Video-Sprechstunde beim Kinderdiabetologen

Eine virtuelle Diabetes-Ambulanz für Kinder mit Typ 1 — hier haben Familien Gelegenheit, sich einmal im Monat per Video ärztlich beraten zu lassen

von Dr. Sabine Haaß, 10.08.2018

Er schnieft, hustet, fiebert — Johannes ist mal wieder erkältet. Der Dreijährige bringt häufig Infekte aus dem Kindergarten mit nach Hause. Eigentlich völlig normal in seinem Alter. Aber Johannes hat Typ-1-Dia­betes. "Bei Fieber steigen seine Blutzuckerwerte, und er braucht mehr Insulin", sagt Mutter Susann S. Nur: wie viel mehr? Und für wie lange?

Klären lassen sich solche Fragen am besten mit der Ärztin, die Johannes behandelt. Für die Familie, die in der Nähe von Rostock wohnt, bedeutet das eineinviertel Stunden Autofahrt zur Diabetes-Ambulanz der Uni­kinderklinik Schleswig-Holstein in Lübeck. Doch Susann S. und ihr Mann Sebastian haben es einfacher: Sie holen sich ihre Lübecker Kinderdiabetologin, Dr. Simone von Sengbusch, zur Video-Sprechstunde nach Hause. Im persönlichen Online-Chat mit ihr erfahren sie, wie sie die Insulindosis für Johannes der Erkältung anpassen können.

Modellprojekt in Schleswig-Holstein

Möglich ist das im Rahmen eines Modellprojekts, das seit Sommer 2017 läuft: die bundesweit erste virtuelle Diabetes-Ambulanz für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-­Diabetes (ViDiKi) . An dieser Studie nehmen 240 Familien teil, deren Kinder in Schleswig-Holstein und Hamburg diabetologisch betreut werden und ihre Zuckerwerte per Sensor kontinuierlich überwachen. Finanziert wird ViDiKi vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen.

Die Kinder bleiben bei ihrem bisherigen Diabetesteam in der Klinik oder Arztpraxis in Behandlung, wo einmal im Quartal auch der Blutzucker-Langzeitwert (HbA1c) bestimmt wird. Zusätzlich erhalten die Familien mindestens alle vier Wochen einen Telemedizin-Termin mit einem Kinderdiabetologen der Unikliniken Lübeck und Kiel oder am Städtischen Krankenhaus Kiel.

Datentransfer zum Arzt

Einen Tag vor dem vereinbarten Video-Chat übermitteln die Eltern Dateien mit den aktuellen Messwerten, Insulingaben und anderen wichtigen Informationen an den Arzt. Der sieht sich die Auswertung der Daten an und macht, wenn nötig, Vorschläge für eine Änderung der Diabetestherapie. Beim Chat spricht er mit den Eltern da­rüber — und auch über Fragen, die ihnen sonst noch am Herzen liegen.

Wie nützlich ist Telemedizin?

Zwei große Vorteile bietet ViDiKi Eltern und Kindern: "Sie lernen, den Diabetes mithilfe des Zuckersensors möglichst selbstständig zu managen", sagt Simone von Sengbusch, Initiatorin und Leiterin der Studie. "Zudem ersparen sie sich lange Fahrten in die Klinik, für die sich viele extra freinehmen müssen. Und das oft nur, um Zuckerkurven mit dem Arzt anzuschauen, über die man sich genauso gut online austauschen kann."

Anhand der Studie will Diabetologin von Sengbusch herausfinden, wie die telemedizinische Betreuung bei den Familien ankommt, was sie kostet, ob sich der Stoffwechsel der Kinder und die Lebensqualität der Familien dadurch verbessern lassen. Die Schuberts bestätigen Letzteres sofort: "Nach einem knappen Jahr ViDiKi ist Johannes' HbA1c von über acht auf 6,9 gesunken", berichtet die Mutter. Noch etwas begeistert die Eltern: "Wenn Johannes krank ist oder sein Zucker stark schwankt, dürfen wir uns auch zwischendurch an Dr. von Sengbusch wenden. Und sogar abends mit ihr chatten, wenn Johannes schläft", sagt Sebastian S. Abend- und Wochenendtermine können die Studienärzte freiwillig anbieten, für Familie S. ein Segen.

Wichtig: Technik-Kenntnisse

Bis zu 40 Minuten Zeit nehmen sich die Ärzte je nach Problemlage. "Neben Infekten und Zuckerschwankungen sind es bei den Kleinen häufig ­­Wachstumsschübe, die den Eltern das Diabetes-Management erschweren", erzählt von Sengbusch. "Oder es geht darum, wie man Jugendliche motiviert, die keine Lust zum Spritzen haben."

Damit sich die Therapie immer wieder nach Bedarf anpassen lässt, müssen Eltern allerdings bereit sein, sich intensiv mit der Technik zu beschäftigen. Dazu wurden sie zu Beginn der Studie geschult. "Wir laden die Daten aus dem Speicher der Insulinpumpe auf den Server der Herstellerfirma hoch", erklärt Sebastian S. "Dort kann die Ärztin sich alles ansehen." Für den Datenschutz werden Passwörter, verschlüsselte PDF-, Mail- und SMS-Programme und ein spezielles Arzt-Patienten-Videoportal verwen-

det, das keine Daten speichert.

2019 soll ViDiKi ausgewertet sein. Simone von Sengbusch hofft auf durchweg positive Ergebnisse. "Dann könnte die telemedizinische Betreuung von Kindern mit Diabetes künftig zur Regelversorgung und damit von den Krankenkassen bezahlt werden", wünscht sie sich. "Und das nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern auch in anderen Regionen, in denen Kinderdiabetologen Mangelware sind und Eltern lange Anfahrten in Kauf nehmen müssen."

Familie S. wäre damit sehr einverstanden. Persönliche Besuche beim Arzt würde es trotzdem weiterhin geben. Denn natürlich lassen sich nicht alle Termine durch Online-Chats ersetzen.