Wassergymnastik: Mobil im Pool

Eine Seniorengruppe trifft sich jede Woche zur Wassergymnastik und zeigt: Übergewicht, Diabetes und andere Handicaps sind dabei keine Hindernisse

von Andrea Grill, 19.09.2018
Wassergymnastik

Flügel ausbreiten! Gegen den Wasserwiderstand ausgeführt, kräftigt diese Übung Arme und Schultern


Schichtwechsel im Hallenbad im oberbayerischen Kirchseeon: Eine Gruppe von Müttern mit Babys verlässt das Bad fröhlich plaudernd nach dem Mama-Kind-Schwimmen. Eine Gruppe von Damen und Herren in fortgeschrittenem Alter kommt fröhlich plaudernd herein. Günther ist mit 82 Jahren der Älteste, die 62-jährige Heide das "Küken".

Gleich werden sie in Badekleidung ins Becken steigen und unter Regie von Übungsleiterin Brigitte Birlauf eine Dreiviertelstunde lang Gymnastik machen. Der Volkshochschulkurs "Wassergymnastik bei Diabetes Typ 2" ist etwas Besonderes.

Trainerin

"Es gibt zwar viele Gymnastikangebote für Menschen mit Diabetes, aber leider finden die wenigsten im Schwimmbecken statt", sagt Birlauf. Dabei ist das Training im Wasser ideal bei Typ-2-Diabetes. Patienten, die schon älter und durch Übergewicht oder Gelenkbeschwerden nicht mehr so beweglich sind, können mit Sport im Pool ihrem Blutzucker Gutes tun. Das Element Wasser gleicht körperliche Handicaps perfekt aus. Es verleiht Auftrieb, trägt so das Eigengewicht und entlastet die Gelenke.

Der Rollator parkt in der Umkleide

Die Kursteilnehmer im Kirchseeoner Bad könnten mit ihren gesammelten Beschwerden vermutlich regalweise Krankenakten füllen: Von künstlichen Kniegelenken und Hüften über Bandscheibenvorfälle bis zu diabetischen Nervenschäden und Fußproblemen ist fast alles vertreten, was die Medizin an orthopädischen und diabetischen Beschwerden kennt. Und trotzdem bewegen sich die Teilnehmer wie Fische im Wasser — während Rollatoren und Gehstöcke in den Umkleiden warten.

Was vom Beckenrand aus so leicht aussieht, ist für die Muskeln ordentlich anstrengend: Sie müssen wegen des Wasserwiderstandes mehr arbeiten. "Man kann im Wasser jeden Muskel des Körpers gezielt trainieren und gleichzeitig Gelenke, Sehnen und Bänder elastisch halten", so Birlauf. Immer wieder bekämen Kursteilnehmer von ihren Ärzten bescheinigt, dass sie für ihr Alter recht beweglich seien.

Wassergymnastik

Den Rehasport gibt es auf Rezept  

Wer schon älter und unsicher auf den Beinen ist, traut sich Sport an Land oft nicht mehr zu — dabei könnte man ja das Gleichgewicht verlieren, stolpern, sich wehtun. Nicht so im Wasser. Ohne Verletzungen zu riskieren, trainiert man bei der Aquagymnastik Gleichgewicht und Koordination. Auch Herz und Kreislauf profitieren. Die Herzfrequenz sinkt, und die Massagewirkung des Wassers auf der Haut regt die Durchblutung an. Bei bestimmten Herz­­erkrankungen raten Ärzte allerdings vom Wassersport ab. Ein medizinischer Check sollte solche Risiken vor Beginn eines Kurses ausschließen. Spricht gesundheitlich nichts dagegen, können sich Diabetiker den Rehasport vom Arzt auf Rezept verordnen lassen; die Krankenkasse beteiligt sich dann an den Kosten. Kursangebote gibt es bei Sportvereinen und Volkshochschulen.

Damit sie bei eventuellen Problemen sofort eingreifen kann, hat Brigitte Birlauf ihre Kursteilnehmer während des Trainings vom Beckenrand aus im Blick. Schon seit 14 Jahren leitet sie den Volkshochschulkurs, aber "nur ein einziges Mal hatte eine Teilnehmerin eine Unterzuckerung".

Umfrage in die Runde: Wie beugt ihr Unterzucker vor? Die Insulin spritzenden Kursteilnehmer erweisen sich als Profis. Vor dem Sport wird gemessen, Traubenzucker ist immer griffbereit dabei. Alle achten darauf, dass der Zuckerwert vor Beginn hoch genug ist. Klaus schwört dabei auf seine Lieblingsbrotzeit: "Ohne eine Schinkensemmel vorneweg geh ich nicht ins Wasser!"

Schon seit 16 Jahren ist der Rentner dabei. Er hatte den Kurs damals von seiner Diabetologin empfohlen bekommen. Auch unter den anderen sind viele Stammgäste, die teilweise schon mehr als zehn Jahre mitmachen. In den Kurspausen während der Ferien vermissen sie die wohltuende Bewegung. Renate stellt fest, dass sie dann gleich "starrer" wird. Und auch die Gemeinschaft fehlt.

Der soziale Aspekt ist den Diabetikern genauso wichtig wie der sportliche. In der Gruppe findet jeder, der neu dazukommt, schnell Anschluss. Ob Gehbehinderung oder Körperfülle — keiner braucht sich wegen Äußerlichkeiten vor den anderen zu schämen. Durch den gemeinsamen Sport sind inzwischen auch private Kontakte entstanden, etwa der monatliche "Stammtisch". Man plaudert, trinkt Kaffee oder Tee, und eine kleine Kuchensünde darf auch mal sein. Damit der Genuss neben dem Sportprogramm nicht zu kurz kommt.


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