Ulrike Thurm: Vorbild der Athleten

Sportlehrerin durfte sie einst wegen ihres Diabetes nicht werden. Heute ist die Diabetesberaterin Ulrike Thurm eine feste Instanz, wenn es um Sport und die Krankheit geht

von Anne-Bärbel Köhle, 14.08.2015

Guter Lauf: Ulrike Thurm geht dreimal pro Woche Joggen


Auf dem Fußballfeld nennt man sie "den Wadenbeißer". Wenn sie den Ball vor den Füßen hat, kann sich der Gegner warm anziehen. An dieser Verteidigerin kommt er so schnell nicht vorbei. Sie verbeißt sich gern. Besonders wenn es schwierig wird.

Ulrike Thurm, 51, dehnt sich ein bisschen, dann läuft sie mit kraftvollen Schritten durch den Park des Charlotten­burger Schlosses in Berlin. Dreimal die Woche­ joggt die Marathonläuferin eine bis eineinhalb Stunden lang. Mindestens einmal in der Woche trainiert­ sie Fußball, kickt in ihrer Damenmannschaft SV Adler Berlin in der Verbandsliga.

Lebensthema Diabetes und Sport

Wer in Deutschland Spitzensportler ist und Diabetes hat, kommt an der kleinen drahtigen Frau mit dem Mecki-Schnitt fast nicht vorbei. Menschen wie der Einhandsegler Bastian Hauck oder der Ironman-Triathlet Andreas­ May haben ihre Bücher gelesen und wurden­ von ihr als Patienten betreut.

Die­ studierte Sportwissenschaftlerin ist Dia­betesberaterin, arbeitete und forschte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und am Royal Prince Alfred Hospital in Sydney/Australien zum Thema "Sport und Diabetes". Außerdem gründete sie zusammen mit dem Diabetologen Professor Michael Berger 1990 die deutsche Sektion­ des weltweit größten Diabetes- und Sportverbandes IDAA (International Diabetic Athletes Association). Sport ist der rote Faden, der sich durch ihr Leben zieht. Das änderte sich auch nicht, als sie selbst an Typ-1-Diabetes erkrankte.

"Hauptsache, den Ball halten!"

Fußball spielt Ulrike Thurm schon, "seitdem ich laufen kann", sagt sie. Ihr großes Vorbild: Bayerntorwart Sepp Maier. Kein Wunder, dass auch sie im Tor stand. Als einziges Mädchen kickte sie im Ruhrpott auf dem Bolzplatz. "Hauptsache, den Ball halten", sagt sie heute und lacht.

Die Fähigkeit, sich durchzubeißen, brauchte Ulrike Thurm auch, als sie an Dia­­betes erkrankte. 30 Jahre ist das jetzt her. Nach einer Magen-Darm-Infektion hatte sie sich nicht richtig erholt. "Meine Trainingszeiten wurden immer schlechter", erinnert sie sich. Sie studierte damals Lehramt Sport. Als ihr der Arzt die Diagnose verkündete, war ihre erste Frage: "Kann ich weiter Sport treiben?" Dank Schulung und intensivierter Insulintherapie fühlte sie sich bald besser. Doch der Traum, Lehrerin zu werden, war damals geplatzt. "Bei der Tauglichkeitsprüfung fiel ich wegen des Diabetes glatt durch."

Diabetes-Beratung über Skype

Heute sitzt Ulrike Thurm im Schulungsraum der Diabetologin Dr. med. Kristina Pralle hoch über Charlottenburg. Die Diabetesberaterin hat vor sich ein Tablet, das einen Blutzuckerwert von 165 mg/dl­ anzeigt. Er stammt von dem jungen Berliner Torhüter Felix Petermann. Der hat Typ-1-Diabetes und studiert gerade in Kalifornien. Ulrike Thurm berät ihn von Deutschland aus.

Per Computer schickt der Fußballer regelmäßig seine Werte. Über Skype besprechen er und Thurm die weitere Insulin-Therapie. Der junge Sportler nutzt zudem "Nightscout", ein neues Internet-Überwachungs­system, das die Werte seines CGM-Gerätes (Gerät zur kontinuierlichen Glukose-Überwachung) ständig an sein Smartphone oder eine spezielle Uhr funkt.

Ehrenamtliche Arbeit

Thurms Spezialgebiet: CGM- und Pumpentherapie, für die sich Sportler oft entscheiden. Weil sie selbst eine Pumpe trägt, kennt sie die Probleme – und findet Lösungen auch in kniffligen Situationen. Sie selbst etwa fixiert­ den Pumpenkatheter bei einem Fußballturnier mit Tape. Dann löst er sich auch nicht, wenn sie stark schwitzt.

Ihre Arbeit mit Sportlern ist meist ehrenamtlich. Die Möglichkeit, anderen zu helfen, der Glaube, dass mit Dia­betes eben doch fast alles möglich ist: "Dafür setze ich mich in meiner Freizeit an den PC und gucke Blutzuckerwerte an", sagt sie. "Ist doch meist sinnvoller als Fernsehen. Außer wenn der FC Bayern spielt."


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