Diabetes mellitus Typ 2

Bei einem Typ-2-Diabetes sind die Blutzuckerwerte erhöht. Der Grund dafür ist eine Insulinresistenz. Eine Therapie mit Lebensstiländerungen und Medikamenten kann den Verlauf günstig beeinflussen

aktualisiert am 28.02.2017

Was ist ein Typ-2-Diabetes?

Der Typ-2-Diabetes ist eine chronische Stoffwechselkrankheit, bei welcher der Zuckerspiegel im Blut erhöht ist. Der Grund dafür ist eine Insulinresistenz. Bei dieser sprechen die Körperzellen schlechter auf Insulin an. Das Hormon hat eigentlich die Aufgabe, die Zuckermoleküle aus dem Blut in die Zellen weiterzuleiten. Bei einer Insulinresistenz gelingt das nur unzureichend – der Zucker staut sich in den Blutgefäßen an.

Vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel fördern eine Insulinresistenz. Aber auch genetische Veranlagung spielt eine Rolle.

Warum ist ein Typ-2-Diabetes gefährlich?

Erhöhte Blutzuckerwerte verursachen keine äußerlich bemerkbaren Beschwerden. Im Körperinneren schädigen sie jedoch langfristig die Blutgefäße, Nerven und zahlreiche Organe.

Die wichtigsten Folgekrankheiten sind Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche, Netzhautschäden und Nervenstörungen. Sie entwickeln sich meist schleichend über Jahre hinweg. Oft bestehen zum Zeitpunkt der Diagnose bei Typ-2-Diabetes aber schon erste Schäden.

Wie wird ein Typ-2-Diabetes behandelt?

Zur Behandlung reichen anfangs meist Medikamente und Änderungen beim Lebensstil aus, um die Insulinwirkung zu verbessern. Wichtig sind hier viel Bewegung, der Abbau von Übergewicht und eine gesunde Ernährung. Beherzigt ein Patient im Anfangsstadium eines Typ-2-Diabetes diese Tipps, kann die Krankheit sogar vorübergehend wieder verschwinden.

In der Regel schreitet der Diabetes über die Jahre hinweg weiter fort. Viele Patienten gelangen dann irgendwann zu einem Punkt, an dem Tabletten allein nicht mehr ausreichen. Sie müssen zusätzlich Insulin spritzen, um ihre Blutzuckerwerte in den Griff zu kriegen.

Was heißt "Diabetes mellitus"?

Diabetes ist eine der ältesten bekannten Krankheiten. Er wurde schon in der Antike in einem ägyptischen Papyrus beschrieben. Weil der Urin der Kranken durch den ausgeschiedenen Zucker süßlich schmeckte, wurde sie als "honigsüßer Durchfluss" bezeichnet – auf lateinisch "Diabetes mellitus".

Wie häufig ist Typ-2-Diabetes?

Verlässliche Daten zur Häufigkeit in Deutschland gibt es nicht, da Diabetes keine meldepflichtige Krankheit ist. Vermutlich leben bundesweit derzeit rund sieben Millionen Menschen mit  einem Diabetes, der mit Medikamenten behandelt wird – der überwiegende Anteil (über 90 Prozent) sind Typ-2-Diabetiker. Dazu kommen vermutlich bis zu zwei Millionen Menschen, die Diabetes haben, aber noch nichts davon wissen.

Tritt Diabetes Typ 2 nur im Alter auf?

In der Vergangenheit wurde der Typ-2-Diabetes gerne auch als "Alterszucker" bezeichnet. Tatsächlich erkranken in erster Linie ältere Menschen daran. Allerdings leiden zunehmend auch jüngere Menschen an Typ-2-Diabetes. Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen schon in jungen Jahren stark übergewichtig sind und sich nur wenig bewegen – beides gilt als die Hauptursache von Diabetes Typ 2. Immer häufiger stellen Ärzte die Krankheit auch bei Kindern und Jugendlichen fest. In den USA haben etwa ein Viertel der Jugendlichen Diabetes oder eine Vorstufe davon. Die Bezeichnung "Alterszucker" ist also längst nicht mehr korrekt.

Der Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes

Dem Typ-2-Diabetes liegt eine Insulinresistenz zugrunde. Das bedeutet, dass die Körperzellen immer weniger auf Insulin ansprechen, bis sie schließlich unempfindlich – resistent – werden. Das Hormon kann den Zucker dann nicht mehr in die Zellen schleusen. Infolgedessen steigt der Blutzuckerspiegel an. Ursachen der Insulinresistenz sind vor allem erbliche Veranlagung, Übergewicht und Bewegungsmangel. Zur Behandlung reichen zu Beginn meist Abnehmen, Sport und Tabletten aus. Erst wenn nach vielen Jahren Erkrankungsdauer die Insulinproduktion versiegt, müssen Patienten mit Typ-2-Diabetes Insulin spritzen.

Typ-1-Diabetes ist dagegen eine Autoimmunerkrankung. Das Abwehrsystem des eigenen Körpers zerstört dabei oft innerhalb weniger Wochen die Insulin produzierenden Zellen, die sich in der Bauchspeicheldrüse befinden. Das führt zu einem Mangel an Insulin. Warum es zu der Autoimmunreaktion bei Typ-1-Diabetes kommt, ist noch nicht geklärt.

Wer Typ-1-Diabetes hat, muss von Anfang an Insulin spritzen, um seinen Blutzuckerspiegel zu kontrollieren. Oft entsteht die Krankheit schon im Kinder- und Jugendalter. Ein Typ-1-Diabetes ist nicht heilbar. Mit Lebensstilmaßnahmen lässt sich der Verlauf der Krankheit nicht beeinflussen.

Neben Typ-1-und Typ-2-Diabetes gibt es eine Reihe weiterer Diabetesformen, die jedoch sehr selten sind.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

Die Veranlagung zu Diabetes Typ 2 ist erblich. Wenn nahe Verwandte (vor allem Eltern, Geschwister) Typ-2-Diabetiker sind, beträgt die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens ebenfalls zu erkranken, bis zu 60 Prozent.

Der Lebensstil ist entscheidend

Trotz erblicher Vorbelastung muss es nicht zwangsläufig zu einem Typ-2-Diabetes kommen. Entscheidend für den Ausbruch der Krankheit ist vor allem ein ungesunder Lebenswandel mit starkem Übergewicht und Bewegungsmangel. Beides leistet einer Insulinresistenz Vorschub.

Das metabolische Syndrom

Typ-2-Diabetes oder ein Vorstadium (Prädiabetes) tritt häufig im Paket mit erhöhtem Blutdruck, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen auf. Mediziner sprechen in diesem Fall vom metabolischen Syndrom (Stoffwechsel-Syndrom, auch "tödliches Quartett"). Diese Krankheiten treten aus mehreren Gründen oft zusammen auf. Zum Teil haben sie schlicht die gleichen Ursachen. Außerdem können sich die einzelnen Krankheiten gegenseitig verstärken. So gibt es Hinweise, dass erhöhter Blutdruck die Insulinresistenz fördert.

Insulinresistenz bedeutet, dass die Zellen des Körpers unempfindlich auf Insulin reagieren. Das Hormon aus der Bauchspeicheldrüse schleust den Zucker aus dem Blut in die Zellen, die aus ihm Energie gewinnen und ihn zum Teil speichern. Sprechen die Zellen nicht oder kaum auf Insulin an, kann es diese Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen.

Fettgewebe stört Insulinempfindlichkeit

Übergewicht begünstigt diese Entwicklung, da Fettgewebe, insbesondere das Fettgewebe am Bauch, Botenstoffe ausschüttet, die eine Insulinresistenz fördern. Bewegungsmangel verstärkt vor allem bei Muskelzellen die Insulinresistenz.

Zunächst versucht der Körper, die Insulinresistenz zu überwinden, indem er mehr Insulin ausschüttet. In einem frühen Stadium des Diabetes ist der Insulinspiegel im Blut daher erhöht (Hyperinsulinämie). Schließlich erschöpft die Insulinproduktion. Der Insulinspiegel sinkt und der Blutzuckerspiegel steigt – bis er so hoch ist, dass die Kriterien für die Diagnose eines Diabetes mellitus erfüllt sind (siehe Kapitel: Diagnose).

Diabetes Typ 2 kommt auf leisen Sohlen

Typ-2-Diabetes macht lange Zeit keine Beschwerden. Deshalb bleibt er oft viele Jahre unentdeckt. Häufig wird die Krankheit festgestellt, wenn Patienten aus einem anderen Grund im Krankenhaus behandelt werden – zum Beispiel wegen eines Herzinfarkts, der durch den Diabetes gefördert wurde.

Dennoch gibt es mehrere Anzeichen, die auf einen Diabetes hinweisen können. Bei erhöhten Blutzuckerspiegeln treten oft häufiges Wasserlassen, Schwächegefühl, Durst und trockene Haut als Symptome auf. Denn wenn der Blutzuckerspiegel steigt, versucht der Körper überschüssigen Zucker mit dem Urin auszuscheiden. Der Harndrang erhöht sich, Betroffene verspüren vermehrt Durst.

Mögliche Hinweise auf einen Typ-2-Diabetes

Anzeichen, die auf erhöhte Blutzuckerwerte hindeuten, sind vor allem:

 

  • Schlaffheitsgefühle
  • Neigung zu Infektionen
  • schlecht heilende Wunden
  • trockene oder juckende Haut
  • vermehrter Durst
  • häufiges Wasserlassen

Da die Zuckerkrankheit das Abwehrsystem schwächt, sind Diabetiker zudem anfälliger für Infektionskrankheiten wie beispielsweise Fuß- oder Scheidenpilz und Blasenentzündungen. Auch Erkältungen oder Grippeerkrankungen treffen sie häufiger. Wundheilungsstörungen können zudem auf eine Durchblutungsstörung der Haut hinweisen, die gehäuft bei Diabetes auftritt.

Diese Symptome entwickeln sich allerdings meist über einen sehr langen Zeitraum. Wenn Betroffene sie bemerken, war der Blutzucker oft über Jahre hinweg zu hoch.

Ein weiterer Grund, warum der Diabetes oft nicht bemerkt wird: Diese Beschwerden sind sehr unspezifisch. Für sie gibt es eine Reihe von möglichen Ursachen, viele Menschen bringen sie nicht mit einem Diabetes in Verbindung. Wer eines oder mehrere dieser Symptome an sich feststellt, sollte aber unbedingt seinen Blutzucker überprüfen lassen.

Ein Arzt kann mit Hilfe eines Blutzuckertests feststellen, ob ein Diabetes vorliegt. Dabei gibt es mehrere Grenzwerte, bei denen die Zuckerkrankheit als nachgewiesen gilt:

  • Wenn der Blutzuckerspiegel nüchtern 126 mg/dl (7,0 mmol/l) oder höher beträgt (Messung im venösen Plasma).
  • Wenn im kapillären Vollblut ein Nüchternwert von 110 mg/dl (6,1 mmol/l) oder höher vorliegt.
  • Wenn zu einem beliebigen Zeitpunkt (nicht nüchtern) ein Blutzuckerwert über 200 mg/dl (11,1 mmol/l) gemessen wird.
  • Wenn der Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c bei 6,5 Prozent (48 mmol/mol) oder höher liegt.

Normal ist ein Nüchternblutzucker unter 100 md/dl (5,6 mmol/l). Nüchternwerte zwischen 100 und 125 mg/dl können auf einen Prädiabetes, also eine Diabetes-Vorstufe, hinweisen.

Goldstandard für die Diagnose eines Diabetes ist der Zuckerbelastungstest (oraler Glukosetoleranztest). Dabei bekommt der Patient eine Lösung mit 75 Gramm Glukose zu trinken. Steigt der Blutzucker nach zwei Stunden auf über 200 mg/dl (11,1 mmol/l), ist der Diabetes bestätigt.

Diabetes mellitus kann zu zahlreichen Folgekrankheiten führen. Sie sind das Ergebnis von Schäden der kleinen und großen Arterien (Mikro- beziehungsweise Makroangiopathie) und häufig auch der Nerven. Die Wahrscheinlichkeit, diabetesbedingte Folgekrankheiten zu entwickeln, ist schon im Vorstadium des Diabetes (Prädiabetes) erhöht. Deshalb ist es wichtig, Diabetes rechtzeitig zu erkennen und bestmöglich zu behandeln.

Nachfolgend finden Sie eine Übersicht über die wichtigsten Diabetes-Folgekrankheiten. Weiterführende Informationen zu den einzelnen Krankheiten erhalten Sie, wenn Sie den Links folgen.

Herzinfarkt

Der Herzinfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen von Menschen mit Diabetes. Hohe Zuckerwerte fördern eine Verkalkung der Arterien (Arteriosklerose). Sind die Herzkranzgefäße davon betroffen, die das Herz mit Blut versorgen, sprechen Ärzte von einer "koronaren Herzerkrankung". Sie äußert sich häufig in Brustschmerzen und Engegefühl über der Brust. Was viele nicht wissen: Besonders bei Frauen kann sich ein Herzinfarkt auch lediglich mit Allgemeinsymptomen wie plötzlicher Übelkeit, Atemnot, Schmerzen im Oberbauch und Erbrechen äußern. Infolge von Nervenschäden fehlen allerdings bei Diabetikern Warnzeichen oft.

Verschließt sich ein Herzkranzgefäß, wird der von ihm versorgte Teil des Herzmuskels nicht mehr durchblutet und stirbt ab. Dadurch kann es zu einer Herzleistungsschwäche kommen. Mit regelmäßigen EKG-Kontrollen lassen sich unbemerkt abgelaufene Herzinfarkte (stumme Infarkte) entdecken, um dann eine entsprechende weiterführende Diagnostik der Gefäße einzuleiten.

Schlaganfall

Menschen mit Diabetes haben ein stark erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. In den meisten Fällen ist der Schlaganfall Folge einer Durchblutungsstörung des Gehirns. Dazu kommt es beispielsweise, wenn eine der beiden Halsschlagadern, die das Gehirn mit Blut versorgen, infolge einer Gefäßverkalkung verstopft ist oder wenn ein Gerinnsel oder eine Kalkablagerung, die sich von der Gefäßwand ablöst, mit dem Blutstrom ins Gehirn verschleppt wird und dort eine Arterie verschließt. Die Optimierung des Blutdrucks ist neben der Blutzuckereinstellung von zentraler Bedeutung.

Netzhautschaden

Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen die Gefäße der Netzhaut in den Augen. So entstehen Gefäßaussackungen, später auch Gefäßverschlüsse, Blutungen und Fetteinlagerungen. Außerdem bilden sich neue Adern, die jedoch leicht reißen und eine Netzhautablösung auslösen können. Netzhautschäden wegen Diabetes – Fachausdruck "diabetische Retinopathie" – sind eine häufige Erblindungsursache. Eine vollständige Heilung ist nicht möglich. Das Fortschreiten der Krankheit lässt sich durch Ausschalten der Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Rauchen sowie eine Lasertherapie aufhalten.

Nervenschaden

Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Brennen in den Füßen sind oft erste Anzeichen eines diabetesbedingten Nervenschadens (diabetische Neuropathie). Er kann alle Nerven treffen. Besonders gefährdet sind die sensiblen Nerven. Sie leiten Empfindungen wie Schmerz und Temperatur weiter. Später kommen oft starke Schmerzen hinzu. Auch autonome Nerven, die innere Organe versorgen, werden geschädigt. Nervenschäden können Störungen der Magen- oder Blasenentleerung, Durchfall oder Potenzprobleme zur Folge haben.

Nierenschaden

Mediziner sprechen hier von einer diabetischen Nephropathie. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für Nierenschwäche und Nierenversagen. Geschädigte Blutgefäße in den Nieren bewirken, dass deren Filterfunktion gestört wird. Ein frühes Zeichen dafür ist der Nachweis von Eiweiß im Urin (Mikroalbuminurie). Eine rechtzeitige Therapie (Blutdruck und Diabetes gut einstellen, Medikamente: ACE-Hemmer) verhindert das Fortschreiten des Nierenschadens.

Diabetischer Fuß

Nervenschäden an den Füßen sind ein häufiger Grund für Amputationen. Ist die Schmerzwahrnehmung gestört, bemerken Diabetiker Druckstellen oder kleine Verletzungen oft nicht rechtzeitig. Diese können sich infizieren. Da häufig auch die Durchblutung beeinträchtigt ist, heilen die Wunden zudem schlecht ab. Es bilden sich Geschwüre, die Gewebe und Knochen angreifen (diabetisches Fußsyndrom). Diese schweren Folgen lassen sich meist vermeiden, wenn man seine Füße regelmäßig auf Unregelmäßigkeiten untersucht und sorgfältig pflegt. Wichtig ist auch, dass bei geringsten Veränderungen frühzeitig ein Arzt aufgesucht wird. Ebenso natürlich ein gutes Blutzuckermanagement.

Depression

Menschen mit Diabetes leiden häufig unter einer behandlungsbedürftigen Depression, viele weitere von ihnen zudem an einer depressiven Stimmungsstörung wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Traurigkeit. Umgekehrt haben auch Menschen mit Depression ein erhöhtes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Die genauen Ursachen für das gehäufte Auftreten von Depressionen bei Diabetikern sind nicht geklärt.

 

Nach der Diagnose erhalten Patienten bei Typ-2-Diabetes meist sofort Medikamente, um den Blutzucker zu senken. In der Regel ist das Metformin. Schlägt die Behandlung nicht wie gewünscht an, kann der Arzt ein weiteres oder zusätzliches Mittel verschreiben. Viele Betroffene müssen zudem im Verlauf der Erkrankung auf Insulin umsteigen.

Neben diesen medikamentösen Maßnahmen sind außerdem oft Veränderungen bei alltäglichen Verhaltensweisen entscheidend für den Behandlungserfolg. Betroffene sollten etwaiges Übergewicht verringern und sich im Alltag verstärkt bewegen. Beides kann dazu beitragen, dass die Insulinwirkung sich wieder bessert. In frühen Stadien können diese Lebensstilmaßnahmen ausreichen, um den Diabetes in den Griff zu kriegen und ihn in seltenen Fällen sogar wieder verschwinden lassen.

Behandlungsziele: Immer individuell

Wichtig zu wissen: Die einzelnen Therapiebausteine bei Typ-2-Diabetes ordnet der Arzt je nach Einzelfall an. Jeder Patient benötigt entsprechend seiner individuellen Lebenssituation und vorliegenden Begleiterkrankungen seinen eigenen Mix an Maßnahmen.

Das gilt auch für die Behandlungsziele, die Arzt und Patient gemeinsam bestimmen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft rät im Allgemeinen dazu, beim Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c einen Korridor von 6,5 bis 7,0 Prozent anzustreben. Besteht dann aber zum Beispiel die Gefahr von Unterzuckerungen beim Patienten, kann ein etwas höherer Zielwert sinnvoll sein.

Lesen Sie hier einen Überblick über die wichtigsten Therapiemaßnahmen.

1. Abnehmen

Starkes Übergewicht zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes. Das gilt vor allem, wenn das Fettgewebe sich am Bauch ansammelt. Dieses sogenannte innere oder viszerale Fett stellt Stoffe her, welche die Insulinwirkung beeinträchtigen. Der Abbau von Übergewicht kann helfen, eine Insulinresistenz wieder zu bessern. Zum Teil wirkt Abnehmen so effektiv wie Tabletten.

Die Gewichtsziele vereinbaren Patienten zusammen mit dem behandelnden Arzt. Dieser kann auch Tipps zum richtigen Vorgehen geben. In der Regel sollten Betroffene durch eine Kombination aus mehr Bewegung und gesunder Ernährung abnehmen. Selbsthilfegruppen, Schulungen und Abnehm-Programme in Kliniken und Praxen können bei diesem Vorhaben unterstützen.

2. Bewegung

Körperliche Aktivität ist bei Diabetes aus zwei Gründen wichtig: Zum einen verbrauchen Muskeln in Bewegung mehr Energie. Das unterstützt das Abnehmen. Außerdem bessert sich der Zuckerstoffwechsel, sodass die Zellen wieder besser auf Insulin ansprechen.

Dazu ist es nicht unbedingt nötig, schweißtreibenden Sport zu betreiben. Die Faustregel lautet: Man sollte etwa fünfmal pro Woche für jeweils 30 Minuten so aktiv sein, dass man leicht ins Schwitzen kommt. Ein flotter Spaziergang kann also schon dabei helfen, den Zuckerstoffwechsel zu bessern.

Patienten sollten unbedingt mit ihrem Arzt abklären, welches Pensum in ihrem Fall ideal ist und was sie sich zumuten können. Bei Typ-2-Diabetes bestehen oft Schädigungen an den Blutgefäßen, die bei zu starken Anstrengungen im schlimmsten Fall zu einem Herzinfarkt führen können.

Diese potenzielle Gefahr ist aber kein Grund, um bei Typ-2-Diabetes auf Bewegung zu verzichten. Die Vorteile überwiegen klar. Bei der richtigen Intensität ist das Risiko gering. Zudem trägt Aktivsein dazu bei, langfristig die Gefahr eines Herzinfarkts zu verringern.

Bei aller gesundheitlichen Vernunft sollte der Spaß nicht zu kurz kommen. Deshalb ist es wichtig, sich eine Sportart zu suchen, die zu einem passt – ob das nun Laufen, Schwimmen, Radfahren oder Yoga ist. Das erhöht die Chancen, dauerhaft am Ball zu bleiben.

3. Medikamente

Antidiabetika heißen Medikamente, die bei Typ-2-Diabetes der Behandlung zu hoher Blutzuckerwerte dienen. Unter diesen Begriff fallen Mittel aus verschiedenen Wirkstoffklassen, die an unterschiedlichen Stellen im Körper ansetzen.

Gleich nach der Diagnose erhalten Patienten in der Regel Metformin, wenn keine Unverträglichkeit oder ein anderer Grund dagegen sprechen. Bleibt der gewünschte Behandlungserfolg drei Monate später aus, gibt es ein zweites Antidiabetikum oder Insulin oben drauf. Schlägt auch das nicht an, kann der Arzt ein drittes Mittel verschreiben.

Die verschiedenen Blutzuckersenker im Überblick:

  • Biguanide: Metformin ist das einzige in Deutschland zugelassene Biguanid. Es verbessert die Insulinempfindlichkeit der Zellen, hemmt die Zucker-Neubildung in der Leber und verzögert den Übergang von Zucker aus dem Darm ins Blut.
  • Sulfonylharnstoffe: Sie regen die Bauchspeicheldrüse an, mehr Insulin auszuschütten. Sulfonylharnstoffe wirken deswegen nur, solange Patienten noch eigenes Insulin herstellen. Das Unterzuckerungs-Risiko ist bei ihnen erhöht. 
  • Alpha-Glukosidasehemmer: Sie verzögern den Abbau von Kohlenhydraten im Darm. Zucker geht langsamer ins Blut über.
  • SGLT-2-Hemmer: Sie bewirken, dass die Nieren mehr Zucker über den Harn ausscheiden, indem sie das Protein SGLT-2 blockieren, das den Zucker aus den Nieren wieder ins Blut leitet.
  • Glitazone: Sie verbessern die Insulinempfindlichkeit der Zellen, so dass diese mehr Zucker aus dem Blut aufnehmen können.
  • Glinide: Wirken ähnlich wie Sulfonylharnstoffe, indem sie die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse anregen.
  • DDP-4-Hemmer (Gliptine): Hemmen den Abbau des Darmhormons GLP-1. Dadurch stellt die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin her, die Magenentleerung verzögert sich, die Leber setzt weniger Zucker frei. 
  • GLP-1-Analoga: Ahmen die Wirkung des Darmhormons GLP-1 (siehe Gliptine) nach. Im Gegensatz zu anderen Antidiabetika werden sie gespritzt – wie Insulin.

4. Insulin

Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes versucht die Bauchspeicheldrüse zunächst die verringerte Insulinempfindlichkeit der Zellen auszugleichen, indem sie das Hormon vermehrt herstellt. Mit der Zeit lassen die Kräfte des Organs jedoch nach, so dass die Insulinproduktion oft völlig zum Erliegen kommt. Das ist häufig nach mehreren Jahren Erkrankungsdauer der Fall. Patienten benötigen dann eine Insulintherapie. Das heißt, sie müssen Insulin spritzen – in der Regel mit einem Pen, ein Gerät, das äußerlich an einen Füllfederhalter erinnert.

Heutige Insuline zur Diabetesbehandlung werden meist künstlich im Labor hergestellt (sogenannte Insulinanaloga) und unterscheiden sich in Wirkeintritt, -maximum und -dauer. Kurzwirkende Insuline senken den Blutzucker schon nach fünf bis 30 Minuten und wirken maximal vier bis acht Stunden. Sie werden vor allem zu den Mahlzeiten als sogenannter Bolus gespritzt.

Bei langwirkenden Insulinen tritt ein Effekt dagegen erst nach zwei bis vier Stunden auf. Dafür wirken sie bis zu 24 Stunden, zum Teil sogar noch länger. Sie dienen dazu, um den Insulingrundbedarf etwa in der Nacht abzudecken – den sogenannten Basalbedarf. Daneben gibt es Verzögerungsinsuline (NPH-Insuline), die sozusagen einen Mittelweg bilden zwischen kurz- und langwirkenden Insulinen.

Außerdem stehen verschiedene Therapieschemen zur Auswahl. Welche zum Einsatz kommt, hängt vor allem von den Umständen des Patienten ab: Manche benötigen nur zu bestimmten Zeitpunkten Insulin zur Unterstützung der Tabletten, andere eine intensivierte Insulintherapie.

Basal unterstützte orale Therapie (BOT)

 

Prinzip: Ergänzend zu Blutzucker senkenden Tabletten spritzen Betroffene einmal täglich morgens oder abends ein langwirkendes Insulin.

Geeignet: Vor allem für Patienten, bei denen die morgendlichen Nüchternwerte zu hoch sind.

 

Konventionelle Insulintherapie (CT)

Prinzip: Der Patient spritzt morgens und abends eine fixe Dosis Mischinsulin (schnell- und langwirkendes Insulin).

Geeignet: Vor allem für Menschen mit festen Ernährungsgewohnheiten und regelmäßigem Tagesablauf, die eine möglichst einfache Therapie wünschen.

 

Supplementäre (ergänzende) Insulintherapie (SIT)

Prinzip: Zu den Hauptmahlzeiten wird ein kurz wirkendes Insulin gespritzt.

Geeignet: Für Patienten, die vor allem nach dem Essen zu hohe Werte haben. Die SIT kann mit Tabletten kombiniert werden.

 

Intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT)

Prinzip: Betroffene spritzen zu jeder Mahlzeit ein kurz wirkendes Insulin. Den Grundbedarf deckt ein lang wirkendes Insulin, das man ein- oder zweimal täglich spritzt.

Geeignet: Für Patienten, die flexibel sein möchten und die Insulindosis selbstständig anpassen können und wollen.

Den richtigen Umgang mit dem Pen lassen Patienten sich am besten zu Beginn der Insulintherapie im Rahmen einer Schulung zeigen. Tipps zur richtigen Spritztechnik gibt es zudem hier.

Ernährung

Eine gesunde Ernährungsweise unterstützt bei Typ-2-Diabetes nicht nur das Abnehmen, sondern hilft außerdem, Zuckerspitzen nach dem Essen zu vermeiden und die Insulinwirkung zu bessern.

Verbote gibt es dabei nicht. Menschen mit Diabetes dürfen das Gleiche essen wie Gesunde. Auch Zucker ist nicht tabu, solange insgesamt die Kalorienbilanz stimmt. Der Energiebedarf sollte zu rund der Hälfte mit Kohlenhydraten abgedeckt werden, davon möglichst viele komplexe Kohlenhydrate, die zum Beispiel in Vollkorn stecken. Diese gehen langsamer ins Blut über, lassen den Blutzuckerspiegel weniger stark ansteigen.

Besonders wertvoll in der Ernährung bei Typ-2-Diabetes sind Ballaststoffe. Das sind Pflanzenfasern, die der menschliche Verdauungstrakt nicht verarbeiten kann. Das hilft Blutzuckerspitzen zu vermeiden und sorgt für ein längeres Sättigungsgefühl. Menschen mit Typ-2-Diabetes wird empfohlen, rund 40 Gramm Ballaststoffe am Tag zu essen. Ballaststoffe stecken in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und in vielen Obst- und Gemüsesorten.

Unterzuckerungen

Unterzuckerungen oder Hypoglykämien sind eine häufige akute Komplikation bei Diabetes. Gefährdet sind vor allem Patienten, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffe einnehmen. Bei anderen Behandlungsformen ist das Risiko dagegen relativ gering, da hier die natürlichen Gegenregulationen des Körpers auf sinkende Zuckerwerte greifen können.

Unterzuckerungen können auftreten, wenn Patienten etwa zu viel Insulin gespritzt haben. Sinkt der Blutzuckerspiegel im Blut zu tief, können ab etwa 70 mg/dl (3,9 mmol/l) Beschwerden wie Schwitzen, Herzjagen oder Blässe um den Mund auftreten. Bei tieferen Werten kommt es zu Kopfschmerzen, Sprach- und Sehstörungen sowie Konzentrationsschwächen. Betroffene benötigen schnelle Kohlenhydrate, etwa in Form von Traubenzucker.

Die Schwelle, an der Unterzucker-Symptome auftreten, ist von Patient zu Patient verschieden. Vor allem bei längerer Erkrankungsdauer und häufigen bisher erlebten Unterzucker-Vorfällen tun sich Betroffene zunehmend schwer, die Warnzeichen rechtzeitig zu bemerken. Ein Hypo-Wahrnehmungstraining kann dann helfen.

Blutzucker messen

Viele Menschen mit Diabetes messen regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel selbst. Wie häufig, hängt vor allem von der Art der Therapie ab. Wer Insulin spritzt, muss mehrmals täglich messen, um seinen Insulinbedarf zu ermitteln. Auch wer gefährdet für Unterzuckerungen ist, sollte bei entsprechenden Anzeichen seinen Zuckerwert bestimmen. Der dazu nötige Blutstropfen wird in der Regel aus der Fingerkuppe gewonnen.

Psyche

Die Angst vor Folgekrankheiten, der Druck, auf die Ernährung zu achten und sich ausreichend zu bewegen – Diabetes kann eine psychische Belastung darstellen. So überrascht es nicht, dass Menschen mit der Zuckerkrankheit häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt unter Depressionen leiden.

Patienten müssen einen gesunden Mittelweg finden zwischen dem Ernstnehmen der Krankheit und einer nötigen Portion Gelassenheit beim täglichen Diabetes-Management. Es kann helfen sich klar zu machen, dass bei niemanden die Werte immer perfekt sind. Auch der Partner oder das Familienumfeld können eine Kraftquelle sein – gerade bei offenem Umgang mit den eigenen Sorgen. Wer sich vor der Diabetes-Last im Alltag erdrückt fühlt, dem kann unter Umständen eine Coping-Schulung helfen.

Sex

Vor allem bei Männern kann ein Diabetes das Liebesleben trüben. Erhöhte Blutzuckerwerte können die Blutgefäße und Nerven am Penis schädigen und Potenzprobleme verursachen. Frauen mit Diabetes klagen dagegen häufig über Scheidentrockenheit, Orgasmusstörungen sowie Infektionen im Genitalbereich und in den Harnwegen.

Solche Probleme nicht verschämt verschweigen, sondern offen beim Arzt ansprechen. Für viele Sexualstörungen gibt es eine Lösung. Ein schöner Doppeleffekt: Behandlungsmaßnahmen, die bei Typ-2-Diabetes die Blutzuckerwerte verbessern, wirken sich gleichzeitig vorteilhaft auf das Sexualleben aus.

Autofahren

Für die meisten Menschen mit Typ-2-Diabetes stellt das Lenken eines Kraftfahrzeugs keine gesonderte Herausforderung dar. Unterzuckerungen können aber die Wahrnehmung und Reflexe beeinträchtigen – im schlimmsten Fall droht eine Bewusstlosigkeit am Steuer. Gefährdet für eine solche Hypo sind vor allem Patienten, die Insulin spritzen oder Sulfonylharnstoffe einnehmen. Sie sollten unbedingt dafür Sorge tragen, dass die Werte beim Autofahren nicht zu tief sinken, und beim geringsten Verdacht einer Unterzuckerung die Fahrt unterbrechen.

Dr. Young Hee Lee-Barkey, Diabetologin (DDG), ist Oberärztin am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen und leitet den Bereich Ernährungsmedizin.