Leistungssport mit Typ-1-Diabetes

Topleistungen im Wettkampf erbringen und Diabetes haben: Wie lässt sich diese Herausforderung stemmen? Drei Athleten nennen ihre Tricks

von Daniela Pichleritsch, 20.05.2016

Sportlegenden mit Typ-1-Diabetes gab es schon immer. Etwa den kanadischen Eishockeyspieler Bobby Clarke. Der heute 66-Jährige spielte von 1969 bis 1984 in der Profiliga, schoss mehr Tore als jeder andere Spieler. Berühmt wurde Clarke auch für seine spezielle "Diabetes-Diät": zwei Dosen Cola mit drei Löffeln Extrazucker vor dem Spiel, ein Glas gezuckerten Orangensaft in den Pausen und nach dem Spiel. So gelang es ihm, trotz der extremen Anstrengung nicht in eine Unterzuckerung zu rutschen.

Unterzucker im Griff

Auch heute noch ist es für Leistungssportler mit Typ-1-Diabetes die vielleicht größte Herausforderung, ihren Zucker beim Sport im Griff zu behalten. Wobei das inzwischen deutlich einfacher ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Heute tragen zum Beispiel viele Leistungssportler eine Insulinpumpe. Damit lässt sich die Insulindosis besonders gut steuern. Die Pumpe gibt rund um die Uhr kleine Mengen schnell wirkendes Insulin ab. Diese Basalrate programmiert und senkt man nach seinem individuellen Bedarf.

Pumpe, Pen – oder beides

Die 37-jährige Triathletin Rebecca Fondermann läuft und radelt seit zehn Jahren mit einer Pumpe. Die klippt sie beim Sport an die Innenseite ihrer Hose. "Seit Kurzem habe ich eine wasserfeste Pumpe, die auch die Schwimmstrecke beim Triathlon unbeschadet übersteht", sagt Fondermann. Zuvor konnte sie die Pumpe erst beim Wechsel vom Schwimmen aufs Rad anlegen. "Das bedeutete eine Stunde ohne Insulin und einen Tick Extrastress", sagt die Athletin. Eishockeyspieler Florian Töllner dagegen ist beim Pen geblieben. "Mit der Pumpe übers Eis zu brettern – darauf habe ich keine Lust", sagt der 16-Jährige.

"Es gibt auch Sportler, die Pumpe und Pen kombinieren", sagt Ulrike Thurm, die als Diabetesberaterin viele Leistungssportler betreut. Das bietet sich zum Beispiel an, wenn ein Sportler sich beim Training von der Pumpe gestört fühlt, nachts aber zu Unterzuckerungen neigt, wenn er abends ein lang wirkendes Insulin gespritzt hat. In diesem Fall rät Thurm tagsüber zum Pen und nachts zur Pumpe.

Beim Sport verbrennen nicht nur die Muskeln mehr Zucker. Das Insulin wirkt auch besser, was das Risiko für Unterzuckerungen weiter erhöht. Und zwar nicht nur während der Anstrengung, sondern noch Stunden danach. Wie sich Unterzuckerungen verhindern lassen, ob nur durch Senken der Insulindosis, zusätzliche Kohlenhydrate oder beides, muss jeder Sportler individuell herausfinden. Dabei spielen natürlich auch Art, Dauer und Intensität des Sports eine Rolle. Am besten berät man dies mit seinem Diabetologen oder der Diabetesberaterin.

Kohlenhydrate für den Sieg

Eishockeyspieler Florian Töllner reduziert an Trainings- oder Wettkampftagen seine Basalinsulin-Dosis um zwei Einheiten und isst zwischendurch immer wieder einen Müsliriegel. "Damit komme ich meist gut hin", sagt er. Apfelschorle und Traubenzucker, die er zur Sicherheit auf der Wechselbank deponiert hat, braucht er kaum. Triathletin Fondermann wiederum senkt vor dem Training die Basalrate, die ihre Pumpe abgibt, auf 45 bis 85 Prozent. Vor einem Wettkampf allerdings nur auf 65 bis 85 Prozent: "So kann ich regelmäßig Kohlenhydrate zu mir nehmen, ohne dass ich dafür extra Insulin brauche", sagt sie. Bei einem Triathlon benötigt Fondermann 55 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. "Damit erreiche ich meine maximale Leis­tungsfähigkeit", sagt die Sportlerin.

Stresshormone erhöhen Blutzuckerwerte

Ihre letzte große Mahlzeit isst Fondermann spätestens drei Stunden vor einem Wettkampf. Ein Vorgehen, das Diabetologe Dr. Bernhard Gehr von der Fachklinik Bad Heilbrunn, der mit Ulrike Thurm eine Sportfibel für Diabetiker verfasst hat, für sinnvoll hält: "Nach drei oder vier Stunden ist die Wirkung des zum Essen gespritzten Insulins abgeflaut. Das senkt das Unterzuckerrisiko weiter."

Besonders im Wettkampf werden allerdings auch Stresshormone ausgeschüttet, die den Blutzucker erhöhen. Diabetologe Gehr rät daher, die Insulindosis an Wettkampftagen weniger zu senken als an Trainingstagen. Wichtig für Athleten mit Typ-1-Diabetes ist es auch herauszufinden, mit welchem Blutzuckerwert sie am besten in einen Wettkampf starten. Als Faustregel gilt, das Sportprogramm mit einem etwas erhöhten Zuckerwert zwischen 150 und 180 mg/dl (8,3 und 10 mmol/l) zu beginnen. Das bietet einen "Puffer" gegen Unterzuckerungen.

Für Leistungssportler gilt diese Empfehlung aber nur bedingt. Denn auch ein leicht erhöhter Blutzucker kann Kraft und Konzentration kosten und über Sieg oder Niederlage entscheiden. "Daher streben viele Athleten vor allem an Wettkampftagen Werte im Normalbereich an, etwa um 120 mg/dl (6,7 mmol/l)", sagt Gehr. Es gibt auch Sportler, die sich mit einem höheren Start-Zucker sicherer fühlen. Florian Töllner etwa geht nie mit einem Wert unter 170 mg/dl (9,4 mmol/l) aufs Eis.

Werte nach dem Sport optimieren

Sport verbessert die Insulinempfindlichkeit der Zellen, sodass das zuckersenkende Hormon stärker wirkt. Dieser Effekt kann noch stundenlang nach dem Sport anhalten. Hinzu kommt, dass die Muskeln ihre entleerten Zuckerdepots wieder auffüllen – was sich natürlich ebenfalls auf den Blutzucker auswirkt. Deswegen braucht man für die erste Mahlzeit nach dem Sport oft weniger Insulin. Um nächtlichen Unterzuckerungen vorzubeugen, kann es nötig sein, auch nach dem Sport die Dosis des Basalinsulins bzw. die Basalrate der Insulinpumpe zu senken.

Wenn der Zucker nach einer intensiven Trainingseinheit in die Höhe schießt, können Stresshormone schuld sein – oder die verzögerte Wirkung von Kohlenhydraten, die man während des Sports  zu sich genommen hat. In diesem Fall helfen meist ein paar Extra-Einheiten Insulin, den Blutzucker ins Gleichgewicht zu bringen.

Häufige Zuckerkontrollen wichtig

Für Leistungssportler ist es nicht ungewöhnlich, alle 30 bis 60 Minuten den Blutzucker zu kontrollieren. "Nur so weiß ich, ob das Herzklopfen bei einem Wettkampf von einer Unterzuckerung oder von der Aufregung kommt", sagt Florian Töllner. Er misst seinen Wert daher in jeder Spielpause.

Der 22-jährige Felix Petermann, der für die Fußballmannschaft der kalifornischen San José State University im Tor steht, setzt auf ein CGM-System. Dabei misst ein Sensor unter der Haut fortlaufend den Zuckerspiegel im Unterhautfettgewebe. Ein Sender (Transmitter) funkt die Werte an ein Empfangsgerät, auf dem Petermann sie ablesen kann. Zudem gibt das Gerät Alarm, wenn der Zucker den Zielbereich über- oder unterschreitet. CGM-Systeme werden von den Kassen nur in Einzelfällen bezahlt – und die Kosten sind beachtlich. Allein der Sensor, den man je nach System fünf bis sechs Tage trägt, kos­tet 60 bis 80 Euro. "Doch viele Sportler nehmen den hohen Preis in Kauf, weil das CGM-System ihre Lebensqualität und ihre Wettkampfleistung deutlich steigert", sagt Ulrike Thurm. Dass Leistungssportler ihren­ Diabe­tes­­­ meist im Griff haben, ist für Ulrike

Thurm, selbst Sportlerin mit Typ-1-Diabetes, nicht ungewöhnlich. "Sportler  sind von Haus aus diszipliniert, motiviert und ehrgeizig", sagt sie. "Das sind die besten Voraussetzungen."

Viele Athleten sind zudem gern bereit, Nachwuchssportler mit Typ-1-Diabetes  zu beraten. Kontakte vermittelt etwa die internationale Vereinigung diabetischer Sportler (www.idaa.de). Die "Special Ones" (www.special-ones.de), acht Leistungssportler mit Typ-1-Diabetes, bieten einen Erfahrungsaustausch bei Veranstaltungen und per E-Mail an.   


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