Diabetischer Fuß

Das diabetische Fuß-Syndrom ist eine häufige Folgeerkrankung bei Diabetes. Mehr zu Ursachen, Symptomen, Vorsorge und Therapie

aktualisiert am 27.05.2019

Die Füße sind bei Diabetes besonders anfällig für Verletzungen, die sich zudem eher zu gefährlichen Geschwüren entwickeln. Bei einem diabetischen Fuß-Syndrom kann im schlimmsten Fall sogar eine Amputation notwendig werden.

Füße anfälliger für kleine Verletzungen

Mehrere Faktoren wirken beim diabetischen Fuß zusammen. Ausgangspunkt sind meist geschädigte Nerven an den Füßen und Beinen, die eine häufige Folge erhöhter Blutzuckerwerte bei Diabetes sind. Durch diese nimmt die Schmerz- und Druckempfindung ab. Dadurch entstehen leichter kleine Wunden, die Betroffene häufig lange Zeit nicht bemerken. Auch werden die Füße häufig fehlbelastet. Hornhaut und Druckstellen können sich an den betroffenen Stellen bilden. Zudem ist die Schweißproduktion beeinträchtigt, was die Haut an Beinen und Füßen trocken, rissig und anfällig für kleine Verletzungen macht.

Liegen zudem Durchblutungsstörungen vor, heilen diese Wunden schlechter. Banale Verletzungen können sich so zu gefährlichen Geschwüren auswachsen, wenn eine Infektion sich ungestört ausbreitet. Weil Betroffene die Verletzungen bei geschädigten Nerven oft nicht wahrnehmen, versorgen sie diese oft nicht rechtzeitig.

Zweitmeinung vor Amputation

Letzten Endes kann bei einem diabetischen Fuß eine Amputation erforderlich werden. Schätzungsweise rund 50.000 Amputationen als Folge des diabetischen Fuß-Syndroms werden jährlich in Deutschland vorgenommen. Experten gehen davon aus, dass ein nicht geringer Anteil dieser Eingriffe vermeidbar wäre. Patienten sollten deswegen nach Möglichkeit eine zweite Meinung einholen, wenn sie nicht in einer Spezial-Einrichtung von Experten auf diesem Gebiet betreut werden.

Geht es akut um eine Amputation, können Betroffene Rat erhalten über das Notfalltelefon der AG Fuß unter der Nummer 0180/3 12 34 06 (9 Cent pro Minute aus dem Festnetz, mobil maximal 42 Cent pro Minute).

Den Füßen bei Diabetes besondere Beachtung schenken

Um keine Verletzung zu übersehen, sollte jeder Diabetespatient mit mehrjähriger Erkrankungsdauer täglich seine Füße auf Veränderungen kontrollieren. Eine gründliche ärztliche Inspektion ist auch bei bisher unauffälligen Füße mindestens einmal jährlich unbedingt ratsam, bei bereits bestehendem diabetischen Fuß je nach Risikoprofil häufiger. Der Mediziner untersucht die Füße dabei auf möglicherweise bestehende Nerven- oder Durchblutungsstörungen.

Die Behandlung eines diabetischen Fußes ist langwierig und anspruchsvoll. Daher sollte nach Möglichkeit ein fachkundiges Team in einer zertifizierten Einrichtung zur Behandlung des diabetischen Fußes die Versorgung übernehmen. Eine Übersicht dieser Einrichtungen finden Sie hier.

Beratender Experte

Professor Dr. Ralf Lobmann ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Geriatrie am Klinikum Stuttgart

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

Grundlage des diabetischen Fuß-Syndroms ist ein jahrelang überhöhter Blutzucker. Dieser begünstigt Schäden an den Nerven (diabetische Neuropathie) und den großen Blutgefäßen (Makroangiopathie), die auf vielfache Weise dazu beitragen, dass aus einfachen Verletzungen leicht schwere Wunden entstehen:

  • Sind die für Empfindungen zuständigen Nerven an den Füßen beeinträchtigt, nehmen Betroffene Verletzungen, Druck durch zu enge Schuhe, Fehlstellungen von Fuß und Zehen sowie Temperaturunterschiede schlechter wahr. Es besteht die Gefahr, dass Betroffene bestimmte Fußbereiche übermäßig belasten, was Fehlstellungen und kleine Verletzungen fördert.
  • Eine Neuropathie kann außerdem zu einem Verlust der Schweißbildung führen. Die Haut wird trocken, rissig und leicht verletzbar. Die Risse sind ideale Eintrittspforten für Erreger, die Infektionen verursachen können.
  • Eine verminderte Immunreaktion infolge von Durchblutungsstörungen fördert, dass diese Infektionen sich ungehindert ausbreiten.

Einfache Verletzungen können schwere Folgen haben

Häufig sind es banale Verletzungen, die so zu gefährlichen Infektionen führen. Etwa Druckstellen wegen zu enger Schuhe, aber auch Verbrennungen durch ein zu heißes Fußbad oder ein Heizkissen, unbemerkte Fremdkörper im Schuh, kleinste Verletzungen bei der Fußpflege, etwa beim Kürzen der Fußnägel, sowie Fußpilz. Jede Wunde am Fuß ist bereits ein Notfall und sollte rasch vom Hausarzt, Diabetologen oder in einer Fußambulanz untersucht werden.

Spätestens wenn der Arzt Zeichen einer Neuropathie festgestellt hat, muss der Betroffene seine gefährdeten Füße schützen. Dazu sollte er täglich seine Beine und Füße auf Veränderungen kontrollieren – auch zwischen den Zehen und an den Fußsohlen. Hilfestellung kann der Partner geben, ein Handspiegel tut es aber auch. Tipps zur Fußpflege finden Sie hier. Hilfsmittel wie ein Handspiegel mit Teleskoparm oder ein Vergrößerungsglase können dabei unterstützen.

Vor dem Anziehen sollte man die Schuhe mit der Hand auf Fremdkörper überprüfen. Wer Nerven- oder Durchblutungsstörungen an den Füßen hat, sollte auf Barfußgehen verzichten. Jede noch so kleine Verletzung, aber auch Hinweise auf Fuß- oder Nagelpilz, oder eine Verfärbung der Fußnägel erfordert die sofortige Vorstellung beim Arzt.

Die wichtigsten Anzeichen für einen diabetischen Fuß sind:

  • Eine verringerte Schmerz- und Temperaturempfindlichkeit an den Füßen
  • Eine zunehmend trockene Haut
  • Taubheit in den Füßen, Gehen wie auf Watte, Ameisenlaufen
  • Erhöhte Berührungsempfindlichkeit und stechende oder brennende Schmerzen, vor allem nachts
  • Krallenbildung an den Zehen
  • Rötungen, Schwellungen und Überwärmungen am Fuß, häufig ohne Schmerzen

Diese Beschwerden sollte auf jeden Fall ein Arzt abklären. Nimmt das Berührempfinden infolge von Nervenschädigungen ab, können Fußfehlstellungen entstehen, etwa Krallenzehen. An den Druckstellen können sich Hornhautplatten bilden, die auf das Gewebe drücken. Blasenbildungen und Einblutungen unter der Hornhaut sind weitere mögliche Folgen. Hornhautrisse sind ideale Eintrittspforten für Krankheitserreger und können akut gefährlich werden.

Patienten mit Diabetes sollten auf entsprechende äußere Veränderungen der Füße achten und bei Fehlstellungen sich an einen Arzt wenden.

Charcot-Fuß: Bruchgefahr erhöht

Eine Sonderform des diabetischen Fußes ist die "Diabetische Neuropathische Osteoarthropathie". Bei diesem auch Charcot-Fuß genannten Krankheitsbild können Knochen und Gelenke am Fuß schweren Schaden nehmen. Die Entstehung ist nicht völlig geklärt. Der Neuropathie kommt aber eine zentrale Bedeutung zu: Beschädigte Nerven begünstigen Fehlstellungen und damit Fehlbelastungen der Fußknochen. Veränderte Durchblutungsverhältnisse führen zu Störungen im Knochenstoffwechsel mit Knochenerweichung. Gleichzeitig werden die Knochen brüchiger.

Anfangs ist der Fuß geschwollen, gerötet und überwärmt. Dabei können Schmerzen und Missempfindungen vorhanden sein, aber auch fehlen. Es ist unbedingt nötig, sich unverzüglich an einen Fußspezialisten zu wenden. Ohne sofortige Behandlung steigt die Gefahr von plötzlichen Brüchen der Fußknochen und von Gelenkschäden. Schwere Fehlstellungen des Fußes sind eine häufige Folge. An der Fußsohle kann es durch Drucküberlastung und abgesunkene Knochenanteile zu einem Geschwür kommen. Im fortgeschrittenen Stadium kann das Fußgewölbe zusammensacken.

Es ist wichtig, den Fuß sofort in der Anfangsphase vollständig zu entlasten und ruhigzustellen, um den Zusammenbruch des Fußskeletts zu vermeiden und Wunden einzudämmen und heilen zu lassen. Dazu gehören unter Umständen mehrwöchige Bettruhe, Entastungsverbände, die Verwendung von Gehstützen oder eines Rollstuhls. Eine geeignete orthopädische Schuh- und Fußbettversorgung nach Maß kann den Fuß stabilisieren helfen. Ein instabiler oder verformter Fuß lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen operativ korrigieren. Ausreichende Schonung, Maßschuhversorgung sowie gute Stoffwechseleinstellung und regelmäßige ärztliche Kontrollen sind für einen guten Krankheitsverlauf entscheidend.

Mindestens einmal jährlich sollte ein Arzt die Füße bei Menschen mit Diabetes überprüfen, bei erhöhtem Risiko, wenn bereits Nervenschäden oder Durchblutungsstörungen bestehen, auch öfter. Verschiedene Untersuchungen geben Aufschluss darüber, ob mit den Füßen alles in Ordnung ist und wie weit eventuell bestehende Schädigungen fortgeschritten sind:

  • Befragung zur Krankengeschichte des Patienten (Anamnese)
  • Untersuchung der Haut auf Veränderungen wie Trockenheit, fehlende Schweißbildung, Hornhautschwielen, Einrisse, Anzeichen von Fuß- und Nagelpilz, Verletzungen und Infektionen
  • Ein Stimmgabeltest oder ein Mikrofilament sowie Verfahren, die die Warm-Kalt-Wahrnehmung prüfen, geben Aufschluss, wie es um die Empfindlichkeit der Füße bestellt ist. Ein Mikrofilament ist ein Instrument mit einem elastischen Kunststofffaden. Diesen drückt der Arzt mit geringer Kraft auf die Fußsohle des Patienten, sodass der Faden gerade abknickt. Spürt dieser den Faden nicht, weist das auf einen Nervenschaden hin.
  • Bei Wunden untersucht der Arzt unter anderem Größe und Tiefe und achtet auf Entzündungszeichen. Bei infizierten Wunden kann er zur Bestimmung der Erreger Abstriche und Gewebeproben entnehmen, um danach eine gezielte Antibiotikatherapie einzuleiten.
  • Bei Verdacht auf Durchblutungsstörungen können weitere Untersuchungen nötig sein, etwa eine Ultraschall-Doppler-Untersuchung der Bein-Arterien oder eine Gefäßdarstellung mit Kontrastmittel. Verengte Gefäße können zum Beispiel im Rahmen einer Katheteruntersuchung von innen aufgedehnt und so die Durchblutung wieder verbessert werden.
  • Beim Charcot-Fuß werden darüberhinaus spezielle Untersuchungen wie eine Magnetresonanztomografie (MRT) nötig, um das Ausmaß der Veränderungen zu ermitteln und die bestmögliche Therapie einzuleiten.

Bei Durchblutungsstörungen der Füße sollte der Arzt unbedingt weitere möglicherweise betroffene Organe untersuchen. Dazu zählen in erster Linie die Gefäße, die das Herz und das Gehirn versorgen, aber auch die kleinen Gefäße der Nieren und Augen (siehe auch Ratgeber zu Herzinfarkt und diabetischem Nierenschaden).

Die Behandlung von Menschen mit einem diabetischen Fuß-Syndrom gehört in die Hände von Spezialisten. Diabetologen, Gefäßspezialisten, Chirurgen, Podologen, Pflegepersonal und Orthopädie-Schuhmacher und -Techniker sollten bei der Therapie eng zusammenarbeiten. Patienten sollten sich nach Möglichkeit in einer Fußambulanz oder einer diabetischen Schwerpunktpraxis behandeln lassen. Viele Diabetologen und Hausärzte sind zudem an Fußnetzwerke angebunden und können Patienten an entsprechende Experten weiterleiten.

Die Behandlung umfasst ein ganzes Bündel von möglichen Maßnahmen. Welche davon zum Tragen kommen, entscheiden die behandelnden Ärzte nach dem jeweiligen Wundstadium und dem vorliegendem Schaden.

  • Druckentlastung: Geschädigte Stellen müssen konsequent vom Druck entlastet werden. Dazu kann der Arzt etwa spezielle Schuhe, einen Rollstuhl oder Bettruhe verordnen.
  • Durchblutung verbessern: Engstellen in den Gefäßen behindern die Heilung von Wunden. Um die Durchblutung wieder herzustellen, kann eine Gefäßerweiterung von innen, etwa über einen Katheter, oder auch eine Bypass-Operation am Bein notwendig sein.
  • Akute Wunden versorgen und behandeln: Welche Maßnahmen bei der Wundbehandlung konkret nötig sind, hängt von Lokalisation, Ausmaß und Zustand der Wunde beim einzelnen Patienten ab.
  • Infektionen behandeln: Ist eine Wunde infiziert, ist eine gezielte Behandlung mit keimtötenden Mitteln und Antibiotika nötig.
  • Diabetes gut einstellen: Gute Blutzuckerwerte tragen dazu bei, die Wundheilung zu bessern und helfen, das Fortschreiten der Nervenschäden und Durchblutungsstörungen aufzuhalten.
  • Operationen: Lassen sich Fehlstellungen oder Infektionen anderweitig nicht ausreichend in den Griff kriegen, kann ein operativer Eingriff notwendig sein, die Deformität zu korrigieren oder die Ausbreitung des Infektionsherdes zu verhindern. Bei letzterem kann je nach Lage und Ausmaß eine Teilamputation ausreichen, bei der zum Beispiel nur ein einzelner Zeh amputiert wird, oder eine vollständige Amputation des betroffenen Fußes nötig werden. Patienten, die nicht ohnehin in einer spezialisierten Klinik oder Fußambulanz betreut werden, sollten nach Möglichkeit rasch eine zweite Meinung bei einem Fußspezialisten einholen, wenn eine Amputation vorgeschlagen wird.

Was Patienten tun können

Betroffene können selbst viel dazu beitragen, um einen diabetischen Fuß zu bessern. Zum einen sollten sie sich um gute Blutzuckerwerte bemühen, zum anderen sollten sie sich im Alltag achtsam um ihre Füße kümmern und, falls sie rauchen, damit aufhören. Tipps zur richtigen Fußpflege bei Diabetes finden Sie im Kapitel "Vorsorge". Der behandelnde Arzt kann Patienten bei einem diabetischem Fuß zudem an einen Podologen überweisen, der sich professionell um die Pflege der Füße kümmert.

Fußgymnastik kann dazu beitragen, Beweglichkeit und Durchblutung der Füße zu verbessern. Das richtige Schuhwerk ist wichtig, um Druckstellen zu entlasten und die Gefahr von Verletzungen zu verringern. Welche Maßnahmen ratsam sind, sprechen Patienten mit den behandelnden Fachleuten ab.

Um Fußproblemen vorzubeugen, können Diabetespatienten selbst einiges tun. Die wichtigsten Tipps in der Übersicht:

1. Zur Vorsorge gehen: Wer Diabetes hat, sollte Füße vom Hausarzt oder Diabetologen untersuchen lassen. Typ-2-Diabetiker ab der Diagnose, da ihre Blutzuckerwert oft schon vorher jahrelang erhöht waren, Typ-1-Diabetiker ab dem fünften Erkrankungsjahr. Bei Veränderungen an den Füßen nicht zögern, sofort den behandelnden Arzt oder ein Fußzentrum aufsuchen.

2. Diabetes gut einstellen: Erhöhte Blutzuckerspiegel schädigen die Nerven und fördern Durchblutungsstörungen. Eine gute Diabetes-Einstellung ist daher wichtig. Welche Blutzuckerbereiche im Einzelfall anzustreben sind, bespricht man mit seinem Arzt.

3. Gutes Schuhwerk: Schlecht sitzende Schuhe können Fußprobleme verursachen, die bei Diabetes schnell gefährlich werden können. Stabile Schuhe, die den Füßen genug Platz bieten, Druckstellen vermeiden und die natürlichen Bewegungsmuster der Füße unterstützen, sind sogenannte Diabetes-Schutzschuhe oder Bequemschuhe. Der Arzt oder Podologe können Tipps zur Wahl des richtigen Schuhwerks geben.

4. Füße pflegen und kontrollieren: Menschen mit Diabetes pflegen ihre Füße am besten jeden Tag und überprüfen sie dabei auf mögliche Verletzungen oder Veränderungen etwa an der Hornhaut. Bei Auffälligkeiten unbedingt einen Arzt aufsuchen.

5. Bei bereits bestehender Nervenstörung unbedingt auf Barfußgehen, heiße Fußbäder, Hühneraugentinkturen und ungeeignete Hilfsmittel bei der Fußpflege (etwa eine spitze Schere) verzichten.

6. Nicht Rauchen: Nikotin verengt die Blutgefäße und fördert Durchblutungsstörungen.