Insulinspritzen: Tipps für Einsteiger

Wie gelingt der ­Einstieg in die ­Insulintherapie für Menschen mit Typ-2-Diabetes? Tipps von ­einem Experten und sechs ­Betroffenen

von Tina Haase, 15.02.2019

Vor kaum einer anderen Aussage des Arztes haben Menschen mit Typ-2-Diabetes mehr Respekt: "Sie sollten Insulin spritzen!" Die meisten Betroffenen sind anfangs zurückhaltend gegenüber dieser Behandlungsform. Viele zögern die Therapie lange hinaus. Der Grund: "Sie fühlen sich nicht krank, solange sie nur Diät halten und Tabletten nehmen müssen. Aber wenn sie dann spritzen, ändert sich das Gefühl", sagt Psychotherapeut Professor Dr. Bernhard Kulzer vom Dia­betes Zentrum Mergentheim. "Es ist einfacher, eine Pille zu schlucken. Aber manche Patienten kommen um Insulin nicht herum."

Die erste Wahl der Therapie bei Typ-2-Diabetes: gesund essen, sich viel bewegen. Reicht das nicht, helfen oft Medikamente zum Einnehmen. Führt das nicht zu den gewünschten Blutzuckerwerten, kommt Insulin ins Spiel. Denn die Bauchspeicheldrüse stellt nicht mehr genug davon her. "Im Durchschnitt erhalten Typ-2-Diabetiker in Deutschland nach acht Jahren eine Insulintherapie", sagt Kulzer.

Zuckerwerte bessern sich rasch

Die Insulintherapie hat durchaus Vorteile: Die Blutzuckerwerte bessern sich in der Regel schnell. Dadurch fühlen sich Menschen mit Typ-2-Diabetes wieder vitaler. Und es sinkt auch das Risiko für Folgekrankheiten — zum Beispiel an Augen, Nieren und Füßen.

Wichtig für die Betroffenen ist, eine Diabetesschulung zu besuchen, um fit für die Therapie zu werden und Ängste abzubauen. Spezialisierte Arztpraxen und Kliniken bieten sie an. Allerdings hat Deutschland da etwas Nachholbedarf. "Nicht alle Schulungen sind auf dem aktuellen Stand", weiß Kulzer. Und obwohl empfohlen wird, dass Diabetiker eine Schulung besuchen sollten, nehmen nicht alle daran teil. Das ergab die Guidance-Studie, die die Versorgung von Typ-2-Diabetikern in acht europäischen Ländern untersuchte.

Während sich nur 88 Prozent der insulinpflichtigen Studienteilnehmer aus Deutschland schulen ließen, nahmen 94 Prozent der betroffenen Niederländer teil. Vielleicht ein Grund dafür, warum Letztere auch etwas zufriedener mit der Insulintherapie sind als die Deutschen — und Platz eins im Ländervergleich besetzen. Die Deutschen landen auf Platz zwei, dicht gefolgt von den Schweden und den Iren.

Bedenken offen ansprechen

Aber was sollen insulinpflichtige Dia­betiker in der Schulung erfahren? Standard ist, dass sie den Umgang mit dem Insulinpen üben und lernen, wie und an welchen Körperstellen sie am besten spritzen. "Die Angst davor verlieren die meisten von ganz alleine, wenn sie ein paarmal selbst den Pen benutzt haben", weiß Kulzer. Er rät den Teilnehmern, ihre Bedenken offen anzusprechen. Mancher hat Angst davor, zuzunehmen, wenn er Insulin spritzt. "Ein paar Kilo können das tatsächlich sein. Aber wer sein Essen umstellt und sich mehr bewegt, kann dem entgegenwirken", sagt der Experte.

Schulungsthema ist auch der Umgang mit Unterzuckerungen. Und: Wie kann ich ein normales Leben mit Insulintherapie führen? Ab und zu ein Stück Kuchen essen oder ein Bier trinken? Das ist alles möglich. Nach ein paar Monaten sagen die meisten: "Das habe ich mir schlimmer vorgestellt."

 

Passgenaue Spritz-Schemata

Eine Insulintherapie ist immer individuell. Manche brauchen einmal am Tag Langzeitinsulin. Andere spritzen Insulin zu den Hauptmahlzeiten. Wieder andere benötigen eine intensivierte Insulintherapie. Das bedeutet: zu jeder Mahlzeit ein kurz wirkendes Insulin und zusätzlich täglich ein Langzeitinsulin. Welches Insulin Sie wie oft brauchen, wird Ihr Arzt mit Ihnen genau besprechen. So finden Sie die Behandlungsform, die am besten zu Ihnen und Ihrem Leben passt.