Insulin: Das Diabetes-Hormon

Viele Menschen mit Diabetes benötigen Insulin. Wie es wirkt, welche Insulinarten und Insulintherapien es gibt, wie Patienten Insulin richtig spritzen

aktualisiert am 24.11.2017

Insulin ist ein wichtiges Hormon für den Stoffwechsel im menschlichen Körper. Es dient vor allem dazu, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen weiter zu schleusen. Dort werden die Zuckermoleküle zur Energiegewinnung benötigt.

Bei Diabetes ist dieser Vorgang gestört. Viele Patienten benötigen eine Behandlung mit Insulin, um ihre Zuckerwerte stabil zu halten. Der Großteil der Diabetiker mit einer Insulintherapie spritzt sich das Insulin mithilfe eines Pens in das Unterhautfettgewebe. Wie das geht, lernen sie in Schulungen zu Beginn der Behandlung.

Typ-2-Diabetes: Insulin wirkt schlechter

Beim Typ-2-Diabetes, der mit Abstand häufigsten Diabetesform, sprechen die Körperzellen schlechter auf Insulin an. Die Folge dieser Insulinresistenz ist, dass nicht mehr ausreichend Zucker aus dem Blut in die Zellen weitergeleitet wird und sich in den Blutbahnen anstaut.

Zunächst reichen in der Regel Medikamente aus, um die Krankheit zu behandeln. Im späteren Verlauf lässt beim Typ-2-Diabetes jedoch oft die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse nach, sodass Patienten Insulin spritzen müssen. Ein geringerer Teil der Patienten – meist normalgewichtige und schlanke Patienten – hat das Problem der nachlassenden Insulinproduktion von Anfang an und muss oft rasch mit Insulin behandelt werden.

Typ-1-Diabetes: Nicht genug Insulin

Anders sieht es beim selteneren Typ-1-Diabetes aus. Er entsteht, wenn das Immunsystem aus bislang ungeklärten Gründen die Insulin produzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift. Betroffene benötigen deswegen meist direkt nach der Diagnose und lebenslang Insulin.

Schnelle und langsame Insuline

In der Diabetesbehandlung kommen verschiedene Insulinarten zum Einsatz. Die meisten heute gebräuchlichen Insuline werden künstlich hergestellt. Die Produktion im Labor erlaubt es, die Wirkung zu manipulieren. So gibt es Analoginsuline, bei denen die Blutzucker senkende Wirkung schnell eintritt und nur kurze Zeit andauert. Sie dienen dazu, Blutzucker-Anstiege nach den Mahlzeiten abzufangen und die natürlichen Insulinanstiege nach dem Essen nachzubilden.

Daneben gibt es langwirkende Insuline, deren Wirkung bis zu einen Tag oder länger anhält. Sie sollen als sogenanntes Basalinsulin die natürliche Nüchtern-Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse nachahmen. Diese gibt fortlaufend kleine Mengen des Hormons in die Blutbahnen ab, um den Zuckerspiegel stabil zu halten.

Mehr zu den unterschiedlichen Insulinarten lesen Sie hier.

Insulintherapien bei Typ 1 und Typ 2

Vielfalt gibt es auch bei den Therapieformen. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes ist eine intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) Standard. Patienten spritzen dabei ein- bis zweimal täglich ein Langzeitinsulin sowie zu den Mahlzeiten oder für kurzfristige Korrekturen ein schnelles Insulin. 

Viele Patienten nutzen zudem eine Insulinpumpe. Dabei handelt es sich um ein kleines Gerät, das am Körper getragen wird und das über einen Katheter laufend Insulin ins Unterhautfettgewebe abgibt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten aber nur in bestimmten Fällen.

Bei Typ-2-Diabetes verordnet der Arzt Insulin, wenn Tabletten allein nicht mehr zur Regulierung des Blutzuckers ausreichen. Dann gibt es wiederum verschiedene Strategien. Manche Patienten erhalten nur einmal am Tag ein Langzeitinsulin, andere spritzen zu den Mahlzeiten ein schnell wirkendes Insulin. Bei Bedarf können Menschen mit Typ-2-Diabetes auch eine intensivierte konventionelle Insulintherapie durchführen.

Geschichte des Insulins

Bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Typ-1-Diabetiker mit rigorosen Diäten behandelt – letztlich immer erfolglos.

1921 gelingt es den Forschern Frederick Banting und  Charles Best in Kanada, aus Bauchspeicheldrüsengewebe von Hunden einen blutzuckersenkenden Stoff zu extrahieren: Insulin.

1922 wird der erste Mensch mit Insulin behandelt: der 23-jährige Leonard Thompson.

1923 erhält Banting zusammen mit John Mcleod für seine Entdeckung den Nobelpreis für Medizin.

1936 entwickelt Hans Christian Hagedorn das NPH-Insulin – das erste Insulin mit Langzeitwirkung.

1955 wird die chemische Struktur des Insulins entschlüsselt.

1982 wird das erste aus Bakterien gentechnologisch hergestellte Insulin entwickelt. Es entspricht in seiner Zusammensetzung dem menschlichen Insulin und heißt Humaninsulin. Davor wurden vor allem Schweine- und Rinderinsulin für die Diabetestherapie verwendet.

Insulin ist ein wichtiges Hormon für den Stoffwechsel im menschlichen Körper. Es dient vor allem dazu, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen weiter zu schleusen. Dort werden die Zuckermoleküle zur Energiegewinnung benötigt.

Insulin: Aufbau und Entstehung

Bei Insulin handelt es sich um ein Proteohormon. Es besteht aus zwei Aminosäureketten: Die A-Kette besteht aus 21 Aminosäuren, die B-Kette aus 30. Zwei Disulfidbrücken (Schwefelbrücken) verbinden die beiden Ketten. Die A-Kette enthält eine weitere Disulfidbrücke.

Insulin entsteht in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), genauer gesagt in den Beta-Zellen, die sich in den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse befinden. Bei der Insulinbildung teilt sich dabei Proinsulin in ein Insulin-Molekül und ein sogenanntes C-Peptid auf. Beide werden im gleichen Verhältnis ausgeschüttet. Dadurch lässt sich mit C-Peptid feststellen, ob der Körper noch eigenes Insulin produziert.

In den Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse bildet der Körper zudem das Hormon Glukagon. Es ist quasi der Gegenspieler zu Insulin: Während Insulin den Blutzucker senkt, fördert Glukagon die Bildung und Freisetzung der in der Leber gespeicherten Zuckerreserven ins Blut und lässt den Blutzuckerspiegel ansteigen.

So wirkt Insulin im Körper

Der Dünndarm spaltet Kohlenhydrate aus der Nahrung unter anderem in Traubenzucker auf. Diese Zuckermoleküle gehen anschließend über die Darmwand ins Blut über, um von dort in die Zellen in den verschiedenen Körperbereichen verteilt zu werden, wo sie der Energiegewinnung dienen.

Insulin ist dabei quasi der Schlüssel, der die Zellen für die Zuckermoleküle öffnet. Dazu dockt Insulin an den Insulinrezeptoren auf der Zelloberfläche an. So kann der Traubenzucker aus den Blutgefäßen ins Zellinnere gelangen. Ist dieser Mechanismus gestört, wie es beim Typ-2-Diabetes der Fall ist, staut sich der Zucker im Blut an.

Insulin schleust Zucker vor allem in die Zellen der Muskeln, der Leber, der Nieren und des Fettgewebes, nicht aber ins Gehirn. Die Hirnzellen können Glukose unabhängig vom Insulin aufnehmen. Der Körper speichert außerdem Traubenzucker, den er nicht sofort zur Energiegewinnung benötigt, in Form von Glykogen in der Leber und besonders in der Muskulatur.

Neben dieser Schlüssel-Funktion hat Insulin noch andere Aufgaben im Körper. So beeinflusst es im Gehirn das Appetitempfinden. Zudem hemmt das Hormon den Abbau von Fettgewebe (Lipolyse). Bei vollständigem Insulinmangel, wenn kein Zucker in die Zellen gelangt, zieht der Körper das Fettgewebe zur Energiegewinnung heran, und freie Fettsäuren überschwemmen den Organismus, was eine Ketoazidose, eine Übersäuerung des Blutes, zur Folge haben kann. Diese schwere Stoffwechselentgleisung kann vor allem bei Typ-1-Diabetes auftreten, seltener bei einem langjährigen Typ-2-Diabetes.

Für die Insulintherapie ist in Deutschland eine Vielzahl von Insulinen erhältlich. Sie lassen sich nach ihrer Herstellung und nach ihrer Wirkdauer unterscheiden.

In Deutschland vertriebenes Insulin wird gentechnisch im Labor hergestellt. Humaninsulin gleicht dabei in seiner Struktur dem menschlichen Insulin. Analoginsuline besitzen dagegen einen veränderten Aufbau. Sie wirken deswegen besonders schnell und kurz oder besonders langsam und lange im Vergleich zu normalem Insulin.

Wichtig: Alle folgenden Angaben zu Eintritt, Maximum und Dauer der Wirkung sind grobe Richtwerte. Die tatsächliche Wirkung eines Insulinpräparats kann sich von Patient zu Patient stark unterscheiden.

1. Schnell wirkende Insuline

Sie dienen in der Diabetestherapie dazu, den Insulinbedarf zu den Mahlzeiten abzudecken, den sogenannten Bolus. Zudem lassen sich akut zu hohe Blutzuckerwerte mit einer Dosis schnell wirkenden Insulins korrigieren.

Schnelle Insuline haben im Vergleich zum Humaninsulin den Vorteil, dass sich mit ihnen Blutzuckeranstiege nach dem Essen leichter abfangen und Unterzuckerungen infolge zu langer Wirkung besser vermeiden lassen.

Die Blutzucker senkende Wirkung tritt meist nach rund zehn bis 30 Minuten ein, bei besonders schnellem Turbo-Insulin sogar nach fünf Minuten. Der Zeitpunkt der größten Wirkung wird oft nach rund einer Stunde erreicht, bevor diese nach etwa drei Stunden abebbt. Bei Humaninsulin wird der Höhepunkt erst nach zwei bis drei Stunden erreicht. Die Wirkung kann bis zu acht Stunden andauern.

Je nach Insulinpräparat, Patient und dem aktuellen Blutzuckerspiegel kann es sinnvoll sein, schnelles Insulin eine bestimmte Zeit vor dem Essen zu spritzen. Das soll je nach geplanter Mahlzeit verhindern, dass die Werte zu stark ansteigen, bevor das Insulin wirkt. Wann es sinnvoll ist, einen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten und wie lang dieser sein sollte, klären Menschen mit Diabetes immer mit ihrem Arzt im Rahmen der Therapie-Einstellung. Dank moderner Turbo-Insuline ist ein Spritz-Ess-Abstand heute oft unnötig.

Info: Insulinkonzentration

Insulin für Patronen und Pumpen ist meist in der Konzentration U100 erhältlich. U100 bedeutet, dass ein Milliliter Flüssigkeit 100 Einheiten Insulin enthält. Langzeitinsuline gibt es vereinzelt auch in U200 und U300. Die höhere Konzentration soll die Wirkdauer verlängern und das Volumen der Injektion reduzieren. In Deutschland gibt es als einzigem europäischen Land zudem noch U40-Insulin. Die Injektion muss immer mit dem jeweils zur Insulinkonzentration passenden Pen erfolgen, um Fehldosierungen zu vermeiden.

2. Lang wirkende Insuline

Sie decken den von den Mahlzeiten unabhängigen Grundbedarf des Körpers an Insulin ab. Lang wirkende Insuline heißen auch Basalinsuline. Patienten spritzen sie in der Regel ein- oder zweimal täglich. Lang wirkende Insuline sollen die natürliche Aktivität der Bauchspeicheldrüse unabhängig vom Essen nachahmen. Diese gibt laufend kleine Mengen an Insulin in die Blutbahnen ab, um die Zuckerwerte stabil zu halten.

Auch bei den Langzeitinsulinen gibt es verschiedene Präparate, die sich in ihrem Verhalten unterscheiden. Die Wirkung tritt nach einer Stunde oder später ein und endet nach rund 16 bis 24 Stunden. Da sie eine flache Wirkungskurve besitzen, haben sie kein so ausgeprägtes Maximum wie andere Insulinarten.

Verzögerungsinsuline bilden einen Mittelweg  zwischen kurz und lang wirkenden Insulinen. Sie heißen auch Intermediärinsuline. NPH-Insulin (Neutral Protamin Hagedorn) ist Humaninsulin, dass durch den Zusatz von Protamin verspätet seine Wirkung entfaltet. Es besitzt einen ausgeprägteren Wirkhöhepunkt als echtes Langzeitinsulin. Die Gefahr nächtlicher Unterzuckerungen ist bei Verzögerungsinsulin größer als bei den Langzeitinsulinen.

3. Mischinsuline

Mischinsuline enthalten ein kurz und ein lang wirksames Insulin. Es gibt sie in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen (z.B.: 30/70 = 30 Prozent schnell wirkendes Insulin, 70 Prozent lang wirkendes Insulin). Der Anteil kurz wirksamen Insulins liegt etwa zwischen 25 und 50 Prozent. Mischinsuline kommen im Rahmen der konventionellen Therapie (CT) zum Einsatz und sind vor allem für Menschen geeignet, die einen regelmäßigen Tagesablauf mit festen Essens- und Bewegungsgewohnheiten von Tag zu Tag haben.

Fast alle Menschen mit Typ-1-Diabetes nutzen die sogenannte intensivierte konventionelle Therapie (ICT). Die lange Zeit übliche konventionelle Insulintherapie (CT), bei der der Patient zweimal täglich eine festgelegte Mischung aus kurz und lang wirkendem Insulin spritzt, spielt heute kaum noch eine Rolle. Eine Alternative zur ICT bildet eine Insulinpumpentherapie.

1. ICT: Intensivierte konventionelle Therapie

Prinzip: Der Patient spritzt ein- bis zweimal täglich Langzeitinsulin, um den Grundbedarf abzudecken. Kurz wirkendes Insulin soll zusätzlich Blutzuckeranstiege zu den Mahlzeiten ausgleichen oder akut erhöhte Werte korrigieren. Die dabei jeweils benötigte Dosis an Insulin berechnet der Patient selbstständig.

Für wen? Bei der ICT wird die gespritzte Insulindosis immer an den tatsächlichen Bedarf angepasst. Das erlaubt ein weitgehend normales Leben, erfordert gleichzeitig aber einen Patienten, der in der Lage ist, sich verantwortungsvoll um seinen Diabetes zu kümmern und die Therapie im Alltag selbstständig durchzuführen. Er muss zum Beispiel den Kohlenhydrat-Gehalt im Essen richtig einschätzen können sowie durch Messungen seinen Blutzucker im Auge behalten. Das nötige Wissen dazu lernen Patienten zu Beginn der Therapie, nach Möglichkeit in einer Schulung.

Beispiele verschiedener ICT-Injektionsschemata

(gelb: Basalinsulin; rot: Bolusinsulin)

2. CSII: Insulinpumpen-Therapie

Prinzip: Der Patient trägt ein kleines Gerät am Körper, das über eine Kanüle laufend Insulin ins Gewebe abgibt. Mittels Knopfdruck kann der Pumpenträger bei Bedarf, etwa zu den Mahlzeiten, zusätzlich eine größere Menge Insulin freisetzen.

Für wen? Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Kosten für eine Insulinpumpe nur in Ausnahmefällen – in der Regel nur bei Diabetikern, die ihren Stoffwechsel mit einer ICT nicht in den Griff kriegen oder zu schweren Unterzuckerungen neigen. Häufig erhalten Kinder mit Typ-1-Diabetes eine Insulinpumpe.

3. CT: Konventionelle Therapie

Prinzip: Zu bestimmten Uhrzeiten spritzt der Patient Insulin. Die Dosis ist ebenso wie die Mischung von schnell und lang wirkendem Insulin vorab vom Arzt festgelegt worden. Der Patient muss sich bei den Essenszeiten und der Mahlzeitenzusammensetzung an feste Pläne halten, um zu hohe oder zu niedrige Blutzuckerwerte zu vermeiden.

Für wen? Die konventionelle Insulintherapie kommt bei Typ-1-Diabetes heute kaum noch zum Einsatz. Sie findet vor allem bei Patienten Verwendung, welche die Anforderungen der intensivierten konventionellen Therapie wegen geistigen oder körperlichen Einschränkungen nicht erfüllen können oder dies nicht möchten.

Bei Typ-2-Diabetes ist es wichtig, dass Patient und Arzt ein Therapieschema finden, das auf die individuellen Bedürfnisse und die Lebenssituation des Betroffenen abgestimmt ist.

Welche Therapie infrage kommt, hängt von vielen Faktoren ab: Sind die Blutzuckerwerte vor allem morgens oder eher nach den Mahlzeiten erhöht? Wirken Blutzucker senkende Tabletten noch ausreichend? Bestehen altersbedingte Einschränkungen, die eine selbstständige Diabetestherapie erschweren? Häufig spielen Begleiterkrankungen wie eine Nierenschwäche oder hochgradige Sehbehinderungen eine Rolle. Daneben muss berücksichtigt werden, dass viele Typ-2-Diabetiker übergewichtig sind. Sie sollten durch eine Insulintherapie möglichst nicht oder nur wenig an Gewicht zunehmen.

Ein Überblick über die Therapieformen und für wen sie geeignet sind.

1. CT: Konventionelle Insulintherapie

Prinzip: Vor dem Frühstück und Abendessen wird eine feste Dosis Mischinsulin gespritzt: eine Mischung aus kurz und lang wirkendem Insulin. Die konventionelle Therapie kann mit Tabletten kombiniert werden, die den Blutzucker senken. Dabei sollten Wirkstoffe gemieden werden, die die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse anregen (zum Beispiel Sulfonylharnstoffe), weil das Risiko für Unterzuckerungen dadurch steigt.

Für wen? Die CT ist ein einfaches Therapieschema. Sie ist geeignet für Menschen mit regelmäßigem Tagesablauf und gleichbleibenden Ernährungsgewohnheiten von Tag zu Tag. Sie kommt vor allem bei Patienten zum Einsatz, die nicht bereit oder in der Lage sind, ihre Insulindosis im Alltag selbstständig zu berechnen. Die morgendliche Spritze stellt ein Normalinsulin zum Frühstück bereit und über den Tag ein NPH-Insulin. Die Einfachheit hat aber einen Preis: Für diese im Voraus gespritzten Insulinmengen muss über den Tag dann auch gegessen werden, zum Teil auch Zwischenmahlzeiten, die durch die Therapie erzwungen sind.

 

2. ICT: Intensivierte konventionelle Therapie

Prinzip: Zum Essen spritzt der Patient kurz wirkendes Insulin, dessen Dosis er selbst bestimmt. Die Dosierung kann hier pro Mahlzeit fest vorgegeben sein oder wirklich für jede einzelne Kohlenhydrateinheit berechnet werden. Den Grundbedarf deckt lang wirkendes Insulin, das in der Regel nur einmal täglich vor der Nacht gespritzt wird.

Für wen? Für Patienten mit Typ-2-Diabetes, die kaum noch eigenes Insulin produzieren und sich zugleich mehr Flexibilität wünschen, als das bei der konventionellen Insulintherapie möglich ist. Die ICT erfordert die Bereitschaft, sich täglich mit seinem Diabetes zu befassen und die Blutzuckereinstellung selbstständig zu managen.

 

3. BOT: Basal unterstützte orale Therapie

Prinzip: Ergänzend zur Einnahme von Tabletten spritzt der Patient meist abends ein lang wirkendes Insulin.

Für wen? Vor allem für Typ-2-Diabetiker, bei denen die morgendlichen Nüchternwerte zu hoch sind. Das abends gespritzte Insulin bewirkt, dass die Blutzuckerwerte über Nacht nicht zu stark ansteigen.

 

4. SIT: Supplementäre Insulintherapie

Prinzip: Zusätzlich zur Tabletten-Einnahme spritzt der Patient jeweils zu den Hauptmahlzeiten eine kleine Dosis möglichst kurz wirksamen Analoginsulins.

Für wen? Für Typ-2-Diabetiker, die vor allem nach dem Essen deutlich erhöhte Blutzuckerwerte haben.

Insulin spritzen ist nicht schwer – dennoch will es erst einmal gelernt werden. Damit Insulin richtig wirkt, gehört es ins Unterhautfettgewebe gespritzt. Injektionen in die darunter liegende Muskulatur können schmerzhaft sein. Damit Insulin in das Unterhautfettgewebe und nicht in den Muskel gelangt, kommt es vor allem auf die richtige Nadellänge an. Je nach Beschaffenheit der Spritzstelle ist es zudem meistens sinnvoll, eine Hautfalte zu bilden, in die das Insulin gespritzt wird.

Den richtigen Umgang mit dem Pen erlernen Menschen mit Diabetes zu Beginn der Insulintherapie in einer Schulung. Auch für erfahrene Patienten kann es sich lohnen, ihre Spritztechnik gelegentlich darauf zu überprüfen, ob sich mit der Zeit Fehler eingeschlichen haben.

1. Insulinpatrone einsetzen (Patronenwechsel)

Nehmen Sie die Penkappe ab und schrauben Sie den Patronenhalter ab, entnehmen Sie die leere Patrone. Drehen Sie, wenn nötig, die Gewindestange zurück. Bei manchen Pens lässt sie sich per Fingerdruck ins Gehäuse zurückschieben. Setzen Sie die Patrone in den Halter, und schrauben Sie ihn wieder auf.

Tipp: Wenn Sie eine neue Patrone benötigen, nehmen Sie diese rechtzeitig aus dem Kühlschrank, damit das Insulin Zimmertemperatur annehmen kann. Wenn es kalt ist, kann das beim Spritzen unnötig wehtun.

2. Nadel aufsetzen

Ziehen Sie die Schutzfolie der äußeren Nadelschutzkappe ab. Setzen Sie die Nadel gerade auf das Gewinde des Patronenhalters. Je nach Typ wird die Nadel aufgeschraubt oder aufgesteckt. Dann nehmen Sie die äußere und die innere Nadelschutzkappe ab. Halten sie nach dem Patronenwechsel den Pen senkrecht mit der Nadel nach oben. Drehen Sie zwei bis drei Einheiten auf dem Dosierknopf und drücken Sie den Knopf. Auf diese Weise wird die Gewindestange wieder der neuen Patrone angenähert. Wiederholen Sie diesen Vorgang, bis an der Nadelspitze ein Tröpfchen Insulin austritt. Jetzt ist der Patronen-Wechsel abgeschlossen.

Tipp: Benutzen Sie für jede Injektion eine frische Nadel. Das schont die Haut und beugt Verhärtungen und Spritzbeulen vor, die die Aufnahme des Insulins aus dem Unterhautfettgewebe ins Blut verzögern. Zumindest sollten Sie die Nadel täglich wechseln.

3. Falls nötig: Mischen

Wenn Sie NPH- oder Mischinsulin spritzen, schwenken Sie den Pen vor dem Spritzen mindestens 20-mal, bis der Inhalt der Patrone gemischt ist. Schwenken Sie den Pen dabei aus dem Handgelenk in langsamen Bewegungen wirklich auf den Kopf und wieder zurück. So ist gewährleistet, dass das Insulin gleichmäßig in der Mischung verteilt ist und die beabsichtigte verzögerte Wirkung auch eintritt. Klare Insuline brauchen Sie nicht zu schwenken.

Tipp: Schwenken Sie den Pen vorsichtig hin und her. Schütteln Sie ihn nicht, denn das könnte dem Insulin schaden und dazu führen, dass sich Luftblasen in der Patrone bilden. Auch das oft praktizierte Rollen des Pens zwischen den Händen oder einfaches Schütteln ist für eine richtige Durchmischung ungenügend.

4. Prüfen und entlüften

Prüfen Sie täglich vor der Injektion, ob der Pen korrekt funktioniert. Halten Sie ihn senkrecht mit der Nadel nach oben, und klopfen Sie eventuelle Luftblasen nach oben. Dann stellen Sie ein bis zwei Einheiten Insulin ein und drücken den Knopf. Wenn Insulin an der Nadelspitze austritt: alles okay. Wenn nicht: Vorgang wiederholen, bis Insulin austritt.

5. Insulindosis wählen

Stellen Sie mit dem Dosierknopf die benötigte Insulinmenge ein. Haben Sie eine zu hohe Dosis gewählt, können Sie das bei den meisten Pens korrigieren, indem Sie den Dosierknopf zurückdrehen.

Tipp: Bei halbautomatischen Pens, die Insulin durch Drücken eines seitlichen Schiebers abgeben, lässt sich die Dosis nicht korrigieren. Dann das Insulin verwerfen und die Dosis neu einstellen.

6.  ... und spritzen

Ob Sie eine Hautfalte bilden oder nicht, sollten Sie vorab mit Ihrem Arzt oder der Diabetesberaterin klären. Dies hängt von der Beschaffenheit, also der Dicke des Fettgewebes, an der Einstichstelle ab. Der Einstich sollte senkrecht zur Hautoberfläche erfolgen. Besprechen Sie auch ein Schema, wie Sie die Einstichstellen konsequent wechseln. Benutzen Sie immer eine andere Stelle für die Injektion. Drücken Sie nach dem Einstich den Knopf langsam bis zum Anschlag. Warten Sie zehn Sekunden, bevor Sie die Nadel herausziehen. Sonst kann Insulin zurückfließen. Zudem dauert es ein paar Sekunden, bis der Pen das Insulin vollständig abgegeben hat.

Fehler beim Insulinspritzen vermeiden

Neben der richtigen Spritztechnik sind noch einige weitere Dinge wichtig, um unnötige Komplikationen zu vermeiden: Etwa die Länge der Pen-Nadel oder die richtige Einstichstelle.

1. Länge der Pen-Nadel

Die Pen-Nadel (auch: Penkanüle) darf nicht zu lang und nicht zu kurz sein, damit das Insulin dort landet, wo es hin soll: ins Unterhautfettgewebe. Pen-Nadeln gibt es in Längen von 4 bis 12,7 mm. Die Kanülenlänge sollten Betroffene mit ihrem Arzt oder Diabetesberater auswählen. Sie hängt nicht nur von der Dicke des Unterhautfettgewebes ab, sondern auch von der Spritztechnik (mit oder ohne Hautfalte; schräger oder senkrechter Einstich). In der Regel ist die Oberhaut nur 1,5 bis 2 Millimeter dick, darunter trifft man schon ins Unterhautfett, wenn man senkrecht einsticht. Bildet man keine hinreichende Hautfalte, besteht bei zu langen Nadeln die Gefahr, die darunter liegende Muskulatur zu treffen, wodurch sich die Insulinwirkung beschleunigt.

Die Länge der Pen-Nadel hat mehr mit der beabsichtigten Insulin-Dosis als mit der Dicke des Unterhautfettgewebes zu tun. Nur weil man in kräftigere "Röllchen" spritzt, braucht man keine langen 12-Millimeter-Nadeln zu benutzen. Die Dicke der Oberhaut ist bei schlanken und dickeren Menschen gleich. Gewöhnlich genügen 5- bis 8-Millimeter-Nadeln. Möchte man große Dosen injizieren, etwa 40 oder 50 Einheiten, dann sollte man eher längere Nadeln benutzen und tiefer ins Fettgewebe spritzen. Kleine Dosen können mit kurzen Nadeln gespritzt werden. Prinzipiell trifft jeder Diabetiker mit einer 5-Millimeter-Nadel sicher sein Unterhautfettgewebe, wenn er senkrecht einsticht. Je schlanker er ist, desto wichtiger wird dabei die Bildung einer Hautfalte.

2. Pen-Nadel nur einmal verwenden

Pen-Nadeln sind sterile Einwegprodukte, die Sie nach jeder Injektion wechseln sollten, um schmerzarm und hygienisch einwandfrei zu spritzen. Denn bereits nach der ersten Injektion ist die Nadel nicht mehr steril, ihre Spitze kann verbogen oder abgestumpft sein. Spätestens am Abend sollten Sie die Nadel nach zwei- bis dreimaliger Benutzung abschrauben, dann vergisst man auch nicht die neue am nächsten Tag. Ein Desinfizieren der Spritzstelle ist nicht nötig, sondern im Gegenteil eher ungünstig! Verwenden Betroffene eine Kanüle zu häufig, riskieren Sie Infektionen und Gewebeveränderungen, die die Aufnahme des Insulins behindern.

3. Richtige Spritzstelle auswählen

Bauch

Kurz wirkendes Insulin wird am besten in den Bauch gespritzt. Von hier gelangt es schnell ins Blut.

Gesäß

Als Spritzstelle für Verzögerungsinsulin eignet sich der Gesäßbereich ...

Oberschenkel

... oder der Oberschenkel. Von dort tritt das Insulin langsamer ins Blut über.

4. Einstichstelle regelmäßig wechseln

Ganz wichtig und erste Regel beim Insulinspritzen: Wechseln Sie die Einstichstelle bei jeder Injektion. So vermeiden Sie, dass sich Gewebsveränderungen (Lipohypertrophien, sogenannte Spritzhügel) bilden, die die Aufnahme von Insulin ins Blut behindern und die Wirkung unvorhersehbar machen können. Nicht selten finden sich fast Tischtennisball-große Gewebswucherungen in der Unterhaut im Bereich der Lieblingsstellen. Wirklich unerklärlich erscheinende, extreme Blutzucker-Schwankungen haben hierin oft ihre Ursache! Deshalb: Immer großzügig Abstand zur letzten Spritzstelle halten und vor allem den gesamten Bauch benutzen.

5. Insulin und Pen richtig lagern

Insulin-Vorräte gehören in den Kühlschrank. Lagern Sie Insulin bei einer Temperatur zwischen zwei und acht Grad, zum Beispiel in der Kühlschranktür. An der Hinterwand des Kühlschranks oder in der Nähe des Gefrierfachs kann es zu kalt sein – und gefrieren darf das Insulin auf keinen Fall. Denn dann kann es seine Wirkung verlieren. Insulin, das bereits angebrochen ist, muss nicht in den Kühlschrank – es ist rund vier Wochen haltbar. Allerdings sollten Sie es vor Hitze und direkter Sonneneinstrahlung schützen.

Tipp: Wenn Sie eine neue Insulinpatrone benötigen, nehmen Sie diese am besten ein paar Stunden oder schon einen Tag vorher aus dem Kühlschrank. Kaltes Insulin kann beim Spritzen Schmerzen verursachen – und die können Sie sich ersparen.

Dr. Matthias C. Schmidt, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe DDG, hat eine Praxis in Schmallenberg-Bad Fredeburg (Sauerland).