Insulin für Fett und Eiweiß?

Bei Typ-1-Diabetes manchmal lohnenswert: Die Insulindosis auch an den Fett- und Eiweißgehalt einer Mahlzeit anzupassen. So geht's

von Daniela Pichleritsch, 13.02.2019

Sascha Schworm liebt große, saftige Steaks. Ärgerlich nur, dass sein Blutzucker einige Stunden nach dem Fleischgenuss immer durch die Decke ging. Der 43-jährige Typ-1-Diabetiker konnte sich das lange nicht erklären: "Ich hatte ja gelernt, dass Fleisch keine Kohlenhydrate enthält und daher den Blutzucker nicht beeinflusst."

In Wirklichkeit ist es komplizierter, wie Schworm in einer Schulung erfuhr: Auch Mahlzeiten, die vorwiegend aus Fett und Eiweiß bestehen, etwa Fleisch, Fisch oder Omelett, können den Blutzucker erhöhen. "Unter anderem deshalb, weil der Körper einen Teil davon in Zucker umwandelt. Weil das ein paar Stunden dauert, steigt der Blutzucker verzögert", erklärt Diabetesberaterin Gisela Hogenaar aus Freudenstadt.

"Das Problem trifft vor allem Typ-1-Dia­betiker, die ihren Blutzucker komplett mit Insulin steuern", sagt Dia­betologe Dr. Bernhard Gehr von der Fachklinik Bad Heilbrunn. Typ-2-Diabetiker produzieren meist noch genug Insulin, um den verspäteten und langsamen Zuckeranstieg durch Fett und Eiweiß abzufangen.

Das Zuckerhoch bei Typ-1-Diabetikern lässt sich verhindern, indem man die Insulindosis nicht nur an den Kohlenhydrat-, sondern auch an den Fett- und Eiweißgehalt anpasst. Dafür gibt es die Fett-Protein-Einheit (FPE). Faustregel: Eine FPE entspricht 100 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß. Bei Mahlzeiten ohne Kohlenhydrate lassen sich die FPE einfach berechnen — man teilt den Gesamtkaloriengehalt durch 100. Mehr Rechenarbeit ist nötig, wenn das Essen auch Kohlenhydrate enthält. Rechenbeispiele siehe unten.

Insulin vorsichtig dosieren

Wie viel Insulin man für eine FPE braucht, ist individuell verschieden. Um einer Unterzuckerung vorzubeugen, empfiehlt Hogenaar für eine FPE anfangs nur halb so viel Insulin zu veranschlagen wie für eine Broteinheit (BE) oder Kohlenhydrateinheit (KE) und sich vorsichtig an die optimale Dosis heranzutasten. Sascha Schworm etwa braucht für eine FPE genauso viel Insulin wie für eine Broteinheit (BE). Das Insulin für die BE ruft er sofort an seiner Pumpe ab. Für die FPE programmiert er einen verzögerten Bolus — eine Insulindosis, welche die Pumpe über einen längeren Zeitraum abgibt. Die Dauer hängt von der FPE-Menge ab. Denn je mehr FPE das Essen enthält, umso länger wirken sich diese auf den Blutzucker aus. "Oft sind es drei bis sechs Stunden", sagt Hogenaar.

Wer Insulin mit dem Pen spritzt, kann probieren, ob sich der verzögerte Blutzuckeranstieg abfangen lässt, indem man zwei, drei Stunden nach dem Essen eine kleine Dosis schnell wirkendes Insulin nachspritzt. Weitere Möglichkeit für Pen-Nutzer: die Dosis für die FPE mit Verzögerungsinsulin abdecken.

FPE nur für besondere Mahlzeiten?

Viele Typ-1-Diabetiker kommen im Alltag ohne FPE zurecht. "Bei einer ausgewogenen Ernährung deckt die Insulindosis für die Kohlenhydrate den Fett- und Eiweißgehalt der Mahlzeiten mit ab", sagt Gehr. Wer aber beobachtet, dass seine Zuckerwerte nach fett- und eiweißlastigen Mahlzeiten steigen, dem rät der Diabetologe zu einem "FPE-Versuch". So können Pumpenträger etwa die Basalrate versuchsweise für einige Stunden erhöhen. Je nach geschätzter FPE-Menge um 20 bis 80 Prozent für drei bis sechs Stunden. Aufwendiger ist es, die FPE genau zu berechnen und dafür einen verzögerten Bolus abzugeben — zunächst mit der Hälfte der Insulindosis, die man für die gleiche BE-/KE-Menge veranschlagen würde.

Diabetologe Gehr empfiehlt die FPE auch Typ-1-Diabetikern, die sehr viel Eiweiß zu sich nehmen. Etwa bei einer Diät mit eiweißreichen Shakes. Auch hier gilt: Erst einmal nur Insulin für die Kohlenhydrate berechnen, beobachten, wie der Blutzucker reagiert, und dann vorsichtig nachjustieren.

Kinder mit Typ-1-Diabetes können im Einzelfall ebenfalls von der FPE profitieren. "Bei manchen wirken sich schon kleine Snacks aus Fett und Eiweiß auf den Blutzucker aus, zum Beispiel Käsekugeln oder Würstchen", sagt Diabetesberaterin Martina Würsig vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Sie bringt den Familien daher auch das Rechnen mit FPE bei.

Ob Erwachsene oder Kinder: Wichtig ist auszuprobieren, welche Insulin-Strategie am besten funktioniert, den Blutzucker gut im Auge zu behalten und die FPE-Versuche zu dokumentieren. Und: Bitte vorher mit dem Dia­­betologen sprechen.

Steak-Fan Sascha Schworm jedenfalls ist froh, dass er die FPE für sich entdeckt hat: "Seither kann ich mein Steak genießen, ohne dass der Blut­­zucker danach verrücktspielt."

So berechnen Sie die FPE

Lebensmittel ohne Kohlenhydrate, etwa Fleisch oder Käse: Hier lässt sich der FPE-Gehalt einfach berechnen — man teilt den Kaloriengehalt durch 100. Denn eine FPE entspricht 100 Kilokalorien (kcal) aus Fett und Eiweiß.

Lebensmittel, die auch Kohlenhyd­rate enthalten — hier hat sich folgender Rechenweg bewährt:

- Fettgehalt in Gramm (g) durch 11 ergibt die FPE aus Fett. Denn 11 g Fett entsprechen einer FPE.

- Eiweißgehalt in g durch 25 ergibt die FPE aus Eiweiß. Denn 25 g Eiweiß entsprechen einer FPE.

- Die beiden Ergebnisse zusammen ergeben die Gesamt-FPE.

BE/KE wie gewohnt berechnen!

Tipps für FPE-Einsteiger:

- Nährwerttabellen mit Kalorien-, Fett-, Eiweiß- und Kohlenhydratgehalt verschiedener Lebensmittel gibt es als Buch, Smartphone-App und im Internet.

- Den FPE-Gehalt der Lieblingsgerichte notieren. Dazu Lebensmittel anfangs abwiegen und Portionsgrößen einprägen. So lässt sich der FPE-Gehalt besser einschätzen, etwa im Restaurant.