Schluss mit Stress!

Zu viel um die Ohren, keine Zeit – und dann auch noch der Diabetes: Warum es so wichtig ist, zur Ruhe zu kommen. Und wie Sie es schaffen, die Stopp-Taste zu drücken

von Tina Haase, 03.08.2018
Frauenkopf

Verpflichtungen, Deadlines, Termine: Manchmal wird es einfach zu viel


Zu schnell, zu laut, zu viel. Es gibt Phasen im Leben, in denen einem alles über den Kopf wächst. 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland fühlen sich gestresst. Aber was ist Stress? Wann ist er nützlich, wann schädlich? Und wann ist er womöglich ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes?

"Stress ist zunächst einmal ein lebenswichtiger Mechanismus der Evolution", erklärt  Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Facharzt für psychosomatische Medizin am Helmholtz Zentrum und an der Technischen Universität München. In Notsituationen, etwa wenn wir auf der Autobahn eine Vollbremsung einlegen müssen, nimmt der Körper seine ganze Kraft zusammen und versorgt uns mit extra Energie. Der Puls rast, der Blutdruck steigt. Wir sind in höchster Alarmbereitschaft — um schnell richtig reagieren zu können. "Stressreaktionen wie diese sind kurzfristig und unbedenklich", erklärt Ladwig. Ist die gefährliche Situation vorbei, beruhigen wir uns nämlich wieder.

Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig

Ständig unter Strom

Im modernen Leben allerdings wird Stress für viele zum Dauerzustand. Auf die Anspannung, zum Beispiel im Job, folgt keine Entspannung mehr. "Der Körper ist quasi ständig in Alarmbereitschaft", sagt der Experte. "Das macht krank." Und führt zum Beispiel zu Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kopfschmerzen, Depressionen. Forscher wissen das schon lange. "Neu ist, dass anhaltender Stress inzwischen als eigenständiger Risikofaktor für Typ-2-Diabetes gilt", sagt Karl-Heinz Ladwig. Er und sein Team wiesen dies anhand der Daten aus zwei großen Bevölkerungsstudien namens ­MONICA und KORA nach. Seit mehr als 20 Jahren lassen sich in und um Augsburg für diese Studien Tausende Probanden regelmäßig untersuchen und zu ihrer Gesundheit befragen. Laborwerte, Lebensstil, Arbeitsbelastung und Krankheiten: All das dokumentieren die Forscher.

Risikofaktoren aufgespürt

So gelang es ihnen, Stressfaktoren auszumachen, die zu Typ-2-Diabetes führen können — unabhängig von den bekannten Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel und einer erblichen Veranlagung. An erster Stelle nennt Karl-Heinz Ladwig Stress im Job und lange Arbeitszeiten. Aber auch Einsamkeit oder Ärger können zu andauernden Stress­reaktionen führen. Zudem sind Menschen mit psychischen Leiden wie Burn-out, Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen gefährdet, Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

Welche Mechanismen dabei im Körper ablaufen, ist noch nicht bis ins letzte Detail bekannt. "Wir wissen, dass Stresshormone, allen voran das Kortisol, dem Insulin entgegenwirken", sagt Ladwig. So führt Kortisol dazu, dass die Leber vermehrt Glukose ausschüttet. Dadurch steigt der Blutzucker. Zudem werden bei Stress Botenstoffe aktiv, die das Insulin nicht mehr so gut wirken lassen. Das kann zu einer Insulinresistenz führen und bei manchen Menschen zu einem Typ-2-Diabetes.

Dr. med. Dipl.-Psych. Rita R. Trettin

Diabetes als Stressauslöser

"Kommt zum Stress noch ein Diabetes hinzu, gerät man möglicherweise in ein Hamsterrad", sagt Dr. Rita R. Trettin, Fachpsychologin Dia­betes in Hamburg. Blutzucker­ messen, Spritzen oder Medikamente einnehmen: Das kostet Kraft und Nerven. "Zudem haben viele Angst vor Unterzucker und Folge­schäden", sagt Trettin. Diabetikern, die schon seit Jahren mit der Erkrankung leben, ob Typ 1 oder Typ 2, geht dies häufiger so. Die Krankheit lässt sich eben nicht ausblenden.

Ob ein Mensch dazu neigt, sich stressen zu lassen, hängt auch von seiner seelischen Widerstandskraft ab, der Resilienz. Sie steckt zum Teil in den Genen, ist aber auch eine Frage der Erziehung und der Erfahrungen. Die gute Nachricht: Bis zu einem gewissen Grad ist sie erlernbar. Wer einen festen Willen zur Veränderung hat, kann es schaffen, eine eigene Strategie gegen Stress zu entwickeln. Der wohl wichtigste Schritt dabei: "Die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht mehr so weitergehen kann", sagt Psychotherapeut Ladwig.

Mehr Zeit für die schöne Dinge

Manchmal gelingt es, im Alltag Stressquellen auszuschalten, etwa keine Überstunden mehr zu machen, eine Putzhilfe zu organisieren oder ab und zu mal Essen zu bestellen statt selbst zu kochen. So lässt sich Zeit gewinnen für Dinge, die Freude bereiten. Am besten wäre es, Sport zu treiben. Das senkt den Stresslevel nachweislich.

Eine andere Möglichkeit sind Stressbewältigungstrainings oder Kurse, in denen man Entspannungsmethoden lernt. Sehr hilfreich für Diabetiker können auch Diabetes-Schulungen sein. Sie nehmen den Betroffenen die Angst vor der Erkrankung, zeigen ihnen, wie sie in Notfallsituationen handeln sollten.

"Es geht aber auch darum, den Diabetes bestmöglich in den Alltag zu integrieren", sagt Expertin Trettin, "und motiviert zu bleiben." Denn wer seinen Diabetes souverän managen kann, der gerät auch nicht so schnell ­unter Stress.

Pflanzen-Power zum Runterkommen

Sie fühlen sich gehetzt und finden nicht zur Ruhe? "Manchmal hilft eine Tasse Tee oder ein entspannendes Bad, um ein wenig Abstand zum Alltag zu bekommen", sagt Apothekerin Anja Schmitt in Berlin. Sie empfiehlt Tees und Bäder mit Heilkräutern: Baldrian entspannt
und fördert den Schlaf. Hopfen wirkt beruhigend. Melisse hilft bei Nervosität. Passions­blume kann das Einschlafen erleichtern. Und Lavendel wirkt ebenfalls entspannend.

Anja Schmitt

"Die Heilkräuter werden oft miteinander kombiniert und sind auch als Medikamente zum Einnehmen erhältlich", erklärt Expertin Schmitt. Für Erschöpfte eignen sich Bäder oder Aroma­therapien mit Zitrus- oder Rosmarinölen. Sie regen den Kreislauf an und machen müde Geister munter.


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