Wenn die Schilddrüse Probleme macht

Ärger in der Hormonfabrik: Woran Sie erkennen, dass Ihre Schilddrüse aus dem Takt geraten ist

von Alexandra von Knobloch, 05.09.2018
Frau fasst sich an den Hals

Die Schilddrüse sitzt im vorderen Halsbereich und hat die Form eines Schmetterlings


Sie schmiegt sich vorne am Hals an die Luftröhre. Nur etwa walnussgroß ist die Schilddrüse, aber trotzdem eine der größten Hormonfabriken des Körpers. Ihre Botenstoffe beeinflussen etwa Herz und Kreislauf, Muskeln und Nerven, Psyche und Sexualität. Auch das Körpergewicht sowie die Gesundheit von Haut, Haaren, Nägeln oder Knochen hängen von dem ­Organ mit ab.

Dass die Schilddrüse aus dem Takt gerät, ist kein seltenes Leiden. Funktioniert sie nicht richtig, kann sich dies auch auf den Blutzucker auswirken. So steigert eine Überfunktion zum Beispiel eine Insulinresistenz und führt dazu, dass die Leber vermehrt Speicherzucker ins Blut abgibt. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse dagegen kann sich etwa der Stoffwechsel verlangsamen.

PD Dr. Susanne Reger-Tan

Überfunktion: Stress fürs Herz

Aber noch aus einem weiteren Grund steht bei Diabetikern die Schilddrüse im Fokus. So kann etwa eine Überfunktion die Gefahr für Herzrhythmusstörungen, darunter Vorhof­flimmern, erhöhen. "Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ohnehin ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten", sagt Professor Dr. Ulrich Alfons Müller, Diabetologe und Endokrinologe vom Universitätsklinikum Jena. "Deshalb sollte bei ihnen eine ­­Überfunktion, auch schon eine geringfügige, behandelt werden", so Privatdozentin Dr. Susanne Reger-Tan, Dia­betologin und Endokrinologin am Universitätsklinikum Essen.

Überfunktion bei Basedow

Wenn die Schilddrüse etwa wegen einer Basedow-Autoimmunerkrankung zu viele Hormone produziert, merken das Betroffene unter Umständen selbst: Sie sind dann möglicher­weise unruhig, schlafen schlecht, haben einen beschleunigten Puls, fühlen sich schlapp und nehmen ab, ohne zu fasten.

Das Problem dabei: Solche Symptome sind oft unspezifisch. Häufig denkt nicht einmal der Arzt daran, dass die Schilddrüse dahinterstecken könnte. Mit Tabletten, einer Operation oder einer speziellen Radiojodtherapie lässt sich die Basedow-Erkrankung gut behandeln.

Unterfunktion: Häufiges Leiden

Auch wenn die Schilddrüse zu wenig Hormone produziert, also eine Unterfunktion besteht, kann dies Probleme verursachen. Vor allem Typ-1-Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko, eine spezielle Autoimmunerkrankung, die Hashimoto-Thyreoiditis, zu entwickeln. Wenn die Schilddrüse nicht genug Hormone bildet, merken das Betroffene vielleicht daran, dass sie sich zum Beispiel häufig schlapp fühlen, zunehmen und unter trockener Haut leiden. Die Unterfunktion wird mit Tabletten behandelt, die, erklärt Expertin Reger-Tan, die Hormone ersetzen. Auch hier, so Reger-Tan, "verschwinden Symptome und Blutzuckerschwankungen rasch".

Prof. Dr. Robert Ritzel

Probleme unter dem Radar

Ob die Schilddrüse Ärger bereitet, lässt sich nicht immer auf den ersten Blick erkennen. So gibt es zum Beispiel latente oder subklinische Probleme. Das heißt: Die Schilddrüse arbeitet nicht optimal. Die Spiegel der Schilddrüsenhormone sind aber normal — mit Ausnahme des Steuerungshormons TSH. Das Problem dabei: Bei Menschen mit Dia­betes sind auch diese subklinischen Störungen relevant. "Einige Studien der letzten Jahre lassen vermuten", sagt Professor Dr. Robert Ritzel, Diabetologe und Endokrinologe am Klinikum Bogenhausen in München, "dass eine lange bestehende subklinische Schilddrüsenunterfunktion das Risiko für verschiedene Diabetes-Komplikationen steigert". Möglicherweise beeinflusst sie etwa die Blutgefäße am Herzen oder im Auge. "Es bedarf aber weiterer Forschung, um zu prüfen, inwieweit eine Störung der Schilddrüsenfunktion wirklich die Ursache für die Schädigung der Gefäße ist", schränkt Diabetologe Müller ein.

TSH-Wert liefert erste Hinweise

Um zu beurteilen, ob Diabetiker mit ­einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion behandelt werden müssen, berücksichtigt der Arzt deshalb weitere individuelle Faktoren, etwa das Alter, den Blutdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. "Bei Typ-2-Diabetikern lassen viele Ärzte zumindest den TSH-Wert bei Routinechecks mit untersuchen", erklärt Experte ­Ritzel. Regelhaft vorgesehen ist dies in den Behandlungsleitlinien aber nicht. "Auch bei Typ-1-Dia­betikern sollte der Wert jährlich erhoben werden, damit kein relevantes Problem mit der Schilddrüse übersehen wird", sagt Ritzel.

Am besten ist es, wenn Menschen mit Diabetes selbst daran denken, dass hinter unklaren Problemen die Schilddrüse stecken kann — und ihren Arzt darauf ansprechen.


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes