Diabetes mellitus Typ 1

Hier finden Sie Informationen ├╝ber Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung des Typ-1-Diabetes

aktualisiert am 08.05.2017

Was ist ein Typ-1-Diabetes?

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunkrankheit, bei der Betroffene kein oder nur kaum eigenes Insulin produzieren. Sie müssen es deswegen spritzen, um akute Stoffwechselentgleisungen sowie langfristige Folgeschäden zu verhindern.

Der Typ-1-Diabetes bildet sich oft schon im Kindes- und Jugendalter. Rund 300.000 Menschen in Deutschland leben Schätzungen zufolge mit Typ-1-Diabetes. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht, da Diabetes keine meldepflichtige Krankheit in Deutschland ist.

Welche Ursachen hat ein Typ-1-Diabetes?

Ein Typ-1-Diabetes entsteht, wenn das körpereigene Immunsystem, das in erster Linie der Abwehr krankmachender Keime dient, sich gegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse richtet und diese zerstört. Die Gründe dafür sind noch unklar. In der Folge kommt es oft innerhalb kurzer Zeit zum Ausbleiben der Insulinproduktion.

Das Hormon Insulin hat die Aufgabe, den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, die ihn zur Energiegewinnung benötigen. Bei Insulinmangel sammelt sich der Zucker im Blut an – der Blutzuckerspiegel steigt.

Ohne Insulinzufuhr von außen kommt es innerhalb zu einer schweren Stoffwechselentgleisung, einer Ketoazidose. Diese kann ohne Gegenmaßnahmen tödlich enden. Auf Dauer können erhöhte Blutzuckerwerte zudem die Blutgefäße, Nerven und zahlreiche Organe schädigen.

Welche Symptome hat ein Typ-1-Diabetes?

Zu Beginn verursacht ein Typ-1-Diabetes keine Beschwerden. Erst wenn die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse schon stark eingeschränkt ist, können sich bestimmte typische Symptome zeigen:

  • Starker Harndrang und vermehrter Durst
  • Schnelle Gewichtsabnahme
  • Müdigkeit
  • Azetongeruch in der Atemluft (erinnert an Nagellackentferner oder fauliges Obst)

Wie wird ein Typ-1-Diabetes behandelt?

Betroffene benötigen regelmäßig Insulin, um ihren Blutzuckerwerte zu regulieren. Die meisten spritzen es mithilfe eines Pens, einem füllfederhalterähnlichen Injektionsgerät. Eine Minderheit der Patienten trägt eine Insulinpumpe. Diese wird am Körper getragen und gibt laufend eine kleine Menge an Insulin ins Blut ab. Das zu den Mahlzeiten benötigte Insulin lässt sich zudem mittels Knopfdruck abgeben. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für dieses Therapiegerät in bestimmten Fällen.

Der Großteil der Betroffenen geht bei der Behandlung ihres Typ-1-Diabetes nach dem Schema der intensivierten Insulintherapie (ICT) vor. Bei dieser spritzen sie ein- bis zweimal täglich ein langwirkendes Insulin. Zusätzlich gibt es zu den Mahlzeiten jeweils eine Dosis schnelles Insulin. Das Verfahren erlaubt eine flexible Planung des Alltags und hat deswegen starrere Spritzschemen als Standard in der Diabetestherapie abgelöst.

Zusätzlich zur Insulingabe müssen Patienten regelmäßig ihren Blutzucker überprüfen und den Kohlenhydratgehalt ihrer Mahlzeiten abschätzen, um die dadurch benötigte Insulinmenge berechnen zu können. Diese Grundlagen lernen sie in aller Regel nach der Diagnose im Rahmen einer Schulung. Bei Kindern sollten unbedingt beide Elternteile sich das nötige Wissen für den Alltag mit Typ-1-Diabetes aneignen.

Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes

Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes ist der Typ-2-Diabetes, der mit rund sieben Millionen Betroffenen in Deutschland die weitaus häufigere Diabetesform darstellt, nicht Folge eines Insulinmangels, sondern einer verringerten Insulinempfindlichkeit der Körperzellen (Insulinresistenz). Zumindest anfangs ist meist noch genügend Insulin vorhanden, allerdings wirkt dieses nicht richtig, so dass der Zucker sich in den Blutgefäßen anstaut. 

Die Hauptursachen eines Typ-2-Diabetes sind erbliche Veranlagung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Während der Typ-1-Diabetes eher in jüngeren Jahren entsteht, entwickelt sich ein Typ-2-Diabetes oft erst im fortgeschrittenen Alter bei Patienten. Außerdem bildet der Typ-2-Diabetes sich meist schleichend über viele Jahre hinweg, während die Autoimmunreaktion bei Typ-1-Diabetes oft bedeutend schneller abläuft.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Ursache des Typ-1-Diabetes ist fast immer eine Autoimmunreaktion. Das bedeutet: Die Abwehrzellen des Immunsystems greifen die Insulin produzierenden Beta-Zellen im eigenen Körper an und zerstören sie. Die Beta-Zellen befinden sich – zusammen mit den Alpha-Zellen, die das Blutzucker erhöhende Hormon Glukagon herstellen – in der Bauchspeicheldrüse. Dieses Organ, das in der oberen Bauchhöhle zwischen Magen, Milz und Leber liegt, gibt die Hormone Insulin und Glukagon direkt ins Blut ab.

Die genauen Hintergründe der Autoimmunreaktion sind nicht bekannt. Möglicherweise fördern bestimmte Umweltfaktoren oder Virusinfektionen die Entstehung eines Typ-1-Diabetes.

Eine gewisse Rolle spielen Erbanlagen. Mittlerweile ist eine Vielzahl von Genen bekannt, die mit der Entstehung eines Typ-1-Diabetes in Verbindung zu stehen scheinen. Doch längst nicht jeder, der ein Elternteil mit Typ-1-Diabetes hat, erkrankt auch selbst. Das Risiko beträgt nur wenige Prozent. Bei rund 90 Prozent der Patienten mit Typ-1-Diabetes ist kein Krankheitsfall in der näheren Verwandtschaft bekannt.

Meist früher Beginn

In der Regel entwickelt sich der Typ-1-Diabetes vor dem 40. Lebensjahr, häufig bereits in Kindheit und Jugendalter. Früher wurde er deshalb auch als Jugenddiabetes (juveniler Diabetes) bezeichnet. Die Autoimmunreaktion verläuft aber zu Beginn ohne Symptome. Die entsprechenden Antikörper lassen sich jedoch mittels Blutuntersuchung schon Monate bis Jahre vor Ausbruch des Diabetes nachweisen.

Sonderform LADA

Eine Sonderform des Typ-1-Diabetes wird mit LADA (latent autoimmune diabetes in adults) bezeichnet. Hierbei handelt es sich um einen meist bei schlanken Erwachsenen auftretenden Diabetes mit besonders milden Symptomen. Er weist Merkmale von Typ-1- und Typ-2-Diabetes auf. So treten die für Typ 1 charakteristischen Autoantikörper auf. Oft wird LADA aber zunächst mit einem Typ-2-Diabetes verwechselt, da wie bei diesem zunächst Tabletten helfen. Nach etwa zwei Jahren benötigen LADA-Patienten meist eine Behandlung mit Insulin.

Typ-1-Diabetes ohne Antikörper

Neben der oben beschriebenen Form des Typ-1-Diabetes (Typ 1a) gibt es eine weitere Form, bei der die Beta-Zellen zerstört werden, ohne dass jedoch Antikörper gegen Insulin oder Teile der Inselzellen nachweisbar sind. Sie wird idiopathischer Typ-1-Diabetes (Typ 1b) genannt. Bislang ist nicht geklärt, welche Ursachen diese Variante des Typ-1-Diabetes auslösen.

Erst wenn etwa 80 Prozent der Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört sind, reicht das noch vorhandene Insulin nicht mehr aus, um genug Zucker in die Zellen einzuschleusen. Innerhalb von Tagen bis Wochen treten dann die typischen Symptome eines Typ-1-Diabetes auf. Benötigt der Körper allerdings eine Zeit lang mehr Insulin, kann sich der Insulinmangel schon früher bemerkbar machen. Das ist beispielsweise bei Fieber, einer größeren Operation, Dauerstress oder bei bestimmten Medikamenten wie Kortison der Fall.

Typische Symptome, die auf einen Diabetes hinweisen:

  • häufiger Harndrang
  • starker Durst
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • trockene, juckende Haut
  • Gewichtsverlust
  • Azetongeruch der Atemluft
  • Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen

Entscheidend für die Diagnose eines Typ-1-Diabetes ist die Zuckerkonzentration im Blut. Ein Arzt kann sie mit verschiedenen Verfahren bestimmen. Ein Diabetes liegt vor bei:

  • einem Blutzuckerwert von 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder mehr zu einem beliebigen Zeitpunkt
  • einem Nüchtern-Blutzuckerwert von 126 mg/dl (7,0 mmol/l) oder mehr im venösen Plasma
  • einem Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) von 6,5 Prozent (48 mmol/mol) oder mehr

Die Diagnose Diabetes gilt als gestellt, wenn ein zweiter Test am nächsten Tag das Ergebnis bestätigt. Ein oraler Glukosebelastungstest (OGTT), wie er zur Diagnose eines Typ-2-Diabetes häufig zum Einsatz kommt, ist beim Typ 1 in aller Regel nicht nötig.

Bei Zweifeln am Diabetes-Typ ist es sinnvoll, nach Autoantikörpern zu suchen, die für die jeweilige Form typisch sind. Hat zum Beispiel ein älterer Mensch erhöhte Blutzuckerwerte, liegt der Verdacht auf einen Typ-2-Diabetes nahe. Der Antikörper-Test kann dann dazu beitragen, die richtige Diagnose zu finden.

Die im Folgenden beschriebenen Krankheiten können im Zuge erhöhter Blutzuckerwerte bei Diabetes auftreten. Es muss aber nicht zwangsläufig zu ihnen kommen. Vor allem eine gute Stoffwechseleinstellung trägt dazu bei, diese Folgeerscheinungen eines Diabetes zu vermeiden.

Herz und Kreislauf

Hohe Blutzuckerwerte fördern die Entstehung von Verkalkungen an den Gefäßinnenwänden, auch Arteriosklerose genannt. Diese Engstellen und Schäden an den großen Blutgefäßen wiederum erhöhen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen der Beine. Bei Diabetes kommen schwerwiegende Gefäßkomplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall um ein Vielfaches häufiger vor als bei Menschen ohne Zuckerkrankheit. In Kombination mit zusätzlichen Risikofaktoren wie Rauchen steigt die Gefahr noch einmal bedeutend an. Veränderungen der großen Blutgefäße können zudem zu Erektionsstörungen oder zum diabetischen Fuß (siehe unten) führen.

Augen

Schädigungen der Netzhaut in den Augen gehören zu den häufigsten Folgen eines Diabetes. Sie können bis hin zur Erblindung führen. Hohe Blutzuckerwerte beschädigen die kleinen Gefäße in der Netzhaut. Dadurch kommt es dort zu einer Unterversorgung mit Nährstoffen. Das kann das Wachsen neuer, sehr brüchiger Gefäße auslösen. Diese platzen und reißen leicht, was zu Einblutungen im Auge führt. Im schlimmsten Fall kann sich die Netzhaut ablösen. Verschiedene Formen der Laserbehandlung können bei fortgeschrittenen Netzhautschäden das Risiko der Erblindung senken.

Nieren

In den Nieren schädigt hoher Blutzucker auf Dauer die kleinen Blutgefäßknäuel. Als Folge dieser sogenannten diabetischen Nephropathie können die Nieren das Blut schlechter filtern. Weitere Faktoren wie Bluthochdruck und Rauchen können diesen Prozess verstärken. Wird er nicht gestoppt, kann es zu einem Nierenversagen kommen.

Nerven

Ein langjährig erhöhter Blutzucker kann auch an den Nervenzellen seine Spuren hinterlassen. Fachleute sprechen hier von einer diabetischen Neuropathie. Diese macht sich vielfältig bemerkbar. So sind Missempfindungen wie Taubheit, Kribbeln oder Ameisenlaufen vor allem in den Füßen ebenso mögliche Beschwerden wie eine verringerte Empfindung von Temperaturunterschieden bei Berührungen. Sind die für die Steuerung von Muskeln zuständigen Nerven geschädigt, kann es zu Fehlstellungen kommen, zum Beispiel einer Krallenbildung der Zehen. Wenn die Nerven an den inneren Organen beschädigt sind, kann das – je nach betroffener Stelle – zu Herzrhythmusstörungen und Verdauungsbeschwerden führen.

Füße

Zu den besonders gefährdeten Körperregionen bei Diabetes gehören die Füße. Kleine Verletzungen können sich hier schnell zu Geschwüren entwickeln, sodass unter Umständen sogar eine Amputation notwendig wird. Zur Entstehung des diabetischen Fuß-Syndroms tragen vor allem Nervenschäden und Durchblutungsstörungen durch Engstellen in den Blutgefäßen bei. Beides führt dazu, dass schneller Verletzungen an den Füßen entstehen und das Immunsystem diese schlechter in den Griff kriegt.

Menschen mit Typ-1-Diabetes führen die Therapie im Alltag weitgehend selbstständig durch. Bei Kindern übernehmen die Eltern einen großen Teil. Worauf es dabei ankommt, lernen Neu-Patienten nach der Diagnose in speziellen Schulungen. Im Wesentlichen setzt die Behandlung eines Typ-1-Diabetes sich aus drei Bausteinen zusammen:

  • Zuckerwerte kontrollieren
  • Insulin spritzen
  • Kohlenhydrate im Essen berechnen

Einen kurzen Überblick über die Blutzuckermessung und Insulintherapie lesen Sie in diesem Kapitel. Die Berechnung der Kohlenhydrate ist unter anderem Gegenstand des folgenden Kapitels.

Nach der Diagnose müssen Patienten zudem eingestellt werden. Das heißt, dass ein Arzt in der Regel im Rahmen eines Krankenhausaufenthalts feststellt, welche Insuline beim Betroffenen am besten geeignet sind, welche Insulinmengen und welches Spritzschema er benötigt. Zudem werden für jeden Patienten je nach Stoffwechsel und individuellen Umständen eigene Therapierziele hinsichtlich der Blutzuckerwerte festgelegt. Das Erreichen dieser Ziele überprüfen Patienten gemeinsam mit dem behandelnden Arzt bei regelmäßigen Kontrollterminen und vereinbaren gegebenenfalls neue.

1. Blutzuckerkontrolle

Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten mehrmals täglich ihren aktuellen Zuckerspiegel überprüfen, um akut zu hohe und zu niedrige Werte rechtzeitig zu erkennen beziehungsweise zu vermeiden. Besonders vor den Mahlzeiten sind Blutzuckerkontrollen wichtig, um davon ausgehend die benötigte Insulinmenge berechnen zu können. Aber auch bei anderen Gelegenheiten, etwa zum Sport, vor dem Schlafengehen, bei Krankheiten oder bei Anzeichen einer Unterzuckerung, ist eine Messung sinnvoll.

Info: Zu hohe und zu niedrige Werte

Sowohl zu hohe als auch zu niedrige Blutzuckerspiegel können bei Typ-1-Diabetes gefährlich sein. Fällt der Zucker zu tief, kommt es zu einer Unterzuckerung, bei der Betroffene das Bewusstsein verlieren können. Mehr zu Unterzuckerungen lesen Sie hier.


Erhöhte Werte können langfristig zahlreiche Folgeschäden auslösen, siehe Kapitel "Folgekrankheiten". Kurzfristig sind zudem Ketoazidosen möglich. Diese seltene, aber schwere Stoffwechselentgleisung tritt bei absolutem Insulinmangel auf und erfordert sofortige Gegenmaßnahmen. Mehr zur Ketoazidose lesen Sie in unserem Diabetes-Lexikon.

Bei der herkömmlichen Blutzuckermessung piksen Patienten sich mit einer Lanzette seitlich in einen Finger, um daraus einen Blutstropfen zu gewinnen. Ein Messgerät kann aus diesem anschließend den aktuellen Zuckerwert in den Blutgefäßen ermitteln. Dieses Verfahren fehlerfrei anzuwenden lernen Betroffene im Rahmen einer Schulung zum Beginn der Therapie.

Eine relativ neue Möglichkeit zur Glukose-Kontrolle ist das Flash Glucose Monitoring (FGM). Dabei handelt es sich um ein Gerät, das direkt am Körper getragen wird. Ein Sensor misst laufend den Zucker im Gewebe. Der Träger kann diesen jederzeit scannen, um den aktuellen Wert und eine Trendanzeige zu erhalten.

Darüberhinaus gibt es das sogenannte Continuous Glucose Monitoring (CGM). Auch hier misst ein Sensor laufend den Gewebszucker. Im Gegensatz zu FGM muss der Träger bei CGM-Systemen nicht selbstständig scannen, das Gerät warnt automatisch, wenn der Zuckerwert in eine falsche Richtung strebt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür aber nur in bestimmten Fällen.

2. Insulintherapie

Der Körper von Menschen mit Typ-1-Diabetes stellt kaum oder kein Insulin her. Sie müssen es deswegen in spritzen. Die meisten verwenden dazu einen Pen, ein füllfederhalterähnliches Gerät. Andere tragen eine Insulinpumpe am Körper, die laufend kleine Mengen an Insulin abgibt sowie bei Bedarf eine größere Dosis per Knopfdruck.

Moderne Insuline für die Diabetestherapie kommen aus dem Labor. Es gibt gentechnisch hergestelltes Normalinsulin, bei dem die Wirkung nach zehn bis 30 Minuten eintritt, nach rund zwei Stunden ihr Maximum erreicht und für etwa sechs Stunden anhält. Die konkrete Wirkung von Insulin kann von Patient zu Patient aber verschieden sein.

Daneben gibt es verschiedene Analoginsuline. Diese Kunstinsuline haben eine besonders kurze oder lange Wirkdauer.

  • Schnell wirkendes Insulin dient vor allem dazu, Blutzuckeransteige nach den Mahlzeiten abzufangen und erhöhte Werte zu korrigieren. Die Wirkung tritt zum Teil nach fünf Minuten ein und hält für drei bis vier Stunden an.
  • Verzögerungsinsulin bildet einen Mittelweg zwischen schnellem und langsamem Insulin. Dank einer Verzögerungssubstanz tritt die Wirkung später ein, die Gesamtwirkdauer beträgt rund acht bis zwölf Stunden.
  • Langsam wirkendes Insulin deckt den Grundbedarf an Insulin im Tagesverlauf ab. Patienten müssen es deswegen nur ein- bis zweimal täglich spritzen. Ein extrem langwirkendes Insulin erreicht sogar eine Wirkdauer von 48 Stunden.

Standard-Spritzschema: Die ICT

Neben den verschiedenen Insulinarten gibt es verschiedene Therapieschemen. Standard ist bei Typ-1-Diabetes die intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT). Die meisten Patienten mit Typ-1-Diabetes spritzen nach diesem Schema.

Bei der intensivierten konventionellen Insulintherapie spritzen die Patienten Verzögerungs- oder Langzeitinsulin, das die natürliche Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse nachahmen soll. Letztere gibt im Tagesverlauf beständig geringe Mengen an Insulin ins Blut ab, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten – die sogenannte Basalrate. Zusätzlich spritzen Patienten zum Essen eine Dosis schnell wirkendes Insulin, den sogenannten Bolus.

Die ICT erlaubt den Betroffenen, ihre Insulindosis an ihren tatsächlichen Bedarf anzupassen. Bei Sport können sie zum Beispiel einfach entsprechend weniger spritzen. Die intensivierte konventionelle Insulintherapie lässt sich herkömmlich per Pen oder Spritze durchführen oder mit einer Insulinpumpe. Dann ist von einer CSII (continuous subcutaneous insulin infusion) die Rede.

Die konventionelle Insulintherapie (CT) bietet dagegen weniger Freiheit. Hier wird täglich zu festen Zeiten jeweils eine bestimmte Menge Insulin gespritzt. Patienten müssen ihre Mahlzeiten und ihren Tagesablauf an diese Dosis anpassen. Dieses starre System kommt heute nur noch zum Zug, wenn ein Typ-1-Diabetiker wegen einer Krankheit oder altersbedingt mit den Anforderungen der ICT nicht zurechtkommt.

Ernährung: BE/KE berechnen

Das wichtigste zuerst: Wer Typ-1-Diabetes hat, muss beim Essen auf nichts verzichten. Er muss nicht zu speziellen Diabetiker-Lebensmitteln greifen, auch Zucker ist nicht tabu. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes gelten die gleichen Empfehlungen wie für Gesunde.

Patienten müssen allerdings ihre Insulinbehandlung und ihre Ernährung aufeinander abstimmen. Denn vor allem Kohlenhydrate in der Nahrung (sowie in weitaus geringerem Umfang Fette und Eiweiße) lassen den Zuckerspiegel im Blut ansteigen.

Damit sie wissen, wie viel Insulin sie zur Korrektur benötigen, müssen Patienten mit Typ-1-Diabetes lernen, den Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit beziehungsweise ihre Wirkung auf den Blutzucker richtig einzuschätzen. Daraus können sie anschließend mittels bestimmter Formeln, die bei der Einstellung zu Therapiebeginn festgelegt wurden, die benötigte Insulindosis berechnen. Das Kohlenhydrate-Einschätzen und Umrechnen sind Gegenstand der Schulungen für Typ-1-Diabetiker.

Die in einem Lebensmittel enthaltenen Kohlenhydrate werden bei der Diabetestherapie in "BE" und "KE" berechnet. Diese Abkürzungen stehen für "Broteinheit" beziehungsweise "Kohlenhydrateinheit". Eine Broteinheit enthält zwölf Gramm Kohlenhydrate, eine Kohlenhydrateinheit zehn Gramm. Beide Einheiten können gleichwertig verwendet werden, allerdings fällt das Rechnen mit der Kohlenhydrateinheit oft leichter.

Unterzuckerung

Unterzuckerungen, auch als Hypoglykämien oder Hypos bezeichnet, zählen zu den häufigsten unangenehmen Begleiterscheinungen einen Typ-1-Diabetes. Eine Unterzuckerung kann vor allem auftreten, wenn der Patient versehentlich zu viel Insulin gespritzt oder den Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit falsch eingeschätzt hat.

Sinkt der Blutzuckerspiegel zu tief, treten zunächst meist Zittern, Herzklopfen, Heißhunger und Konzentrationsprobleme als Symptome auf. Bei noch niedrigeren Werten kann es zu Schwäche- und Schwindelgefühle sowie Bewusstseinsstörungen bis hin zur Ohnmacht kommen. Unterzucker beginnt ab einem Blutzuckerwert von etwa 70 mg/dl (3,9 mmol/l). Die Schwelle, ab der sich Symptome zeigen, und die Art der Beschwerden sind aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Bei Anzeichen einer beginnenden Unterzuckerung sollten Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht zögern, ein oder zwei BE/KE in Form von schnellen Kohlenhydraten als Gegenmaßnahme einzunehmen. Gut geeignet sind Traubenzucker, Saft mit 100 Prozent Fruchtgehalt, Gummibärchen oder Cola.

Am besten außerdem Familie, Freunde und Bekannte über das richtige Vorgehen bei Unterzuckerungen aufklären. Die Mitmenschen bemerken oft noch vor dem Betroffenen, dass etwas nicht stimmt. Außerdem können sie so im Notfall bei einer schweren Unterzuckerung schnell helfen.

Sport

Sport ist kein direkter Bestandteil der Therapie bei Typ-1-Diabetes. Als Mittel zum Ausgleich und Stressabbau kann er aber hilfreich sein, um die Belastungen rund um die Krankheit im Alltag besser zu meistern.

Bei körperlicher Aktivität ist der Energiebedarf erhöht. Außerdem sprechen die Muskeln besser auf Insulin an. Das bedeutet, dass Patienten entsprechend weniger Insulin spritzen oder Kohlenhydrate zum Ausgleich essen müssen, um einer Unterzuckerung vorzubeugen. Da der Körper auf Anstrengungen bei Menschen unterschiedlich reagiert, sollte jeder Typ-1-Diabetiker einmal vorab mit seinem behandelnden Arzt abklären, welche Richtwerte und Ausgleichsregeln in seinem Fall sinnvoll sind.

Autofahren

Bei niedrigen Zuckerwerten sind Wahrnehmung und Reflexe gestört. Unterzuckerungen am Steuer können für Betroffene und andere Verkehrsteilnehmer sehr gefährlich sein. Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten deswegen sichergehen, dass ihre Werte in Ordnung sind, bevor sie auf den Fahrersitz steigen und für alle Fälle Blutzuckermessgerät sowie Traubenzucker mitnehmen. Bei Verdacht auf Unterzucker während der Fahrt sofort rechts ranfahren und Zuckerspiegel messen. Wegen der Unterzucker-Gefahr müssen Typ-1-Diabetiker, die den Führerschein machen, unter Umständen vorher nachweisen, dass der Stoffwechsel gut eingestellt ist.

Beruf

Die meisten Berufe können Menschen mit Typ-1-Diabetes ohne Probleme ergreifen. Bei einigen Tätigkeiten wie Pilot oder LKW-Fahrer können Unterzuckerungen aber dazu führen, dass Betroffene sich und andere gefährden. Typ-1-Diabetiker lassen sich bei der Berufswahl deswegen am besten vom Diabetologen oder einem Arbeitsmediziner beraten, inwiefern Einschränkungen bestehen.

Übrigens: Im Vorstellungsgespräch muss man seinen Diabetes nicht erwähnen – es sei denn, dieser ist wegen des Unterzuckerrisikos in diesem Job von Bedeutung. Fragen nach Krankheiten im Vorstellungsgespräch sind unzulässig und müssen nicht beantwortet werden.

Schwangerschaft

Frauen mit Diabetes sollten eine Schwangerschaft nach Möglichkeit gut planen und im Vorfeld mit Frauenarzt und dem Diabetesteam besprechen. Die Schwangerschaft kann den Stoffwechsel der angehenden Mutter durcheinander bringen und eine Anpassung der Diabetestherapie erfordern. Erhöhte Blutzuckerwerte bilden eine potenzielle Gefahr für Mutter und Kind. Während der Schwangerschaft sind regelmäßige Untersuchungen bei Frauenarzt und Diabetologe sowie engmaschige Blutzuckerkontrollen wichtig.

Professor Dr. med. Dr. h. c. Diethelm Tschöpe ist Arzt für Innere Medizin, Endokrinologe, Diabetologe DDG, Gastroenterologe und Gesundheitsökonom und leitet als Klinikdirektor den Bereich Diabetologie/Endokrinologie im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen. Er lehrt an der Ruhr-Universität in Bochum und ist Vorsitzender der Stiftung "Der herzkranke Diabetiker" in der Deutschen Diabetes-Stiftung.