Unterzucker (Hypoglykämie)

Nicht nur ein hoher Blutzuckerspiegel ist bei Diabetes problematisch. Zu niedrige Werte können sogar lebensgefährlich sein. Hier erfahren Sie, wie sich eine Hypoglykämie äußert und was bei ihr zu tun ist

aktualisiert am 14.01.2015

Was ist eine Unterzuckerung?

Die häufigste akute Komplikation eines Diabetes mellitus ist die Unterzuckerung (Hypoglykämie). Gemäß der Amerikanischen Diabetes Gesellschaft liegt sie im Allgemeinen vor, wenn der Blutzuckerspiegel unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) sinkt. Häufig werden aber noch niedrigere Grenzwerte zur Definition verwendet. Zu einer Unterzuckerung gehört ohnehin mehr als nur ein bloßer Messwert. Daher berücksichtigt die Definition auch, ob es zu entsprechenden Warnzeichen und Symptomen kommt (siehe Kapitel "Warnzeichen und Symptome") und wenn ja, ob diese so schwer sind, dass der Betroffene Hilfe braucht. 

Wer hat ein erhöhtes Risiko?

Gesunde Menschen bekommen normalerweise keine Unterzuckerungen, da der Körper rechtzeitig zur Gegenregulation Hormone auschüttet, die den Blutzucker erhöhen. Auch Menschen mit Diabetes sind nicht in gleicher Weise gefährdet, eine Unterzuckerung zu entwickeln. Am geringsten ist das Risiko bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, die ihren erhöhten Blutzuckerspiegel noch ohne Tabletten und Insulin behandeln.

Erhöht ist die Wahrscheinlichkeit für Unterzuckerungen dagegen bei Typ-1-Diabetikern sowie bei Typ-2-Diabetikern, die Insulin spritzen oder Tabletten einnehmen, die die Insulinproduktion anregen. Besonders gilt das für Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe (etwa Glibenclamid, Glimepirid). Glinide (etwa Nateglinid, Repaglinid) stimulieren die Insulinausschüttung rascher, aber weniger lang anhaltend als Sulfonylharnstoffe, weshalb das Unterzuckerungsrisiko bei ihnen geringer ist.

Unterzucker-Wahrnehmung kann gestört sein

Besonders Hypoglykämie-gefährdet sind Menschen mit Diabetes, die die Symptome einer Unterzuckerung gar nicht oder zu spät wahrnehmen (Unterzucker-Wahrnehmungsstörung). Dies kann vor allem nach langjährigem Diabetes der Fall sein oder wenn Unterzuckerungen häufig vorkommen. Es gibt spezielle Schulungsangebote, die die Unterzucker-Wahrnehmung verbessern. An diesen können Interessierte in diabetologischen Schwerpunktpraxen oder in Diabeteskliniken teilnehmen.

Unterzuckerungen können gefährlich sein

Sinkt der Blutzuckerspiegel stark ab, können Betroffene bewusstlos werden oder ins Koma fallen. Gerade beim Autofahren können dabei akut gefährliche Situationen auftreten. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass häufige Unterzuckerungen das Risiko für eine spätere Demenz erhöhen können.

Insbesondere für ältere und herzkranke Menschen kann eine ausgeprägte Unterzuckerung eine Bedrohung darstellen, weil im Rahmen der Gegenregulation des Körpers Stresshormone wie Adrenalin freigesetzt werden. Diese können Puls und Blutdruck erhöhen und damit Komplikationen wie akute Herzrhythmusstörungen oder einen Herzinfarkt auslösen.

Die häufigsten Gründe einer Unterzuckerung bei Menschen mit Diabetes sind:

Mahlzeit vergessen

Wer sein Mahlzeiteninsulin gespritzt oder Tabletten genommen hat, die die Insulinausschüttung anregen, kann eine Unterzuckerung entwickeln, wenn er danach nichts isst.

Kohlenhydratgehalt zu hoch eingeschätzt

Wenn die Dosis des kurzwirkenden Insulins zu hoch gewählt wurde, weil man den Kohlenhydratgehalt seiner Mahlzeit überschätzt, kann dies zur Folge haben, dass der Blutzucker zu stark sinkt.

Sport

Menschen mit Diabetes haben vor allem dann ein erhöhtes Hypoglykämierisiko beim Sport, wenn sie Insulin spritzen oder Diabetes-Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe oder Glinide einnehmen. Sie müssen deshalb bei körperlicher Aktivität die Insulin- beziehungsweise Tablettendosis verringern. Zu beachten ist, dass nicht nur während, sondern vor allem auch nach längerer Anstrengung noch bis viele Stunden später ein erhöhtes Unterzuckerungsrisiko besteht. Die Ursache ist unter anderem eine gesteigerte Insulinwirkung. Nach längerer anstrengender Bewegung kann es daher ratsam sein, die Insulindosis zum Abendessen zu verringern, sodass der Blutzucker vor dem Schlafen höher liegt als sonst. Im Falle einer Unterzuckerung während des Sports sollte man sowohl schnell als auch langsam wirkende Kohlenhydrate zu sich nehmen, zum Beispiel Traubenzucker und ein, zwei Scheiben Vollkornbrot. Anschließend etwa eine Viertelstunde pausieren, bis der Zucker wieder gestiegen ist. Den Blutzuckerwert dabei wiederholt kontrollieren! Diabetespatienten besprechen am besten mit ihrem behandelnden Arzt, wie sie den Blutzucker vor und nach dem Sport einstellen.

Alkohol

Wenn die Leber damit beschäftigt ist, Alkohol abzubauen, kann sie nicht mehr genügend Zucker produzieren und ins Blut ausschütten. Vor allem abendlicher Alkoholgenuss kann daher zu nächtlichen Unterzuckerungen führen. Achtung: Kohlenhydrathaltige Getränke wie Bier und Likör erhöhen zunächst den Blutzucker. Wird der erhöhte Wert dann mit Insulin gesenkt, kann es zu einer besonders schweren Unterzuckerung kommen.

Gewichtsabnahme

Schwinden die Pfunde, sinkt auch der Insulinbedarf. Die Insulin- beziehungsweise Tablettendosis muss deshalb in Absprache mit dem behandelnden Arzt dem veränderten Körpergewicht angepasst werden.

Zu viele Blutzucker senkende Tabletten eingenommen

Medikamente, die den Blutzuckerspiegel bei Diabetes senken, müssen nach Vorschrift eingenommen werden. Wird versehentlich eine zu hohe Dosis geschluckt, rutscht der Blutzuckerspiegel in den Keller.

Hitzeeinwirkung

Ein heißes Bad oder ein Saunabesuch verstärken die Durchblutung der Haut, so dass gespritztes Insulin schneller in den Kreislauf gelangt.

Insulin falsch gespritzt

Zu einer Hypoglykämie kann es kommen, wenn die falsche Dosis gespritzt, das Insulin verwechselt oder in den Muskel gespritzt wird (aus dem Muskel wird Insulin schneller ins Blut befördert). Wie Sie richtig Insulin spritzen, lesen Sie hier.

Erkrankungen

Bei akuten Erkrankungen, die mit Erbrechen und Durchfall einhergehen, gelangt nur ein Teil der mit dem Essen verzehrten Kohlenhydrate in den Stoffwechsel, so dass die Zuckerwerte zu tief sinken können. Ziehen Sie auf jeden Fall Ihren Arzt hinzu.

Wechselwirkungen von Arzneimitteln

Auch Wechselwirkungen zwischen Blutzuckersenkern und anderen Medikamenten können möglicherweise Unterzucker begünstigen. Lassen Sie die Medikamente, die Sie einnehmen, regelmäßig von Ihrem Arzt überprüfen. Auch Ihre Apotheke kann Sie beraten.

Verzögerte Magenentleerung

Eine Magenlähmung infolge einer Nervenschädigung kann bei Menschen mit Diabetes, die zum Essen kurz wirkendes Insulin spritzen, dazu führen, dass das Insulin wirkt, bevor die Kohlenhydrate aus der Mahlzeit ins Blut gelangen.

Schilddrüsenunterfunktion

Eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) verbessert die Insulinempfindlichkeit. Der Zucker wird dann schneller aus dem Blut in die Zellen geschleust – was zu Unterzuckerungen führen kann.

Im Rahmen der Gegenregulation, mit der der Körper die Unterzuckerung zu beseitigen versucht, können zahlreiche verschiedene Symptome auftreten. Diese können sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden.

Häufige Warnzeichen einer beginnenden Unterzuckerung sind:

  • Schwitzen
  • Herzjagen
  • Blässe um Mund und Nase
  • Heißhunger
  • Weite Pupillen
  • Zittern

Sinkt der Zuckerspiegel weiter, führt der Energiemangel im Gehirn zu Anzeichen wie:

  • Konzentrationsschwäche
  • Kopfschmerzen
  • Sprach- und Sehstörungen

Symptome, die auf eine fortgeschrittene Unterzuckerung und einen ausgeprägten Energiemangel der Gehirnzellen hinweisen, sind beispielsweise:

  • Verhaltensstörungen (Aggressivität)
  • Bewusstseinsstörungen
  • Koordinationsstörungen
  • Krampfanfälle

Nächtliche Unterzuckerungen haben gewöhnlich zur Folge, dass der Betreffende aufwacht. Ein Hinweis auf eine unbemerkt gebliebene Unterzuckerung während des Schlafes kann es sein, wenn man durchgeschwitzt aufwacht, Kopfschmerzen hat und Alpträume hatte.

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen: Schulung hilft

Kritisch ist es, wenn das körpereigene Alarmsystem wegen häufiger Unterzuckerungen oder durch einen langjährigen Diabetes abgestumpft ist. Als Folge davon können die Frühwarnzeichen einer Unterzuckerung immer schwächer werden und schließlich sogar ganz ausbleiben. Betroffene bemerken die Unterzuckerung dann erst durch die Symptome, die der Zuckermangel bei extrem niedrigen Blutzuckerwerten im Gehirn verursacht. In speziellen Schulungen trainieren solche Patienten, ihren Körper aufmerksam zu beobachten und Warnhinweise einer Unterzuckerung richtig zu deuten.

Wer Zeichen einer Unterzuckerung verspürt, sollte sofort ein bis zwei BE/KE schnell ins Blut gehende Kohlenhydrate zu sich nehmen, etwa Traubenzucker in Form von Gel aus der Apotheke. Zwei bis vier Plättchen Traubenzucker können ebenfalls schnell Abhilfe schaffen – allerdings sind diese Plättchen unter Umständen schwieriger einzunehmen als das Gel, wenn etwa wegen der Unterzuckerung die Hände bereits zittern.

Mehr als vier BE/KE braucht man selten. Schokolade und andere fetthaltige Süßigkeiten sind weniger geeignet. Zum einen, weil Fett die Aufnahme von Zucker ins Blut verlangsamt, zum anderen, weil es unnötig viele Kalorien liefert.

Hypoglykämie-gefährdete Menschen mit Diabetes sollten für Notfälle stets drei bis vier BE/KE Traubenzucker dabei haben (auch nachts am Bett).

Schnell wirkende Kohlenhydrate, die bei einer Unterzuckerung geeignet sind:

  • Traubenzucker (als Gel oder Plättchen)
  • Limonade, zuckerhaltige Cola-Getränke
  • Gummibärchen, Zucker

Wer mit einem Alpha-Glukosidasehemmer behandelt wird (Wirkstoffe: Acarbose, Miglitol), sollte bei einer Unterzuckerung immer Traubenzucker einnehmen, da diese Wirkstoffe die Aufnahme von Haushaltszucker und Stärke verzögern.

Hilfe bei schwerer Unterzuckerung

Wenn ein Mensch mit Diabetes im Rahmen einer schweren Unterzuckerung das Bewusstsein verliert, dürfen Angehörige nicht versuchen, ihm etwas einzuflößen – sonst besteht die Gefahr, dass etwas in die Luftröhre gelangt. In diesem Fall ist sofort der Notarzt (112) zu verständigen, der die Unterzuckerung durch Injektion einer Glukoselösung in die Vene rasch durchbrechen kann. Betroffenen in die stabile Seitenlagerung bringen.

Familienangehörige, Freunde oder Kollegen können auch helfen, indem sie dem Bewusstlosen eine Glukagon-Spritze in die Haut oder in den Muskel geben. Die Injektion ist sehr einfach durchzuführen und birgt praktisch kein Risiko. Wie es genau funktioniert, ist den Abbildungen im Deckel des Glukagon-Sets zu entnehmen. Besonders Unterzucker-gefährdete Diabetespatienten können sich ein Glukagon-Set vom Arzt verschreiben lassen.

Glukagon mobilisiert Zucker aus den Zuckerspeichern der Leber, sodass der Blutzuckerspiegel steigt. Die Wirkung setzt innerhalb von etwa zehn Minuten ein. Nach dem Aufwachen muss der Diabetiker zwei bis drei BE/KE schnelle Kohlenhydrate einnehmen, damit der Blutzucker nicht erneut sinkt. Vor allem Unterzuckerungen, die durch Diabetes-Tabletten aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe bedingt sind, können bis zu mehreren Tagen anhalten. In diesem Fall kann eine vorübergehende stationäre Überwachung in einer Klinik erforderlich sein.

Wie Sie eine Glukagon-Spritze verabreichen, zeigen Ihnen die folgenden Abbildungen:

1. Nehmen Sie die Spritze mit dem Lösungsmittel und spritzen Sie es in die Flasche mit dem Glukagon-Pulver

2. Schwenken Sie die Flasche ein paar Mal hin und her, damit sich das Pulver auflöst

3. Ziehen Sie den Inhalt der Flasche in die Spritze auf, indem Sie den Kolben langsam zurückziehen

4. Glukagon kann man in den Muskel oder ins Unterhautfettgewebe spritzen. Am besten, Sie bilden eine Hautfalte (Oberarm, Oberschenkel, Gesäß), stechen mit der Spritze senkrecht in die Falte und spritzen (Kolben runterdrücken).

Regeln im Straßenverkehr für Menschen mit Diabetes, die ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen haben. Das vor allem bei Patienten der Fall, die eine Insulintherapie erhalten oder die Tabletten einnehmen, die die Insulinproduktion erhöhen – Sulfonylharnstoffe sowie Glinide.

  • Vor Fahrtantritt Blutzucker messen! Bei einem niedrigen Wert: Nehmen Sie schnell wirkende Kohlenhydrate zu sich und warten, bis der Wert in den normalen Bereich gestiegen ist.
  • Halten Sie im Auto immer Traubenzucker oder Ähnliches griffbereit.
  • Beim geringsten Verdacht auf eine Unterzuckerung: Unterbrechen Sie die Fahrt und nehmen Sie schnell wirkende Kohlenhydrate zu sich. Fahren Sie erst weiter, wenn der Wert gestiegen ist.
  • Kontrollieren Sie bei längeren Fahrten alle zwei Stunden den Blutzucker.
  • Wichtig: Dokumentieren Sie die gemessenen Werte – das ist auch aus rechtlichen Gründen wichtig, damit Sie beispielsweise nach einem Unfall nachweisen können, dass Sie verantwortungsbewusst mit Ihrem Diabetes umgehen.