Diabetes-Therapie: So werden Sie falsche Angewohnheiten wieder los

Beim Essen versch├Ątzt, den optimalen Spritzzeitpunkt verpasst oder zu oft in die Lieblingsstelle gespritzt: Hier lesen Sie, wie Sie solche Fehler in Zukunft vermeiden

von Daniela Pichleritsch, 06.03.2019

Zu oft in die Lieblingsstelle gespritzt

Das Problem: Insulin wird immer wieder in dieselbe Stelle gespritzt. Oder die Pen-Nadel oder die Kanüle der Insulinpumpe zu selten gewechselt.
Die Folge: Es bilden sich Verhärtungen und Verdickungen, welche die Insulinaufnahme beeinträchtigen. Oft steigt der Insulinbedarf deutlich. Der Blut­zucker kann stark schwanken.
Die Lösung: Wechseln Sie die Einstichstellen regelmäßig. Nutzen Sie den ganzen Spritzbereich. Für schnell wirkende Insuline etwa den ganzen Bauch und die Flanken. Verwenden Sie möglichst für jede Injektion eine frische Nadel.

Den optimalen Spritzzeitpunkt verpasst

Das Problem: Sie spritzen Ihr schnell wirkendes Insulin zur falschen Zeit. Zum Beispiel erst nach einer Mahlzeit oder zu lange davor.
Die Folge: Spritzen Sie nach dem Essen, gelangt das Insulin nicht rechtzeitig ins Blut. Der Blutzucker steigt zu stark an. Warten Sie nach der Injektion zu lange mit dem Essen, unterzuckern Sie.
Die Lösung: Ermitteln Sie Ihren optimalen Spritzzeitpunkt in Absprache mit Ihrem Arzt oder Ihrer Diabetesberaterin. Oft empfiehlt sich ein Spritz-Ess-Abstand (SEA) von mindestens fünf Minuten. Weil Insulin morgens langsamer wirkt, brauchen manche Menschen vor dem Frühstück einen längeren Spritz-Ess-Abstand. Allgemein gilt: Je höher der aktuelle Blutzucker, umso länger sollte der SEA sein. Er hängt auch von der Insulinart und der Zusammensetzung der Mahlzeit ab.

Überreagiert bei zu hohen oder zu tiefen Werten

Das Problem: Sie korrigieren einen hohen Zuckerwert zum Beispiel unmittelbar nach einer Mahlzeit, also zu früh. Oder Sie nehmen im Unterzucker zu viele Kohlenhydrate zu sich, trinken etwa eine ganze Flasche Obstsaft.
Die Folge: Durch die Überkorrektur mit Insulin unterzuckern Sie. Bekämpfen Sie ein Zuckertief mit zu vielen BE/KE, entgleist der Blutzucker nach oben.
Die Lösung: Meist reicht es, erhöhte Werte vor den Hauptmahlzeiten und vor dem Schlafengehen zu korrigieren. Bei einer leichten Unterzuckerung genügen oft ein bis zwei schnell ins Blut gehende BE/KE, um den Blutzucker wieder in den sicheren Bereich zu heben, z.  B. ein halbes bis ein Glas Obstsaft. Kontrollieren Sie den Wert nach zehn bis 15 Minuten und nehmen, wenn nötig, weitere ein bis zwei BE/KE ein, die schnell ins Blut gehen. Unter­­zuckern Sie beim Sport, können zusätzlich langsam ins Blut gehende BE/KE nötig sein, etwa ein Käsebrot. So beugen Sie einem erneuten Zuckertief vor.

Beim Essen verschätzt

Das Problem: Sie passen Ihre Insulin­dosis an die Kohlen­hydrate im Essen an. Dabei schätzen Sie den BE-/KE-Gehalt als zu hoch oder zu niedrig ein.
Die Folge: Weil die Insulindosis nicht stimmt, gerät der Blutzucker aus dem Lot.
Die Lösung: Augenmaß trainieren. Be­sorgen Sie sich eine Tabelle, in der steht, wie viel Gramm eines Lebensmittels und welche Küchenmaße einer BE/KE entsprechen. Am besten mit Fotos der Portionsgrößen. Wiegen Sie eine Zeit lang kohlen­hydrathaltige Lebensmittel mit der Küchenwaage ab, und prägen Sie sich die Portionsgrößen ein.

Insulin und Teststreifen Hitze oder Kälte ausgesetzt

Das Problem: Sie setzen Ihre Diabetes-Utensilien extremer Witterung aus. Transportieren sie etwa bei Eiseskälte im Rucksack oder lassen sie bei Minusgraden oder Hitze im Auto liegen.
Die Folge: Insulin und Teststreifen können Schaden nehmen. Wirkt Insulin nicht richtig, entgleist der Blutzucker nach oben.
Liefern die Streifen falsche Werte, spritzen Sie möglicherweise die falsche Menge Insulin. Korrigiert man etwa einen falsch hohen Wert mit Insulin, droht Unterzucker.
Die Lösung: Verstauen Sie Insulin, Messgerät und Streifen an frostigen Tagen am besten nah am Körper, etwa in der Jacken-Innentasche. Insulinpumpenträger: bitte Schlauch nicht heraushängen lassen. Handliche Kühl- und Isolier­taschen aus der Apotheke schützen vor Hitze und Kälte. Wenn Sie Ihre Diabetes-Utensilien als zusätzlichen Kälteschutz in einen Pulli einwickeln, können Sie sie auch bei Minusgraden im Rucksack verstauen.
Teststreifen vertragen zudem keine Feuchtigkeit. Daher die Dose nach ­­Entnahme eines Streifens sofort wieder verschließen.

Wirkung von Sport nicht richtig eingeschätzt

Das Problem: Sie passen Ihre Therapie nicht optimal an körperliche Aktivität an und senken etwa die Insulindosis zu wenig oder zu stark.
Die Folge: Senken Sie die Insulindosis nicht genug, unterzuckern Sie beim oder nach dem Sport. Bei einer zu starken Senkung entgleist der Zucker nach oben.
Die Lösung: Besprechen Sie mit Arzt oder Diabetesberaterin, wie Sie Ihre Therapie an den Sport anpassen. Auch Typ-2-Dia­betiker, die mit Tabletten behandelt werden, müssen eventuell die Dosis verringern. Um die beste Strategie herauszufinden, gilt: vor, während und nach Bewegung messen. Alles dokumentieren. Um Unterzucker vorzubeugen, empfiehlt es sich oft, mit einem leicht erhöhten Wert zu starten. Faustregel: 150 bis 180 mg/dl (8,3 bis 10 mmol/l).

Nächtliche Unterzuckerungen verschlafen

Das Problem: Sie unterzuckern nachts, ohne etwas davon mitzubekommen.
Die Folge: Als Reaktion auf den zu tiefen Zuckerspiegel gibt die Leber mehr Zucker aus ihren Speichern ins Blut ab. Schießt sie dabei übers Ziel hinaus, ist der Blutzucker morgens zu hoch.
Die Lösung: Kontrollieren Sie Ihre Werte einige Male nachts, z. B. zwischen zwei und vier Uhr. Wenn Sie ein System zur kontinuierlichen Zuckermessung (CGM oder FGM) tragen, kommen Sie nächtlichen Zuckereskapaden leichter auf die Spur. Nicht selten stecken hinter dem Morgenhoch auch andere Ursachen. Etwa Hormone, die den Blutzucker in den frühen Morgenstunden in die Höhe treiben. Fragen Sie den Arzt, wie Sie Ihre Therapie am besten anpassen, um wieder mit guten Werten aufzuwachen.

Alkoholgenuss, ohne die Therapie anzupassen

Das Problem: Sie haben ein Bier getrunken und für die enthaltenen Kohlenhydrate Insulin gespritzt.
Die Folge: Sie rutschen in den Unterzucker. Solange die Leber den Alkohol abbaut, kann sie keinen Zucker ins Blut abgeben. Daher kann es noch viele Stunden nach Alkoholgenuss zu einer Unterzuckerung kommen: mitten in der Nacht und noch am nächsten Vormittag.
Die Lösung: Finden Sie durch häufiges Messen heraus, wie sich etwa ein, zwei Gläser Wein oder Bier auf Ihren Blutzucker auswirken. Fragen Sie beim Arzt, wie Sie Unterzucker nach Alkoholgenuss vorbeugen. Diese Tipps können helfen: Essen Sie zu Alkohol einen Snack mit langsam ins Blut gehenden Kohlenhyd­raten, etwa ein Käsebrot. Decken Sie die Kohlenhydrate in Alkohol nicht mit Insulin ab. Ausnahme: für zuckerreiche Cocktails oder Ähnliches eventuell etwas Insulin berechnen. Mit leicht erhöhtem Wert schlafen gehen. Eventuell Basal­insulindosis reduzieren, Wecker stellen und nachts noch einmal messen.