Schwanger mit Typ-2-Diabetes

Was Schwangere mit Typ-2-Diabetes tun können, damit ihr Kind ­gesund zur Welt kommt: Darum geht im Interview mit der Frauenärztin und Diabetologin Prof. Dr. Ute Schäfer-Graf

von Tina Haase, 11.10.2018

Frau Professor Schäfer-Graf, wie viele Schwangere leiden unter Typ-2-Diabetes?

Dazu gibt es keine Erhebungen. Wir wissen nur, dass knapp ein Prozent der Frauen bereits vor der Schwangerschaft Diabetes hat. Schätzungs­weise jede fünfte davon hat Typ-2-Diabetes. Die meisten haben Typ 1, der ja meist in jungen Jahren auftritt.

Ist denn für Frauen mit Typ-2-Diabetes eine normale Schwangerschaft möglich?

Ja. Allerdings sollten sie die Schwangerschaft besonders gut vorbereiten. Sehr wichtig ist zum Beispiel eine gute Blutzucker­einstellung. So lassen sich Folge­probleme verhindern, etwa dass das Ungeborene zu groß und zu schwer wird und es Komplikationen bei der Geburt gibt.

Wie bereiten sich die Frauen am besten auf eine Schwangerschaft vor?

Sie sollten sich beim Frauenarzt und beim Diabetologen untersuchen lassen, um Probleme abzuklären. Etwa: Besteht Bluthochdruck? Übergewichtigen Frauen raten wir, vor der Schwangerschaft abzunehmen. Auch ein Termin beim Augenarzt ist sinnvoll. Er kontrolliert die Augen auf Netzhautschäden, die in der Schwangerschaft zunehmen können. Wichtig schon beim Kinderwunsch ist auch die Einnahme von Folsäure und Jod, damit sich das Ungeborene von Anfang an optimal entwickeln kann.

Wann ist der perfekte Zeitpunkt, schwanger zu werden?

Wenn der Diabetes gut eingestellt ist. Das heißt, wenn der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c mindestens drei Monate unter 7, besser noch unter 6,5 Prozent lag. Frauen mit Diabetes, die ungeplant schwanger geworden sind, sollten sich schnell beim Frauenarzt und beim Diabetologen vorstellen.

Wie wird der Diabetes vor und während der neun Monate behandelt?

Blutzuckersenkende Tabletten sind in der Schwangerschaft nicht erlaubt, da sie das ungeborene Kind gefährden könnten. Wenn die Zuckerwerte trotz Lebensstiländerung zu hoch sind, werden sie mit Insulin behandelt. Um Unter- bzw. Überzucker festzustellen, müssen die Schwangeren somit auch mindestens viermal am Tag ihren Blutzucker messen. Wie sie spritzen und ihre Werte unter Kontrolle halten, lernen sie am besten in einer speziellen Schulung.

Worauf kommt es in der ­Schwangerschaft an?

Die werdende Mutter sollte während der gesamten Schwangerschaft so gute Werte haben wie jemand ohne Diabetes. Mindestens alle zwei Wochen hat die Schwangere einen Termin beim Diabetologen, um, wenn nötig, neu eingestellt zu werden. Dazu kommen Untersuchungen beim Gynäkologen. Dort wird per Ultraschall das Wachstum des Babys kontrolliert. Zwischen der 19. und 22. Woche steht der große Ultraschall an: Der Arzt schaut sich die Organe und die Blutversorgung an.

Welche Gefahren bestehen für das Baby?

Sind die Blutzuckerwerte der Mutter in der Schwangerschaft dauerhaft erhöht, kann das Wachstum des Babys gestört sein. Zudem steigt dann das Risiko für Fehl- und Frühgeburten. Auch Fehlbildungen können auftreten, zum Beispiel an Herz, Nieren, Lunge und Nerven­system.

Gibt es auch Risiken für die betroffenen Frauen?

Wenn der Diabetes schon zu Folgeschäden, etwa an Nieren, Nerven und Augen, geführt hat, können sie sich während der Schwangerschaft verschlechtern. Alle drei Monate sollte der Augenarzt die Netzhaut kontrollieren. Werdende Mütter mit Diabetes haben auch ein erhöhtes Risiko für Blut­hochdruck, der zu Komplikationen führen kann. Er wird bei den Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig kontrolliert.

Was kann die Schwangere noch für sich und ihr Baby tun?

Sie sollte viel Gemüse sowie Vollkornprodukte essen — und wenig Zucker. Auch Bewegung senkt die Blutzuckerwerte. Zu empfehlen sind zügiges Laufen, Radfahren oder Schwimmen.

Worauf sollten die werdenden ­Mütter bei der Wahl der Geburts­klinik achten?

Frauen mit Diabetes sollten in einem Perinatalzentrum mit Level 1 oder 2 entbinden. Sowohl die Mutter als auch das Baby werden dort bei mög­lichen Komplikationen gut versorgt. Die Schwangere stellt sich am besten frühzeitig mit Mutterpass und Blutzuckertagebuch dort vor. Gemeinsam mit Ärzten und Hebammen kann so sorgfältig die Geburt geplant werden.

Wie geht es nach der Geburt weiter?

Stillen ist wichtig. Es reduziert das Risiko für Übergewicht beim Kind. Während der Stillzeit sollte die Schwangere weiterhin Insulin spritzen, wenn ihr Diabetes be­handelt werden muss. Danach kann sie, wenn nötig, wieder auf Tabletten umsteigen.

Sonderfall Schwangerschaftsdiabetes

Wenn der Diabetes erstmals in der Schwangerschaft auftaucht, steckt häufig ein sogenannter Gestationsdiabetes dahinter. 17 Prozent der wer­denden Mütter sind betroffen. Der Bedarf an Insulin nimmt im Laufe der Schwangerschaft bei allen Frauen zu. Bei manchen schafft es die Bauch­­speicheldrüse aber nicht, genügend Insulin zu produzieren. Die Folge: erhöhte Blutzuckerwerte.

Durch eine Ernährungsumstellung und ausreichend Bewegung lassen sie sich oft senken. Manche Schwangere müssen aber auch Insulin spritzen.

Die gute Nachricht: Meist verschwindet dieser Diabetes nach der Geburt.

Die schlechte: Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes haben ein erhöhtes Risiko, später Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Das Risiko zu erkranken lässt sich senken, indem die Mütter die gesunden Gewohnheiten aus der Schwangerschaft fortsetzen und nicht mehr auf die Waage bringen als vorher.