mittlerweile als "La Alemana", die Deutsche. Dabei ist sie Argentinie­rin mit deutschen Vorfahren und in beiden Sprachen zu Hause.

Alle zwei Monate tauscht sie den Platz in der Slum-Apotheke mit ihrem Büro in Deutschland, wo sie für "Apotheker ohne Grenzen" Vorträge hält und Mitarbeiter für Auslandseinsätze schult. Denn der Verein engagiert sich an vielen Orten auf der Welt, wo Menschen Hilfe benötigen, derzeit unter anderem in der Karibik nach den Hurrikans im September. Aber Vetye-Maler geht immer wieder gern zurück in "ihr" Armenviertel in Buenos Aires. Angst vor den Slums hatte sie nie. "Ich möchte etwas zurückgeben dafür, dass ich selbst im Wohlstand aufgewachsen bin", sagt sie. "Und ich will das Denken der Menschen dort verändern, damit spätere Generationen besser leben können."


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