Diabetes mellitus Typ 1

Hier finden Sie Informationen ├╝ber Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung des Typ-1-Diabetes

aktualisiert am 27.02.2020

Was ist Typ-1-Diabetes?

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Betroffene kein oder kaum Insulin produzieren. Er entsteht, wenn das körpereigene Immunsystem, das in erster Linie der Abwehr krankmachender Keime dient, sich gegen die Insulin produzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse richtet und sie zerstört. In der Folge kommt es oft sehr schnell zum Ausbleiben der Insulinproduktion.

Das Hormon Insulin hat die Aufgabe, den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen zu schleusen. Die brauchen ihn, um Energie zu gewinnen. Bei einem Insulinmangel sammelt sich der Zucker im Blut an: Der Blutzuckerspiegel steigt.

Menschen mit Typ-1-Diabetes müssen sich Insulin zuführen

Ohne Insulinzufuhr von außen kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer schweren Stoffwechselentgleisung – einer Ketoazidose. Ohne Gegenmaßnahmen kann diese tödlich enden. Auf Dauer schädigen erhöhte Blutzuckerwerte außerdem die Blutgefäße, die Nerven und zahlreiche Organe. Um das zu verhindern, müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes mehrmals täglich Insulin spritzen oder sich das Hormon mit einer Insulinpumpe zuführen.

In der Regel entwickelt sich Diabetes Typ 1 vor dem 40. Lebensjahr, häufig bereits in der Kindheit und im Jugendalter. Früher wurde er deshalb auch als Jugenddiabetes (juveniler Diabetes) bezeichnet. Die Autoimmunreaktion verläuft zu Beginn ohne Symptome. Die entsprechenden Antikörper lassen sich aber mittels Blutuntersuchung schon Monate bis Jahre vor Ausbruch des Diabetes nachweisen.

Heilen kann man Typ-1-Diabetes nicht. Mit einer individuell abgestimmten Insulin-Behandlung lässt es sich aber gut mit der Stoffwechselerkrankung leben. Laut Diabetes Surveillance des Robert-Koch-Insituts leben in Deutschland etwa 341.000 Erwachsene und 32.000 Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Gesicherte Zahlen gibt es nicht, weil Diabetes hierzulande keine meldepflichtige Krankheit ist.

Unterschiede zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2

Bei Typ-1-Diabetes liegt ein Insulinmangel vor. Typ-2-Diabetes hingegen entsteht als Folge einer Insulinresistenz. Das bedeutet, dass die Zellen nicht mehr richtig auf das Insulin reagieren, obwohl zumindest am Anfang noch genügend davon vorhanden ist. Deshalb sammelt sich der Zucker in den Blutgefäßen an.

Die Hauptursachen eines Typ-2-Diabetes sind erbliche Veranlagung, Übergewicht als Folge einer ungesunden Ernährung und Bewegungsmangel. Während der Typ-1-Diabetes eher in jüngeren Jahren entsteht, entwickelt sich ein Typ-2-Diabetes oft erst im fortgeschrittenen Alter bei Patienten. Allerdings werden seit einiger Zeit auch die Patienten mit Typ-2-Diabetes immer jünger. Das liegt vor allem daran, dass viele Menschen sich zu wenig bewegen und sich ungesund ernähren. Mit rund sieben Millionen Betroffenen ist Typ-2-Diabetes in Deutschland die weitaus häufigere Diabetesform. Hier erfahren Sie mehr über Diabetes Typ 2.

Neben Typ-1-und Typ-2-Diabetes gibt es eine Reihe weiterer Diabetesformen, die jedoch sehr selten sind. Mehr über diese Formen können Sie hier nachlesen.

Beratender Experte

Professor Dr. med. Dr. h. c. Diethelm Tschöpe ist Arzt für Innere Medizin, Endokrinologe, Diabetologe DDG, Gastroenterologe und Gesundheitsökonom und leitet als Klinikdirektor den Bereich Diabetologie/Endokrinologie im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. Er lehrt an der Ruhr-Universität in Bochum und ist Vorsitzender der Stiftung "Der herzkranke Diabetiker" in der Deutschen Diabetes-Stiftung.

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Auslöser des Typ-1-Diabetes ist fast immer eine Autoimmunreaktion. Das bedeutet: Die Abwehrzellen des Immunsystems greifen die Insulin produzierenden Beta-Zellen im eigenen Körper an und zerstören sie. Die Beta-Zellen befinden sich – zusammen mit den Alpha-Zellen, die das Blutzucker erhöhende Hormon Glukagon herstellen – in der Bauchspeicheldrüse. Dieses Organ, das in der oberen Bauchhöhle liegt, gibt die Hormone Insulin und Glukagon direkt ins Blut ab.

Was zu dieser Autoimmunreaktion führt, ist noch unklar. Möglicherweise fördern bestimmte Umweltfaktoren oder Virusinfektionen die Entstehung eines Typ-1-Diabetes. Eine gewisse Rolle spielen Erbanlagen. Mittlerweile sind einige Gene bekannt, die mit der Entstehung eines Typ-1-Diabetes in Verbindung zu stehen scheinen.

Doch längst nicht jeder, der ein Elternteil mit Typ-1-Diabetes hat, erkrankt selbst. Das Risiko beträgt nur wenige Prozent. Bei rund 90 Prozent der Patienten mit Typ-1-Diabetes ist kein Krankheitsfall in der näheren Verwandtschaft bekannt.

Sonderformen

Neben der oben beschriebenen Form des Typ-1-Diabetes (Typ 1a) gibt es eine weitere Form, bei der die Beta-Zellen zerstört werden, ohne dass jedoch Antikörper gegen Insulin oder andere Teile der Beta-Zellen nachweisbar sind. Sie wird idiopathischer Typ-1-Diabetes (Typ 1b) genannt. Bislang ist nicht geklärt, welche Ursachen diese Variante des Typ-1-Diabetes auslösen.

Eine weitere Sonderform des Typ-1-Diabetes wird LADA (latent autoimmune diabetes in adults) genannt. Sie tritt meist bei normalgewichtigen Erwachsenen auf und zeigt besonders milde Symptome. Ein LADA weist Merkmale von Typ-1- und Typ-2-Diabetes auf: Die Patienten haben die für Typ 1 charakteristischen Autoantikörper. Trotzdem genügen zur Behandlung am Anfang oft Tabletten. Deshalb wird LADA gerade zu Beginn oft mit Typ-2-Diabetes verwechselt. Spätestens nach ein paar Jahren brauchen aber auch LADA-Patienten meist eine Behandlung mit Insulin.

Zu Beginn verursacht ein Typ-1-Diabetes keine Beschwerden. Erst wenn etwa 80 Prozent der Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört sind, reicht das noch vorhandene Insulin nicht mehr aus, um genug Zucker in die Zellen einzuschleusen. Innerhalb von Tagen bis Wochen treten dann die typischen Symptome eines Typ-1-Diabetes auf:

Symptome, die auf einen Diabetes hinweisen:

Benötigt der Körper eine Zeit lang mehr Insulin, kann sich der Insulinmangel auch früher bemerkbar machen. Das ist beispielsweise bei Fieber, einer größeren Operation, Dauerstress oder bei bestimmten Medikamenten wie Kortison der Fall.

Entscheidend für die Diagnose eines Typ-1-Diabetes ist die Zuckerkonzentration im Blut. Ein Arzt kann sie mit verschiedenen Verfahren bestimmen. Ein Diabetes liegt vor bei:

  • einem Blutzuckerwert von 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder mehr zu einem beliebigen Zeitpunkt (also nüchtern oder nach einer Mahlzeit)
  • einem Nüchtern-Blutzuckerwert von 126 mg/dl (7,0 mmol/l) oder mehr im Venenblut, das der Arzt abnimmt
  • einem Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) von 6,5 Prozent (48 mmol/mol) oder mehr

Die Diagnose Diabetes gilt als gesichert, wenn ein zweiter Test an einem Folgetag das Ergebnis bestätigt. Ein oraler Glukosebelastungstest (OGTT), wie er zur Diagnose eines Typ-2-Diabetes häufig zum Einsatz kommt, ist beim Typ 1 in aller Regel nicht nötig.

Die im Folgenden beschriebenen Krankheiten können im Zuge erhöhter Blutzuckerwerte bei Diabetes auftreten. Es muss aber nicht zwangsläufig zu ihnen kommen. Vor allem eine gute Stoffwechseleinstellung trägt dazu bei, diese Folgeerscheinungen eines Diabetes zu vermeiden.

Menschen mit Typ-1-Diabetes führen die Therapie im Alltag weitgehend selbstständig durch. Bei Kindern übernehmen die Eltern einen großen Teil. Worauf es dabei ankommt, lernen Neu-Patienten nach der Diagnose in speziellen Schulungen. Im Wesentlichen setzt die Behandlung eines Typ-1-Diabetes sich aus drei Bausteinen zusammen:

 

Nach der Diagnose müssen Menschen mit Diabetes zudem eingestellt werden. Das heißt, dass ein Arzt in der Regel im Rahmen eines Krankenhausaufenthalts feststellt, welche Insuline am besten geeignet sind, welche Insulinmengen und welches Spritzschema jemand benötigt. Zudem werden je nach Stoffwechsel und individuellen Umständen eigene Therapierziele hinsichtlich der Blutzuckerwerte festgelegt. Das Erreichen dieser Ziele überprüfen die Betroffenen gemeinsam mit dem behandelnden Arzt bei regelmäßigen Kontrollterminen.

Blutzuckerkontrolle

Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten mehrmals täglich ihren aktuellen Zuckerspiegel überprüfen, um akut zu hohe und zu niedrige Werte rechtzeitig zu erkennen beziehungsweise zu vermeiden. Besonders vor den Mahlzeiten sind Blutzuckerkontrollen wichtig, um die benötigte Insulinmenge berechnen zu können. Auch bei anderen Gelegenheiten, etwa zum Sport, vor dem Schlafengehen oder bei Anzeichen einer Unterzuckerung, ist eine Messung nötig. Bei akuten Erkrankungen und Infekten sollte der Blutzucker insgesamt häufiger kontrolliert werden.

Info: Zu hohe und zu niedrige Werte

Sowohl zu hohe als auch zu niedrige Blutzuckerspiegel können bei Typ-1-Diabetes gefährlich sein. Fällt der Zucker zu tief, kommt es zu einer Unterzuckerung, bei der die Menschen das Bewusstsein verlieren können. Mehr zu Unterzuckerungen lesen Sie hier.

Erhöhte Werte können langfristig zahlreiche Folgeschäden auslösen (siehe Kapitel "Folgekrankheiten"). Kurzfristig sind zudem Ketoazidosen möglich. Diese seltene, aber schwere Stoffwechselentgleisung tritt bei absolutem Insulinmangel auf und erfordert sofortige Gegenmaßnahmen. Mehr zur Ketoazidose lesen Sie in unserem Diabetes-Lexikon.

Bei der herkömmlichen Blutzuckermessung piksen sich Menschen mit Typ-1-Diabetes mit einer Lanzette seitlich in eine Fingerkuppe, um daraus einen Blutstropfen zu gewinnen. Den Tropfen tragen sie auf einen in ein Messgerät eingelegten Blutzucker-Teststreifen auf. Das Messgerät ermittelt dann innerhalb weniger Sekunden den aktuellen Zuckerwert in den Blutgefäßen. Dieses Verfahren fehlerfrei anzuwenden lernen Menschen mit Typ-1-Diabetes im Rahmen einer Schulung zum Beginn der Therapie.

Kurz erklärt im Video: Die Blutzuckermessung

Immer mehr Menschen mit Typ-1-Diabetes nutzen zur Stoffwechselkontrolle ein FGM- (Flash Glucose Monitoring) oder CGM- (Continuous Glukose Monitoring) System. Bei beiden misst ein kurzer Sensorfaden ständig den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe. Bei CGM-Systemen funkt ein Sender auf der Haut die Werte permanent an ein Empfangsgerät, etwa an ein Smartphone. Dieses zeigt dann automatisch die aktuellen Gewebszuckerdaten an. Bei FGM-Systemen muss man ein Lesegerät (Scanner) oder Handy an den Sensor halten, um die aktuellen Zuckerdaten zu sehen. 

Je nach System setzt man sich alle sechs bis 14 Tage einen neuen Sensor. Bei einem Langzeit-CGM wird der Sensor unter die Haut implantiert und nach spätestens 180 Tagen gewechselt.

Beide Systeme haben eine Alarmfunktion, die den Träger warnt, sobald  individuell festgelegte untere und obere Grenzwerte überschritten werden. Bei CGM-Systemen gibt es noch weitere Alarmfunktionen. Einige warnen z. B. schon, wenn aufgrund des raschen Zuckerabfalls bald ein Unterzucker droht.

Insulintherapie

Um ihren Blutzucker zu regulieren, müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes Insulin spritzen. Standard ist heute die intensivierte konventionelle Therapie (ICT). Dabei spritzt man ein- bis zweimal täglich ein lang wirkendes Insulin, um den Grundbedarf abzudecken. Zu den Mahlzeiten spritzt man ein schnell wirkendes Insulin und passt die Dosis selbständig an den Bedarf an - abhängig vom aktuellen Blutzuckerwert, der Kohlenhydratzufuhr (siehe unten) und körperlicher Aktivität. Das Wissen, das für die Therapie in Eigenregie nötig ist, erwerben Menschen mit Typ-1-Diabetes nach der Diagnose in speziellen Schulungen.

Die meisten Menschen mit Typ-1-Diabetes spritzen sich ihr Insulin mithilfe eines Pens – einem Injektionsgerät, das ähnlich aussieht wie ein Füllfederhalter. Eine kleinerer Teil trägt eine Insulinpumpe. Vor allem jüngere Kinder werden häufig sofort auf eine Insulinpumpe eingestellt. Diese wird am Körper getragen und gibt laufend eine kleine Menge an Insulin ins Blut ab. Diese Basalrate deckt den Insulin-Grundbedarf ab. Das zu den Mahlzeiten benötigte Insulin lässt sich zusätzlich per Knopfdruck abgeben. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Insulinpumpen aber nur in bestimmten Fällen.

Inzwischen ist auch ein Vorläufer einer künstlichen Bauchspeicheldrüse auf Rezept erhältlich: ein sogenanntes Hybrid-Closed-Loop-System. Es eignet sich für Menschen mit Typ-1-Diabetes ab sieben Jahren, deren ­Tagesbedarf an Insulin bei mehr als acht Einheiten liegt. Die Nutzer tragen eine Insulinpumpe und einen Sensor, der fortlaufend den Zucker im Unterhautfettgewebe misst. Ein Sender schickt die Werte an die Pumpe. Die passt dann mithilfe eines Algorithmus alle fünf Minuten die Insulinabgabe an, indem sie sie steigert, senkt oder unterbricht. Das System ist noch kein komplett geschlossener Kreislauf ("Closed Loop"). Denn ganz ohne manuelle Eingriffe kommt es nicht aus.

Für jeden Menschen mit Diabetes werden je nach Stoffwechsel und persönlichen Umständen individuelle Therapieziele hinsichtlich der Blutzuckerwerte festgelegt. Das Erreichen dieser Ziele überprüfen sie gemeinsam mit dem behandelnden Arzt bei Kontrollterminen alle drei bis sechs Monate.

Kurz erklärt im Video: Insulin spritzen

Kohlenhydrate im Essen berechnen

Für Menschen mit Typ-1-Diabetes gelten die gleichen Ernährungsempfehlungen wie für Stoffwechselgesunde. Wer Diabetes Typ 1 hat, muss allerdings seine Insulinbehandlung und seine Ernährung aufeinander abstimmen. Am stärksten lassen die Kohlenhydrate in der Nahrung den Blutzuckerspiegel ansteigen. Aber auch Mahlzeiten, die vorwiegend aus Eiweiß und Fett bestehen, etwa Fleisch, Fisch oder Omelett, können den Blutzucker erhöhen.

Damit sie wissen, wie viel Insulin sie benötigen, müssen Menschen mit Typ-1-Diabetes lernen, den Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit beziehungsweise ihre Wirkung auf den Blutzucker richtig einzuschätzen. Daraus können sie mittels bestimmter Formeln, die zu Therapiebeginn ermittelt wurden, die richtige Insulindosis berechnen. Das Kohlenhydrate-Einschätzen und das Berechnen der Insulindosis sind Gegenstand der Schulungen für Menschen mit Typ-1-Diabetes.

Die in einem Lebensmittel enthaltenen Kohlenhydrate werden bei der Diabetestherapie in "BE" und "KE" berechnet. Diese Abkürzungen stehen für "Broteinheit" beziehungsweise "Kohlenhydrateinheit". Eine Broteinheit enthält zwölf Gramm Kohlenhydrate, eine Kohlenhydrateinheit enthält zehn Gramm. Beide Einheiten können gleichwertig verwendet werden, allerdings fällt das Rechnen mit der Kohlenhydrateinheit wegen der runden Zahl zehn oft leichter.