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Keine Scheu vor Hörgeräten!

Eine der weniger bekannten Folgen von Diabetes ist ein ehrhöhtes Risiko für Schwerhörigkeit. Doch wer betroffen ist, sollte frühzeitig über ein Hörgerät nachdenken

von Sabine Lotz, 01.06.2016
Geräusche

Schwerhörig? Betroffene können oft ähnlich Geräusche nicht mehr unterscheiden


Schon die Brille war eine Herausforderung. Bis heute setzt Jutta S. aus Minden "das Ding", wie sie es nennt, nur auf, wenn es nicht anders geht: beim Autofahren etwa oder im Kino. Als sich abzeichnete, dass sie vermutlich auch ein Hörgerät brauchen würde, trat die heute 55-Jährige zunächst in den Streik: "Brille plus Hörgerät? Auf keinen Fall!"

Nicht nur Jutta S. hat Vorbehalte gegen Hörgeräte. Vor diesem Hilfsmittel scheuen viele Deutsche zurück. Von den schätzungsweise zehn Millionen Menschen, die hierzulande eine Hörhilfe bräuchten, trügen nur etwa drei Millionen tatsächlich eine, so Dr. Michael Deeg, Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Freiburg/Breisgau. Bei Menschen mit Diabetes treten einer großen kanadischen Überblicksstudie zufolge übrigens Probleme mit dem Hören viel häufiger auf als bei Nichtdiabetikern. Woran das liegt, wissen die Forscher nicht genau. Vermutlich könnten durch Unterzuckerungen die Nerven geschädigt werden, die an der Schallweiterleitung ins Gehirn beteiligt sind.

Dr. med. Michael E. Deeg

Hören kann man verlernen

Schlecht hören – und nichts dagegen unternehmen: für Experte Deeg keine gute Idee. Denn Hören könne man verlernen. "Je länger das Gehirn zu wenige oder keine Schallimpulse geliefert bekommt, desto mehr nimmt seine Fähigkeit ab, Höreindrücke richtig zu interpretieren", sagt Deeg. Denn dann werden die entsprechenden Verarbeitungsbereiche im Gehirn zu wenig beansprucht. Auch der Verstand leidet. "Unbehandelte Schwerhörigkeit ist ein wichtiger Risikofaktor für Altersdemenz", sagt Hör-Experte  Deeg. "Wer schlecht hört, dessen Geist bekommt zu wenig Anregung.

"Die häufigste Form von Hörminderung ist die sogenannte Altersschwerhörigkeit, weiß Christian Mahn, Hörgeräteakustikermeister aus Erding. Sie heißt so, weil sie in der Regel nicht vor dem 40. bis 50. Lebensjahr auftritt. Ursache ist die zunehmende Abnutzung der Hörsinneszellen. Diese im Innenohr sitzenden Härchen geben den eintreffenden Schall als Signal über die Hörnerven an das Gehirn weiter. Im Laufe des Lebens verschleißen diese Sinneshärchen. Beim einen früher, beim anderen später und bei vielen nur in einem Ausmaß, in dem sie den Hörverlust kaum bemerken.

Umwelteinflüsse, Diabetes und Gene können das Risiko erhöhen

Risikofaktoren wie Lärmbelastung oder Zigarettenrauchen können die Schwerhörigkeit beschleunigen. Zu früher Hörminderung neigen laut HNO-Arzt Deeg außerdem Menschen, die schwerhörige Verwandte haben oder zuckerkrank sind – zwei Risikofaktoren, die auf Jutta S. zutreffen: Sie hat Typ-2-Diabetes, ihre verstorbene Mutter war schwerhörig. Dass ihr Gehör langsam nachließ, war in Jutta S.' Familie schon längst Thema, bevor sie es sich selbst eingestand: "Einmal schimpfte mein Sohn, weil ich etwas nicht verstand: ‚Mama, du bist ja schwerhörig!‘ Aber ich dachte, wenn der da so vor sich hin nuschelt, kann doch ich nichts dafür."

Der Eindruck, andere redeten undeutlich, gilt als typisches Warnsignal. Denn nun werden vor allem die mit hoher Frequenz schwingenden Konsonanten K, L und S schlecht wahrgenommen. Das gilt auch für andere hohe Töne wie Türklingeln oder Kinder- und Frauenstimmen. "Dadurch nimmt das Sprachverständnis immer weiter ab. Es kommt zur sogenannten Party-Schwerhörigkeit, man hat Schwierigkeiten, Gesprächen in lauter Umgebung, zum Beispiel im Restaurant, zu folgen", erklärt Deeg.

Hörgeräte werden von der Krankenkasse bezuschusst

Jutta S. kennt dieses Phänomen: "Ständig muss man nachfragen ‚Wie bitte?‘, ‚Was meinten Sie eben?‘ Ich kam mir richtig beschränkt vor." Als sich die Missverständnisse häuften, gab sich die gelernte Arzthelferin einen Ruck und ließ sich beim HNO-Arzt untersuchen. Krankengeschichte, Ohrenuntersuchung, Ton- und Sprachhörprüfung – das Ergebnis bestätigte, was eigentlich klar war: Altersschwerhörigkeit. Ihr Arzt schickte sie mit einer "ohrenärztlichen Verordnung" zum Hörgeräteakustiker, der sie beriet, welches Hörgerät zu ihr und ihren Wünschen passte.

Hörgeräte werden übrigens von der Krankenkasse bezuschusst. Für das erste gibt es bis zu rund 800 Euro. Damit lässt sich meist ein Modell finanzieren, das normalen Alltags-Höranforderungen genügt. Für Luxusmodelle mit Extras wie Fernbedienung muss man in die eigene Tasche greifen: Sie können bis zu 2000 Euro pro Ohrseite kosten. Jutta S. trägt seit nun fünf Jahren Hinter-dem-Ohr-Geräte (siehe Kasten). Verborgen unter den halblangen Haaren, sind sie für Außenstehende kaum zu sehen.

Dabei hatte sie zunächst Anpassungsschwierigkeiten – die viele Hörgeräte-Neulinge durchmachen. Mit den ersten Modellen kam sie "nicht zurecht, bei jedem Plastikrascheln in meiner Umgebung ging ich an die Decke". Die zweiten Geräte "waren noch viel schlimmer, die brachte ich nach drei Tagen wieder zurück". Der dritte Versuch klappte: "Mit meinen jetzigen Hörgeräten bin ich total zufrieden. Die bringen mir so viel Lebensqualität, ich möchte sie nicht mehr missen!" Und die Brille? "Die", sagt sie, "mag ich immer noch nicht."


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