{{suggest}}


Übergewicht: Nimmt man zu, wenn man älter wird?

Übergewicht erhöht das Risiko für Diabetes Typ 2: Was die Ursachen für eine Gewichtszunahme im Alter sein können – und wie Sie gegensteuern

von Dr. Sabine Haaß, 02.10.2019

Nimmt man zu, wenn man älter wird?

Viele Menschen legen spätestens ab 40 an Gewicht zu – auch wenn sie nicht anders ­leben als früher. Der Hauptgrund: "Mit dem Alter verändert sich der Körper", erklärt Professor Dr. Hans Hauner, Diabetologe und Ernährungsmediziner an der TU München. Männer bilden weniger Testosteron, Frauen weniger Östrogen. Sinkt der Spiegel der Geschlechtshormone, baut der Körper Muskelmasse ab, der Fett­anteil steigt. Dadurch geht der Grundumsatz des Körpers zurück — also die Kalorienmenge, die wir verbrauchen, ohne uns zu bewegen. Und wir nehmen jedes Jahr ein bis zwei Kilo zu.

Was dagegen hilft? "­Regelmäßig Sport treiben", rät Professor Dr. ­Daniel König, Experte für Sportmedizin, Ernährung und Diabetes von der Universität Freiburg. "Damit lässt sich die Muskelmasse erhalten, und auch das Gewicht bleibt stabil!"

Liegt es am Bewegungsmangel?

In der Jugend Fußball gespielt, jeden Tag geradelt, geschwommen. Dann der Einstieg in den oft sitzenden Beruf, die Familie, das Haus. Viele finden in dieser Lebensphase keine Zeit mehr für Sport. Und wenn die Bewegung fehlt, setzt der Körper mit dem Älterwerden erst recht Speck an.

Wer körperlich aktiv ist, kann diesen Prozess stoppen. Um abzunehmen, reicht Bewegung allein allerdings nicht aus. Dafür ist ihr Effekt auf die Gesundheit immens: Der Blutdruck geht runter, davon profitieren Herz und Gefäße. Der Blutzucker sinkt, weil Insulin besser wirkt und Muskelarbeit Energie verbraucht. "Bei Diabetes wirkt ­Bewegung wie ein Medikament", sagt Sportmediziner ­König. Und Fitness ist mindestens so wichtig wie das Gewicht.

Ist die Ernährung schuld?

Der Burger im Fast-Food-Restaurant, das süße Teilchen vom Bäcker, die Chips vor dem Fernseher: Essbares ist immer und überall verfügbar. Schwierig, sich da an der Kandare zu halten. Wir essen zu viel, zu hastig, oft nebenbei und häufig das Falsche. Auch wenn wir aus den verschiedensten Gründen in die Breite gehen: Die Ernährung hat den größten Anteil. Leider.

Eine Diät hilft zwar beim Abnehmen. Halten kann das Gewicht aber nur, wer seine Ernährung auf Dauer ändert — also weniger Zucker, mehr Ballaststoffe und Gemüse isst, Snacks und gesüßte Getränke sein lässt. "Am besten klappt das mit einer individuellen Ernährungsberatung", sagt Experte Hauner. Davon profitiert auch der Diabetes.

Hat Übergewicht etwas mit Hormonen zu tun?

An der Steuerung des Gewichts sind verschiedene Hormone beteiligt. Zum Beispiel Ghrelin, das hungrig macht, und sein Gegenspieler Leptin, das Sättigung signalisiert — aber auch Insulin, das Glukose aus dem Blut in die Körperzellen schleust. Nehmen wir zu viel Glukose auf, produziert der Körper mehr Insulin, speichert überschüssige Glukose aber auch als Fett. Beides fördert Übergewicht. Fettgewebe wiederum bildet Botenstoffe, die die Insulinwirkung verschlechtern, die Zellen werden "insulinresistent". So entsteht Typ-2-Diabetes.

Nach neueren Studien betrifft Insulinresistenz bei Übergewichtigen auch das Gehirn. "Eine Folge ist, dass Hunger- und Sättigungssignale aus dem Körper nicht richtig im Gehirn ankommen", sagt Professor Dr. Sebastian Schmid, Dia­betologe am Uniklinikum Schleswig-­Holstein. Das bedeutet: Um sich satt zu fühlen, müssen Übergewichtige mehr essen als Schlanke — was das Abnehmen erschwert. Wer seine Ernährung umstellt, kann es trotzdem schaffen.

Zwei Frauen teilen ihre persönlichen Erfahrungen

Haben die Gene einen Einfluss?

Mehr als hundert Gene für Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipo­sitas) haben Forscher in den vergangenen Jahren entdeckt. Studien deuten darauf hin, dass solche Gene zum Beispiel steuern, wann wir hungrig oder satt sind, was wir gern essen und wie viel Fett der Körper verbrennt oder einlagert. Die meisten Gene wirken sich aber nur wenig auf das Gewicht aus. "Selbst das einflussreichste Gen bewirkt wohl nur einen Unterschied von zwei oder drei Kilogramm", sagt Ernährungsmediziner Hauner.

Das heißt: Übergewicht ist kein Schicksal. Ähnliches gilt auch für die Veranlagung zum Typ-2-Diabetes. Beides hängt weit mehr von der Lebensweise ab als von den Genen. Daher können auch Menschen, die ein genetisch bedingtes Adipositas-Risiko haben, so Hauner, mit gesunder Ernährung effektiv abnehmen.

Spielt die Seele eine Rolle?

Ärger mit dem Partner, Frust im Job, Kummer, Angst, Einsamkeit: Wer hat da noch nicht zu Schokolade oder Chips gegriffen? Fachleute sprechen von "emotionalem ­Essen". "So kann man sich von negativen Gefühlen ablenken", erklärt Dr. Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am Uniklinikum Leipzig. Viele Menschen haben zudem schon als Kind erfahren, dass Essen  — insbesondere Süßigkeiten — belohnen oder trösten kann. Wer seelisch belastende Situationen aber regelmäßig mit süßen oder fettreichen Snacks zu bewältigen versucht, legt schnell an Gewicht zu.

Um davon wegzukommen, rät Hilbert, sich zu notieren, was man wann isst und welche Gefühle man vor- und nachher empfindet. So erkennt man, warum man futtert, und kann sich überlegen, was man sich stattdessen gönnt: spazieren gehen, ein schönes Bad nehmen, eine Freundin anrufen. "Dann ist der Impuls zu essen schwächer oder bleibt vielleicht ganz aus", sagt Anja Hilbert.

Führt Stress zu Übergewicht?

Eigentlich ist Stress eine natürliche Reaktion des Körpers, die uns – etwa in Gefahrensituationen – schnell mit Energie versorgen soll. Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin erhöhen Puls, Blutdruck und Blutzucker. Das macht uns besonders leistungsfähig. Ist die Situation gemeistert, kehrt der Körper in den Normalzustand zurück.

Halten Belastung und Anspannung aber an, bleiben Blutdruck und Blutzucker im Dauerhoch. "Stress ist ein Risikofaktor für Typ-2-Dia­betes und Übergewicht", sagt Verhaltensmedizinerin Hilbert. Denn Cortisol erhöht nicht nur die Zuckerwerte, es steigert auch den Appetit. "Und zwar bevorzugt auf Kalorienreiches, etwa Sahnetorte oder Schweinebraten", weiß Experte Schmid aus eigenen Studien. "Bei Stress haben solche Speisen eine beruhigende Funktion." Abbauen lässt sich Stress viel effektiver — und gesünder — durch Entspannungstechniken oder Bewegung. Am besten draußen.

Schadet schlechter Schlaf der Figur?

Erholsame Nächte sind wichtig für die Gesundheit — und fürs Gewicht. Sieben bis acht Stunden Schlaf gelten als optimal für Erwachsene. Es kommt aber nicht nur auf die Schlafdauer an, sondern auch auf die Schlafqualität, sagt der Lübecker Diabetologe Sebastian Schmid.

Bereits eine zu kurze oder gestörte Nacht bringt Hormonhaushalt und Stoffwechsel durcheinander: Der Körper erhöht die Produktion des Hungerhormons Ghrelin und drosselt die des Sättigungshormons Leptin; der Spiegel des Stresshormons Cortisol steigt. Die Folge: Heißhunger, vor allem auf Süßes und Fettiges. "Bei gutem Schlaf normalisiert sich das wieder", sagt Schmid. Schlechter Schlaf über längere Zeit fördert Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes. Zu besseren Nächten verhelfen viel Bewegung, Entspannung am Abend — und Handy-Abstinenz: Das blaue Display-Licht hält wach.

Steigt das Gewicht mit den Jahren an, können viele Faktoren im Spiel sein: das Alter, die Hormone, Essgewohnheiten, Stress und vieles mehr. Trotzdem ist Abnehmen möglich! Es lohnt sich, auch im Alter auf die Ernährung zu achten und aktiv zu bleiben. Wenn Sie Hilfe dabei brauchen, sprechen Sie Ihren Arzt darauf an.


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes